Ruhe

Sanft platschen Tropfen
Frei und taktlos ans Fenster
Selbst tief vergraben

Kuschlig in den Kissen
Dösend als der Nachbar bohrt

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Schlüssel und Schloss

Rot glitzert es in der Sonne. Er erinnert sich noch gut.
Jetzt ist die schwarze Schrift ausgeblichen, kaum noch lesbar. Damals hatte er ewig nach einem Stift gesucht, das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Ein wasserunlöslicher sollte es sein, ein Stift für immer.
Früh morgens zogen sie los, zur Brücke. Im ersten Sonnenlicht küsste sie ihn, lehnte sich an ihn. Sie duftete nach Rosenblüten und Zimt – zumindest stand das auf ihrem Shampoo.
Ihre Hände steckten tief in seinen Taschen, ihre blonden Haare flatterten im Wind, kitzelten seine Nase, als er das Schloss ans Geländer hängte. Mit einem leisen Platsch versank der Schlüssel im dreckigen Wasser.
Er seufzt, blickt aufs Wasser. Damals. Und nun? Das Schloss hält nur kurz stand, dann siegt der Bolzenschneider. Mit einem leisen Platsch folgt das Schloss dem Schlüssel nach.

Late Knight

Zielgenau landet er auf der Kante. Die Wucht des Aufpralls kippt ihn nach vorne, zwingt ihn in die Knie. Seine Hand schießt nach unten, streicht über rauen Beton, hält sich fest, fängt ihn ab.
Langsam erhebt er sich, atmet tief ein und aus.
Vor ihm der Abgrund, die Häuserschlucht, in der das Leben der Stadt pulsiert, grell leuchtend. Über ihm der Himmel, dunkel, von Smog verhangen, jedwedes Lichtes beraubt, vom Glanz der Stadt überstrahlt.
Die Nacht ist kühl, lässt seinen Atem dampfen. Der Wind reißt an ihm, schneidend kalt, rötet seine Wangen, verfängt sich in seinem Cape, bläst es auf. Irgendwo schlägt eine Turmuhr dreimal.
Wachsam lässt er seinen Blick über die Straßen schweifen. Trotz der späten Stunde summt, brummt, hupt der Verkehr, pulsiert wie das Blut in verstopften Adern, Teilchen für Teilchen aneinander gekettet.
Inmitten der Lichterketten blitzt es blau auf. Er atmet tief ein, sein Herz macht einen Satz. Er streckt die Arme, reckt die Finger, lässt die Knöchel knacken. Schon erhebt es sich über der Stadt, das Heulen, wie jede Nacht. Während die Sirenen singen, sausen sie dahin, aus allen Ecken kommen sie gekrochen, blau blitzende Einsatzfahrzeuge. Manchmal mischt sich ihr Gesang mit dem dumpfen Knallen von Revolvern oder dem rhythmischen Rattern der Maschinenpistolen. Reifen pfeifen, Blech scheppert.
Er hält inne, schließt die Augen, hält den Atem an. Lauscht, lässt die Geräusche auf sich wirken, spürt ihnen nach, saugt sie in sich auf.
Eins, zwei, drei. Gleich ist es soweit.
Er wirbelt auf dem Absatz herum, der Abgrund greift nach ihm, er schlägt die Augen auf, blickt zum Himmel.
Da ist es.
Wie jede Nacht.
Wie der Blitz stößt er sich ab, schnellt nach vorne. Zerschneidet die Luft. Der Wind umschlingt ihn, versucht ihn zu halten, doch er ist schneller, weicht ihm aus, unterläuft ihn, lässt sich treiben. Unter seinen Absätzen knirscht das Kies der Dachterrassen, hallt das Holz der Balkone, klingt das Metall der Geländer. Wie ein Schatten rast er dahin, jagt das Heulen, das blaue Blitzen, zielgerichtet wie ein Pfeil.
Das Heulen wird lauter, dann verstummt es. Er springt über die letzte Dachkante, schwingt sich über eine Schlucht, hält inne. Unter ihm das blaue Blitzen, regungslos. Aufgeregte Rufe, Schüsse. Männer in Uniformen, Scheinwerfer. Sie umstellen einen Hauseingang, davor ein grüner Ford Mustang. Einschusslöcher überziehen ihn wie Sommersprossen. Die Türen sind weit aufgesperrt, der Wagen verlassen.
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, er schwingt sich hinab, über die Köpfe der Schaulustigen hinweg. Federnd landet er in ihrer Mitte, taucht unter der hastig aufgestellten Absperrung hinweg.
Ein dicker Polizist will sich ihm in den Weg stellen, er ignoriert ihn.
„Wartet!“, will er ihnen zurufen, „Ich mache das schon.“
Im selben Moment erhebt sich Geschrei, Schüsse fallen im Gebäude, die Tür geht auf. Polizisten quellen heraus, in ihrer Mitte zwei Männer in abgerissener Kleidung, in Handschellen.
Ein alter Mann mit Brille und Trenchcoat stellt sich ihm in den Weg, schüttelt den Kopf. „Tut mir leid. Heute bist du zu spät.“

