15. Die alles entscheidende Frage (Christine Thomas)

Mit beschwingten Schritten steuerte Miriam auf das Parkhotel zu. Sie lächelte, glaubte sie doch sicher zu wissen, warum Werner sie heute zum Dinner in das Vier-Sterne-Hotel eingeladen hatte.
Für diesen besonderen Augenblick war ihm eben nur das Beste gut genug.
Während Miriam dem gepflasterten Weg zwischen blühenden Sträuchern hindurch zum Haupteingang folgte, dachte sie an ihre Freundin Jessica. „Werner ist viel zu alt für dich und außerdem total altmodisch“, hatte sie erst letzte Woche wieder gesagt.
Aber Miriam liebte ihn und seinen Humor. Er war verständnisvoll und belesen. Außerdem konnte er sogar kochen. Was machte es da schon, dass er nicht sofort mit ihr hatte zusammenziehen wollen? Oder dass er in den vergangenen Monaten oft zu eingespannt gewesen war, um die Wochenenden mit ihr zu verbringen? Sie war sicher, heute würde sich das ändern.
Miriam betrat das noble Foyer mit seinen dunklen Möbeln, den Drucken berühmter Gemälde an den Wänden und einem kleinen Brunnen an der rechten Seite.
Das Schild „Restaurant“ wies ihr den Weg ins Untergeschoss des am Hang erbauten Hauses, wo sie Werner entdeckte, kaum dass sie den Raum betreten hatte. Er saß an einem Tisch am Panoramafenster. Hinter ihm bot sich ein herrlicher Blick auf den Park, dem das Hotel seinen Namen verdankte.
„Hallo“, sagte Miriam. Sie lächelte und spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Ebenfalls hallo“, erwiderte Werner, als er Miriam seine Wange für den Begrüßungskuss hinhielt. Sie beugte sich vor und ihre Lippen streiften seinen Mund.
Nachdem Miriam Platz genommen hatte, eilte eine Kellnerin in schwarzem Rock und weißer Bluse herbei. Sie überreichte die Speisekarten und erkundigte sich nach den Getränkewünschen.
„Haben Sie Briedeler Herzchen?“, erkundigte sich Miriam und als die Kellnerin nickte, bestellte sie ein Glas dieses lieblichen Weines.
Werner entschied sich für Mineralwasser.
Eine Weile vertieften sie sich in die Speisekarte.
Miriam seufzte. „Ich kann mich nicht entscheiden.“
Werner klappte seine Speisekarte zu. „Ich nehme das Rumpsteak. Das empfehle ich dir ebenfalls.“
Miriam lächelte. „Wie du meinst.“
Die Kellnerin eilte herbei und nahm die Bestellungen entgegen.
Bis das Essen serviert wurde, erzählte Werner von seinem unmöglichen Arbeitskollegen, einem Film, der demnächst ins Kino kam und den er unbedingt sehen wollte und von dem Roman, den er bei ihrem letzten gemeinsamen Besuch in der Buchhandlung gekauft hatte.
Miriam sog jedes seiner Worte in sich auf. Es war wundervoll, Werner zuzuhören. Wenn er doch nur endlich auf den Grund seiner Einladung kommen würde! Sie lächelte ihn immer wieder an und nahm einmal über den Tisch hinweg seine Hand. Werners Blick sank zu ihren Fingern herab, die sanft seinen Handrücken streichelten. Nachdem die Kellnerin den Salat serviert hatte, griff Miriam zum Besteck. „Ich freue mich sehr, dass du mich hierher eingeladen hast.“
Werner lächelte sie über den Tisch hinweg an. „Es ist ja auch ein besonderer Anlass.“
Vor Freude machte Miriams Herz einen kleinen Hüpfer.
Kam jetzt endlich der Moment, auf den sie schon den ganzen Tag hinfieberte? Sie wartete voller Aufregung, doch Werner beendete schweigend sein Mahl. Ein Heiratsantrag während des Essens war eben nicht sehr romantisch.
Nachdem er seinen Mund mit der Serviette abgetupft hatte, legte er sie gefaltet unter das Besteck. Er schob seinen Teller von sich und sah Miriam ernst an.
Jetzt war es gleich so weit. Miriam sah genau vor sich, was als nächstes geschehen würde. Werner würde neben ihrem Stuhl auf die Knie fallen, ein Kästchen, innen mit Samt bezogen, aus der Jacketttasche ziehen und ihr den Ring präsentieren.
Werner blickte aus dem Fenster, danach zu Miriam und schließlich auf den Tisch. Unruhig knetete er seine Finger, ehe er zu seinem Glas griff. Miriam bemerkte, dass seine Hand zitterte. Gerade als sie etwas sagen wollte, gestand Werner: „Es ist nicht leicht für mich, denn ich habe so etwas noch nie vorher getan.“
Miriam strahlte ihn an. Die Finger ihrer rechten Hand umschlangen seine linke und streichelten sie. „Ich weiß.“
„Ich weiß nicht, wie ich die richtigen Worte finden soll. Du weißt, du bist ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben.“
Miriam seufzte. „Und du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben.“
Werner schenkte ihr ein kurzes Lächeln, ehe er fortfuhr: „Ich lege großen Wert auf deine Meinung und mag es, mit dir über Gott und die Welt zu reden.“
Inzwischen klopfte Miriams Herz vor Aufregung so schnell, dass es ihr den Atem raubte. Rasch trank sie einen Schluck Wein, doch die Hoffnung auf eine beruhigende Wirkung blieb aus. „So geht es mir auch. Mit dir zusammen zu sein, ist einfach wundervoll.“
Werner räusperte sich. Sein Blick haftete immer noch auf Miriams Hand. Mit der freien Hand fasste er in seine Tasche.
Miriams Finger hielten inne und sie den Atem an. Jetzt würde er endlich das Kästchen mit dem Ring hervorholen!
Doch alles, Werner zutage förderte, war eins seiner alten, riesigen Stofftaschentücher. Er wischte sich über die Stirn. Anschließend faltete er das Tuch wieder ordentlich zusammen und verstaute es.
„Seit Wochen aber frage ich mich, was du in diesem besonderen Moment sagen oder wie du reagieren wirst.“
Tränen traten in Miriams Augen. „Was soll ich denn anderes sagen, als dass ich sehr, sehr glücklich bin?“
Ein Lächeln breitete sich auf Werners Gesicht aus. „Du hast also nichts dagegen, dass deine Mutter und ich heiraten wollen?“

