Camp Mitternacht

Als sie sich umdrehte, griff ihre Hand ins Leere. Verwundert öffnete sie die Augen und blickte auf die verwaisten Bettlaken, die im Halbdunkeln lagen. Da war nichts. Er war weg. Einfach so.

Seufzend setzte sie sich auf und rieb sich den restlichen Schlaf aus den Augen. Ein Blick auf den Wecker zeigte ihr, dass es noch nicht einmal Mitternacht war. Ihr nächster Blick fiel auf die offene Tür.

Wo mochte er hin sein? Misstrauisch runzelte sie die Stirn. Sollte sie ihn suchen? Nach einigen Sekunden des inneren Widerstreits schwang sie ihre Beine aus dem Bett und hüllte sich fröstelnd in sein großes weißes Hemd. Langsam und vorsichtig, um nicht im Dunkeln über etwas zu stolpern, verließ sie das Zimmer – und sah schon von weitem am Ende des Korridors einen schwachen Lichtschimmer. Die Tür des Arbeitszimmers stand offen. Wie erwartet fand sie ihn hier – seelenruhig saß er da, im sterilen weißen Licht des Computermonitors.

„Was machst du da?“

„Ich konnte nicht schlafen.“

„Warum nicht?“

Er zuckte mit den Achseln.

Sie trat näher. Mit zusammengekniffenen Augen starrte sie ihm über die Schulter. Er war im Internet, auf einer seltsam bunten Website, die aussah, als hätte ein vierjähriger sie im Kindergarten gemalt… „Camp … Nanowrimo?“

Er nickte. „Ja.“

„Was soll das sein?“

„Ein globales Event, bei dem tausende Schriftsteller weltweit mitmachen. Das Ziel ist es, gemeinsam in einem Monat einen Roman zu schreiben! In wenigen Stunden wird es losgehen!“

Sie starrte ihn verständnislos an. „Aber es ist mitten in der Nacht!“ Hatte er den Verstand verloren?

„Aber gleich ist der Kick-off und alle anderen werden weltweit auch zu schreiben beginnen!“

„Aha…“ Sie strich ihm übers Haar. „Und dann schreibt ihr einen ganzen Monat lang gemeinsam?“

Erneut nickte er. „Genau. Ein Roman in einem Monat!“

Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Du spinnst doch…. außerdem bezweifle ich, dass du einen Monat durch hältst. Das heute waren ja nicht mal zwei Minuten…“ Und sie ging wieder ins Bett.

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Sie war noch niemals…

Der Gong zerriss ihr Gespräch. Der Nächste nahm gegenüber Platz. Marie musterte ihn kurz – dieser hier hatte noch alle Haare, auf der Nase thronte eine große Hornbrille, darunter ein mächtiger Schnauzer.
„Hallo, ich bin Horst.“
„Marie.“ Sie lächelte und ignorierte den Blick auf ihr Dekolleté.
„Horst, warst du schon einmal in New York?“
„Ja, vor zwei Jahren auf einer….“
„Und in San Francisco?“
„Ja, wirklich eine…“
„Rauchst du?“
Er schüttelte stirnrunzelnd den Kopf.
„Hier ist meine Nummer.“ Sie war nicht wählerisch – aber keine Raucher, seit ihr Gatte Zigaretten holen ging…

Unheilschwanger

Langsam blieb das Auto vor dem Altbau mit der malerischen Fassade stehen. „Wir sind da, Ma’am.“
Jane nickte. „Danke“, fügte sie hinzu – auf dem Rücksitz hatte der Fahrer ihr Nicken wohl nicht bemerkt. Sie warf einen Blick durch die getönten Scheiben – und sah sie sofort. Eine gierige Meute grauer Raubtiere. Sie waren wie Wölfe. Menschenfresser, ohne Gnade, kannten kein Erbarmen. Nagten ihre Opfer ab bis auf die Knochen.
Was hatte sie sich dabei eingebildet, sie abschütteln zu können? Ein anderes Hotel bedeutete keine Sicherheit – irgendjemand redete immer, wenn der Preis stimmte.
Die Meute wurde unruhig. Rufe wurden laut. Sie hatten das schwarze Auto bemerkt.
„Wollen wir, Ma’am?“
Jane atmete tief durch, setzte ihre Sonnenbrille auf und hüllte sich in ihren Mantel. „Los.“
Der Fahrer stieg aus und öffnete Jane einen Moment später die Autotür.
Sie war noch nicht ganz aus dem Auto entstiegen, als sie sich auf sie stürzten. Weißes Licht blendete sie trotz Sonnenbrille, sie konnte kaum sehen, wohin sie ging.
Ihr Fahrer nahm sie beim Arm, versuchte, sich einen Weg zu bahnen.
„Miss Smith, werden Sie bei Indiana Jones 5 mitspielen?“
„Miss Smith, woher hatten Sie das rote Kleid bei der Oscar-Verleihung?“
Früher hatte sie noch „Kein Kommentar…“ gesagt, doch hatte das je geholfen? Schwankend erreichte sie die Treppe – beinahe bekam sie eine Kamera ins Gesicht, ein Mikrofon an den Kopf… der Portier kam ihnen zu Hilfe, schirmte Jane auch auf der anderen Seite ab…
„Miss Smith, sehen Sie sich dieses Nacktfoto an: Ist das ein Babybauch?“ Ein junger Kerl mit gegeltem Haar hielt ihr ein Mikro wie eine Pistole vor die Brust und streckte ihr ein Polaroid-Foto unter die Nase. Jane wollte ausweichen, aber der Portier war im Weg… sie konnte nicht anders, sah das Foto. Es stammte tatsächlich von letzter Woche. Aus ihrer Dusche. Sie blieb stehen.
„Miss Smith, sind Sie schwanger? Was sagen Sie dazu?“
Sie sah dem Jungspund ins Gesicht. Wie alt mochte er sein? Er wirkte wie ein Grünschnabel vom College. Rote Flecken tauchten auf seinen Backen auf, als sie ihn taxierte. So jung und schon so unverfroren…
Sie nahm ihre Sonnenbrille ab. Sah ihn lange schweigend an, mit ihren eiskalten blauen Augen. Etwas Bedrohliches lag in der Luft – auch die Raubtiere witterten es. Die Menge verstummte.
„Ma’am?“, kam es unsicher von ihrem Fahrer. Der Portier kratzte sich nervös im Nacken.
Das Gesicht des Reporters wurde immer roter.
„Was sagst du dazu, Scott, dass ich von dir schwanger bin?“
Der Schlag saß, sein Gesicht entgleiste. Panik machte sich darin breit.
Jane nutzte den Moment und ging weiter – während die Wölfe einen der Ihren zerfleischten.

