14. Das Mädchen mit den grünen Augen (Dana Schuster)

Sie tauchte so unvermittelt vor ihm auf, dass er seinen Sinnen misstrauen wollte. Ganz sicher hatte er sie nicht hereinkommen sehen, und sie war vollkommen geräuschlos an ihn herangetreten. Doch jetzt stand sie direkt vor ihm und er fühlte sich überrumpelt.
Simon de Bouville war ein Mann, den so schnell nichts aus der Fassung bringen konnte, außer vielleicht ein schlechter Wein. Seine streng gescheitelten Haare modellierten einen markanten Kopf, und ein grauer Anzug unterstrich seine schlanke und dennoch muskulöse Statur. Gewöhnlich liefen die Dinge in seinem Leben nach Plan, einem Plan, der keine Fragen offen ließ.

Das Mädchen stand vor ihm, so nah, dass er die Grübchen in ihren Mundwinkeln hätte studieren können. Sie trug ein meerblaues, bodenlanges Kleid, bei dessen Anblick man nicht genau wusste, ob man sich noch über oder bereits unter Wasser befand. Ihre Haare waren zu einer undefinierbaren Frisur aufgetürmt, in der überall Perlen und Glitzer aufleuchteten. Sie lächelte, oder vielleicht träumte sie auch vor sich hin.
Simon dagegen stand einfach nur da und schien seine Sprache verloren zu haben. Seine Vernunft mahnte ihn, sich ja nicht in diesem feinen Lokal zu blamieren, indem er einfach nur dieses Mädchen anstarrte. Doch die Stimme in seinem Innern kam von weit her und bevor er darauf reagieren konnte, ergriff das Mädchen seine Hand, wandte sich um und steuerte auf einen freien Tisch zu. Die Entschlossenheit, mit der sie ihn geradezu gepackt hatte, ließ keinen Widerstand zu.
Während sie den Weg zum Tisch zurücklegten, das Mädchen voran und er ein wenig stolpernd hinterher, fiel sein Blick auf ihre Füße.
Kein Zweifel, sie waren nackt.
Er schloss die Augen – das konnte nicht wahr sein! Ganz offensichtlich befand er sich in einem Alptraum, aus dem er nicht aufzuwachen vermochte.

Simon versuchte sich zu erinnern, warum er hier war, in diesem Lokal. Eine Ahnung befiel ihn, dass er hier mit jemandem verabredet gewesen war. Doch dieser Gedanke verschwand so schnell wie er gekommen war. Litt er schon an Gedächtnisverlust, in seinem Alter?
Während er versuchte, wieder Herr seiner Sinne zu werden, hatte das Mädchen Platz genommen – und er folgte ihrem Beispiel, wie betäubt. Er erinnerte sich nicht, dass sie Essen bestellt hatten, doch es wurde ihnen so schnell gebracht, wie er es noch nie erlebt hatte. Ein köstlicher Duft stieg in seine Nase und er bemerkte, wie hungrig er war.
Schweigend aßen sie. Mit jedem Bissen fühlte sich Simon wohler in seiner Haut. Es schien ihm, als hätte er nie zuvor etwas so Hervorragendes zu sich genommen. Auch war ihm noch nie aufgefallen, wie weich und angenehm das Licht in diesem Teil des Restaurants war, in dem sie saßen. Er hörte leise Musik, doch jeder Ton klang so deutlich nach, als würde er direkt in seinem Kopf entstehen. Er atmete tief durch, und Sauerstoff belebte seine Zellen wie schon lange nicht mehr.

In diesem selbstversunkenen Zustand vernahm er ein unerwartetes Geräusch und blickte auf. Das Mädchen schien etwas sagen zu wollen – oder wollte sie schon gehen? Er hatte ihre Anwesenheit fast völlig vergessen. Jetzt erwachte eine Neugier in ihm, die sich ganz auf die Person vor ihm richtete.
Er bemerkte ihre feine gerade Nase und die blassen kleinen Sommersprossen, die auf jedem Zentimeter ihrer Haut tanzten. Die Hände, die immer noch Gabel und Messer hielten, waren größer als er es bei einer so zierlichen Person erwartet hätte. Er betrachtete ihre Finger, jeden einzelnen, und als er beim sechsten angekommen war, blinzelte er.
Das Mädchen ergriff erneut seine Hand und sah ihn zum ersten Mal direkt an.
Ihre Augen waren grün. Es war ihm, als würde seine Seele gewendet und jede Zelle einer Prüfung unterzogen. Ihm wurde schwindlig und für einen kurzen Moment drehte sich die Welt und schien aus den Angeln zu springen. In der nächsten Sekunde war es vorbei, wie ein Spuk. Simons Blick wurde wieder klar und auch sein Verstand funktionierte wieder. Er sah aus dem Fenster.
Es regnete in Strömen.
Das Mädchen war verschwunden.
Nein, er würde jetzt nicht darüber nachdenken. Zu seiner Verwunderung spürte er auch kein Verlangen danach. Stattdessen überfiel ihn eine unbändige Lust, jetzt sofort das Lokal zu verlassen und im Regen spazieren zu gehen.
Er summte vor sich hin.