 


Heute beehrt unser Projekt die grandiose Christine Thomas. Mehr von und über Christine findet ihr auf ihrer Facebook-Seite.

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8 Kommentare zu “15. Die alles entscheidende Frage (Christine Thomas)

  1. Dazu fällt mir nur eins an: Oh, wie fies. :D
    Ich hatte zwar damit gerechnet, dass da was ganz banales bei raus kommt oder irgendwas ganz anderes, aber das war dann doch nochmal nen Zacken schärfer.

    Schön geschrieben. Hat Spaß gemacht zu lesen. :)

  2. Wow, liebe Christine, mit diesem Schluss hätte ich wirklich nicht gerechnet. Du hast es geschafft, mich komplett zu überraschen, auch wenn ich mir schon dachte, dass er ihr keinen Heiratsantrag machen wird. :D

    Sehr schöne Geschichte!

    Liebste Grüße
    Emma

  3. Gehe ich recht in der Annahme, dass Miriam mit Werner schon im Bett gewesen ist? (denn ohne dieses „volle Programm“ wird sich heute keine normal tickende Frau auf eine Hochzeit einlassen). Geil, haben Mutter und Tochter denselben Stecher (gehabt).
    Gehe ich recht in der Annahme, dass die Mutter zwar von Werner hofiert und umworben wurde, sie (die Mutter) aber ihrer Tochter gegenüber den Mund gehalten hat – und dass auch Werner seine Liebe zur Mutter der Tochter nicht geoffenbart hat? Denn nur bei diesen beiden Annahmen ist es folgerichtig, dass Miriam aus allen Wolken fällt.
    Himmel, Himmel, Himmel!!!!!
    Hier wurde die Plausibilität einer Story radikal der Pointe geopfert – was IMMER ein Zeichen mangelnder Fantasie ist.

    2/5

    NNIN

  4. Ach du je, was für eine fiese Auflösung! Ich habe mit einigem gerechnet, doch nicht damit! So ist manchmal das Leben – ein höchst überraschender Text mit wunderbar gezeichneten Charakteren, wie ich finde :-)

  5. Auch ich hätte nicht mit diesem Ende gerechnet. Miriam hat wohl in eine normale Freundschaft mehr hineininterpretiert, als da wirklich war. So verstehe ich das jedenfalls. (Denn wenn er gleichzeitig mit Mutter und Tochter … Dann hätte ich, als Mutter, ihn hinausgeworfen.)
    Jetzt hätte ich noch gerne gewusst, wie Miriam reagiert hat. LG und einen schönen Adventssonntag!

  6. Danke für deinen Kommentar, Christa. Es soll Mütter(und auch Töchter) geben, die weniger Skrupel als du oder ich haben. Auch für mich wäre der Partner einer meiner Töchter ein absolutes No go, aber Werner hat schon mit Mutter und Tochter …
    Wie Miriam reagiert, habe ich absichtlich offen gelassen. So bleibt ein bisschen Spielraum für den Leser.

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