Bei ihr

Gähnend schlug sie die Augen auf und betrachtete missmutig die blauen Vorhänge, die höhnisch neben dem Fenster hingen und das Sonnenlicht ungehindert in den Raum strömen ließen.
Laura seufzte. Es war jeden Morgen dasselbe – schon wieder hatte sie vergessen, die Vorhänge zu schließen. Am Besten nagelte sie dieses verfluchte Tor zur Welt einfach zu … Sie erhob sich und sah nach dem Wecker, der ungeniert einen freien Tag genoss – die Kontrollleuchte für den Alarm war aus, sie hatte ihn nicht gestellt.
Es war Viertel nach Sieben. Erleichtert ließ sie sich in ihr Kissen zurück sinken. Wenigstens hatte sie nicht verschlafen, im Gegenteil: Sie war sogar zu früh dran.
Sie lächelte. Sie könnte locker noch ein paar Minütchen dösen. Oder aufstehen, duschen, noch schnell zum Bäcker huschen und mit ein paar frischen Brötchen in den Tag starten. Vielleicht sogar einmal beim Frühstück Zeitung lesen und in Ruhe Kaffee trinken – wenn sie denn noch eine saubere Tasse finden würde …
Widerwillig dachte Laura an den Stapel schmutzigen Geschirrs in der Spüle, den sie seit Tagen ignorierte und der wohl bald ein Eigenleben entwickeln würde …
Auch in ihrem Zimmer sah es nicht besser aus – sie war noch nie eine Ordnungsfanatikerin gewesen, aber mit diesem Chaos auf dem Fußboden hatte sie sich selbst übertroffen. Ihr Blick fiel auf einen linken Schuh, eine Jacke, ihre Bluse, den rechten Schuh, eine Anzughose, ihren Rock, drei Socken, von denen einer farblich nicht zu den anderen passte ….
Stirnrunzelnd hielt sie inne. Weder trug sie drei Socken, noch besaß sie einen Anzug.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich.
Langsam drehte sie sich um. Ihr Blick traf auf ein paar mandelbraune Augen, deren Besitzer soeben auch erwacht war. Für einige Momente lieferten sie sich ein stummes Blickduell. Ihrem Gegenüber stand das pure Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Ob das bei ihr wohl auch so war?
Er stöhnte gequält und fuhr sich mit der Hand durch das rabenschwarze Haar. „Wie spät ist es?“
„Viertel nach Sieben.“
„Scheiße.“ Er setzte sich ruckartig auf und schwang sich aus dem Bett, um in dem Chaos seine Kleidung zu suchen.
Laura sah ihm verdattert dabei zu, wie er ein blaues Hemd überstreifte und es zuzuknöpfen begann, wobei er beständig weiterfluchte. Dann hielt er inne. Sein Blick fiel auf sie. Laura zog sich instinktiv die Decke über die Brust.
„Entschuldige…. ich…es….ich habe nicht dich gemeint. Es war nicht scheiße, sondern sogar sehr gut!“ Er zog sich weiter an, stieg in seine Hose, verhedderte sich im falschen Hosenbein, fiel beinahe hin. „Scheiße. Es tut mir wirklich leid…. nicht das gestern Nacht. Verflucht….“ Er rang nach Worten. „Ich mache so was sonst nicht. Echt nicht.“
Er strich sich fahrig übers Gesicht. Sah sich suchend um, entdeckte die Tür. „Verflucht, ich komme zu spät.“ Er stürzte hinaus. Nur einen Augenblick später hörte Laura, wie ihre Wohnungstür ins Schloss fiel.
Sie lachte und ließ sich in ihr Kissen zurückfallen. Das war besser als frische Brötchen …

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Ein Kommentar zu “Bei ihr

  1. Wie göttlich :D
    Der Monolog des jungen Mannes ist einfach herrlich – ich glaube, Laura war keine Sekunde lang beleidigt oder bezog es auf sich. Aber seine Verpeiltheit ist sehr herzig :D

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