Adventskalender 2014: Ankündigung

Auch an mir und dem Tintenfleck ging die vor-vor-weihnachtliche Stimmung nicht spurlos vorbei, weshalb ich hiermit den ersten Tintenfleck-Adventskalender ankündige.

Gestartet wird, wie sollte es anders sein, am 1. Dezember. Die Türchen des Kalenders werden mit einer fortlaufenden Geschichte gefüllt, deren Protagonistin Laura ist – wer Laura noch nicht kennt, hat also übers Wochenende noch Zeit, aufzuholen. Um diesen gewaltigen Aufwand zu erleichtern, gibt es daher heute ausnahmsweise auch keinen Freitagstext. Alle bisher erschienenen Texte – sechs an der Zahl – finden sich auf der Serien-Unterseite des Blogs und sind ansonsten auch (nicht zwingend in chronologischer Reihenfolge) über den Tag „Laura“ zu finden.

Eine separate Übersichtsseite, auf der die einzelnen Kalendertürchen gelistet werden, werde ich noch einrichten. Diese dient aber nur zur Übersicht, denn die Texte werden so wie sonst auch als ganz normale Blogbeiträge veröffentlicht werden. Wer dem Tintenfleck also auf irgendeiner Plattform folgt, wird die Texte wie üblich in seinem E-Mail-Postfach, Feed-Reader, Social Network etc. vorfinden.

Ich wünsche euch allen einen schönen Start in die Adventszeit! Lasst euch vom Weihnachtstrubel und Geschenkestress nicht in den Wahnsinn treiben!

Kaffee

Langsam kam das Auto zum Stehen, der Motor verstummte. Mit einem leisen Klicken löste Laura den Anschnallgurt und legte ihre Hand auf die Türklinke.
Jochen räusperte sich. „Da wären wir.“
„Ja.“ Sie atmete tief ein, inhalierte den Duft des Autos – Fichtenduftbaum und Männerparfüm.„Es war ein schöner Abend.“
„Das war er wirklich.“
Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Ihr Mietshaus starrte aus dunklen Fensteraugenhöhlen zurück. Vor ihren Augen tauchte wieder der kleine Tisch beim Italiener mit der karierten roten Tischdecke auf, die sie bereits nach wenigen Minuten in Wein ertränkt hatte. Sie hatten gelacht und Jochen hatte sich nur kurze Zeit später mit einem Spritzer Spaghettisoße auf ihr Kleid revanchiert … Der Kellner in seinem makellosen weißen Hemd hatte richtig verlegen gewirkt, als er sie bat, die Rechnung zu begleichen. Es war schon weit nach Mitternacht und sie die letzten Gäste …
Sie seufzte. „Wir sollten das mal wiederholen.“
„Gern.“ Er nickte.
Sie lächelte, trommelte mit den Fingern auf die Plastikverkleidung der Tür. Stille trat ein. Ein Wassertropfen tauchte plötzlich auf der Windschutzscheibe auf. Ein zweiter folgte ihm, dann ein dritter. Schließlich wuchs ihre Zahl so schnell, dass jegliches Zählen unmöglich wurde.
Sie gab sich einen Ruck. „Kommst du noch mit hoch auf einen Kaffee?“
„Ich….äh, nein, das heißt, doch….obwohl…“
Ihr Lachen ließ ihn verstummen. „Den Kaffee für den heutigen Abend hatten wir eh schon…“, bemerkte sie mit einem Grinsen.
„Da hast du recht.“ Er kratzte sich verlegen hinterm Ohr, sah sie dann ernst an. „Ich würde dich wirklich gerne wieder sehen, Laura.“
„Ich dich auch, Jochen.“ Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss. Ihre Lippen trafen langsam aufeinander, tasteten sich ab. Winzige Barstoppeln kitzelten sie am Kinn. Dann gab sie sich erneut einen Ruck. „Gute Nacht.“ Sie stieg aus, hielt sich schützend die Handtasche über den Kopf und eilte zur Haustür.

Auf die gute alte Zeit!

