1. Amalias Rendezvous (Karin Koenicke)

Amalia zupfte ihr Halstuch zurecht, als sie den Landgasthof betrat. Wie es sich für eine anständige Dame gehörte, kam sie fünf Minuten zu spät, schließlich wollte sie nicht den Eindruck erwecken, das Rendezvous nötig zu haben.
Gunther, den sie über ein Online-Gartenforum kennengelernt hatte, saß bereits an einem Tisch in einer Nische. Er trug sein silbergraues Haar akkurat gescheitelt und einen eleganten Anzug, in dessen Knopfloch eine Nelke steckte.
„Sie sehen bezaubernd aus, liebste Amalia.“ Er sprang auf, um sie zu begrüßen. „Ich habe Sie sofort erkannt!“ Seine Augen strahlten, als sie sich auf der Eckbank niederließ.
„Wollen wir gleich etwas bestellen?“ Amalia winkte den Kellner heran.
Gunther nickte. „Ich gestehe, ich war ein wenig enttäuscht, als Sie meine Einladung zum Dinner ausschlugen und das Kaffeetrinken vorzogen.“
„Das Abendessen holen wir nach“, versicherte Amalia. „Aber hier gibt es die beste Käsesahne weit und breit.“ Sie schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln und gab die Bestellung auf. Gunther war nach ihrem Geschmack. Ein adretter Pensionär, der gut in Schuss war und sich für Heckenrosen interessierte. Nur ein wenig steif schien er, aber das konnte sie ihm sicher abgewöhnen.
„Wann ziehen wir es durch?“, hörte sie einen durchdringenden Bariton fragen. Offenbar hatte in der Nische nebenan jemand Platz genommen.
„Um sechzehn Uhr. Da haben alle den Bauch voll und passen nicht auf. Bis die es merken, sind wir längst mit der Beute über alle Berge.“ Der zweite Mann klang jünger, aber auch in seiner Stimme lag etwas sehr Verdächtiges. Amalia spitzte die Ohren.
Gunther sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Sie lauschen doch wohl nicht, was nebenan vor sich geht?“, fragte er vorwurfsvoll.
„Pst!“ Sie legte den Finger an den Mund und ihr Ohr an die Holzwand.
„Wie lange wird es dauern, bis jemand es merkt?“, fragte die erste Stimme.
„Mein BMW parkt gleich am Hinterausgang, wir haben schnell einen ordentlichen Vorsprung.“
Langsam wurde es Amalia flau im Magen. Wollten diese Männer etwas stehlen? Der Appetit auf die Käsesahne war ihr schlagartig vergangen.
„In der Hütte ist alles vorbereitet?“
„Natürlich. Verhungern und verdursten muss niemand.“
Amalias Gabel fiel aus ihrer Hand und landete scheppernd auf dem Teller, sodass Gunther zusammenzuckte. Sie musste sich verhört haben! Die hatten doch wohl nicht vor …?
„Wenn ihr Aufpasser abgelenkt ist, schnappst du dir die Kleine und schleppst sie zur Hintertür!“
Also doch! Ihr Herz hämmerte. Sie winkte Gunther heran. „Da ist eine Entführung in Gange“, flüsterte sie. „Wir müsse den Verbrechern das Handwerk legen!“
Statt aufzuspringen und die Gaunern das Fürchten zu lehren, strich Gunther zärtlich über ihren Unterarm. „Liebste Amalia, Sie haben eine lebhafte Fantasie.“ Er aß ein Stück Kuchen.
„Die planen was!“, protestierte sie. „Horchen Sie doch!“ Sie zog ihren widerwilligen Galan näher an die Wand.
„Wir nehmen den Waldweg, da sind wir schnell bei der Hütte“, hörte man.
„Gut. Punkt vier Uhr sitze ich mit laufendem Motor im Wagen, dann rasen wir los.“
Um Himmels willen, dann würden sie das Opfer einsperren! Allein in einer abgelegenen Hütte, nur mit Wasser und Brot, und wenn sich das mit dem Lösegeld hinzog, würde die arme Frau verhungern!
„Glauben Sie mir jetzt?“ Amalia starrte Gunther an.
„Ach was, das kann alles Mögliche bedeuten. Wir mischen uns besser nicht ein. Erzählen Sie lieber von sich, Amalia. Was mögen Sie gerne?“
„Jedenfalls keine Feiglinge!“, erwiderte sie. Sie hörte Stühle rücken.
Die Männer am Nachbartisch standen auf, zwei große Gestalten in eleganten Anzügen und mit blank polierten Schuhen. Das waren keine Kleinkriminellen!
Amalia musste etwas tun, wenn schon dieser lahme Gunther den Hintern nicht hochkriegte. Sie hätte sich niemals mit einem Beamten einlassen sollen.
Die Männer marschierten seelenruhig zur Tür hinaus. Amalia packte ihre Handtasche und zückte ihr Handy. Als sie in den Flur kam, waren die Männer verschwunden. Amalia horchte nach Schritten, aber sie hörte nur von irgendwoher muntere Musik. Sie riss ihre Uhr hoch.
Viertel vor vier.
Hektisch tippte sie die 112. „Es geht um ein Verbrechen …“
Zwölf Minuten später traf die Polizei ein. „Schnell, zum Hinterausgang“, rief Amalia. „Die Gangster werden gleich auftauchen!“
Eilig rannten sie zum rückwärtigen Ausgang. Amalia war aus der Puste, aber der Einsatzleiter, ein großgewachsener Mann mit grauen Schläfen und markanten Zügen, zeigte keine Spuren des Sprints.
„Es ist vier Uhr, gleich geht‘s los!“, flüsterte sie.
Die Polizisten zogen ihre Waffen.
Da! Amalia blickte wie hypnotisiert auf die Tür.
Der erste Verbrecher kam heraus. Als er die Pistolen sah, erstarrte er. Gleich dahinter erschien der zweite Entführer, zusammen mit einer Frau im weißen Spitzenkleid. „Paul“, kicherte diese, „Sei vorsichtig mit meinem Brautstrauß!“
Die Polizisten ließen die Waffen sinken. Der Grauhaarige sah Amalia an. „Nun, Mrs. Marple“, sagte er, „die Entführung ist wohl eher harmloser Natur.“
Eine Brautentführung! Amalia stieg eine kleine Röte ins Gesicht. „Da bin ich wohl einem winzigen Missverständnis aufgesessen.“
„Kein Problem.“ Er schob seine Waffe ins Halfter, was immens aufregend aussah.
„Kann ich mich irgendwie entschuldigen?“ Amalia schenkte ihm einen tiefen Augenaufschlag. „Vielleicht mit einer leckeren Käsesahne?“
„Ich bin noch im Dienst.“ Sein Lächeln war vielversprechend. „Aber morgen zum Abendessen?“
„Gut! Dann plane ich ein Dinner für zwei.“ Sie strich zum Abschied über seine kugelsichere Weste und lächelte zufrieden.

