Nackt

Biep. Biep. Biep. Der Wecker klingelte fröhlich zum Morgenappell. Charlie drehte sich widerwillig um, öffnete die Augen, starrte auf die digitalen Ziffern, ohne etwas zu erkennen.
Im selben Moment wurde er unsanft angehoben. Sue zog ihren Arm unter dem Kissen hervor, auf dem er lag, und die Matratze wölbte sich, stieg wie die Titanic auf seiner Seite in die Höhe, nur um sofort wieder zu fallen, als sie sich in die Höhe stemmte.
Missmutig sah er sie an, sah ihr nach, rief nach ihr.
Sue hielt inne, drehte sich um. Ihre Hand glitt über seinen Kopf, um sein Kinn, seinen Körper entlang. „Sorry, Charlie, aber ich komm sonst zu spät.“
Er räkelte sich, streckte sich ihr entgegen, wollte nach ihr greifen, vergebens.
Sue sprang auf und eilte ins Bad.
Noch im Gehen zog sie ihr kurzes Nachthemd über den Kopf, ließ es achtlos zu Boden gleiten, ehe sie die Tür zu dem kleinen Bad aufriss, das an sein Schlafzimmer grenzte.
Charlie gähnte, streckte sich, drückte sich an das Kissen, trauerte dem Schlaf hinterher. Er sah Sue am Waschbecken stehen, sie presste gerade perlweiße Zahnpasta auf ihre Zahnbürste, nur mit einem Slip bekleidet. Durch das Dachfenster über ihr fielen die ersten Sonnenstrahlen herein, ließen ihre Haare golden glänzen und liebkosten ihren Hals, ihre Brüste, ihren Bauch …
Charlie hob den Kopf, leckte sich die Lippen. Sollte er auch aufstehen? Frühstücken?
Ein weiteres unangenehmes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Didudidudidudidudidu machte die Türklingel.
Sue spuckte die Zahnpasta aus. „Scheiße, das ist Mel.“ Sie gurgelte, verschluckte sich, hustete, spuckte wieder. „Sie ist viel zu früh dran!“
Sue flitzte durchs Zimmer, schlug die ebenfalls offene Tür vom Schlafzimmer zum Flur zu und riss ihren Schrank auf.
Inzwischen knarrte die Wohnungstür. Melanie, Sues beste Freundin und Fahrgemeinschaft, hatte das Warten wohl satt und zu ihrem Zweitschlüssel gegriffen.
„Sue?“
„Moment.“ Sue runzelte die Stirn und zog schnell mehrere Wäschestücke hintereinander aus dem Schrank. „Ich hab noch nichts an.“ Flink wie eine Rennmaus schlüpfte sie in ihre Sachen, riss die Tür auf und stürmte hinaus.
„Mach’s gut, Charlie“, rief sie über die Schulter, dann war sie verschwunden.
Charlie sah ihr nach, schwang unschlüssig seinen Schwanz hin und her und begann dann, sein Fell zu lecken.
Er würde nie verstehen, warum Sue sich anziehen musste, um mit anderen Menschen zu reden. Für Katzen wie ihn tat sie es ja auch nicht.

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5 Kommentare zu “Nackt

  1. Pingback: Das Leser-Interview – Eure Fragen, meine Antworten | Tintenfleck

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