16. Zwischen den Zeilen (Sabina S. Schneider)

Ich sitze in einer dunklen Ecke und hoffe, dass ihr das Restaurant gefallen wird. Wie diese komplette Welt, ist es aus Worten erschaffen. Aus Worten erschaffen, ist es wie diese komplette Welt. Hier, in der Zwischendimension, in der sich all meine Figuren tummeln, warte ich. Beobachte und rekapituliere.
Ich bin Autor.
Hier begegne ich ihnen allen. In der Realität denke ich nur über sie nach, schreibe Worte nieder. Doch hier, in diesem kleinen Universum, das sich aus Buchstaben zusammensetzt, kann ich mich mit ihnen unterhalten.
Ich komme nicht oft hierher.
Nur wenige meiner Figuren mögen mich. Ein paar hassen mich.
In diesem Restaurant, das sich wie alles in dieser Welt nach meinem Willen ändert, sitze ich mit schwitzenden Händen. Diese Konfrontation wird nicht einfach sein, denn dieses Mal ist es Eva, auf die ich warte.
Und in dem Moment, als ich erwartungsvoll den Blick hebe, betritt sie den Raum. Es ist ein winziges Restaurant mit einfachen Holzmöbeln. Direkt am Eingang befindet sich ein Tresen, der einen Einblick in die Küche erlaubt. Hier wird das Sushi frisch zubereitet.
Mag Eva Sushi?
Wenn ich es einmal wusste, habe ich es vergessen. Ich erinnere mich nur noch vage neben all den anderen Figuren, Schicksalsschlägen und bahnbrechenden Ideen an ihre Geschichte …
Nicht, dass sie langweilig wäre.
Nein.
Es geht um die Geburt, den Fortbestand der Menschheit und den Schmerz der Ewigkeit, wenn man zerbrochen wurde. Liebe, flammend, einseitig, voller Besessenheit. Kein rettender Engel, sondern ein seelenverzehrender Dämon.
Ich habe vergessen, wie schön ich Eva erschaffen habe. Es raubt mir den Atem, als sie auf mich zugeht, den Stuhl beiseiteschiebt und sich wortlos setzt.
Eva sieht mich nur an.
Und ich wünschte, ich wüsste, was sie denkt.
Meine Augen fahren zu den Einstichen an ihrem linken Arm. Sie hat sich nicht die Mühe gemacht, die Narben zu bedecken. Wozu auch? Ich habe sie ihr gegeben. Sie zu einem Teil von ihr und ihrer Geschichte gemacht.
„Wie geht es dir Eva?“, frage ich leise. Ich wurde beschimpft, bespuckt, angeschrien, geohrfeigt, geküsst, angelächelt und in den Arm genommen.
Was wird Eva tun?
„Weißt du denn nicht, wie es mir geht?“, erwidert sie und ich kann ihrem Blick nicht standhalten.
Die Realität verschwimmt in ihren Augen. Eva sieht nicht immer Menschen. Manchmal bevölkern andere Wesen ihre Welt. Rassen, die über den Planten herrschen. Nein, keine Aliens. Komplett andere Entwicklungsgeschichten. In Evas Welt ist die Menschheit nicht stabil. Die Vergangenheit muss noch geändert werden, damit die Gegenwart zur Realität wird. Und die Antwort, der Weg zum Erhalt und zur Entstehung der Menschheit, liegt in der unerreichbaren Zukunft.
„Ich habe dich geformt, dir Eigenschaften gegeben und Aufgaben, damit du an ihnen wachsen kannst“, versuche ich mich zu erklären.
„Wenn du mich und meine Welt erschaffen hast, dann bist du Gott und allmächtig.“
Ich muss lachen, winke die Kellnerin herbei und bestelle zwei Sushi-Platten und Pflaumenwein. „Weißt du, ich bin es nicht.“
„Was nicht?“
„Allwissend oder allmächtig. Ich denke mir Figuren aus, verleihe ihnen Eigenschaften und Leben. Natürlich, ich gebe die Richtung vor. Doch der wahre Zauber des Schreibens liegt in den Momenten, in denen die Worte sich selbst zu Sätzen verbinden und ihr in eine Richtung geht und Entscheidungen fällt, die ich nicht vorhersehen konnte. Die meiste Zeit seid ihr die treibende Kraft, ich bin nur das Medium.“
„Willst du sagen, dass ich mir mein Schicksal selbst ausgesucht habe?“
„Du wurdest von Ereignissen beeinflusst und hast durch mich gehandelt.“
„Dann bin ich eine Gottheit?“
„In dieser Welt sicher.“
Eva lacht.
Der Laut schmerzt in meinen Ohren und ich würde mich am liebsten in Luft auflösen. Ich weiß, dass ich grausam war. Brutal zu Eva und vor allem zu den Menschen, die ihr wichtig wurden. Ich habe ihr die wenigen Freunde weggerissen, nachdem Eva sich aus dem Kokon der Einsamkeit geschält und ihr Herz ein Stück für sie geöffnet hatte. Habe sie zu ihren Feinden gemacht.
„Du hättest mir eine andere Kraft geben sollen, etwas Nützliches.“
„Ich finde dich perfekt …“
Zwei Sushi-Platten werden serviert. Die kleinen Häppchen glänzen mir entgegen, schreien „Iss mich!“ und doch greift meine Hand zuerst nach dem Pflaumenwein. Ich setze das feine Glas, auch am Boden abgerundet und doch standfest, an die Lippen und nehme einen Schluck. Ich schließe die Augen und genieße das Süße und das Saure. Die Eiswürfel klirren, als ich das Glas absetze.
Eva gelingt es, ein nigir zwischen ihre Stäbchen zu quetschen und zum Mund zu führen. Sie kaut mit geschlossenen Augen. „Es schmeckt nicht schlecht“, sagt sie. Dann steht sie auf und geht.
Ich bleibe alleine zurück in dem von mir erschaffenen Restaurant, in der von mir geformten Welt. Und ich frage mich: Kann ich eine Geschichte schreiben, in der die Charaktere nicht leiden? Eine Erzählung von ewigwährendem Glück erschaffen? Oder kann ich Gefühle nur durch Schmerz transportieren? Dürste ich nach Blut, Feuer und Schmerz? Treibt mich ein Bild von einem Leser, der nur durch Extreme Empathie entwickeln kann?
Ich bin der Autor.
Ich bin der Leser.
Und doch bin ich nur eine Figur in einem Stück des Lebens, kämpfe darum, wahrgenommen zu werden, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Hoffe, stark genug zu sein, um nicht an der Realität zu verzweifeln.

