Morgens halb zehn in Deutschland

Sonja knabberte gedankenverloren an ihrem Stift. Direkt gegenüber, nur zwei Arbeitsplätze entfernt, rang Greg verbissen mit dem Drucker. Sein Hemd spannte sich vielversprechend, als er den klemmenden Verschluss der Patronenkammer aufbrach. Ob er wohl trainierte?
Schon am ersten Tag fiel ihr auf, dass der neue Kollege für einen Bürohengst viel zu gut gebaut war. Mit seinem gewinnenden Lächeln hatter er sie begrüßt, eine Reihe strahlend weißer Zähne entblößt. Sein Händedruck war kräftig und fest gewesen und sie selbst hatte kaum ein Wort herausgebracht, so hatte sein plötzliches Erscheinen sie überrascht.
Er war groß, schlank, schwarzhaarig und sein Gesicht wurde eingerahmt von diesem heißen Dreitagebart. Wie gern würde sie sich von diesen Stoppeln einmal kratzen lassen …
Doch je näher sie ihn kennenlernte, desto klarer wurde ihr, dass sie und Greg nicht zusammenpassten. Er hatte einfach keinen Stil.
So auch jetzt.
Es war morgens halb zehn in Deutschland – und er aß ein Hanuta.

Bei ihr

Gähnend schlug sie die Augen auf und betrachtete missmutig die blauen Vorhänge, die höhnisch neben dem Fenster hingen und das Sonnenlicht ungehindert in den Raum strömen ließen.
Laura seufzte. Es war jeden Morgen dasselbe – schon wieder hatte sie vergessen, die Vorhänge zu schließen. Am Besten nagelte sie dieses verfluchte Tor zur Welt einfach zu … Sie erhob sich und sah nach dem Wecker, der ungeniert einen freien Tag genoss – die Kontrollleuchte für den Alarm war aus, sie hatte ihn nicht gestellt.
Es war Viertel nach Sieben. Erleichtert ließ sie sich in ihr Kissen zurück sinken. Wenigstens hatte sie nicht verschlafen, im Gegenteil: Sie war sogar zu früh dran.
Sie lächelte. Sie könnte locker noch ein paar Minütchen dösen. Oder aufstehen, duschen, noch schnell zum Bäcker huschen und mit ein paar frischen Brötchen in den Tag starten. Vielleicht sogar einmal beim Frühstück Zeitung lesen und in Ruhe Kaffee trinken – wenn sie denn noch eine saubere Tasse finden würde …
Widerwillig dachte Laura an den Stapel schmutzigen Geschirrs in der Spüle, den sie seit Tagen ignorierte und der wohl bald ein Eigenleben entwickeln würde …
Auch in ihrem Zimmer sah es nicht besser aus – sie war noch nie eine Ordnungsfanatikerin gewesen, aber mit diesem Chaos auf dem Fußboden hatte sie sich selbst übertroffen. Ihr Blick fiel auf einen linken Schuh, eine Jacke, ihre Bluse, den rechten Schuh, eine Anzughose, ihren Rock, drei Socken, von denen einer farblich nicht zu den anderen passte ….
Stirnrunzelnd hielt sie inne. Weder trug sie drei Socken, noch besaß sie einen Anzug.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich.
Langsam drehte sie sich um. Ihr Blick traf auf ein paar mandelbraune Augen, deren Besitzer soeben auch erwacht war. Für einige Momente lieferten sie sich ein stummes Blickduell. Ihrem Gegenüber stand das pure Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Ob das bei ihr wohl auch so war?
Er stöhnte gequält und fuhr sich mit der Hand durch das rabenschwarze Haar. „Wie spät ist es?“
„Viertel nach Sieben.“
„Scheiße.“ Er setzte sich ruckartig auf und schwang sich aus dem Bett, um in dem Chaos seine Kleidung zu suchen.
Laura sah ihm verdattert dabei zu, wie er ein blaues Hemd überstreifte und es zuzuknöpfen begann, wobei er beständig weiterfluchte. Dann hielt er inne. Sein Blick fiel auf sie. Laura zog sich instinktiv die Decke über die Brust.
„Entschuldige…. ich…es….ich habe nicht dich gemeint. Es war nicht scheiße, sondern sogar sehr gut!“ Er zog sich weiter an, stieg in seine Hose, verhedderte sich im falschen Hosenbein, fiel beinahe hin. „Scheiße. Es tut mir wirklich leid…. nicht das gestern Nacht. Verflucht….“ Er rang nach Worten. „Ich mache so was sonst nicht. Echt nicht.“
Er strich sich fahrig übers Gesicht. Sah sich suchend um, entdeckte die Tür. „Verflucht, ich komme zu spät.“ Er stürzte hinaus. Nur einen Augenblick später hörte Laura, wie ihre Wohnungstür ins Schloss fiel.
Sie lachte und ließ sich in ihr Kissen zurückfallen. Das war besser als frische Brötchen …

Moving

It sure is a pity, she said,
Rising naked from the bed,
But I don’t speak German,
So I’d feel like a merman,
Drowning in the air.
It wouldn’t be fair,
If I had to leave all behind,
Clear them off of my mind,
Had another language to learn,
Foreign money to earn.
I wouldn’t know anyone,
Would be lone if you’re gone.
How long would it last?
It could be over so fast.
So move without me,
From now on you’re free.
Our love will be dead,
No light, shadow nor bread.
It will be easy for you,
I slept with your brother Stu.