 


Den Auftakt zu unserem #Projekt24-Adventskalender macht die famose Karin Koenicke. Mehr von Karin findet ihr auf ihrer Facebook-Seite, auf ihrem Instagram-Profil und natürlich auf Amazon. Darüber hinaus hat sie gerade ihr neuestes Meisterwerk „Warum Engel nie Mundharmonika spielen“ veröffentlicht, das wir hiermit jedem ans Herz legen möchten!

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6 Kommentare zu “1. Amalias Rendezvous (Karin Koenicke)

  1. Sehr sympathische Geschichte.
    Ältere Menschen, die sich über Foren kennenlernen, eine Spürnase und leckerer Kuchen mit Romanze. Hier ist alles drin für eine Schmunzelstory.
    Die Autorin werde ich mir auf alle Fälle merken.

  2. Amalia ist echt knuffig. Mit der würde ich gerne Kuchen essen gehen. Sehr schöne Geschichte.

  3. Ich habe einmal in meinem Leben an einer Brautentführung teilgenommen, als Entführer. Das war eine Hochzeit, auf der die Freunde der Braut/des Bräutigams nicht in die Puschen kamen, also haben wir als Arbeitskollegen spontan zugeschlagen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich in die Verlegenheit kam. Ich stand wohl gerade zufällig im Weg ;-). Deswegen kann ich mich gut in die Verschwörer hineinversetzen. Und in die in der Geschichte transportierte Konsequenz und Kaltblütigkeit. Gut, dass uns damals keine ältere Tante der Braut belauscht hat!

    Schöne Geschichte, gefällt mir!

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