Haiku XV

Schnee in den Ästen
Sieh das Kunstwerk über dir
Es fällt herab – Brrrrr!

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Verweht

Vor kurzem war er noch klein, nun wird er immer größer. Der alte Magier sieht zornig auf den dunklen Fleck hinab, der sich langsam den Berghang hinaufarbeitet. Da kommt er, der unerschrockene Recke, der tadellose Held, die Welt zu retten … Aber noch hat der Magier nicht aufgegeben. Dies ist sein Berg, er ist der Herr dieses Gipfels. Nur er regiert hier. Mag der Ruhm Aarons von Ostwald auch vom Langen See bis zum Finsterwald, von Tiefenstein bis Hohental reichen, hier endet seine Macht.
Der Magier dreht sich um, blickt hinauf gen Gipfel, zu den drohenden Wolken. Er hebt den Stab hoch in die Luft, die Spitze glüht, zischende Blitze zucken hervor, zerstieben die Wolken, verwandeln das friedliche Grau des Himmelsmeeres in einen reißenden Strudel. Er spricht die Worte der Macht, langsam, bedächtig, dreizehnmal, wie es die Tradition gebietet, wie ihn sein längst verstorbener Meister einst gelehrt hat.
Im Himmel erheben sich die alten Götter von ihren kalten Betten, die Geister der Lüfte lauschen auf seinen Gesang. Die Wolkennymphen halten in ihrem Spiel inne, achtlos lassen sie den Ball fallen, der eben noch fröhlich über die Nebel tanzte.
Ein Eingeweihter beschwört sie bei dem alten Pakt, dereinst mit Blut unterzeichnet. Tausend Jahre kam es nicht mehr vor, doch sie werden folgen.
Iove selbst ist es, der die Befehle gibt. Grau ward er, von der Zeit gezeichnet, doch ist er längst nicht machtlos. Von seinem Thron aus befehligt er die anderen, heißt sie, all die Elemente zu entfesseln, den Geistern die Zügel zu lockern, die Winde zu befreien.
Die Nymphen beginnen, die Wolken zu durch wirbeln, schneller, immer schneller. Neptor öffnet die Schleusen, setzt die ungeheuren Wassermassen des Himmels frei. Die Wolken scheinen um das Schicksal des Helden zu weinen, der seinem Ziel bereits so nah ist, und doch so fern.
Denn nun zieht der Herr der Winde die Tore der Höhle auf, und heraus schießen sie. Der warme Südwind säuselt durch die Luft, lässt die Blätter an den Bäumen erzittern, spielt mit den Grashalmen am Hang. Er kräuselt die Haare des Helden, verfängt sich in seinem Bart und treibt ihm in jugendlichem Leichtsinn Regen ins Gesicht.
Doch nur kurz dauert sein Spiel, schon entkommt der tückische Westwind, von dem die Dichter einst sangen. Verschlagen ist er, weht mal hier, mal dort. Eifrig peitscht er die Äste, reißt ihnen die Blätter ab, schlägt mal von hier, mal von dort. Tief im Tal klappern die Fensterläden und die Häuser ächzen unter seiner Wut. Einem fleißigen Studenten durchblättert er das offene Buch, einem unvorsichtigen Mädchen raubt er den Hut … doch ist dies nichts gegen die Gewalten, die er am Berge entfesselt. Der Held, Aaron von Ostwald, duckt sich eng an den Hang, schiebt sich weiter Zentimeter um Zentimeter vor. Der Westwind reißt an seinen Kleidern, versucht, ihn zu heben, doch vergebens.
Schon entfesseln die Götter den Nordwind, befreien ihn aus seinen schweren Ketten. Boreas schüttelt sich, freut sich seiner freien Glieder. Tief holt er Luft, die Welt scheint er zu verschlingen, ehe er zu blasen beginnt. Hunderte Blätt-er erheben sich von den Bäumen, in der Bibliothek des Studenten fliegen die Bücher wild durcheinander, gleich einem Strudel des Wissens. Er ent-reiß-t den Häusern die Dä-cher, e-nt-wurz-elt so man-chen B-au-m. Graus-am fegt e-r ü-ber den H-a-ng h–ina-b, gr—eift n-a-c-h de—m H-e-l—de—n, d——–oc—-h de—r ——-

 

Verflixt, jetzt hat es mir doch wirklich die Buchstaben verweht!

