Leinen los

Conrad saß auf der kleinen Bank, oben auf der Klippe. Er atmete tief ein, roch das Meer unter sich, spürte die frische Brise auf seiner Haut. Unten am Hafen entrollten sich soeben die Segel an einer stolzen Galeone, die zu neuen Abenteuern in See stach. Ja, hier war der perfekte Ort. In ihm regte sich der Drang, zog ihn zum Papier. Er tunkte den Federkiel in das kleine Tintenfässchen, glättete den Bogen Papier und begann …

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden.
sich wölbt und bewegt,
wird auch das Empfinden
des andern erregt.

Begehrt eins zu rasten,
Das andre geht schnell,
so …

„Hey!“ Fassungslos starrte er hinunter auf die Bucht, wo der Wind eben noch seine perfekte Paarmetapher geküsst hatte, reichte soeben eines der Segel die Scheidung ein und flog davon …

 


Dieser Text entstand unter Verwendung des Gedichtes „Zwei Segel“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898). Das Originalgedicht findet sich hier.

 

Schneller

„Schneller!“
Das kleine Fahrrad schaukelte und sprang bedrohlich, als es über die vom Regen zersetzte Straße galoppierte.
„Schneller, Leo, schneller!“
Er trat in die Pedale und Jasmin klammerte sich an ihren Bruder, um nicht abgeworfen zu werden.
Sie sausten die Straße hinab, bis zur Kurve. Das Fahrrad bockte, hob sich, überschlug sich hinaus auf die Wiese. Sie rollten durcheinander, ineinander, übereinander. Kinderlachen. Nichts passiert.
Jasmin lächelte. Eine ihrer ersten Erinnerungen. Eine ihrer glücklichsten.
Leo lebte für die Geschwindigkeit. Sein Held war Flash, der rote Blitz, schneller als der Schall und wenn er Harry Potter las, so interessierten ihn vor allem die Besen. Als Harry das erste Mal in der Winkelgasse war, hätte Leo sich am liebsten auch die Nase am Schaufenster plattgedrückt und den Nimbus 2000 bewundert. „Auf einem Besen die Straße runter sausen, das wärs!“, hatte er geträumt und gelacht.
Sie wusste noch, wie er gestrahlt hatte, als sie ihm zum 10. Geburtstag einen Tacho fürs Fahrrad schenkte, den sie auf einem Flohmarkt heimlich mitgehen lassen hatte.
Endlich konnte er seine Rekorde beziffern.
Leo wurde größer.
Und schneller.
Leichtathletik, 100 m unter 10 Sekunden, Schulrekord.
Jasmin seufzte. Er flog geradezu über die Bahn.
Dann Autos. Autorennen. Formel 1 wurde zum Pflichttermin vor dem Fernseher, für den er sogar Freunde versetzte.
Autoführerschein. Selber fahren. Selber lenken. Selber schnell sein.
Schneller sein als andere.
Autorennen. Nachts flog er über die Dorfstraßen mit seinem roten Golf mit den weißen Streifen. Nitro in seinem Tank und in seinen Adern.
Sie waren eins.
Das Auto und er.
Er und das Auto.
Leben auf Rädern.
Jasmins Blick glitt durch den Raum, zu Leo, der da saß und aus dem Fenster sah.
Ein grünes Auto fuhr eben vorbei. Mit 60 in der 30er-Zone. Viel zu schnell.
Leo schwieg und sah ihm nach. Sicherlich kannte er die Marke, Jasmin hatte sich nie dafür interessiert.
Eine Träne lief über seine Wange und sie fühlte, wie auch in ihren Augen der Startschuss fiel.
Nun würde Leo für immer auf Rädern leben.