Adventskalender 2014: Türchen 3

„So, das war der letzte.“ Jochen wuchtete den Karton in den Kofferraum, schloss die Tür und stieg in den schwarzen Kombi.
Laura sah ihm verlegen dabei zu und warf einen letzten Blick auf das Mietshaus, ehe sie sich auf den Beifahrersitz setzte. Wie konnte sie nur so dumm sein? Kerzen dicht neben einen Blumenstrauß stellen, dazu einen Brotkorb, eine Tischdecke und fertig war der Wohnungsbrand. Jedes Kleinkind wäre vorsichtiger gewesen …
Ihr Vermieter hatte getobt und sie eine Gefahr für die Allgemeinheit genannt. Sie könne von Glück reden, dass niemandem etwas passiert sei und sich der Schaden nur auf ihre Wohnung beschränkte – für deren Kosten sie im Übrigen selbst aufkommen müsse, für solch gemeingefährliche Fahrlässigkeit würde nicht einmal ein vertrottelter Hinterweltler-Versicherer aus Timbuktu haften. Laura musste ihm leider recht geben – es war ihre Schuld, und sie würde dafür gerade stehen müssen. Aber die Erkenntnis, dass ihre Wohnung unbewohnbar war, traf sie wie ein Schlag: Die Feuerwehr hatte ganze Arbeit geleistet und nicht nur das Feuer gelöscht … Sie stand praktisch auf der Straße. Wäre da nicht Jochen gewesen …
Jochen. Sie warf einen scheuen Blick auf ihn. Er sah konzentriert auf die Straße, steuerte den Wagen sicher und vorausschauend. Sie hatte ihn nicht bitten müssen, im Gegenteil. Sie war sich kaum der Katastrophe bewusst geworden, da hatte er schon vorgeschlagen, sie solle doch zu ihm ziehen, bis die ganze Angelegenheit geklärt sei. Unsicherheit hatte sie gepackt, ihr die Kehle zugeschnürt wie eine Boa Konstriktor. Sie wusste doch noch kaum etwas über ihn. Sie waren mehrmals miteinander ausgegangen, zum Abendessen, ins Kino, Tanzen, waren danach oft bei ihr gelandet … aber bei ihm war sie noch nie gewesen. Aber blieb ihr eine Wahl?
Die Häuser, die am Fenster vorbeihuschten, veränderten sich langsam. Ragten eben noch große Mietshäuser, graue Plattenbauten wie stumme Zeugen einer längst vergangenen Epoche voll geschmackloser Architekten am Straßenrand auf, so lösten große, borkige Riesen sie ab, im Sommer unablässig im Wind murmelnd und mit den Blättern raschelnd, nun aber kahl, reglos, traurig gebeugt unter der Last des Schnees. Hinter ihnen schlecht verborgen entdeckte Laura kleine Häuschen, teils von Zäunen umgeben, von Rutschen oder Schaukeln flankiert. Jochen schaltete zurück, setzte den Blinker und kam langsam vor einer Garage zum Stehen, die zu einem dreistöckigen Haus mit Balkon und Giebeldach gehörte.
„Da wären wir.“ Jochen löste den Anschnallgurt.
Laura tat es ihm gleich. „In welchem Stockwerk wohnst du?“
„In allen.“ Er lachte. „Mir gehört das ganze Haus.“
Er stieg aus – Laura sah ihm verdutzt hinter her. Da ist mir wohl ein großer Fang geglückt … Sie spürte, wie sie rot wurde, schüttelte den Kopf und stieg aus, ehe sie noch weiter über seine Größe nachdachte….

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3 Kommentare zu “Adventskalender 2014: Türchen 3

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