 


Diesen wundervollen Text zu unserem Projekt hat die großartige Dana Schuster beigesteuert. Mehr von Dana findet ihr auf ihrer Homepage.

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11 Kommentare zu “14. Das Mädchen mit den grünen Augen (Dana Schuster)

  1. Liebe Dana,

    auch wenn mich die Geschichte mit einigen Fragen zurücklässt (z. B. hat er sich das Mädchen nur eingebildet?), bin ich von deinem Schreibstil begeistert. Ich konnte mir die Geschichte richtig bildhaft vorstellen und sie ist so schön erzählt.

    Liebste Grüße
    Emma

  2. Die Geschichte klingt wunderschön märchenhaft und dein Schreibstil passt sehr gut dazu. Auch wenn ich, wie Emma Escamilla, nicht alles verstehe, gefällt sie mir. LG

  3. Die Geschichte lässt mich etwas ratlos zurück. Sie ist schön geschrieben und gefällt mir sehr gut, aber es bleiben doch eine Menge Fragen. Zum Beispiel ist er völlig fasziniert von diesem Mädchen, aber als das Essen kommt, vergisst er sie erst einmal. Ich könnte mir aber vorstellen, dass man aus dieser Geschichte noch mehr machen kann.

    • Liebe Christine, ich habe bewusst diese Fragen offen gelassen. Mit persönlich gefällt das nur Angedeutete, ich kann aber verstehen dass dir das nicht reicht. Du bist nicht die Einzige, die das so empfindet. Es war sicher auch ein Experiment, alles so in der Schwebe zu lassen – ich konnte nicht wissen, wie das ankommt und war neugierig darauf. Daher danke ich dir sehr für deine Wahrnehmung (ich hoffe dass vielleicht noch einige kommentieren damit ich noch mehr erfahre wie ihr das lest).
      Ich kann mir gut vorstellen, die Geschichte noch weiter zu bearbeiten.
      Liebe Grüsse von Dana

  4. Ich komplettiere das Trio der nicht alles Verstehenden. Aber nicht jede Geschichte muss alle ihre Geheimnisse vor sich her tragen. Es macht manchmal auch Spaß, sich mit ihnen zu beschäftigen und in sie einzutauchen.

    • Das kommt davon, wenn man einen Tab ewig auflässt, bevor man ihn „abarbeitet“. Aus dem Trio ist zwischendurch doch glatt ein Quartett geworden *g.

  5. Liebe Dana,
    ich mag Deine Art so offen zu schreiben und dass Du mir die Möglichkeit gibst, selbst Antworten auf offene Fragen zu stellen. Das Ende Deiner Geschichte mit einem Spaziergang im Regen zu beschließen, gefällt mir besonders.
    Hat mir sehr gefallen.
    Herzlich
    Mea

  6. Machen wir mal aus dem Quartett ein Quintett, denn auch mir verschließen sich einige der Geschehnisse in dieser Geschichte…
    Genau wie Christine verstehe ich nicht, wie er auf einmal seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Essen umlenkt, wenn er vorher nur das Mädchen anstarren konnte – außer etwas an ihr ließ ihn sie vergessen und voll in das Essen abtauchen, ähnliches schien ja geschehen zu sein, als sie verschwunden ist.
    Trotzdem ist es schön – ich erlaube mir das Wortspiel – flüssig geschrieben und zumindest bildlich gut vorstellbar.

    Unabhängig davon: Was hat es mit dem 6. Finger auf sich? Ich hab mein Hirn nach Fabelwesen durchforstet, die ein solches Merkmal aufweisen, aber irgendwie will mir nichts einfallen, aber die Denkrichtung geht zumindest in Richtung Meerjungfrau oder Selkie, vor allem was das im Regen spazieren angeht…

    • Hallo PoiSonPaiNter, muss es denn ein bekanntes Fabelwesen sein? Was auch immer du dir dazu denkst, es ist weder falsch noch richtig. Wenn du es magst, wenn es dir gefällt, wenn es stimmig ist für dich – wunderbar.
      Irgendwas hast du da verdreht – zuerst essen sie ja und dann erst fängt er an, das Mädchen genauer anzuschauen.
      Danke für deine Rückmeldung, und schade, daß du mit der Geschichte nichtso viel anfangen konntest.
      Liebe Grüße von Dana

      • Hallo Dana,
        muss es nicht, aber man sucht ja doch erstmal beim Bekannten. :)
        Er war doch aber schon vorher von ihr fasziniert, auch wenn er sie nicht genau betrachtet hat (zumindest die nackten Füße hat er mitbekommen)? Aber ich versteh schon was du meinst.

        Ich konnte etwas mit ihr anfangen! Sie ist interessant geschrieben und ich habe alles bildlich gesehen, nur die Zusammenhänge haben sich mir nicht vollständig ergeben.

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