Im Morgengrauen

Da! Schon wieder – ein leises, anhaltendes Klopfen am Dach. Ob das wieder dieser Specht war? Du spielst mit deinem Leben, Freundchen.
Mürrisch drehte sie sich um, kuschelte sich tiefer in ihr Kissen und schmiegte sich enger an ihren Mann – zumindest hatte sie das vor, denn anstatt der ersehnten Wärme war da bloß ein verwaistes, kaltes Stück Matratze. Sie robbte auf ihre warme Seite zurück und schlug dabei unwillig die Augen auf.
Wo war er bloß?
Noch fiel nur spärliches Licht durch die Vorhänge. An einem Samstag so früh aufzustehen, sah ihm nicht sehr ähnlich … Ein Blick auf die grünleuchtende Digitalanzeige ihres täglichen Folterknechtes zeigte ihr, dass es kurz vor sieben war.
Samstagmorgen, sieben Uhr.
Wieder klopfte der Specht.
Sie verzog gequält das Gesicht – nur um im nächsten Moment zu lächeln. Natürlich! Samstagmorgen um sieben! Er war zum Bäcker gefahren, um frische Brötchen zu holen! Vor ihrem inneren Auge sah sie bereits den herrlich gedeckten Küchentisch, die frischen Brötchen, das Obst, roch die selbstgemachte Marmelade, den frischgebrühten Kaffee…
Auch das anhaltende Klopfen des Spechtes konnte ihre Laune nicht mehr trüben. Sie schwang sich munter aus dem Bett, nahm frische Wäsche aus dem Schrank und stellte sich unter die Dusche. Beim Abtrocknen erkundigte sie sich erneut beim Folterknecht: Viertel nach sieben. Es war immer noch verdammt früh – andererseits hieß das auch, dass die Kinder noch schliefen. Frühstücken ohne Kampf ums Nutella, ohne ständig Brote streichen zu müssen und ohne eine auf der Suche nach Comics völlig zerfledderte Zeitung… Herrlich.
Sie stieg vorsichtig die Treppe hinunter, umschiffte erfolgreich die kaputte Stufe, die mit ihrem Knarren das ganze Haus aufgescheucht hätte, und trat in die Küche. Sie sog gierig den Duft des frischen Kaffees ein – den sie sich aber nur einbildete.
Die Küche lag einsam und verlassen vor ihr, wenn man den Stapel an dreckigem Geschirr vom Vortag ignorierte (was sie geflissentlich tat).
Wo zum Geier war er?
Sie sah sich erstaunt um, sah auf die Küchenuhr. Er müsste längst wieder da sein.
Ein schrecklicher Verdacht befiel sie.
Schnellen Schrittes verließ sie die Küche, folgte dem Flur, stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf.
Da saß er, einsam im Schein des Computermonitors, und wandte sich erstaunt um. „Morgen, Schatz! Du schon auf?“
„Ja.“ Sie sah ihm erstaunt über die Schulter. „Was zum Teufel machst du da?“
„Ich nehme doch am Camp NaNoWriMo teil!“
Nicht schon wieder dieser bescheuerte Marathon für Hobbyschriftsteller. „Ja. Und?“
„In ein paar Tagen müssen wir bereits unsere Wordcounts validieren! Und ich hänge 15.000 Wörter hinterher!“
Sie sah ihn verständnislos an. Also keine Brötchen, kein Kaffee. Ach menno. „Ich geh wieder ins Bett.“

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Achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig …

George atmete tief durch. Dreißig? Nein, einunddreißig. Er hatte die kleinen Roten übersehen, die unter dem Kleiderständer standen. Einunddreißig Schuhe. Unglaublich. Er ließ seinen Blick langsam über die Regale und Kleiderstangen schweifen.

Zählte man die fünfundvierzig Oberteile und dreiundfünfzig Hosen hinzu, so wäre dieses Haus eine wahre Goldgrube für die Kleidersammlung. Schließlich waren das nur ihre – ganz in der Ecke befand sich sein Bereich: Eine einsame, kurze Kleiderstange, fünf Hemden, zwei Anzüge, drei paar Schuhe. Mehr besaß er nicht. Der Rest des begehbaren Kleiderschrankes: Ihr Revier. Er seufzte.

Hoffentlich ging ihr Gatte bald wieder.

Morgenroutine

6:00 Uhr
„Driiiiiiing!“ Mit erbarmungsloser Heiterkeit beendet der Wecker die Nachtruhe. Ebenfalls erbarmungslos beendet die Faust das Dasein des Weckers und dessen Heiterkeit.

6:15 Uhr
Ein erster Sonnenstrahl stiehlt sich verschmitzt durch eine Lücke zwischen den Vorhängen und kitzelt deine Nase. Ein gewaltiger Nieser zerreißt zum zweiten Mal die selige Nachtruhe, dieses Mal aber endgültig. Ein Blick auf die Uhr entlockt dir einen Fluch: Verschlafen. Die Verspätung ist vorprogrammiert.

