Irrealis

Da saß er, gehüllt in ein zerknittertes Hemd, im Licht einer kleinen Lampe über den Schreibtisch gebeugt. Heerscharen von Schattenmonstern tollten über die Wand, während er verbissen schrieb.
Genau so, wie sie ihn zurückgelassen hatte.
Mal hielt er inne, kratzte sich am Kinn, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Rieb sich die Nase und schmierte sich dabei blaue Tinte ins Gesicht. Sie sah, wie er den Kopf schüttelte, und sofort wieder durchstrich, was er geschrieben hatte. Wie er das Blatt herausriss, zerknüllte und achtlos hinter sich warf. Sie hörte ihn fluchen, schimpfen. Ihren Namen rufen.
Sie unterdrückte ein Seufzen, trat näher. „Kann ich dir helfen?“
Wie vom Blitz getroffen wirbelte er herum und sprang auf. „Du!“, rief er, die Hände zu Fäusten geballt.
„Ich?“ Seelenruhig wartete sie ab, rührte sich nicht, Neugier in ihrem Blick, keine Spur von Angst.
„Wo warst du?“ Seine Stimme zitterte, überschlug sich beinahe. „Vor Tagen schon habe ich dich gerufen! Vor Tagen!!!! Und deine Antwort? Nichts. Kein Sterbenswörtchen! Hast getan, als gäbe es mich nicht!“
„Jetzt bin ich ja da.“
Er lachte. Künstlich, ohne Freude, triefend vor Gram. „Ja, jetzt.“ Seine Augen verengten sich zu schlitzen. „Gib’s zu, du warst bei einem anderen!“
Sie schüttelte den Kopf. „Selbst wenn es so wäre, was täte es zur Sache? Nun gehöre ich nur noch dir.“
„Ich will dich nicht mehr!“, schrie er, „Geh zurück zu dem Anderen! Lass mich in Frieden!“
„Nein.“, sagte sie einfach.
„Doch! Ich weigere mich! Keine Zeile werde ich schreiben! Ich streike! Hörst du? ICH STREIKE!“
Sie lächelte, ging auf ihn zu und versiegelte seinen Mund mit ihren Lippen. Wie vom Donner gerührt stand er da, bis sie sich endlich wieder von ihm löste. Er spürte ihren Atem in seinem Ohr, als sie flüsterte: „Und doch hast du gerade diese Szene niedergeschrieben.“
Verdammt.

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7 Kommentare zu “Irrealis

  1. Ich hatte es schon geschrieben, aber auch hier nochmal: der Text ist wirklich Klasse. :)
    Ach ja und wenn er sie nicht will, ich nehm sie bei mir auf! ;D

  2. Pingback: Warum Autoren Rudeltiere sind | Loud Words

  3. Pingback: Das Leser-Interview – Eure Fragen, meine Antworten | Tintenfleck

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