Noch bei ihm

Mit einem erleichterten Seufzer schlug Laura die Tür des Taxis hinter sich zu und nannte ihre Adresse.
Der Fahrer nickte kurz zur Bestätigung, legte den Gang ein und fuhr los.
Ihr Blick fiel gedankenverloren aus dem Fenster, auf den frühmorgendlichen Verkehr, Kinder auf dem Weg zur Schule und ein geiferndes Rentnerpärchen, das über die Jugend von heute schimpfte.

 

Es war ein mehr als hastiger Abschied gewesen. Kein Wunder, sie hatten sich auch nicht viel zu sagen gehabt. Er hatte sie doch tatsächlich vergessen! Sie, die ihm letzte Nacht ihre ganze Leidenschaft geschenkt hatte…. und dann besaß er auch noch die Frechheit, ihr gemeinsame „Morgengymnastik“ vorzuschlagen!

Unbändige Wut flackerte in Laura auf, wenn sie nur erneut daran dachte. Es war nur ein schwacher Trost, dass ihn der kleine grüne Gummizwerg genau aufs Auge getroffen hatte. Ein kurzes Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht, verschwand aber sofort wieder. Sie hatte so schnell sie konnte ihre Kleider vom Boden geklaubt und war ohne sich anzuziehen aus dem Zimmer gestürmt, begleitet von seinem Geschrei, das erst verstummte, als sie die Wohnungstür hinter sich zuwarf.

Zitternd vor Aufregung und Kälte hatte sie im Hausflur gestanden und auf den Lift gewartet, inständig betend, niemandem zu begegnen. Quälend langsam war der Lift die Stockwerke zu ihr hochgeklettert. Als die Tür aufging, starrten ihr zwei große grüne Augen entgegen. Ihr Herz setzte für einen Moment aus, dabei war es nur ihr Spiegelbild in der verchromten Rückwand der Kabine, das ihr entgegenstarrte.

Schnell huschte sie hinein, warf einen misstrauischen Blick zurück auf den Gang, drückte mehrmals energisch auf den Knopf, um die Türe zu schließen. Mit einem lauten Rattern knallte die Schiebetür zu. Erschöpft ließ sie sich gegen die kühle Wand sinken, atmete tief durch – und begann sich anzuziehen. Zu spät fiel ihr auf, dass sie zwar Rock, Bluse und Slip in den Händen hielt, aber von ihrem BH jede Spur fehlte. Zum x-ten Mal schalt Laura sich eine dumme Kuh. Ob er mit diesem Erinnerungsstück an eine bereits vergessene Eroberung wohl prahlen würde? Auch auf ihre Schuhe hatte sie vergessen, als sie durch die Garderobe gestürmt war….

Der Lift hielt im Erdgeschoss, ratternd ging die Tür auf. Mit schnellen Schritten hatte sie den kalten Marmorboden überquert, war regelrecht aus dem Mietshaus geflüchtet. Ein einziges Mal war ihre Glücksfee mit ihr – kaum stand sie ratlos am Straßenrand, als zufällig ein Taxi nur wenige Meter entfernt hielt.
Eine ältere Dame stieg aus, ein Einkaufsnetz und einen Blumenstrauß in der Hand, und beäugte sie argwöhnisch.
Laura versuchte, ihren Blick zu ignorieren. Ob die Alte wohl ahnte, woher sie kam?

 

Misstrauisch warf sie einen Blick auf den Taxifahrer, der gerade in ihre Straße einbog. Was er sich wohl über sie dachte? Ihre Blicke im Spiegel trafen sie sich. Mit einem kurzen Blick nach unten vergewisserte sie sich, dass alles ordnungsgemäß bedeckt war.
Falscher Alarm. „Das macht dann zwölf-fünfzig.“
Mechanisch griff sie nach ihrer Handtasche, um zu bezahlen – und stellte fest, dass die noch bei ihm war. Samt Geld und Wohnungsschlüssel.