2. Man sieht sich immer zweimal (Christa Reusch)

Sina betrat das Bahnhofsrestaurant. Toll! Alle Tische belegt. Da in der Ecke gab es einen freien Stuhl. Sie manövrierte ihren Trolley dort hin und ließ sich aufatmend auf den Sitz plumpsen. „Hallo?“, hielt sie den eben vorbei rauschenden Kellner an, „könnten Sie mir bitte eine Cola Zero bringen? Danke!“ Sie schälte sich aus dem Mantel, wickelte den Schal ab und legte beides sorgfältig über die Stuhllehne.
„Ja, hier ist noch frei!“
Sina blickte überrascht auf. Erst jetzt bemerkte sie den Mann ihr gegenüber. Sie bemühte sich, ihre Verlegenheit zu überspielen.
„Sorry! Erst fällt mein Flug nach München aus. Ich muss Stunden auf den nächsten Zug warten. Natürlich nicht der ICE, der direkt fährt, sondern der, wo man auch noch umsteigen muss. Und dann ist es überall total voll. Außerdem habe ich Hunger und Durst.“
Wortlos schob er ihr die Speisekarte über den Tisch.
Mit einem gemurmelten „Danke“ vertiefte sie sich in die Übersicht der Gerichte. Sie spürte, dass er sie musterte. Die Cola kam und sie bestellte Spaghetti.
„Warten Sie auch auf einen Zug?“
Er nickte. „Mein Flug wurde ebenfalls gecancelt, allerdings habe ich eine direkte Bahnverbindung bekommen.“
„Dass die ausgerechnet heute streiken müssen“, schimpfte Sina. Ihr Gegenüber sparte sich einen Kommentar und sie plapperte weiter. „Ich fliege sonst nie, aber meine beste Freundin heiratet und da muss ich nach München. Ich bin die Trauzeugin. Wäre nicht schlecht, ich würde rechtzeitig ankommen.“
„Entschuldigen Sie?“, unterbrach der Ober, an den Unbekannten gewandt. „Möchten Sie Ihr Essen sofort, oder warten Sie?“
„Ich kann warten. In Gesellschaft schmeckt es besser.“ Der Mann lächelte. „Und?“, fragte er Sina, „freuen Sie sich auf die Hochzeit?“
Sina zuckte mit den Schultern. „Naja, auf die Zeremonie schon, aber die Familie des Bräutigams soll ein wenig seltsam sein.“
„Inwiefern?“
„Das weiß ich nicht so genau. Lea, also meine Freundin, ist total verknallt in ihren Mark. Ist sogar ein von und zu. Hm, den Nachnamen habe ich schon wieder vergessen. Die sind so süß zusammen. Er scheint auch wirklich ein netter Kerl zu sein. Ich habe ihn erst ein paar Mal getroffen, weil ich für ein Jahr in Hamburg lebe und die beiden in München.“ Warum erzähle ich ihm das alles? Ich kenne ihn überhaupt nicht. Aber er wirkte total sympathisch und wenn er lachte, hatte er ein Grübchen.
Das Essen kam und eine Weile herrschte Schweigen. Sina beobachtete die Gäste an den Nachbartischen.
„Gefällt Ihnen Hamburg?“
„Ja, ganz gut“, antwortete sie gedehnt und schob sich eine Gabel Spaghetti in den Mund. „Regnet ein bisschen viel und die Leute hier haben einen eigenen Humor. Ist für eine Süddeutsche manchmal schwierig.“
Er lachte. „Ja, da mögen Sie wohl recht haben.“
„Und Sie?“, hakte Sina nach, „sind Sie geschäftlich unterwegs?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Mein Bruder heiratet morgen.“
„Oh, wie schön. Und Sie sind Trauzeuge?“
„Nein, unser älterer Bruder.“
„Oh! Kennen Sie denn die Braut?“
„Ganz schön neugierig.“ Er grinste und wieder zeigte sich das Grübchen. Graue Augen. Kein hartes Grau. Weich, wie das graue Plüschkissen mit dem pinkfarbenen Katzensticker in der Mitte, das sie als Mädchen besessen hatte. Sina musste sich beherrschen, um ihn nicht zu offensichtlich anzustarren. Was war nur los mit ihr?
„Nein, ich kenne die Braut noch nicht persönlich, aber ich weiß, dass sie eine flippige Freundin haben soll.“
Sina nickte geistesabwesend und warf einen Blick auf die Uhr. „Tut mir leid, aber mein Zug geht bald.“
„Meiner auch.“ Er gab dem Ober ein Zeichen.
„Zusammen?“, fragte dieser.
„Ja!“
„Nein!“, widersprach Sina. „Sie können mich doch nicht einfach einladen!“
„Warum nicht?“
„Weil, weil …“ Sie biss sich auf die Lippe. Ihr fiel kein schlagkräftiges Argument ein.
„Also zusammen“, bestätigte er.
„Weil ich Sie gar nicht kenne.“ Ja, dachte Sina, und das ist wirklich jammerschade. Sie sah ihm zu, während er zahlte. Schöne Hände, dachte sie, kräftig, aber gepflegt. Ob er zur Maniküre geht? Ihr Blick glitt weiter. Reiß dich zusammen, befahl sie sich.
Er schob seinen Geldbeutel zurück in die Hosentasche und stand auf. „Darf ich?“ Er deutete auf ihren Mantel. Sina nickte verwirrt und ließ sich von ihm hineinhelfen. Auch noch ein Gentleman. Sie stöhnte innerlich. Aber es nützte nichts, sie war auf dem besten Weg sich in einen Fremden zu verlieben. Liebe auf den ersten Blick. So ein Quatsch! Gibt es nur im Märchen.
„Danke für das Essen“, murmelte Sina. Ihr wurde heiß, als seine Hand kurz die ihre streifte.
„Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?“ Seine grauen Augen hielten ihren Blick gefangen.
„Ähm, ich bin mir da gerade nicht so sicher“, brachte sie mühsam hervor und wickelte sich den Schal um den Hals, um ihre Hände zu beschäftigen.
Er zog erneut seinen Geldbeutel heraus, entnahm eine Visitenkarte und reichte sie ihr. „Man sieht sich immer zweimal.“ Er lächelte, streckte ihr die Hand hin und hielt ihre kurz fest. „Bis bald!“
Verwirrt starrte sie ihm nach. Ihr Blick fiel auf die Karte. „Simon von Jacobi“, flüsterte sie. „Jacobi! Das gibt’s doch nicht! Leas Schwager!“ Ein Strahlen überflutete ihr Gesicht. „Ja, man sieht sich immer zweimal. Bis bald in München!“, rief sie ihm nach, packte ihren Trolley und verließ das Bahnhofslokal.

