Semesterbeginn

Scheue Blicke nach links und rechts, stures Starren auf Smartphone-Bildschirme oder Laptops – manchmal ein Schmunzeln, wenn auf Facebook mal wieder eine Katze in die Kamera schaut, aber sofort wieder ernste Mienen. Nervöses Spielen mit Kugelschreibern, Haaren, Fingernägelkauen, Däumchendrehen, Rote Flecken im Gesicht. Eingepfercht wie die Sardinen.
Leises Getuschel, Geraschel mit Papier, nervöses Lachen.
Der Geruch von Angstschweiß.
Jedes Mal die selbe Szenerie.
Heute: 88 auf 25 Plätze, laut Online-Portal der Universität. Davon mindestens 44 Notfälle, die den Kurs dringend brauchen, weil sie sonst auf der Straße stehen. Mehrere der Anwesenden stehen sicher noch gar nicht auf seiner Liste. 25 % der Computer streikten schließlich im Februar, wie Statistik Austria unlängst bewiesen hatte. Ebenso, wie 40 % aller Studenten während des Semesters, vor allem an Referatsterminen. Wobei sich die Mail-Server jedes Mal anschlossen.
Krachend lässt Professor Eisenhart die Tür ins Schloss fallen. Alle Augen richten sich auf ihn. Gehetzte Blicke, angsterfüllte Blicke – leider auch kampfbereite. Gemächlich kramt er in seiner Tasche nach der Liste. Gleich würde er niedergebrüllt werden, wie jedes Semester. „Herr Professor…“, „Die Stipendienstelle…!“, „Erasmus!“, „Spaghetti-Monster!“, „Star-Wars-Convention!“, …. Er hatte sie alle schon gehört.
Seelenruhig verliest Eisenhart die Modalitäten des Kurses, erklärt die Anforderungen, betrachtet die zuckenden Mundwinkel, die angespannten Leiber.
„Wir sind hier allerdings viel zu viele, wie sie unschwer sehen können“, schließt er seinen Vortrag ab und blickt in die Runde, „Die Lehrveranstaltung ist für nur 25 Teilnehmer konzipiert, außerdem ist dieser Raum auf nur 30 Personen zugelassen. Mehr geht aufgrund der Brandschutzbestimmungen leider wirklich nicht. Wir haben also nie alle Platz hier.“ Dem verdatterten Studenten direkt vor sich drückt er ein Blatt Papier in die Hand. „Tragen Sie daher bitte alle in dieser Liste ein, wann sie vorhaben, krank zu werden, damit immer nur 25 von Ihnen da sind. Danke.“ Und er sieht der ringsum gehenden Liste zu, lächelnd, denn dieses eine Mal war er dem langwierigen Feilschen entgangen…

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Ein Kommentar zu “Semesterbeginn

  1. Bei uns an der Uni wäre das gar nicht möglich, da inzwischen sogar bei Philosophie die Regeln so streng sind, dass nur die anwesend sein dürfen, die bereits im Kurs bestätigt wurden.
    Aber das ist echt eine coole Lösung seitens des Professors :P

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