12. Das Mahl (Bernar LeSton)

Ich möchte dir von einer Geschichte berichten, die von einem Manne handelt, der alt und krank und leidend vor Qual erneut beim nächtlichen Mahle sitzt. Jedoch speist er kaum, sitzt reglos da und schaut nur mehr umher. Aber nicht auf den Tisch, noch auf die Speise, die vor ihm steht wie jedes Mal: Vielmehr in sich hinein, dreht sich dabei im Kreise.
Sein Schreiben scheint fort, verflüchtigt zu einem Ort, wo Hoffen und Bangen bereits sich in Gedanken im Jetzt und Ehedem verloren haben.
Wer jedoch beim Blick auf den Gequälten nun denkt, er würde alleine im Kreise sich dreh’n, der sieht sich getäuscht, irrt fürchterlich. Denn ihm gegenüber sitzt eine Gestalt – thront regelrecht dort – die niemals verwandt mit uns ist, doch uns allen bekannt sein dürfte und von jedermann als der Tod stets benannt wird.
Gehüllt in Schwarz – damit schon seit Äonen behangen, so scheint es – und mit einer Sense bestückt, hat er voller Argwohn den Alten an seiner Tafel im Blick. Mit tiefer Stimme er zu dem Manne nun spricht, der immer noch lustlos vor seinen Speisen hier hockt:

Wenn du mir versprichst
oder besser mir sagst,
dass all dein Schaffen,
dein Schreiben,
dein Streben
seit langem versagt
und du wahrlich denkest,
dass dein Leben verwirkt,
weil dein Schreiben vorbei.
Wenn du deshalb nicht mehr magst,
dann nehm‘ ich dich mit
und beend‘ deine Qual.“

Der Alte bleibt stumm, schaut drängend hinüber. Fast scheint es, als erflehe er den kommenden Satz, den der Tod nun zu ihm sagt und die als letzte Worte durch’s Anwesen des Appetitlosen hallen. Der Tod unterdes – mit dem kahlen Schädel unter der Kutte – nickt bloß, lächelt beinahe dabei, bevor er spricht:

So sei es also. Doch kannst du’s nicht sagen, bringst es nicht über die Lippen, so zeige es mir: Denn mehr als ein einfacher Wink oder eine schlichte Geste bedarf es nicht, macht also keine Mühe.“

Der Körper des Alten atmet einmal noch ein, bevor schließlich zusammen er sackt. Ein Häufchen Elend ist gar nichts dagegen. Als Letztes fällt ihm der Kopf auf die Brust und schaut dabei aus, als nicke er nur: zustimmend wohl.

 


Halbzeit – kaum zu glauben, oder? Der bereits 12. Text unseres Projekts stammt von Bernar LeSton. Mehr von Bernar findet ihr auf seiner Facebook-Seite, seiner Homepage und natürlich auf Amazon.

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11 Kommentare zu “12. Das Mahl (Bernar LeSton)

  1. Lieber Bernar, ich bin sehr begeistert von dieser Geschichte, zu deren sprachlichen Umsetzung mir das Wörtchen „kunstvoll“ in den Sinn gekommen ist!

    Ich fühle mich dabei an die verspielte, älter anmutende Sprache einiger Gegenwartsliteratur-Bücher erinnert. Persönlich kenne ich auch einige Schreiber, die sich bewusst an so einem Stil versuchen, meist aber daran scheitern, weil sie viel zu komplex und irgendwo aufgesetzt schreiben, während es bei dir viel natürlicher wirkt.

    Eine Parabel übers Sterben, wie ich sie für den sterbenden Schriftsteller nur passend finde, nämlich wunderschön mit Mut zum Oldschool ausgedrückt!

    • Ergebensten Dank, liebe Nora, für deine wohlwollenden Worte.

