13. Die Freundin (Emma Escamilla)

Leonie war völlig außer Atem, als sie vor dem kleinen Restaurant ankam, in das ihre Mutter sie eingeladen hatte. Sie wartete bereits vor der Eingangstür, pünktlich wie immer.
„Du kommst spät“, bemerkte die Mutter.
„Sorry … der Bus …“
Sie schlossen sich in die Arme und betraten das Lokal. Der verlockende Geruch von Gebratenem stieg ihnen in die Nasen. Leonie knurrte der Magen. Eine Bedienung kam ihnen entgegen.
„Guten Tag“, sagte ihre Mutter. „Ich habe reserviert auf den Namen Leber.“
Die Kellnerin lächelte. „Bitte folgen Sie mir.“ Sie eilte voran. Vor einem Tisch am Fenster machte sie Halt. „Bitte, die Damen. Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“
Leonie und ihre Mutter legten ihre Mäntel ab und gaben ihre Bestellungen auf. Dann ließen sie sich an dem Tisch nieder. Lächelnd beobachtete die ältere Frau ihre Tochter, wie sie die Speisekarte aufschlug und ihren Blick darin versenkte. „Es ist so schön, dich wiederzusehen. Du hast dich wirklich verändert.“
„Findest du?“
„Ja, deine Haare sind länger. Und du siehst irgendwie … erwachsener aus.“
„Danke“, sagte Leonie. „Ich glaube, ich bin wirklich ein ganz schönes Stück erwachsener geworden.“
„So ein Studium in der Ferne prägt einen.“ Frau Leber warf ebenfalls einen Blick in die Speisekarte.
„Es gibt da etwas, das ich dir sagen wollte“, begann Leonie und biss sich auf die Unterlippe.
Doch sie wurde von der Bedienung unterbrochen, die ihnen ihre Getränke brachte.
„Was darf es sein?“
Sie gaben ihre Essensbestellungen auf und die Kellnerin notierte sie sich auf ihrem kleinen Notizblock, dann ließ sie die beiden wieder allein.
„Was gibt es denn nun für Neuigkeiten?“ Die Mutter nahm die Hände ihrer Tochter in die ihren. Sie waren feucht.
„Ich … werde heiraten“, presste Leonie hervor.
„Heiraten?“, rief Frau Leber. „Das ist wirklich eine großartige Überraschung! Ich wusste gar nicht, dass du einen Freund hast. Wie heißt denn der Glückliche?“
Leonie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, ehe sie wieder den Blick ihrer Mutter suchte und sagte: „Sie heißt Melanie.“
Die Mutter sah sie ratlos an. Dann wurde sie kreidebleich.
„Eine Frau?“, stieß sie hervor.
„Ja“, sagte Leonie tonlos. Sie merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. „Ich bin lesbisch, Mama.“
„Aber Kind“, sagte sie. „Das kann doch unmöglich dein Ernst sein?“
„Wieso?“, verteidigte sich Leonie. „Es ist doch nichts Schlimmes daran, lesbisch zu sein.“
Die Mutter öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und schloss ihn wieder, ohne einen Ton von sich gegeben zu haben.
