Latein

Dumpfes Donnergrollen rollte aus der Ferne heran.
Andreas beobachtete den Himmel schon seit Stunden. Immer mehr und immer dunklere Wolken türmten sich am Horizont auf. Bald war es soweit, das Gewitter würde ihn erreichen.
Schwerfällig erhob er sich aus seinem Campingstuhl, leerte seine Bierflasche und begann, seine sieben Sachen zusammenzupacken. Typisch – da hatte er einmal frei, konnte einen Tag beim Angeln verbringen und dann zog ein Gewitter auf…
Er stellte den Koffer mit Ködern und Blinkern in den Kofferraum, legte den zusammengeklappten Stuhl dazu und trat ein letztes Mal an den See. Er nahm seine Angelrute aus der Profi-Halterung, die er im Angelladen preisgünstig erstanden hatte, und begann, gemächlich die Leine aufzukurblen. Das Wasser lag noch ruhig da, unbeeindruckt vom aufkommenden Wind. Nur hier und da breiteten sich spiralförmig ein paar Wellen aus, wenn ein Insekt sich auf die Wasseroberfläche verirrte und ein Fisch gnadenlos zuschlug.
Ein plötzlicher Ruck an der Rute hätte ihn beinahe vornüber kippen lassen. Die Leine spannte sich, die Kurbel entglitt seinem Griff. Beinahe rutschte ihm die Angel aus der Hand. Andreas schrie überrascht auf, sah hilflos zu, wie sich die Leine in Windeseile wieder abspulte. Dann erinnerte er sich an den Artikel aus seinem Lieblingsanglermagazin und mit einigen fachmännischen Handgriffen brachte er die Kurbel wieder unter Kontrolle.
Die Angel bog sich, die Leine schien zum Zerreißen gespannt.
Andreas stemmte sich mit aller Kraft dagegen, begann Zentimeter um Zentimeter die Leine einzuholen.
Das Untier am anderen Ende wehrte sich nach Kräften, es zog und zerrte, schlug energisch mit der Schwanzflosse. Riesige Wellen rasten über die eben noch ruhige Oberfläche des Sees, schlugen gegen Andreas‘ Stiefel. Wasser drang über den Rand, tränkte seine Socken.
Sein Atem raste, seine Arme brannten, jeden Moment würde ihm das Tier die Angel samt Schultern ausreißen. Doch er gab nicht auf. Andreas stemmte sich erneut dagegen, und mit einer ungeheuren Kraftanstrengung zog er den fünfzehn Meter langen Karpfen an Land. Ratlos starrte er auf den großen Brocken und verfluchte sich, in der Schule kein Latein belegt zu haben – denn wie sollte er nun seinen Angelkollegen von diesem Fang erzählen?