Gratwanderung

„Lass uns noch etwas trinken gehen“, sagte sie.
Überrascht blickte er von seinem Schreibtisch auf, sah, wie sie vor ihm stand, die Jacke über den Arm gehängt. Eigentlich hatte er mit dem üblichen Abschiedsgruß gerechnet, wie jeden Tag. „Nun, äh, also, ich…“ Ratlos senkte er den Blick, ließ ihn bezeichnend über die vielen Aktenstapel auf seinem Schreibtisch schweifen, über den Computermonitor, dessen stechend schwarze Schrift auf weißem Grund sich längst in seine Netzhaut eingebrannt hatte – nur, um ihrem warmen Lächeln auszuweichen. „Eigentlich hab ich noch zu tun…“
Sie seuftze theatralisch und verdrehte die Augen. „Ach, komm, Herbert. Sei kein Frosch. Es ist längst Feierabend. Du kannst nicht jeden Tag bis Mitternacht Überstunden machen! Außerdem…“, Sie grinste verschlagen, „…hab ich hier auch deine Jacke. Die nehm ich notfalls auch ohne dich mit.“
Herbert seufzte ergeben. „Also gut. Aber nur kurz, ja? Ich muss morgen wieder früh raus.“
Sie lachte. „Pflichtbewusst wie immer. Aber keine Sorge: Das muss ich auch.“
„Gut.“ Er nickte, starrte wieder auf seinen Bildschirm. „Aber lass mich das hier noch schnell abschließen, ja?“
„Okay. Ich lösche derweil überall sonst das Licht – wir sind eh die letzten.“ Schwungvoll drehte sie sich um, eilte mit langen Schritten aus dem Büro, nur um sich unter der Tür nocheinmal umzudrehen. „Aber wehe, du machst noch eine weitere Akte auf!“ Sie drohte ihm mit dem Finger und grinste. Auf ihren Wangen zeigten sich kleine Grübchen. Eine Sekunde später war sie verschwunden.
Herbert rieb sich erschöpft die Augen, wandte sich wieder den Akten zu. Mehr schlecht als recht hämmerte er auf die Tastatur, vertippte sich ständig. Schließlich gab er es auf, klappte den Ordner zu, legte ihn auf den bereits bedrohlich schiefen Stapel, speicherte und fuhr den PC herunter. An der Tür löschte er noch schnell das Licht, ehe er den Korridor entlang zum Lift eilte.
Der Lift war bereits da und sie sah ihm ungeduldig entgegen. „Ich dachte schon, ich müsste dich holen.“
„Nein, nein…“, erwiderte er und folgte ihr hinein.
Sie drückte auf Erdgeschoss und gab ihm seine Jacke, ein altes, ausgefranstes Ding in militärgrün. Hastig schlüpfte er hinein, verhedderte sich im Ärmel. „Und wohin gehen wir?“, fragte er, während er mit der Jacke kämpfte.
„Weiß nicht…“ Sie beobachtete ihn amüsiert, ihre roten Lippen zuckten. „Bist du mit dem Auto da?“
„Ja.“ Erleichtert befreite er seinen Arm, schlüpfte richtig in die Jacke und knöpfte sie zu.
„Um die Zeit findest du wohl in der City nirgends mehr einen Parkplatz, nicht seit sie bei der Parkgarage am Fluss bauen…hmmm…“ Überlegungen zerfurchten ihre Stirn. „Da ist doch diese kleine Bar direkt gegenüber – Los Amigos, oder wie sie heißt.“
„Stimmt. Da war ich aber noch nie drin…“
„Ich auch nicht.“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Vielleicht sollten wir ihr eine Chance geben…“
Keine zehn Minuten später, nur einmal über die Straße, und Herbert fand sich in einer warmen, kleinen Schankstube an einem kleinen runden Tisch wieder. Ein paar Männer am anderen Ende des Raumes spielten Billard, Rauch hing in der Luft und aus einem Lautsprecher drang laute Popmusik. Nervös fuhr er sich durch die Haare. Solche Orte war er bei Gott nicht gewohnt.