Jogging

Sandra lehnte sich zurück, streckte die Arme über den Kopf und besah sich noch einmal die letzten Zeilen, die sie eben getippt hatte. So weit, so gut. Inhaltlich schien alles richtig zu sein, aber ihre Bandwurmsätze wurden ihr langsam unheimlich.
Sie hatte nun sechs Seiten Hausarbeit hinter sich. Fehlten weitere sechs, um nur das Minimum zu erfüllen. Sie sah auf die Uhr. Kurz nach drei. Schon seit Stunden saß sie hier und rang mit der Sekundärliteratur, ohne wirklich voranzukommen.
Noch fiel die Sonne warm durch ihr Fenster, färbte das Laub in der Allee vor ihrem Wohnheim golden. Vielleicht sollte sie sich eine Pause gönnen und etwas frische Luft schnappen?
Sie stand auf und blickte aus dem Fenster. In knapp zwei Stunden wäre die Sonne weg. Triste Dunkelheit würde die Welt verschlucken und mit Kälte überziehen.
Aber noch war es warm. 15 Grad laut Wetterapp. Viel zu warm für Mitte November.
Kurz entschlossen zog Sandra das Rollo zu und schlüpfte in Shorts und T-Shirt. Einmal kurz joggen gehen, die Allee entlang, den Weg zum Fluss runter und dann flussaufwärts, so weit sie konnte oder wollte. Bis zum Damm, mindestens.
Als sie ins Freie trat, zog sie gierig die frische Luft ein. Sie konnte richtig spüren, wie sie wacher, munterer wurde und wie ihr Geist von der drückenden Schwere der Literatur des Fin de Siècle und seiner einander zuwiderlaufenden Strömungen befreit wurde.
Sie dehnte sich kurz und lief los, langsam, gemächlich, um warm zu werden.
Das Wetter war wirklich traumhaft. Viele Spaziergänger waren unterwegs. Einzelne Studenten auf dem Heimweg, Anwohner, Kinder, die durchs Laub tobten. Hier und da ein Klüngel junger Menschen, Freunde, die Freunde besuchten, und Pärchen, die Händchen haltend die bunten Farben des Laubes bestaunten, kuschelnd auf Bänken saßen oder stehenblieben und küssend allen im Wege standen.
Früher hatte Sandra auch zu ihnen gehört. Sie und Lukas hatten gemeinsam so manchen Herbsttag genossen, sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und Eichhörnchen beobachtet. Damals, bevor sie ihr Abi machten. Als ihre Welt noch heil war, ehe der Numerus Clausus sie auseinander riss, sie hier und er dort. Ehe die Entfernung ihre Beziehung zerstörte.
Lange hatte sie getrauert, war nicht über ihn hinweg gekommen. Sie hatte sich in ihrem Zimmer verkrochen, einsam, nur sie, ihr Laptop und Schokolade. Jedes Wochenende. Sie hatte die Pärchen im Herbst verflucht, gehasst, beneidet.
Bis sie schließlich lernte, mit ihnen zu leben. Sich zu arrangieren mit den Pärchen.
Pärchen wie die zwei vor ihr. Sie, klein, rotwangig, mit wallendem haselnussbraunem Haar und er, naiv und unbedarft, mit blonder Stoppelfrisur, durchlöcherten Ohren und der typischen Haltung eines Informatikstudenten.
Gemächlich trabte Sandra an ihnen vorbei, mit federndem Schritt durch das raschelnde Laub. Sie konnte förmlich spüren, wie das Pärchen ihr automatisch nachsah, wie jedem anderen Passanten auch. Sie beschleunigte ihre Schritte, wurde schneller, immer schneller, flog durch die Allee.
Sie spürte, wie vor allem sein Blick ihr folgte, wie er unbedarft versuchte, die Aufschrift über ihrem Po zu lesen. Gleich würde er seine Freundin fragen, ob sie es lesen konnte und den Streit seines Lebens kassieren.
Sandra rang nach Luft, lächelte, blieb stehen und sah zurück. Sie sah ihn böse an, sein Kopf war bereits puterrot.
Auf dem Hosenboden ihrer Shorts stand „Ätsch, das hast du davon.“

