Pflastersteine

Wir kannten uns schon ewig – unsere ganze Kindheit lang. Seite an Seite fuhren wir die Straßen Berlins entlang in unseren Kinderwagen, mal lachend, mal weinend, unsere Mütter stets auf Trab haltend. Wir spielten zusammen in unzähligen Sandkästen, bauten Burg um Burg, klauten uns gegenseitig das Spielzeug, versteckten es, trieben die Kindergärtner in den Wahnsinn und später auch die Lehrer, wenn wir in einem Anflug von Streit uns gegenseitig in die Hefte kritzelten und alles durchstrichen, sodass man nichts mehr lesen konnte. Oft tauschten wir dabei auch so manche Prügel aus, war doch das Neuschreiben unzähliger Seiten voller Lernstoff wegen einiger blöder Striche quer über die Doppelseite kein Zuckerschlecken. Im Sommer verbrachten wir die Ferien abwechselnd bei mir oder bei dir, fuhren gemeinsam auf Ferienlager oder unsere Eltern gingen gemeinsam auf Urlaub, sodass wir nie eine Woche ohne einander waren.

Einmal hast du mir im Sommer meine Brille versteckt und ich musste ganze drei Tage beinahe blind durch die Gegend stolpern, ehe du ein Erbarmen hattest – keine Drohung oder Strafe der Erziehungsberechtigten konnte dich zuvor zur Herausgabe bringen.

Wir waren immer unzertrennlich gewesen, die besten Freunde, die es je gab. So auch diesen Abend, als wir gemeinsam auf diesen Vortrag über das Liebesleben der Pflastersteine am philosophischen Institut gehen wollten. Dieses Mal war ich mit Fahren dran, da deine Wohnung auf dem Weg von mir zum Institut lag. Ich sollte dich um 6 Uhr abholen, durch den Berufsverkehr würden wir sicher eine Stunde brauchen und um 7 würde der Vortag beginnen.

War ich zu früh? Oder hatte dich an der Uni etwas aufgehalten? Hatte dein Professor wieder die offiziellen Kurszeiten überzogen? Ich weiß es nicht.
Als ich ankam und bei dir klingelte, hast du mir nicht aufgemacht. Ich habe es mehrmals probiert, schließlich resigniert aufgegeben. Wie selbstverständlich habe ich nach dem Zweitschlüssel in meinen Taschen gesucht, den du mir gabst, als du eingezogen bist. Ich schloss die Tür auf, trat ein und rief nach dir, aber du hast nicht geantwortet. Konntest mich nicht hören. Ich hängte meine Jacke an den Kleiderhaken in deiner Diele und ging weiter in deine Wohnung.
Als du aus der Dusche tratst, schutzlos, nackt, nur gehüllt in ein schimmerndes Kleid aus Wassertropfen, das deine Rundungen einrahmte – da wusste ich, dass ich mehr will.

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5 Kommentare zu “Pflastersteine

  1. Pingback: Pflastersteine II | Tintenfleck

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