8. Der letzte Kuss (Alice Camden)

„Ich … ich kann nicht mehr.“ Schwer atmend senkte Dan den Kopf.
„Schhhhh… Ganz ruhig.“ Sanft legte Adam seine Hand auf Dans Oberarm. „Du kannst das Gas doch auch riechen, es wird nicht mehr lange dauern.“
Dan stöhnte leise. Schweiß trat ihm aus allen Poren, seine Hände zitterten bei dem Gedanken an das, was unmittelbar bevorstand. Unruhig ließ er seinen Blick durch den Aktenkeller schweifen. Es gab keinen Ausweg. Sie hatten schon alles abgesucht. Dies war das Ende der Hoffnung.
Wie hatte es soweit kommen können? Er war doch nur in den Keller gegangen, um eine alte Akte einzusehen. Kurz hatte er mit dem neuen Hausmeister geplaudert und dann war alles ganz schnell gegangen. Der schrille Feueralarm tat in den Ohren weh. Krachend fiel die Brandschutztür zu …
Sie waren gefangen.

Ruhig bleiben, sicher kommen sie gleich und retten uns. Ja, das hatte er zuerst gedacht. Aber wer sah schon im Keller nach, wenn ein dreißigstöckiges Hochhaus zu evakuieren war? Niemand war gekommen, um sie zu retten. Nichts als die Hoffnung und ihre Gespräche hatten sie durch die zurückliegenden Stunden begleitet.
Dan presste die Lippen aufeinander.
So nah wie Adam war er in den letzten zehn Jahren niemandem gekommen. Zuerst hatten sie sich nur mit kleinen, unwichtigen Geschichten unterhalten. Aber je mehr Zeit verging, desto mehr gab jeder von sich preis.
Inzwischen waren sie nicht mehr der Anwalt aus dem dreißigsten Stock und der junge Hausmeister. Jetzt waren sie: Und Dan, der smarte Anwalt. Erfolgreich, wohlhabend und der festen Überzeugung: Liebe war nichts weiter als ein Trostpflaster für die Erfolglosen.

Adam hatte erklärt, dass die Gasleitungen vor dem Aktenkeller verliefen. Was auch immer weiter oben im Gebäude passiert war, hatte sie beschädigt. Seit einer Stunde war Gas im großen Kellerraum zu riechen.
„Sie … sie können uns immer noch finden.“ Dan hörte, wie seine Stimme zitterte. Er glaubte seinen eigenen Worten nicht.
Adam kam einen Schritt auf ihn zu und schüttelte den Kopf. „Adams Gesichtsausdruck veränderte sich. Er wirkte betrübt. Langsam kam er noch einen Schritt näher und legte eine Hand in Dans Nacken. Warm und fest war sein Griff. Diese Hand strahlte so viel Ruhe aus. Nach und nach entspannten sich seine Glieder..
„Es ist nur diese Situation, die dich das sagen lässt. Du bist wirklich süß, aber du musst in deiner … in unserer Todesstunde nicht für mich schwul werden.“
Dan schüttelte den Kopf, sein Atem wurde ruhiger. „Aber ich fühle mich dir nah … Es ist nicht nur …“
Adam legte einen Arm um seine Schultern und zog ihn zu sich.

Ohne nachzudenken, lehnte Dan seinen Kopf gegen den des anderen Mannes. Wieso konnte Adam nur so ruhig bleiben? Sie würden sterben! Sehr bald! Gleich würden sie hier in diesem Keller elend verrecken. „Wir haben zwei Möglichkeiten. Erstens: Wir warten, bis es zu Ende geht. Aber ein Tod durch Gas ist nicht zwingend ein ruhiger Tod. Oder …“ Adam griff in seine Hosentasche und zog ein Feuerzeug heraus.
„Oh Gott!“, stöhnte Dan. Adam wollte eine Explosion verursachen? Grauenhaft!
„Ich weiß …  Aber dann ist es schnell vorüber.“
Dan nickte benommen. Vernebelte das Gas ihm schon das Hirn? Wie sollte er jetzt eine solche Entscheidung treffen können?
„Küss mich!“ Woher diese Worte kamen, wusste er nicht. Aber sie waren so klar in seinem Kopf, es gab keinen Zweifel. Das war es, was er in diesem Augenblick wollte.
„Du willst mir deinen letzten Kuss schenken?“ Adams Stimme klang brüchig.
Dan nickte und straffte seinen Oberkörper in der Umarmung. Er sah für einen Moment in Adams‘ dunkelbraune Augen und musste lächeln.
Alles war gut. Sein letzter Moment in diesem Leben, sein letzter Kuss und alles war genau so richtig.
Ruhe breitete sich in seinem gesamten Körper aus. Er beugte seinen Kopf etwas vor, schloss die Augen und fühlte jede Sekunde wie eine Ewigkeit. Seine Lippen streiften die fremden Lippen, berührten sie sanft. Ruhig und ohne Hast schmiegten sie sich aufeinander. Dan fühlte die Hand, die immer noch in seinem Nacken lag und die Finger, die ihm zärtlich über den Haaransatz strichen. Ja! So wollte er aus der Welt gehen. Er konnte mit diesem Mann keine Zukunft haben, aber er konnte mit ihm zusammen sterben. Sein letzter Kuss war auch gleichzeitig der Beste. Er schauderte.
Dan verstärkte den Druck auf Adams Lippen.‘
Das Feuerzeug klickte.