Herbert atmet schwer aus. Menschenmassen, soweit das Auge blickt – Schaulustige, Ungläubige, Japaner. Mitten drin: Er.
Schwer stützt er sich auf seinen Stock, bahnt sich mühselig seinen Weg durch die Besucherscharen.
„Last Christmas, I gave you.,.“, plärrt es aus einem Lautsprecher, den ein pickelgesichtiger Grünschnabel soeben einschaltet.
Herberts Blick fällt auf Lametta, Tannenbäume, Christbaumkugeln – blaue, weiße, rote. Passend dazu der Weihnachtsmann, vom Christkind keine Spur. Ein Geschäft verkauft geschnitzte Nussknacker, daneben alibimäßig noch ein Exemplar vom heiligen Josef. Weihnachtsmarkteröffnung am 15. November. Zu seiner Zeit hätte es so etwas nicht gegeben!
Auf diesen Schreck braucht er erstmal eine Tasse Glühwein.

Chinesisch

„Nummaswai!“ Die Stimme der kleinen Chinesin ging Laura durch Mark und Bein. Gerade einmal eins-fünfzig groß und kaum hinter dem Tresen zu sehen, machte sie dies durch Lautstärke mehr als wett. Sie knallte die beiden Nudelboxen achtlos auf den Tresen, nahm die Bestellung eines Kunden entgegen und gab gleichzeitig einem anderen sein Rückgeld.
Ein Anzugträger mit zurückgegeltem Haar trat wagemutig nach vorn und schnappte sich die Boxen, sichtlich erfreut, der duftend-dampfenden Hölle des Schnellimbissstandes zu entkommen.
Laura sah ihm neidisch hinterher und trippelte nervös von einem Fuß auf den anderen. Hätte sie doch nur diese seltsame Knobelvariante mit Spock und Echse mitgespielt, anstatt sich schon nach der Regelerläuterung gegen ihre Bürokollegin Wendy geschlagen zu geben… So war es heute an ihr, für das gemeinsame Mittagessen zu sorgen.
„Nummains!“ Wieder wurden zwei Boxen auf den Tresen geknallt. Laura beäugte sie misstrauisch. Als sich keiner der Wartenden rührte, zuckte sie hilflos mit den Schultern, trat vor und griff nach der Box – nur um eine schnellere Hand zu ergreifen, zu der ein strubbeliger, schwarzer Haarschopf und mandelbraune Augen gehörten.
Ihre Blicke trafen sich, ihr Konkurrent um die Nudeln zuckte erschrocken zurück und nur um Haaresbreite konnte Laura die beiden Boxen auffangen.
„Entschuldigung“, setzte sie an, aber verstummte. Diese Augen… die hatte sie schon gesehen. Und nicht nur sie… Sie spürte, wie Hitze in ihr aufstieg, gefolgt von der Erinnerung an diese Nacht…
„Nummains!“, beendete die Chinesin den peinlichen Moment, zwei weitere Nudelboxen landeten auf dem Tresen, gierig belauert von der Kundschaft.
„Das sind dann wohl deine“, bemerkte Laura, als er keine Reaktion zeigte.
Er blinzelte verwirrt, sah die Boxen. „Oh, ja. Danke.“
Laura schenkte ihm ein Lächeln, verließ den Laden und sah auf die Uhr. Noch dreißig Minuten Mittagspause, immerhin. Hoffentlich war das auch wirklich ihre Bestellung… Sie stellte sich an die Ampel, atmete tief die frische Luft ein.
„Warte!“
Sie drehte sich überrascht um. Vor ihr stand ihre letzte Eroberung und kratzte sich verlegen hinterm Ohr.
„Du bist…“, setzte er an.
Sie nickte.
„Und wir…“
„Jaaaa.“
„Und ich bin einfach…“
„Mhmmm…“
„Tut mir echt verdammt leid…“ Er streckte ihr die Hand hin. „Ich bin Jochen. Und ich fürchte, ich weiß deinen Namen nicht mehr.“
„Laura.“ Einen absurden Moment lang schüttelte sie ihm die Hand.
„Wäre schön, wenn wir uns wiedersehen könnten, Laura.“ Wieder kratzte er sich hinterm Ohr, dann glitt sein Blick in die Ferne. „Mist, mein Bus. Hier ist meine Karte.“ Weg war er.
Laura sah ihm verwirrt hinter her – bis eben dachte sie noch, die Chinesin wäre schwer zu verstehen…