6:20 Uhr
Nachdem du dich kurz der Versuchung hingegeben hast, heute doch blau zu machen (wozu die Decke maßgeblich beigetragen hat, die neckisch vom nackten Oberkörper der schlafenden Göttergattin gerutscht ist), raffst du dich auf und zwängst dich in eine Hose, während du gleichzeitig versuchst, dabei nicht zu laut durch den Flur zu stolpern. Ein kurzes Schnuppern am Hemd von gestern ergibt, dass es wohl der Belegschaft im Büro noch einmal zugemutet werden kann.

6:30 Uhr
Da die Kaffeemaschine auch nach dem tausendfachen Drücken des Einschaltknopfes nicht einen einzigen Tropfen Kaffee ausgespuckt hat, gibst du resigniert auf. Vielleicht wäre Coffee2Go unterwegs doch besser.

6:31 Uhr
Die Kaffeemaschine beschließt doch noch, sich zu entladen – praktischerweise auf das nächststehende Opfer: Deine Hose.

6:35 Uhr
Zurück im Schlafzimmer: Die Versuchung durch die Göttergattin ist so stark wie eh und je.

6:50 Uhr
Im Treppenhaus bemerkst du, dass rechts und links voller Arglist im Schuhregal die Plätze getauscht haben.

7:00 Uhr
Die Rücklichter der Straßenbahn scheinen hämisch zu grinsen, als du sie aus der Ferne gerade so noch erspähst.

7:01 Uhr
Noch scheint niemand im Büro zu sein – der Anrufbeantworter meldet sich und nimmt ergeben die Meldung an, dass du heute später kommst.

7:20 Uhr
Beim Einsteigen in die nächste Straßenbahn wirst du beinahe von einer Horde kameraschwingender Japaner überrannt. Es scheint, als hätte die Zeit der Fotosafaris wieder begonnen.

7:22 Uhr
Die zwei Insassen des Ausschnitts, welchen das Mädchen auf dem Platz gegenüber stolz zur Schau trägt, wecken erneut die qualvolle Sehnsucht nach der Göttergattin. Du verfluchst den Sommer und seinen Hang zu knapper Kleidung und richtest den Blick starr aus dem Fenster.

7:42 Uhr
Punktgenau als du aus der Straßenbahn steigst, revanchiert sich der Sommer für die Flüche mit einem Platzregen.

7: 50 Uhr
Zwanzig Minuten zu spät und bis auf die Knochen durchnässt, erreichst du das Büro. Gönnerhaft, wie Bürogebäude nun einmal sind, klemmt die Tür und lässt dich im Regen stehen, während ein wahrer Wasserschwall über dein Gesicht rinnt…

6:10 Uhr
„Stehst du jetzt endlich auf!“ Prustend schnappst du nach Luft und blickst zur Göttergattin hoch. Sie hält ein leeres Glas in der Hand. „Der Wecker klingelt jetzt seit zehn Minuten! Was blieb mir denn anderes übrig?“, rechtfertigt sie sich.

6:15 Uhr
Kurz gibst du dich der Versuchung hin, heute doch blau zu machen (wozu die Göttergattin, die dich mit nacktem Oberkörper weckte, wesentlich beiträgt), aber du raffst dich schließlich auf, zwängst dich in eine Hose und versuchst dabei, nicht zu stolpern und auf die Nase zu fallen. Du schnupperst kurz an deinem Hemd vom Vortag und schlüpfst hinein – einmal kannst du es ja wohl noch tragen.

6:20 Uhr
Während die Kaffeemaschine deine Tasse mit dem ersehnten schwarzen Gold füllt, streichst du dir gemütlich ein Butterbrot und denkst dir: „Was für ein wunderschöner Morgen!“
….

Jeden Tag

jeden Tag
seh ich dich
am Fenster
im Dachgeschoss
stehn

seh ich dich
dort sitzen,
und lernen,
und lesen
und gehen

jeden Tag
seh ich hoch
mich fragend
ob ich sollt
rübergehn

ring mit
mir selber
wir würden
uns sicher
verstehen

eines Tages
seh ich dich
da am Fenster
vor Wärme will
das Herz mir
vergehn

doch da
ein Schatten
er küsst
deinen Hals
mein Herz
bleibt stehn

Überraschung

Nach einer schieren Ewigkeit unterbrach er sichtlich genervt die Verbindung und legte sein iPhone vorsichtig auf den Beckenrand. „Entschuldige.“ Er schenkte ihr ein gequältes Lächeln.
„Macht nichts. Wer war denn dran?“
Er atmete tief ein, schwieg einen Moment. „Meine Frau.“
„Was wollte sie denn?“
„Wissen, ob ich die Kinder nachher von der Schule abholen kann…“
„Ach so.“ Sie runzelte die Stirn. „Hast du ihr von deinem Meeting erzählt?“
„Ja. Sie wird ihre Mutter bitten, sie zu holen.“ Er lächelte. „Wo waren wir denn stehen geblieben?“
„Als ob du das nicht wüsstest…“ Sie warf einen vielsagenden Blick auf die nassen Fliesen – und das Chaos an verstreuten Kleidern.
„Ach ja…“ Er grinste.
„Warte kurz. Ich hab eine Überraschung für dich.“ Sie stieg schnell aus dem Becken, trippelte vorsichtig über den Boden und schnappte sich ihre Handtasche.
Sein lüsterner Blick entging ihr nicht.
Ebensowenig wie das Entsetzen, als sie den Revolver zog.