Nackt

Biep. Biep. Biep. Der Wecker klingelte fröhlich zum Morgenappell. Charlie drehte sich widerwillig um, öffnete die Augen, starrte auf die digitalen Ziffern, ohne etwas zu erkennen.
Im selben Moment wurde er unsanft angehoben. Sue zog ihren Arm unter dem Kissen hervor, auf dem er lag, und die Matratze wölbte sich, stieg wie die Titanic auf seiner Seite in die Höhe, nur um sofort wieder zu fallen, als sie sich in die Höhe stemmte.
Missmutig sah er sie an, sah ihr nach, rief nach ihr.
Sue hielt inne, drehte sich um. Ihre Hand glitt über seinen Kopf, um sein Kinn, seinen Körper entlang. „Sorry, Charlie, aber ich komm sonst zu spät.“
Er räkelte sich, streckte sich ihr entgegen, wollte nach ihr greifen, vergebens.
Sue sprang auf und eilte ins Bad.
Noch im Gehen zog sie ihr kurzes Nachthemd über den Kopf, ließ es achtlos zu Boden gleiten, ehe sie die Tür zu dem kleinen Bad aufriss, das an sein Schlafzimmer grenzte.
Charlie gähnte, streckte sich, drückte sich an das Kissen, trauerte dem Schlaf hinterher. Er sah Sue am Waschbecken stehen, sie presste gerade perlweiße Zahnpasta auf ihre Zahnbürste, nur mit einem Slip bekleidet. Durch das Dachfenster über ihr fielen die ersten Sonnenstrahlen herein, ließen ihre Haare golden glänzen und liebkosten ihren Hals, ihre Brüste, ihren Bauch …
Charlie hob den Kopf, leckte sich die Lippen. Sollte er auch aufstehen? Frühstücken?
Ein weiteres unangenehmes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Didudidudidudidudidu machte die Türklingel.
Sue spuckte die Zahnpasta aus. „Scheiße, das ist Mel.“ Sie gurgelte, verschluckte sich, hustete, spuckte wieder. „Sie ist viel zu früh dran!“
Sue flitzte durchs Zimmer, schlug die ebenfalls offene Tür vom Schlafzimmer zum Flur zu und riss ihren Schrank auf.
Inzwischen knarrte die Wohnungstür. Melanie, Sues beste Freundin und Fahrgemeinschaft, hatte das Warten wohl satt und zu ihrem Zweitschlüssel gegriffen.
„Sue?“
„Moment.“ Sue runzelte die Stirn und zog schnell mehrere Wäschestücke hintereinander aus dem Schrank. „Ich hab noch nichts an.“ Flink wie eine Rennmaus schlüpfte sie in ihre Sachen, riss die Tür auf und stürmte hinaus.
„Mach’s gut, Charlie“, rief sie über die Schulter, dann war sie verschwunden.
Charlie sah ihr nach, schwang unschlüssig seinen Schwanz hin und her und begann dann, sein Fell zu lecken.
Er würde nie verstehen, warum Sue sich anziehen musste, um mit anderen Menschen zu reden. Für Katzen wie ihn tat sie es ja auch nicht.

Alea iacta est

Fred hob widerwillig den Kopf und sah in Monas tiefe blaue Augen.
Sie wich ihm nicht aus, blinzelte nicht, sondern hielt seinem Blick ruhig und gelassen stand.
Keine Spur von Furcht lag in ihnen, keine Verzweiflung. Ihr Gesicht war gleichzeitig milchweiß und rosa, wurde eingerahmt von goldenen Locken und ihr Mund schien ihm wie die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gab, und doch – was hatte er für eine Wahl?
Mona verzog keine Miene, ließ sich nicht anmerken, ob sie wusste, was er wusste. Wie gerne hätte er geleugnet, sich verstellt. Doch er musste eisern bleiben. Die Tatsachen lagen vor ihm auf dem Tisch, es gab kein Zurück. Der Würfel war gefallen.
Mona würde ihm nicht den Gefallen tun, um Gnade zu betteln, und doch wünschte er es sich, wissend, dass auch dies ihm keinen Ausweg bieten würde.
Fred schüttelte unweigerlich den Kopf.
Mona blieb stumm, doch ihre blauen Perlenaugen folgten der Bewegung, beobachteten jede Regung, jedes Zucken seiner Mundwinkel.
Er versuchte, sich zu räuspern, doch es blieb ihm im Halse stecken. Er senkte den Blick, hob ihn wieder. Blinzelte.
Würde sie an seiner Stelle nicht genauso handeln?
Langsam hob er seine Hand, langte über den Tisch, ergriff seine Spielfigur, zog fünf Felder nach vorne und kickte Monas Figur vom Spielfeld – nur knapp 3 Felder vor dem schützenden Haus. „Ätsch, gekickt. Du musst zurück zum Anfang!“