18. Schachmatt – Gott würfelt nicht (Juliana Fabula)

„Um was wollen wir heute spielen?“ Ein teuflisches Lächeln lag auf seinen Lippen, als er diese Worte aussprach.
„Ich dachte, du hast mich eingeladen, damit wir mal wieder zusammen essen. Immerhin haben wir uns über 70 Jahre nicht gesehen. Findest du nicht, dass man da anders ein Gespräch beginnen sollte?“
Er fuhr sich mit der Hand über seinen langen, weißen Bart und versuchte so, sein Grinsen zu verbergen.
Lucifer, wie er leibt und lebt. Er würde sich wohl nie ändern. Er sah noch genauso jung und spitzbübisch aus wie vor tausend Jahren.
Gott selbst hatte sein Äußeres den Vorstellungen der Menschen angepasst, heue allerdings hatte er keine Lust darauf. Um Lucifers Erscheinungsbild nicht unterlegen zu sein, verwandelte er sich ebenfalls in einen gutaussehenden, blonden jungen Mann mit strahlend blauen Augen, die Lucifer herausfordernd anblitzten.
„Du möchtest mir wohl in nichts nachstehen?“, meinte dieser daraufhin und schmunzelte belustigt.
„Am Ende hält man mich noch für deinen Vater. Ich denke nicht, dass das in deinem Sinne ist?“
„Als ob du das nicht auch so tätest! Wer versucht denn immer, mich zu bevormunden?“, wollte Lucifer mit ironischem Unterton wissen.
Gott lächelte wissend und faltete gelassen seine Hände zusammen.
Die zwei Gläser vor ihnen füllten sich, das eine mit Weißwein, das andere mit Rotwein. Das Essen erschien ebenfalls wie von Zauberhand vor ihnen. Ein Fisch zum Weißwein und ein saftiges Steak zum Rotwein.
„Lass es dir schmecken, alter Freund“, meinte Gott zu Lucifer und griff zu seinem Besteck.
Dieser schob sich gerade eine volle Gabel in den Mund und nickte nur zustimmend, während er genüsslich die Augen verdrehte.
Nachdem sie gegessen hatten, saßen sie einfach nur da und sahen sich an. Zwei machtvolle Personen, in deren Händen das Schicksal der Welt lag.
„Wie wäre es nun endlich mit einem Spiel?“, hakte Lucifer ungeduldig nach.
„Sicher, woran hast du denn gedacht?“
„Wir könnten würfeln oder Karten spielen.“
Gott schüttelte den Kopf: „Nein, kein Spiel diesmal, in das sich Dritte einmischen können.“
Lucifer hob belustigt die Augenbraue.
„Du weißt genau, was beim letzten Mal passiert ist. Der Zufall hat den Fall der Würfel verändert und schon war der nächste Krieg ausgebrochen. Ich finde, wir sollten diesmal etwas strategischer an die Sache gehen.“ Gott massierte sich nachdenklich die Schläfe.
„Hast du etwa Angst, alter Mann? Eine Prise Unvorhergesehenes macht doch erst die richtige Würze aus!“
Gott schüttelte jedoch erneut den Kopf und Lucifer gab sich geschlagen. Es hatte heute wohl keinen Sinn, ihn von einem anderen Spiel zu überzeugen.
„Gut, an was hast du denn gedacht?“
„Wie wäre es mit einer Partie Schach?“
„Schach? Dieses Alte-Männer-Spiel? Du willst mit deinem Kleidchen tragenden Chor gegen mein dunkles Heer antreten? Ich hoffe, du weißt, worauf du dich da einlässt?!“
Gott seufzte, aber ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Lucifer hatte sich schon immer darüber lustig gemacht und das würde er vermutlich auch noch in den nächsten 10.000 Jahren tun, obwohl die Mode sich der Zeit angepasst hatte. Tuniken wurden längst nicht mehr getragen.
Die leeren Teller verschwanden, die Gläser füllten sich erneut und vor ihnen erschien ein Schachbrett mit den passenden Figuren: Weiß für Gott und schwarz für Lucifer. Es würde sicherlich kein einfaches Spiel werden, denn beiden waren herausragenden Strategen.
Zumindest konnte der Zufall sich diesmal nicht einmischen, das würde sonst sicherlich gänzlich in einer Katastrophe enden.
Jeder machte seinen ersten Zug und die Bauern zogen hinaus auf das Feld – hinaus in eine Schlacht, deren Ende man noch nicht einmal erahnen konnte.
Lucifer preschte mit den Läufern und den Springern nach vorne. Die Verteidigungslinie der weißen Seite bekam erste Lücken.
Gott rochierte mit Turm und König, um diesen in eine sichere Position zu bringen. Danach begann er die Spielzüge von Lucifer zu kontern. Er setzte beide Springer außer Gefecht, dann einen Läufer.
Das Spiel zog sich schon über mehrere Stunden. Sie lieferten sich ein erbittertes Duell.
Doch wie würde es enden? Würde ein Krieg entstehen? Eine Figur die Macht erlangen, die anderen Spielfiguren vom Brett zu fegen? Wenn zwei Mächte solcher Größe aufeinandertrafen, konnte man nie sagen, wie es enden würde.
Welche Seite würde Schachmatt gehen?

