Unheilschwanger

Langsam blieb das Auto vor dem Altbau mit der malerischen Fassade stehen. „Wir sind da, Ma’am.“
Jane nickte. „Danke“, fügte sie hinzu – auf dem Rücksitz hatte der Fahrer ihr Nicken wohl nicht bemerkt. Sie warf einen Blick durch die getönten Scheiben – und sah sie sofort. Eine gierige Meute grauer Raubtiere. Sie waren wie Wölfe. Menschenfresser, ohne Gnade, kannten kein Erbarmen. Nagten ihre Opfer ab bis auf die Knochen.
Was hatte sie sich dabei eingebildet, sie abschütteln zu können? Ein anderes Hotel bedeutete keine Sicherheit – irgendjemand redete immer, wenn der Preis stimmte.
Die Meute wurde unruhig. Rufe wurden laut. Sie hatten das schwarze Auto bemerkt.
„Wollen wir, Ma’am?“
Jane atmete tief durch, setzte ihre Sonnenbrille auf und hüllte sich in ihren Mantel. „Los.“
Der Fahrer stieg aus und öffnete Jane einen Moment später die Autotür.
Sie war noch nicht ganz aus dem Auto entstiegen, als sie sich auf sie stürzten. Weißes Licht blendete sie trotz Sonnenbrille, sie konnte kaum sehen, wohin sie ging.
Ihr Fahrer nahm sie beim Arm, versuchte, sich einen Weg zu bahnen.
„Miss Smith, werden Sie bei Indiana Jones 5 mitspielen?“
„Miss Smith, woher hatten Sie das rote Kleid bei der Oscar-Verleihung?“
Früher hatte sie noch „Kein Kommentar…“ gesagt, doch hatte das je geholfen? Schwankend erreichte sie die Treppe – beinahe bekam sie eine Kamera ins Gesicht, ein Mikrofon an den Kopf… der Portier kam ihnen zu Hilfe, schirmte Jane auch auf der anderen Seite ab…
„Miss Smith, sehen Sie sich dieses Nacktfoto an: Ist das ein Babybauch?“ Ein junger Kerl mit gegeltem Haar hielt ihr ein Mikro wie eine Pistole vor die Brust und streckte ihr ein Polaroid-Foto unter die Nase. Jane wollte ausweichen, aber der Portier war im Weg… sie konnte nicht anders, sah das Foto. Es stammte tatsächlich von letzter Woche. Aus ihrer Dusche. Sie blieb stehen.
„Miss Smith, sind Sie schwanger? Was sagen Sie dazu?“
Sie sah dem Jungspund ins Gesicht. Wie alt mochte er sein? Er wirkte wie ein Grünschnabel vom College. Rote Flecken tauchten auf seinen Backen auf, als sie ihn taxierte. So jung und schon so unverfroren…
Sie nahm ihre Sonnenbrille ab. Sah ihn lange schweigend an, mit ihren eiskalten blauen Augen. Etwas Bedrohliches lag in der Luft – auch die Raubtiere witterten es. Die Menge verstummte.
„Ma’am?“, kam es unsicher von ihrem Fahrer. Der Portier kratzte sich nervös im Nacken.
Das Gesicht des Reporters wurde immer roter.
„Was sagst du dazu, Scott, dass ich von dir schwanger bin?“
Der Schlag saß, sein Gesicht entgleiste. Panik machte sich darin breit.
Jane nutzte den Moment und ging weiter – während die Wölfe einen der Ihren zerfleischten.

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4 Kommentare zu “Unheilschwanger

  1. Gute Idee und Bildsprache! Und der Schluss ist einerseits eindeutig (was die Paparazzi angebelangt), andererseits aber dann doch nicht (was die Schauspielerin anbelangt): Heisst er wirklich Scott oder erfindet sie einfach einen Namen? Falls ja: Kennt sie ihn oder woher weiss sie den Namen? Falls ja: Ist sie wirklich schwanger oder nicht? Falls ja: wirklich von ihm oder woher hat er das Foto? Interessant! Das zeigt die paradoxe Realität und das paradoxe Verhältnis zwischen Paparazzi und Prominenten sehr gut auf.

    • Du bringst die Idee dahinter sehr schön auf den Punkt :).
      Grad jetzt bei der WM ist ja wieder ein ordentlicher Medienrummel, und wie man da manche Promis fast schon zu Tode jagt, musst ich einfach an Wölfe denken…. ich wollt auch ein bisschen was offen lassen, quasi Leerstellen zum selber Nachdenken und weiter grübeln ;)

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