 


Der zweite Text unseres Adventskalenders wurde von der großartigen Christa Reusch verfasst. Mehr von Christa findet ihr auf ihrer Facebook-Autorenseite und natürlich auf Amazon, wo auch ihr Debüt „Tessa, die Liebe und der Tote im Stadtarchiv“ zu haben ist.

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15 Kommentare zu “2. Man sieht sich immer zweimal (Christa Reusch)

  1. Hat dies auf Sandras Blog rebloggt und kommentierte:
    Auf Tintenflecks Blog gibt es einen super Adventskalender mit 24 Geschichten von 24 Autoren! Heute versüßt uns die Geschichte von Christa Reusch den Tag! :-)

  2. ’n bisschen mit Ansage, ABER technisch fein geschrieben und von der Situation gut vorstellbar. Und das unter Wortnot. Kompliment.
    4/5
    Freue mich auf den Rest der 24!
    NNIN

    • Das ist doch das schöne an uns Autoren: wir schreiben uns die Wirklichkeit, so wie wir sie gerne hätten. Und wenn wir solche Geschichten lesen, vergessen wir die Wirklichkeit einfach und träumen uns in die Geschichte. Da sag noch mal einer, Autoren wären nicht flexibel.

  3. Mit viel Liebe zum Detail geschrieben und schön beobachtet, wie sich manchmal Menschen finden können. Kenne ich ebenfalls: Eine geraume Weile schon gekannt, aber beim ersten realen Treffen hat es dann gezündet.

    Einziger Wermutstropfen hier: Meine innerer Hercule Poirot kam dem Ganzen leider etwas zu schnell auf die Schliche.

    PS.: Danke Christine fürs Anschubsen. ;)

      • Natürlich hat er gefallen: Lass dich bloß von dem alten Franzosen (… sage ich nur um ihn zu ärgern, weil er ja Belgier war) nicht ärgern.

  4. Ein schönes Schlaglicht. Es gibt die schrägsten Zufälle im Leben und dieser hier brachte mich zum Schmunzeln. Da würde ich zu gerne erfahren, wie es mit den beiden auf der Hochzeit weitergeht.
    Falls es irgendwann eine größere Familiensaga aus deiner Feder gibt, würde ich sie lesen, liebe Christa! Ich glaube, den Stoff kannst du packen. Mit Humor und Romantik ist in der Schreibe jedenfalls alles bestens.

    • Freut mich, dass der kleine Text gefällt. Ich habe ihn extra für diesen Adventskalender geschrieben. Inzwischen habe ich weitere „Anfragen“ bekommen, ob ich denn daraus nicht einen Roman machen möchte. Mal sehn! Argh, ich habe so viele Ideen und so wenig Zeit …
      Danke fürs Lesen und den netten Kommentar und ich wünsche einen schönen Adventssonntag.

      • Wenn so viele Anfragen kommen, dann wird etwas dran sein ;-).
        Ich werde dich auf alle Fälle „verfolgen“, sobald ich mal wieder Zeit für Facebook erübrigen kann.
        Danke und dir ebenfalls einen schönen Adventssonntag! Den Brauch hätte ich beinahe vergessen.

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