 


Text Nr. 18 stammt von Juliana Fabula. Mehr über Juliana findet ihr auf Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest oder auf ihrer Homepage.

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9 Kommentare zu “18. Schachmatt – Gott würfelt nicht (Juliana Fabula)

  1. Schon der Titel macht neugierig. Gut geschrieben und der Text lässt sich auf alle Zeiten (geschichtlich oder politisch) übertragen. Aber es ist natürlich eine „Gemeinheit“ die Lösung der Fantasie des Lesers (oder noch schlimmer, dem Leben) zu überlassen. Ich hätte gerne noch weitergelesen. LG und einen schönen Adventssonntag!

    • Das freut mich sehr, der Titel hatte schon lange in meinen Gedanken gehangen und dann hab ich es endlich geschafft ihn umzusetzen :) Tja, so ist das oft bei kurzen Gedanken, sie kommen plötzlich und enden genauso. Und wie es enden wird, kann man wohl nie genau sagen :)

      LG Juliana

  2. Mich hätte auch brennend interessiert, wo die Konsequenzen für unsere Welt liegen, wenn eine der beiden Parteien das Spiel für sich entscheidet. Damit hat die Kurzgeschichte wohl ihren Zweck gut erfüllt, könnte man sagen :-).

    • Die Konsequenzen kann man wohl immer wieder sehen, mal gewinnt das Gute, mal das Böse und manchmal fragt man sich, wer zur Hölle die Karte bei diesem Spiel gemischt hat ;) Freut mich, wenn sie dir gefallen hat :)

      LG Juliana

  3. Liebe Juliana,

    ein sehr schöner Text und eine coole Idee mit Gott und Lucifer :) Trotzdem hätte ich gerne eine Auflösung am Schluss gehabt. Ein bisschen fies und so zappeln zu lassen :D Aber dein Schreibstil ist wunderbar. <3

    Liebste Grüße
    Emma

    • Danke, dass freut mich sehr :) Es hat auch Spaß gemacht, etwas ganz anderes zu schreiben, obwohl mir die Geschichte schwer fiel, sie auf eine bestimmte Länge zu halten, gerne hätte ich mehr geschrieben, aber ich denke, so kann sich jeder selbst ausmalen, was passiert, das ist auch ganz nett :D Vielen lieben Dank, das freut mich zu hören :* <3

      LG Juliana

  4. Liebe Juliana,
    mir gefällt sehr, dass es am Ende so offen bleibt. :)
    Wirklich eine schöne Idee!
    Herzlich aus Hamburg
    Mea

  5. Eine sehr unterhaltsame Geschichte und eine tolle Idee, Gott und Luzifer Schach spielen zu lassen. Das Ende dieser Partie hätte mich allerdings auch brennend interessiert,

  6. Interessanter Ansatz, besonders in einem Jahr wie diesem.
    Auch die Idee, dass das Schicksal sich ins Würfelspiel eingemischt hat, find ich schön.
    Mich hat nur irritiert, dass du Luzifer als alten Freund von Gott dargestellt hast. Ich weiß, es gibt viele Varianten wo das so gemacht und der Rest einfach ignoriert wird, aber im Kombination mit „sonst hält man mich noch für deinen Vater“ ist das irgendwie verwirrend, da er ja in gewissem Sinne sein Vater IST. Ich glaube wenn der Satz in Richtung „erkennt“ gehen würde, hätte ich da weniger Probleme mit…warum auch immer…

    Wie gesagt: Interessante Idee, etwas das ich als Teil des Projekts so mal gar nicht erwartet hätte.
    Und ich muss mich den anderen auch anschließen: Toller Titel. :D

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