 


Der 16. Text stammt von der fabelhaften Sabina S. Schneider. Mehr über Sabina, ihr Schreiben und ihre Bücher findet ihr auf ihrer Homepage, auf ihrer Facebook-Seite und auf ihrem Twitter-Account. Schaut rein, es lohnt sich!

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7 Kommentare zu “16. Zwischen den Zeilen (Sabina S. Schneider)

  1. Hallo Sabina!
    Wow, was für ein schöner Text über uns Autoren. Der ist dir wirklich gut gelungen :) Die Geschichte hat mir sehr gefallen. Es steckt so viel Wahres drin.

    Liebste Grüße
    Emma

  2. Das ist ein richtig schwerer, symbolhaltiger Text. Soweit ich das verstehe, gehts um die alte Frage, inwiefern Figuren ein Eigenleben haben. Der Text beantwortet es positiv (was ganz und gar nicht meine Meinung ist). Schöne Wortzisilierungen. Ein Text zum Nachdenken.

    4/5

    NNIN

    btw. Die Website ist cool, insb. die Cover!

    • Freut mich, dass dir meine Webseite gefällt. Die Cover mache ich selbst 😊. Ich fühle mich oft wie das Medium für meine Geschichten und weniger wie der Erschaffer.

      Gruß
      Sabina

  3. Mehr zu Eva und ihrem Leidensweg findet ihr in der AETERNITAS Trilogie 💛💚💙 Schaut doch mal rein! Den ersten Band gibt es als eBook kostenlos auf allen gängigen Plattformen.

    Grüße
    Eure Sabina

  4. Pingback: #Projekt24 Türchen Nr. 16 – EVA aus AETERNITAS | Sabina S. Schneider

  5. Ich mag Geschichten/Erzählungen in denen Autoren mit ihren Charakteren reden. Eine Freundin hat das mal tatsächlich mit ihrem Hauptcharakter aus unserem Buch gemacht und das war sehr spannend zu lesen (Lustigerweise gehört sie auch zu den Autoren, die gerne mal ihre Charaktere leiden lassen…).

    Ist es eigentlich Absicht, dass du das Maskulinum (Autor, Leser) verwendest? Dadurch stell ich mir zumindest den Erzähler als „er“ vor, wenn es doch genauso gut eine „sie“ sein könnte.

    P.S. Charaktere haben definitiv ein Eigenleben und das mit dem Medium-sein kann ich voll und ganz nachvollziehen. Es ist gelegentlich sehr grausam…

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