      Ich versuche mich ebenfalls nur allzu gerne an diesem Stil, weil er mir persönlich einfach am nähsten ist. Die meisten Autoren, die ich lese (und verehre), schreiben ja sehr ähnlich und können das durchweg besser als ich. Ihre Meisterschaft scheint mir schon seit langer Zeit unerreichbar, aber damit bin ich gerne zufrieden.

      Die Geschichte entstand aus einer langen Zeit der Unfähigkeit mich schreiberisch auszudrücken. Von daher war es recht leicht sie zu schreiben: Lediglich genau in mich hineinhorchen musste ich.

      Beste Grüße

      Bernar

      • Sehr gerne. Ich habe die Leidenschaft und Mühe definitiv durch die Zeilen gespürt. Die schreiberische Durststrecke ist gut überwunden worden :-)

  2. Der Schreibstil passt zur Geschichte. Die Idee, ein Dinner mit dem Tod, finde ich gut. Erinnert mich ein bisschen an Faust und Mephisto. Da ein anderer die Geschichte des alten Mannes erzählt, hätte ich wahrscheinlich Vergangenheit, anstatt Präsens, gewählt. Aber das ist letztendlich Geschmacksache.
    Allerdings verstehe ich die Geschichte nicht ganz. Warum soll der Alte gestehen, dass er nichts mehr zuwege bringt? Und obwohl er nichts sagt, nimmt der Tod ihn trotzdem mit und es scheint für ihn eine Erlösung zu sein. Oder habe ich das auch missverstanden?

    • Hallo liebe Christa,

      zuerst mal vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren meiner Geschichte. Und eine Entschuldigung, dass ich zuerst Emmas Kommentar beantwortete, in dem ich den Bezug zu Faust schon offenlegte.

      Über die Zeitform habe ich mir eigentlich gar keine Gedanken gemacht, wie ich zugeben darf, sondern mich einfach dem Erzähler „aus dem Off“ überlassen, der mir das so einflüsterte. Passiert mir beim Schreiben sehr oft, dass ich einfach dem Raum gebe, der sich da anbietet.

      Zum Verständnis kann ich nur folgendes sagen: Für mich steckt im Tod in seiner Endgültigkeit auch ein universelles Wissen. Er weiß, wie du wann empfindest und von daher spürt er instinktiv, dass es mit dem Schreibenden zu Ende geht, der das allerdings noch nicht einmal im entferntesten ahnt. Dieser ist sich seiner Appetitlosigkeit zwar bewusst und seines Wissens „Nicht mehr schreiben zu können“, sieht aber nicht ansatzweise auf was es hinausläuft. Erst der Tod macht ihm mit dessen Fragestellung klar, was darauf folgen wird. Dann erst kann er sich fallenlassen …

      Ich hoffe, dass dir das ein wenig hilfreich sein konnte, um besser zu verstehen, was mich (oder besser meinen Prota) umtrieb.

  3. Lieber Bernar,

    eine kunstvoll geschriebene Geschichte. Ich liebe deinen Schreibstil und das Thema. Wie Christa musste auch ich kurz an Faust und Mephisto denken. Sehr schön gewählt.

    Liebste Grüße
    Emma

    • Herzlichen Dank, liebe Emma.

      Ich habe Goethes Faust leider nie gelesen, weiß nur rudimentär darüber Bescheid. Das Thema befiel mich einfach – wie so oft – beim Schreiben und dann kann ich kaum etwas tun, außer es fließen zu lassen.

  4. PS an alle Kolleginnen und Kollegen:

    Ich hänge ein bisschen hintendran, werde aber all eure Werke ebenfalls noch lesen und mit einem kleinen Kommi versehen, wenn euch das recht ist.

  5. Ich mag die Perspektive. Für mich ist das eine des Geschichtenerzählers, der, meinem Gefühl nach, etwas Gefühl reinbringt, obwohl er sachlich ist. Als ob er ein verschmitztes Lächeln hätte. So wie die eine Beschreibung vom Tod.

    Gefällt mir gut :)

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