Adventskalender 2014: Türchen 8

„Vom Flughafen?“, hakte Laura nach, als Dorothea sich wieder beruhigt hatte. „Also kommen Sie… kommst du direkt aus Tibet? Oder war das mit Tibet auch erschwindelt?“, fügte sie mit einem Seitenblick auf die Kekse hinzu.
Dorothea fischte umständlich den Teebeutel aus ihrer Tasse und drückte ihn aus. „Nein, in Tibet war ich wirklich. Ich habe auch wirklich über die Morgenroutine seiner Heiligkeit geschrieben – das soll der Auftakt für eine neue Serie werden – Aufwachen mit den wichtigsten Männern unseres Jahrhunderts.“
„Wow. Klingt aufregend.“
„Ist es auch – und ungemein interessant und erstaunlich, was für Einblicke man kriegt. Die Serie wird sicher ein Hit, auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich den Kuschelyeti seiner Heiligkeit wirklich erwähnen soll…“
Laura verschluckte sich beinahe an ihrem Keks. „Kuschelyeti?“
Dorothea nippte ungerührt an ihrem Tee und nahm sich einen weiteren Keks. „Scheußlich, diese Dinger… Ich glaube, ich werde sie an die Vögel verfüttern.“
Laura schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das geht nicht.“
„Wieso nicht?“
„Das wäre Tierquälerei.“
Jetzt war es Dorothea, die sich an ihrem Keks verschluckte. Ihr Lachen ging in heftiges Husten über, sodass Laura beinahe ein schlechtes Gewissen bekam.
„Und wohin geht die Reise als nächstes?“ Sie tunkte einen der Kekse in den Tee – vielleicht war der Trockenheit so beizukommen…
„Das weiß ich noch nicht so genau – vielleicht nach Kuba. Aber über die Feiertage mache ich erst mal hier Station.“
Lauras Keks ging unbeobachtet auf Tauchstation. „Sie bleiben hier?“
Sie sah, wie Dorotheas Wangen sich etwas röteteten. „Entschuldige…. ich bin schon wieder mit der Tür ins Haus gefallen. Ich sollte Jochen Stubenarrest geben.“
Der Scherz trug nur mäßig zur Entschärfung der Situation bei. Stubenarrest wird ihn nicht mehr stören, wenn ich mit ihm fertig bin, dachte Laura. Sie umschloss ihre Tasse mit beiden Händen. Der Keks in ihrem Tee begann, sich langsam aufzulösen. Einzelne Krümel trieben an der Oberfläche wie kleine Rettungsboote.
Die Türklingel beendete schließlich das peinliche Schweigen. „Das ist bestimmt Jochen – er hat heute seinen Schlüssel zu Hause liegen lassen.“ Laura wies entschuldigend auf den Schlüsselbund und sauste zur Tür.
Jochen war gerade damit beschäftigt, sich Schnee von den Schuhen zu klopfen. Offenbar hatte er einen Umweg durch den verschneiten Garten genommen. Wusste der Geier, wieso.
„Deine Mutter ist hier.“, begrüßte ihn Laura.
„Dann hat sie ihren Flug ja doch noch erwischt!“ Ein strahlendes Lächeln nahm sein Gesicht ein. „Gestern meinte sie noch, es würde sich vielleicht nicht ausgehen.“ Er streifte schnell seinen Mantel ab und folgte dann Laura in die Küche.
„Mama!“
„Jochen!“ Dorothea stand freudig auf und umarmte ihren Sohn.
„Bleib doch sitzen… ich hole mir schnell eine Tasse. Du musst mir unbedingt erzählen, wie es beim Dalai Lama war!“
Dorothea winkte ab. „Später. Ich werde jetzt erst einmal auspacken und euch alleine lassen. Laura wartete schon sehnsüchtig auf dich.“

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