Schreibprozess

Leises Rascheln, als er das Papier aufriss und sich gierig über den Schokoriegel hermachte. Ein Bissen, zwei, drei, schon war die kurze Freude wieder beendet – und die damit einhergehende Ablenkung. Er trank einen Schluck längst kalten Kaffees, verzog angewidert das Gesicht und zwang sich, auf den weißen Bildschirm zu starren. Seit Ewigkeiten saß er nun schon hier, und wartete. Auf den Musenkuss, die Inspiration. Darauf, dass ihm die Worte von selbst aus den Fingern flossen, Luftschlösser sich bauten, Jungfrauen sich retten ließen und Helden Heldentaten taten.
Er wartete vergebens.
Seit Stunden.
Kalter Kaffee, Schokoriegel. Kein einziges Wort.
Der Bildschirm starrte ihn höhnisch an. Kalt. Weiß. Erbarmungslos. Leer.
Er kratzte sich energisch an den spärlichen Kinnhaaren, rückte die verbogene Brille zurecht. Streckte die Finger, hörte die Luftblasen in den Gelenken knacken.
Er griff in die Tasten. Ordnete Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort. Malte langsam eine saftige, grüne Landschaft, pflanzte einen einsamen Reiter hinein, auf einem abgetriebenem Gaul, der soeben eine Hügelkuppe bezwang. Dazu ein Schrei, ein Planwagen, weiß, rotgetupft, von frischem Blut – Siedler, die überfallen wurden.
Der einsame Reiter hebt sich in den Steigbügeln, spornt sein treues Ross zum letzten Spurt an. In vollem Galopp trägt es ihn dem Kampf entgegen. Er streckt die Gegner nieder, einen nach dem anderen, noch ehe sie wissen, wie ihnen geschieht. Erbarmungslos bahnt er sich seinen Weg.
Doch schon regt sich Widerstand. Einer greift von links an, ein anderer von rechts. Er pariert einen Schlag, fängt einen anderen mit seinem Schild ab. Seine Rückhand streckt einen Feind nieder, da saust eine Streitaxt heran – im letzten Moment weicht er aus, lässt sich vom Pferd fallen, rollt sich über die Schulter ab. Warmes Blut läuft aus einem Schnitt an seiner Wange.
Sein Gegner lacht, stürzt sich auf ihn und bezahlt mit dem Tod. Weitere folgen, doch keiner ist ihm gewachsen. Er pariert ihre Attacken, setzt ihnen nach, treibt mit ihnen sein Spiel. Verwundet, verstümmelt seine Kontrahenten.
Erbarmungslos. Wie eine Maschine. Keiner ist ihm gewachsen, egal ob er von vorn, von hinten, von der Seite angreift. Er pariert ihre Attacken mühelos, setzt ihnen zu. Verwundet, verstümmelt seine Kontrahenten.
An seinen Händen klebt Blut – wessen, weiß er nicht.
Schwer atmend fällt er auf die Knie, als der letzte Gegner fällt. Wischt sich den Schweiß aus der Stirn.
Erhebt sich, blickt auf, ins Gesicht eines blonden Engels. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als er sie anspricht ist der Akku des Laptops leer.

Semesterbeginn

Scheue Blicke nach links und rechts, stures Starren auf Smartphone-Bildschirme oder Laptops – manchmal ein Schmunzeln, wenn auf Facebook mal wieder eine Katze in die Kamera schaut, aber sofort wieder ernste Mienen. Nervöses Spielen mit Kugelschreibern, Haaren, Fingernägelkauen, Däumchendrehen, Rote Flecken im Gesicht. Eingepfercht wie die Sardinen.
Leises Getuschel, Geraschel mit Papier, nervöses Lachen.
Der Geruch von Angstschweiß.
Jedes Mal die selbe Szenerie.
Heute: 88 auf 25 Plätze, laut Online-Portal der Universität. Davon mindestens 44 Notfälle, die den Kurs dringend brauchen, weil sie sonst auf der Straße stehen. Mehrere der Anwesenden stehen sicher noch gar nicht auf seiner Liste. 25 % der Computer streikten schließlich im Februar, wie Statistik Austria unlängst bewiesen hatte. Ebenso, wie 40 % aller Studenten während des Semesters, vor allem an Referatsterminen. Wobei sich die Mail-Server jedes Mal anschlossen.
Krachend lässt Professor Eisenhart die Tür ins Schloss fallen. Alle Augen richten sich auf ihn. Gehetzte Blicke, angsterfüllte Blicke – leider auch kampfbereite. Gemächlich kramt er in seiner Tasche nach der Liste. Gleich würde er niedergebrüllt werden, wie jedes Semester. „Herr Professor…“, „Die Stipendienstelle…!“, „Erasmus!“, „Spaghetti-Monster!“, „Star-Wars-Convention!“, …. Er hatte sie alle schon gehört.
Seelenruhig verliest Eisenhart die Modalitäten des Kurses, erklärt die Anforderungen, betrachtet die zuckenden Mundwinkel, die angespannten Leiber.
„Wir sind hier allerdings viel zu viele, wie sie unschwer sehen können“, schließt er seinen Vortrag ab und blickt in die Runde, „Die Lehrveranstaltung ist für nur 25 Teilnehmer konzipiert, außerdem ist dieser Raum auf nur 30 Personen zugelassen. Mehr geht aufgrund der Brandschutzbestimmungen leider wirklich nicht. Wir haben also nie alle Platz hier.“ Dem verdatterten Studenten direkt vor sich drückt er ein Blatt Papier in die Hand. „Tragen Sie daher bitte alle in dieser Liste ein, wann sie vorhaben, krank zu werden, damit immer nur 25 von Ihnen da sind. Danke.“ Und er sieht der ringsum gehenden Liste zu, lächelnd, denn dieses eine Mal war er dem langwierigen Feilschen entgangen…