„Herzlichen Glückwunsch zum Jahrestag, Liebling.“ Mit einem Grinsen zündete Adam die Kerze auf dem Muffin an, der vor ihnen im Aktenregal stand. Ringsherum hatte er ein ganzes Dinner aufgebaut.
„Für dich auch, Baby! Aber den nächsten Jahrestag plane ich! Junge, diese Rollenspiele kriechen mir wirklich unter die Haut. Dieses Mal konnte ich fast das Gas riechen!“

 


Den 8. Text zu unserem #Projekt24 hat die Autorin Alice Camden beigesteuert. Mehr über Alice findet ihr auf Twitter und auf Facebook sowie auf ihrer Homepage. Außerdem möchten wir an dieser Stelle auf ihr eben erschienenes Buch „Zimtschnecken“ hinweisen!

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12 Kommentare zu “8. Der letzte Kuss (Alice Camden)

  1. Der letzte Absatz ist Verarsche, so nach dem Motto: Ätsch, dummer Leser, biste drauf reingefallen, wat?! Damit wird der gesamten Story im Nachhinein der Teppich unter den Füßen weggezogen, die Figuren und deren Handlungen vollkommen lächerlich gemacht.
    Schade, eigentlich. Das Thema war nach den gefühlt 10.000 Essen-und-reden-Texte endlich mal exzentrisch.
    Wenn man den unsäglichen letzten Absatz spurlos streicht, bleibt eine relativ soilde, emotional vielleicht zu deutliche Geschichte, die aber richtiges Potenzial nach oben hat.
    3,5/5
    NNIN

    • Sehr schade, dass Kritik in einer so verächtlichen Weise geäußert wird. Und Wertungen sind hier ebenso nicht angebracht. Ich habe selten einen so unqualifizierten Kommentar gelesen.

  2. Huii liebe Alice, was für ein Twist am Ende. Damit hätte ich wirklich gar nicht gerechnet. Tolle Geschichte, hat mir wirklich gut gefallen <3

    Liebste Grüße
    Emma

  3. Liebe Alice, ich meine, die Geschichte schon mal woanders von dir gelesen zu haben, erinnere mich an sie!

    Ich bin so beeindruckt, was dir an Gefühlen und Spannungen zwischen deinen Charakteren auf den wenigen Zeilen gelingt. Nicht meine Art von Rollenspielen, aber absolut überzeugend rübergebracht ;-)

    Chapeau!

    • *lach.Vielen Dank :)
      Die Geschichte ist allerdings bis heute unveröffentlicht gewesen. Ich hatte die Idee zwar skizziert, aber geschrieben haben ich sie extra für das Projekt24. Ah jetzt – die Idee kanntest du!

      • Wahrscheinlich werde ich tatsächlich die Skizze irgendwo kennengelernt haben – freut mich, sie jetzt in Ausführung gelesen zu haben ^_^

  4. Gut geschrieben, auch wenn ich mit dem Genre nicht so viel anfangen kann. Allerdings kommt mir das eigentliche Thema „Dinner for two“ etwas zu kurz. Würde man wirklich zu schwitzen beginnen, selbst wenn man weiß, dass es nur ein Rollenspiel ist? (Die Frage habe ich mir nach dem Lesen ernsthaft gestellt, ist also nicht rhetorisch oder provokant zu verstehen.) :)

  5. Als Spieler von Pen and Paper konnte ich mir die Immersion gut vorstellen, die bei etwas… innigeren Spielen vermutlich auch aufkommt. Macht das Ganze natürlich zu einer auf der Metaebene besonders interessanten Geschichte, weil hier der eine Partner der Spielleiter und absolut überzeugender Mitspieler zugleich ist. Und der andere muss den Mut und das Vertrauen haben, sich so weit fallenzulassen, dass er ganz in der Geschichte aufgeht.
    Da wünscht man den beiden Männern noch ganz viele Jahrestage.

  6. Ha, was für ein Ende! Und davor?

    Ein Text, der mir durch seine Intensität, im Gedächtnis bleiben wird. Genauso ruhig zu Beginn erzählt, wie er im weiteren Verlauf an Dramatik zunimmt. Spannend und trickreich, wie wir wissen.

  7. Wie die anderen auch habe ich die Wendung nicht erwartet, vor allem da es für mich so klang, als wenn mindestens Dan gar nicht wirklich am anderen interessiert ist und ihn nur küssen will, weil es der letzte Kuss seines Lebens sein wird…
    Trotzdem spannend geschrieben. :)

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