Requiescat in Pace

Mit einem lauten Quietschen schwang die gusseiserne Tür auf. Angestrengt versuchte Jonathan, die Dunkelheit dahinter zu durchdringen und etwas zu erkennen. Gähnende Schwärze erwartete ihn.
Er atmete tief ein, tastete mit dem Fuß nach der ersten Stufe und stieg langsam in die Gruft hinab. In seinen Ohren pochte das Blut. Hin und wieder blieb er stehen, um zu lauschen, aber außer seinem eigenen keuchenden Atem war nichts zu hören.
Schließlich erreichte er das Ende der Treppe, sie mündete in einen niedrigen Gang. Jonathan musste sich ducken, er stützte sich mit einer Hand der kalten Mauer ab, die andere mit der Taschenlampe nach vorne gerichtet. Am Ende des Gangs erwartete ihn eine weitere Tür – im Gegensatz zur obigen war sie nur angelehnt; offenbar machte sie sich hier nicht einmal mehr die Mühe, den Anschein zu erhalten.
Er hielt kurz inne, sammelte sich, zog die Tür auf und trat in den kleinen Raum. An der Wand konnte er im Licht der Lampe ein steinernes Kreuz sehen, in das vor etlichen Jahrhunderten die fachkundige Hand eines Steinmetzes „REQUIESCAT IN PACE“ geritzt hatte.
Ansonsten war die Kammer schmucklos – ein steinerner Sarg stand einsam vor dem Kreuz. Jonathans Mundwinkel zuckten – der kümmerliche Versuch eines erleichterten Lächelns. Er trat näher, steckte sich die Taschenlampe zwischen die Zähne und schob die Finger unter die Kante des Deckels. Er schnappte überrascht nach Luft, als er auf leichten Druck hin sofort zur Seite glitt. Ein Scharnier! Sehr unüblich für einen Steinsarg…
Er nahm die Lampe aus dem Mund, richtete den Schein der Lampe auf das Innere des Sargs. Alabasterweiße, makellose Haut, umrahmt von rotem Haar … Selbst im Tode war sie wunderschön. Er beugte sich hinab, streckte seine Finger nach ihren vollen Lippen aus und verharrte nur wenige Zentimeter über ihrem Gesicht. Wie gerne hätte er sie berührt …
Wenn sie nur wirklich tot wäre.
Er steckte die Taschenlampe erneut zwischen die Zähne und zog den langen Holzpflock aus seinem Gürtel. Er hob ihn langsam hoch, atmete tief ein – und stieß ihr den Pflock tief in die Brust.
Da.
Er hatte es vollbracht.
Er hatte sie getötet.
Eine Welle der Erleichterung durchströmte ihn.
Mit zitternden Fingern ließ er den Holzpflock los, nahm die Lampe wieder in die Hand und betrachtete sein Werk. Betrachtete den Pflock in ihrer Brust, das Loch in ihrem Kleid, das ein schwer aussehendes, blaues Untergewand entblößte. Sein Blick wanderte an ihrem Hals empor, über ihre Lippen, die selbst im Tode noch verschmitzt zu lächeln schienen, bis hin zu ihren grünen Augen, die jeder seiner Bewegungen folgten.
Nacktes Entsetzen packte ihn, er zitterte am ganzen Körper. „Aber…. aber wie?“
Ihr Arm schnellte empor, eine eiskalte Hand schloss sich um seine Kehle, drückte langsam zu. „Noch nie etwas von kugelsicheren Westen gehört?“

Feuer und Flamme

Ein gigantischer Feuerball verschlang den Komplex und versengte die Umgebung mit seinem tödlichen Brodem.
Er kauerte sich schützend hinter den Felsblock, den er in letzter Sekunde erreicht hatte. Funken setzten sich in seinem Bart ab und brannten sich tief in seine Haut. Auch nachdem die glühende Wallung abgeklungen war, blieb er in Deckung. Vorsichtig spähte er über den Felsrand: Überall brennende Trümmer.
Schade um sein Geheimversteck.
Betrübt erhob er sich und machte sich auf den Weg in die nächste Stadt.
In Zukunft würde er zölibatär leben. Keine CIA-Agentin würde ihm mehr im Bett seinen bösen Plan entlocken und dann vereiteln.