In diesem Moment kam die Bedienung mit dem Essen. Sie stellte freundlich lächelnd die dampfenden Teller vor den beiden ab.
Zögernd nahm Frau Leber ihr Besteck und stocherte in ihrer Pasta herum. „Weißt du, Liebes“, sagte sie schließlich. „Ich glaube einfach, dass der liebe Gott das nicht gerne sieht, wenn Mädchen mit Mädchen … na, du weißt schon.“ Sie schob sich eine Gabel Nudeln in den Mund und zerkaute sie langsam.
„Der liebe Gott?“, fragte Leonie. „Ich glaube nicht, dass der etwas dagegen hat.“
Frau Leber schluckte ihren Bissen hinunter. Dann sagte sie: „Was ihr da tut, ist pervers. Das ist … eklig!“ Sie verzog das Gesicht.
„Ist etwas mit Ihrem Essen nicht in Ordnung?“, fragte die Bedienung, die gerade am Tisch vorbeikam.
„Nein, nein, alles ist gut!“, versicherte Frau Leber schnell. Als die Bedienung außer Hörweite war, flüsterte sie: „Aber ich habe gehört, dass man das heilen kann.“
Wütend warf Leonie ihr Besteck auf den Teller. „Also bitte!“, rief sie, die Augenbrauen zusammengezogen. „Homosexualität ist doch keine Krankheit. Das ist eine persönliche Neigung, die man weder therapieren kann noch muss.“
„Aber in der Bibel steht, dass …“
„Ach, lass mich doch mit dem alten Buch in Ruhe.“ Leonie verschränkte die Arme vor der Brust. „Was da drin steht, ist doch längst überholt.“
„Wie kannst du so etwas sagen?“ Ihre Mutter legte nun ebenfalls das Besteck weg. Ihre Hände zitterten, als sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. „Die Bibel findet heute noch genauso viel Anwendung, wie früher. Sie ist ein zeitloses Buch.“
„Ist sie nicht“, widersprach Leonie. „Sie verteufelt Homosexualität, dabei ist das überhaupt nichts Schlimmes.“
„Willst du nicht doch mal mit einem Therapeuten sprechen? Ich kenne da einen sehr guten …“
„Mama!“ Leonie war aufgesprungen und funkelte ihre Mutter wütend an. „Ich sagte, Homosexualität muss man nicht therapieren oder heilen. Hast du mir überhaupt zugehört?“
„Nicht so laut, die Leute schauen ja schon! Ich will dir doch nur helfen …“
„Wenn du mir wirklich helfen willst, dann akzeptiere mich!“
Frau Leber schluckte laut hörbar. Dann schüttelte sie betreten den Kopf. „Tut mir leid, aber das kann ich nicht. Ich werde für dich beten.“
„Jetzt reicht’s mir!“, schrie Leonie. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so verbohrt bist. Wo ist die Toleranz, von der in deiner Kirche gepredigt wird?“ Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Restaurant.
„Leonie, jetzt warte doch …“, rief ihr ihre Mutter hinterher, doch sie war schon nach draußen verschwunden. Frau Leber stützte den Kopf in die Hände. „Lesbisch …“, flüsterte sie. „Lieber Gott, warum tust du mir das an?“

