Ordnung

sanft
und kühl
das erste Treffen
sie bleiben aneinander hängen
vereint

Liebe
die heftet
Papier und Büroklammer
zwischen Deckel und Trennblatt
gebettet

Jahre
vergehen schonungslos
verzehren die Substanz
leiern aus das Paar
entzweit

verbogen
die Klammer
Papier lernt fliegen
als sich die Mappe
erhebt

missgestaltet
die Klammer
in Jahren verformt
ein Schatten ihrer selbst
entsorgt

verstreut
und gesammelt
Papiers neuer Gefährte
Liebe auf den ersten
Stich

glücklich
der Tacker
einstweilen vereint bis
die Zeit neue Seiten
aufschlägt

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In eigener Sache: Blogauszeit bis 19.6.

Stapel himmelhoch
Bücher zum Lernen getürmt
Student begraben

 

Leider muss ich heute bekannt geben, dass mir meine Verpflichtungen an der Uni etwas über den Kopf wachsen – nebenbei auch noch zwei Mal pro Woche Texte zu verfassen und zu posten geht derzeit über meine Kapazitäten.

Deshalb ziehe ich hiermit die Notbremse, ehe ich wie ein Hamster im Rad renne.

Der Tintenfleck macht Pause bis Freitag, 19. Juni.

Ich wünsche euch eine schöne Zeit! Bis dann in alter Frische!

flocke

Ein Blick dahinter

Es ist noch da, das alte Mietshaus. Einsam, ausgegrenzt steht es am Ende der Straße und blickt mich mit großen, dunklen Fenstern an. Der Zahn der Zeit hat ihm zugesetzt, seine Fassade ist ergraut, mit Rissen überzogen. Lange ist es her, dass ich zuletzt hier war. Damals, im Studium.
Ich wechselte mein Heim jedes Semester, immer auf der Suche nach einer noch billigeren, zugleich weniger schäbigen Absteige. Mietfreie Ferien, das war meine Devise. In der ganzen Stadt wohnte ich, nirgends hielt es mich lang – auch danach nicht. London, Paris, Tokyo … mehr Stationen auf meinem Weg als Finger an meiner Hand. Immer auf Achse, nirgends verhaftet.
Außer hier.
Das alte Mietshaus, mein Fels in der Brandung. Schon damals knirschten und knarzten die Böden, pfiff der Wind durch alle Ritzen, waren die Dächer undicht, die Fassade rissig. Hier und da Blumen in den Fenstern, ein Klecks Farbe im tristen Grau. Tag für Tag verabschiedeten wir uns hier, direkt davor, auf der Straße. Es war für mich Ehrensache, dich heimzubringen, wohntest du doch so schäbig wie zentral, direkt neben der Universität. Mein Weg führte immer vorbei, wo ich auch wohnte.
Jeden Tag blieben wir stehen, sahen uns an. Das Gespräch verstummte, wechselseitiges „Da wären wir“ – „Ja.“ – „Bis morgen.“ – „Ja. Bis dann.“ Unser tägliches Ritual.
Doch dann kam der Regen, dicke, schwere Tropfen überraschten uns, trieben uns hinein. Mein erster Blick hinter die Fassade, auf die in grellem Grün gestrichenen Türen, die Graffitis im Treppenhaus. Das rauchende Krokodil, die politischen Parolen von Steuerreform und Klassenkampf.
Deine Tür, das schiefhängende Klingelschild, die abgegriffene Klinke. Die kaputte Tür deines Kleiderschranks, die abgenutzten Sessel, zwei ungleiche Zwillinge. Der eine tief und einladend mit grüngelbem Karo, der andere aus braunem Leder mit mächtigen Armlehnen. Du kochtest Kaffee, ich höre noch heute das Gurgeln der Maschine und das stete Tropfen der undichten Decke.
Wir hängten unsere nassen Jacken über die Heizung, sahen nach draußen, warteten vergebens auf das Ende des Regens bis spät in die Nacht …
Das Haus ist noch da, doch wo bist du? Unsere Diplome öffneten uns die Welt, Abenteuerlust entriss uns. Nur das Haus blieb hier.
Allein.

 

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Dieser Text ist ein Beitrag  zur siebten Rude des Projekts *.txt, bei dem Autoren 21 Tage haben, um zu einem gezogenen Wort einen Text zu verfassen. Mehr zum Projekt gibt es hier, das Wort der siebten Runde war Fassade.