Requiescat in Pace

Mit einem lauten Quietschen schwang die gusseiserne Tür auf. Angestrengt versuchte Jonathan, die Dunkelheit dahinter zu durchdringen und etwas zu erkennen. Gähnende Schwärze erwartete ihn.
Er atmete tief ein, tastete mit dem Fuß nach der ersten Stufe und stieg langsam in die Gruft hinab. In seinen Ohren pochte das Blut. Hin und wieder blieb er stehen, um zu lauschen, aber außer seinem eigenen keuchenden Atem war nichts zu hören.
Schließlich erreichte er das Ende der Treppe, sie mündete in einen niedrigen Gang. Jonathan musste sich ducken, er stützte sich mit einer Hand der kalten Mauer ab, die andere mit der Taschenlampe nach vorne gerichtet. Am Ende des Gangs erwartete ihn eine weitere Tür – im Gegensatz zur obigen war sie nur angelehnt; offenbar machte sie sich hier nicht einmal mehr die Mühe, den Anschein zu erhalten.
Er hielt kurz inne, sammelte sich, zog die Tür auf und trat in den kleinen Raum. An der Wand konnte er im Licht der Lampe ein steinernes Kreuz sehen, in das vor etlichen Jahrhunderten die fachkundige Hand eines Steinmetzes „REQUIESCAT IN PACE“ geritzt hatte.
Ansonsten war die Kammer schmucklos – ein steinerner Sarg stand einsam vor dem Kreuz. Jonathans Mundwinkel zuckten – der kümmerliche Versuch eines erleichterten Lächelns. Er trat näher, steckte sich die Taschenlampe zwischen die Zähne und schob die Finger unter die Kante des Deckels. Er schnappte überrascht nach Luft, als er auf leichten Druck hin sofort zur Seite glitt. Ein Scharnier! Sehr unüblich für einen Steinsarg…
Er nahm die Lampe aus dem Mund, richtete den Schein der Lampe auf das Innere des Sargs. Alabasterweiße, makellose Haut, umrahmt von rotem Haar … Selbst im Tode war sie wunderschön. Er beugte sich hinab, streckte seine Finger nach ihren vollen Lippen aus und verharrte nur wenige Zentimeter über ihrem Gesicht. Wie gerne hätte er sie berührt …
Wenn sie nur wirklich tot wäre.
Er steckte die Taschenlampe erneut zwischen die Zähne und zog den langen Holzpflock aus seinem Gürtel. Er hob ihn langsam hoch, atmete tief ein – und stieß ihr den Pflock tief in die Brust.
Da.
Er hatte es vollbracht.
Er hatte sie getötet.
Eine Welle der Erleichterung durchströmte ihn.
Mit zitternden Fingern ließ er den Holzpflock los, nahm die Lampe wieder in die Hand und betrachtete sein Werk. Betrachtete den Pflock in ihrer Brust, das Loch in ihrem Kleid, das ein schwer aussehendes, blaues Untergewand entblößte. Sein Blick wanderte an ihrem Hals empor, über ihre Lippen, die selbst im Tode noch verschmitzt zu lächeln schienen, bis hin zu ihren grünen Augen, die jeder seiner Bewegungen folgten.
Nacktes Entsetzen packte ihn, er zitterte am ganzen Körper. „Aber…. aber wie?“
Ihr Arm schnellte empor, eine eiskalte Hand schloss sich um seine Kehle, drückte langsam zu. „Noch nie etwas von kugelsicheren Westen gehört?“

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5 Kommentare zu “Requiescat in Pace

  1. Definitiv eine tolle Geschichte – ich mag deinen Humor, schade nur, dass Jonathan nach Ende der Geschichte vermutlich keinen Auftritt mehr haben wird.
    Vielleicht aber die clevere Vampirin?

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