Noch ehe er sich aus seiner Jacke quälen konnte, war ein Kellner vor ihrem Tisch aufgetaucht. „Was trinken die Herrschaften?“, fragte er mit seltsam spöttischem Unterton.
„Einen Radler, bitte“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.
Herbert sah sich ratlos um. Keine Spur von einer Karte. Er kratzte sich hinterm Ohr.
Seine Verwirrung entging ihr nicht. „Zwei.“ Ihre Finger formten ein V, an ihrem Handgelenk glitzerte ein dünnes Silberkettchen im Licht der Lampe über ihnen.
Er kämpfte noch mit dem letzten Knopf, als sie ihre Jacke bereits über die Stuhllehne hängte. „Ganz okay, der Laden, oder?“
Herbert nickte. Der Kellner erschien wieder, knallte zwei Flaschen auf den Tisch. Ohne Gläser.
Herbert griff unsicher nach der seinigen, nippte daran, nahm einen großen Schluck, setzte sie wieder ab.
„Nur ziemlich gut geheizt…“ Sie öffnete die obersten Knöpfe ihrer Bluse, löste den Haarknoten im Nacken, ließ die langen schwarzen Strähnen lose auf die Schultern fallen.
Herbert wandte seinen Blick zu den Dartspielern. Gerade brach einer von ihnen in Jubel aus – er hatte wohl die Mitte getroffen. Seine Mitspieler fluchten.
Er griff erneut nach seiner Flasche, nahm einen großen Schluck. Versuchte unauffällig auf die Uhr zu blicken, doch da ergriff sie plötzlich seinen Arm.
„Komm, lass uns tanzen.“
„Also, äh…“
„Sei kein Frosch.“ Sie lachte, sprang auf. „Das ist immerhin mein Lieblingslied, das da grad läuft!“ Sie zog an seinem Arm.
Widerwillig gab er nach, ließ sich von ihr zu einer freien Fläche zwischen den Tischen führen. Herbert sah sich scheu um, doch niemand beobachtete sie. Ungeschickt bewegte er sich zu den hektischen Beats irgendeines Techno-Raps in grauenhaftem Englisch, wusste nicht wohin mit seinen Armen, wohin mit seinen Füßen. Sie hingegen schien sich von der Musik treiben zu lassen, wirbelte um ihn herum, war mal hier, mal da. Lachte, scherzte, tanzte von ihm weg, drehte sich. Plötzlich wechselte die Musik, ein neues Lied begann, langsam, ruhig, voller Sehnsucht und Herzschmerz.
Wie selbstverständlich trat sie zu ihm, legte seine Hand um ihre Hüften. Langsam drehten sie sich, nervös sah er sich um, hielt sie unsicher in den Armen, suchte ihren Blick und mied ihn gleichzeitig. Er spürte Wärme durch ihre Bluse, vertraut und doch fremd. Sie gab ihm Mut. Er packte sie fester, drückte sie an sich. Ihre Lippen suchten die seinen, seine Finger strichen über ihren Rücken nach unten…
Ja, so musste es gewesen sein. Das war er gewesen, der Moment, der alles veränderte. Nichts würde mehr so sein, wie es war. Nervös wendet Herbert seinen Blick von der Decke ab, sieht nach rechts, betrachtet sie. Wie sie da liegt, nackt, unschuldig, in die Decke gekuschelt. Ihr Atem geht leise und ruhig, während sein Herz ihm schier in der Brust zerspringen will. Was ist er nur für ein Idiot – schon seit sie bei ihnen in der Firma angefangen hatte, spielte er mit dem Feuer, wandelte auf einem schmalen Grat zwischen Moral und Ehrgefühl, Treue und Verlangen. Immer sagte er sich, er wisse, was er tue, könne niemals abstürzen. Doch nun ist er gestürzt, gefallen, liegt unwiderbringlich in ihrem Bett.
Er, ein verheirateter Mann.

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Dieser Text ist ein Beitrag zur ersten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der ersten Runde war Gratwanderung.