Jogging

Sandra lehnte sich zurück, streckte die Arme über den Kopf und besah sich noch einmal die letzten Zeilen, die sie eben getippt hatte. So weit, so gut. Inhaltlich schien alles richtig zu sein, aber ihre Bandwurmsätze wurden ihr langsam unheimlich.
Sie hatte nun sechs Seiten Hausarbeit hinter sich. Fehlten weitere sechs, um nur das Minimum zu erfüllen. Sie sah auf die Uhr. Kurz nach drei. Schon seit Stunden saß sie hier und rang mit der Sekundärliteratur, ohne wirklich voranzukommen.
Noch fiel die Sonne warm durch ihr Fenster, färbte das Laub in der Allee vor ihrem Wohnheim golden. Vielleicht sollte sie sich eine Pause gönnen und etwas frische Luft schnappen?
Sie stand auf und blickte aus dem Fenster. In knapp zwei Stunden wäre die Sonne weg. Triste Dunkelheit würde die Welt verschlucken und mit Kälte überziehen.
Aber noch war es warm. 15 Grad laut Wetterapp. Viel zu warm für Mitte November.
Kurz entschlossen zog Sandra das Rollo zu und schlüpfte in Shorts und T-Shirt. Einmal kurz joggen gehen, die Allee entlang, den Weg zum Fluss runter und dann flussaufwärts, so weit sie konnte oder wollte. Bis zum Damm, mindestens.
Als sie ins Freie trat, zog sie gierig die frische Luft ein. Sie konnte richtig spüren, wie sie wacher, munterer wurde und wie ihr Geist von der drückenden Schwere der Literatur des Fin de Siècle und seiner einander zuwiderlaufenden Strömungen befreit wurde.
Sie dehnte sich kurz und lief los, langsam, gemächlich, um warm zu werden.
Das Wetter war wirklich traumhaft. Viele Spaziergänger waren unterwegs. Einzelne Studenten auf dem Heimweg, Anwohner, Kinder, die durchs Laub tobten. Hier und da ein Klüngel junger Menschen, Freunde, die Freunde besuchten, und Pärchen, die Händchen haltend die bunten Farben des Laubes bestaunten, kuschelnd auf Bänken saßen oder stehenblieben und küssend allen im Wege standen.
Früher hatte Sandra auch zu ihnen gehört. Sie und Lukas hatten gemeinsam so manchen Herbsttag genossen, sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und Eichhörnchen beobachtet. Damals, bevor sie ihr Abi machten. Als ihre Welt noch heil war, ehe der Numerus Clausus sie auseinander riss, sie hier und er dort. Ehe die Entfernung ihre Beziehung zerstörte.
Lange hatte sie getrauert, war nicht über ihn hinweg gekommen. Sie hatte sich in ihrem Zimmer verkrochen, einsam, nur sie, ihr Laptop und Schokolade. Jedes Wochenende. Sie hatte die Pärchen im Herbst verflucht, gehasst, beneidet.
Bis sie schließlich lernte, mit ihnen zu leben. Sich zu arrangieren mit den Pärchen.
Pärchen wie die zwei vor ihr. Sie, klein, rotwangig, mit wallendem haselnussbraunem Haar und er, naiv und unbedarft, mit blonder Stoppelfrisur, durchlöcherten Ohren und der typischen Haltung eines Informatikstudenten.
Gemächlich trabte Sandra an ihnen vorbei, mit federndem Schritt durch das raschelnde Laub. Sie konnte förmlich spüren, wie das Pärchen ihr automatisch nachsah, wie jedem anderen Passanten auch. Sie beschleunigte ihre Schritte, wurde schneller, immer schneller, flog durch die Allee.
Sie spürte, wie vor allem sein Blick ihr folgte, wie er unbedarft versuchte, die Aufschrift über ihrem Po zu lesen. Gleich würde er seine Freundin fragen, ob sie es lesen konnte und den Streit seines Lebens kassieren.
Sandra rang nach Luft, lächelte, blieb stehen und sah zurück. Sie sah ihn böse an, sein Kopf war bereits puterrot.
Auf dem Hosenboden ihrer Shorts stand „Ätsch, das hast du davon.“

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