 


Der 13. Text wurde von der wundervollen Emma Escamilla beigesteuert. Ihr findet Emma auf ihrer Homepage sowie auf Facebook und auf Twitter. Schaut rein!

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10 Kommentare zu “13. Die Freundin (Emma Escamilla)

  1. Gerne gelesen. Der flüssige Schreibstil täuscht anfangs eine nette Geschichte vor. Ein ernstes, und vor allem zeitloses Thema, in wenige Worte verpackt. Mangelnde Toleranz dürfte der Hauptauslöser für die meisten Konflikte sein. Irgendwie scheint der Mensch nicht lernfähig. Ein Text, der nachdenklich macht. Danke dafür! LG

    • Liebe Christa,

      danke für deine lieben Worte. Ja, mangelnde Toleranz ist – nicht nur auf Homosexualität bezogen – ein aktuelles Thema, mit dem man sich beschäftigten sollte.

      Nachdenklich machen, die Gedanken anregen – genau das wollte ich damit erreichen. Freut mich, wenn mir das gelungen ist.

      Liebste Grüße
      Emma

  2. Und ich muss wieder motzen, indem ich sage: der Text macht es sich zu leicht. Die Mutter erhält keine Fallhöhe, sodass die Reaktion der Tochter unerklärlich bleibt. Wusste die Tochter nicht, wie die Mutter über „solche Dinge“ denkt? Wenn die Tochter – was wohl die Regel ist – mal austestet, wie ihre Mutter reagiert, dann ist die plötzliche Betroffenheit der Tochter nicht schlüssig.
    Dass das Thema politisch brisant und wichtig ist, darf ein Urteil über die belletristische Qualität nicht beeinflussen.
    2/5
    NNIN

    btw. In der Bibel gibt es m.W.n. 3 Stellen, die explizit gegen Homosexualität gerichtet sind, 2 in der Hebräischen Bibel und 1 in einem Paulusbrief (wahrscheinlich Korinther). Alle 3 beziehen sich auf Männer, keine auf Frauen. Ist aber natürlich nicht relevant, weil: wer Schwule/Lesben diffamieren will, findet über den Umweg „Unzucht“ seine Waffe.

    • Viel spannender als den logischen und vorhersehbaren Ausbruch der Tochter fand ich das scheinheilige Verhalten der Mutter – ihre Tochter outet sich, ihre größte Sorge ist dabei, das die Leute diesen Eklat mitkriegen könnten. Schön zu sehen an den Stellen, als die Bedienung wiederkommt oder als sie meint, die Leute würden schon schauen.

      Was die Bibel angeht: Man kann da sicherlich jede Stelle, wo das Wort „Unzucht“ vorkommt, auch gegen Homosexualität auslegen.
      Bei den Stellen, die du direkt ansprichst, ist es in der Tat der Korinther-Brief des Paulus. Die eine Stelle im alten Testament müsste im Levitikus stehen, die dritte fällt mir jetzt allerdings auch nicht ein.

      • Hallo NNIN,
        danke für deine ehrliche Kritik. Schade, dass dich meine Geschichte nicht überzeugen konnte.

        Ja, ich habe eigentlich auch auf die „Unzucht“ abgespielt. Außerdem ist es einem homophoben Menschen wohl egal, ob die Stellen in der Bibel sich an schwule Männer oder lebsische Frauen richten. Sie legen es sich so aus, wie es ihnen gerade passt. Ist zumindest meine Erfahrung.

        Hallo frühstücksflocke,

        danke für deinen Kommentar. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Und ja, ich fand das sehr passend, dass die Mutter nur darauf bedacht ist, was die Außenwelt denkt. Leider ist das auch ihm „wahren Leben“ oft der Fall.

        Liebste Grüße
        Emma

  3. Wow, das ist echt schön geschrieben. Du hast mich schnell in die Geschichte eingeholt und mit dem Thema weit weg studieren auch direkt abgeholt. Dass die Tochter sich entweder nie getraut hat zu sagen, dass sie lesbisch ist (bei der Mutter durchaus verständlich), aber dann direkt mit Hochzeit daher kommt, finde ich etwas unpassend. Wie lange die sich nicht gesehen haben? Erst im Studium lesbisch geworden und dann so schnell heiraten wollen? Oder schon immer lesbisch gewesen und die Mutter hat nie was mitbekommen – irgendwie unrealistisch. Du siehst, hier mache ich mir viele Gedanken. Vielleicht sind mir zwei so große Neuigkeiten auf einmal auch etwas viel.

    Das Thema an sich finde ich sehr gut. Und der letzte Satz hat es mir besonders angetan. :)

    • Hallo Kiira,

      vielen Dank für dein Feedback. Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.

      Ich denke, Leonie hatte schon länger die Ahnung, lesbisch zu sein, aber nie damit rausgerückt – was übrigens keine Seltenheit ist. Viele homosexuelle Jugendliche behalten ihre Sexualität erst mal für sich und keiner ahnt auch nur etwas. Aber vielleicht hast du recht und die Hochzeit kam etwas zu schnell.

      Liebste Grüße
      Emma

  4. Pingback: Schreibtagebuch #4: #Projekt24 Geschichte veröffentlicht! | Emma Escamilla

  5. Liebe Emma,
    danke für Dein wichtiges Tischchen Nr. 13! So alt wie dies Homophobe-Denken der Eltern hier in diesem Text für manche klingt, so aktuell ist es leider immer noch in viel zu vielen Köpfen. Schön, dass Du Dich diesem Thema angenommen hast.
    Herzlich
    Mea

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