19. Die Fliege in der Suppe (Michael Behr)

Kein Mann schaffte es, das Restaurant zu betreten, ohne ihren Körper zu studieren. Nicht einmal die in weiblicher Begleitung. Doch jetzt tauchte der einzige Mann auf, der erwartet wurde.
HeisseKatze32 stand auf, strich sich ihr enganliegendes und an allen relevanten Stellen sehr kurzes Kleid glatt und lächelte ihm entgegen. Langsam näherte er sich, scannte sie förmlich und hielt ihr dann die Rose, das Erkennungszeichen, hin.
„Hallo.“ Seine Stimme war tief und fest. Das gefiel ihr. Sie ignorierte die ausgestreckte Hand und umarmte den Mann, den sie als BigBoss57 kannte. So, dass er die Wölbung ihres Busens spürte.
„Ich freu mich!“ Die Blume wechselte den Besitzer und sie setzten sich einander gegenüber. Bei dem wie aus dem Nichts erscheinenden Kellner bestellte er eine Flasche Champagner.
Ein Schweigen entstand, aber HeisseKatze32 wusste, wie sie das Gespräch in Gang bringen konnte. „Hast du dir die Sache noch einmal überlegt?“ Sie zwinkerte ihm zu.
Er schüttelte den Kopf. „Nein, wir waren uns doch einig.“
„Andere haben dann doch gekniffen, als es ernst wurde.“ Sie strich sich ein Staubkorn vom Saum ihres Ausschnitts.
Er lächelte. „Ich glaube, die wussten nicht, was sie verpassen.“
„Heißt das, ich gefalle dir?“
BigBoss57 nickte. „Sehr sogar!“
HeisseKatze32 lächelte hintergründig. Sie hob das Champagnerglas und prostete ihm zu: „Cheers.“
Er erwiderte den Toast und trank.
HeisseKatze32 wusste, dass er sie nicht aus den Augen ließ. Alles Zögern war von ihm abgefallen. Nun sah sie ihn, wie er sich gerne präsentieren wollte. So, wie er sich im Chatroom präsentiert hatte.
Der Kellner brachte die Speisekarte.
HeisseKatze32 blätterte darin herum, liebäugelte mit einigen der teureren Positionen.
BigBoss57 ließ die Karte sinken und schaute sie an. „Glaubst du, Muschelsuppe könnte funktionieren?“
„Hast du Lust auf Muscheln?“
„Ich habe Lust darauf, eine Auster zu schlürfen.“
Sie kicherte ob der Anzüglichkeit. „Muschelsuppe wäre prima.“
BigBoss57 winkte dem Kellner und gab, ganz selbstverständlich, eine Bestellung für sie beide ab. Dabei ließ er sie seine Eloquenz ebenso spüren wie seine dicke Brieftasche.
Danach betrieben die beiden ein wenig belanglose Konversation. Die interessanten Gespräche, die hatten sie ja schon im Chat miteinander geführt. HeisseKatze32 war gespannt, ob er seinen Worten auch Taten folgen lassen würde.
Als die Suppe aufgetragen war, griff HeisseKatze32 in ihre Handtasche und holte das Fläschchen hervor.
Die geheime Zutat.
„Ist es das?“ BigBoss57 schaute die Flasche skeptisch an. „Es sieht aus wie normales Wasser.“
„Wäre dir giftgrün lieber?“
„Nein, ich …“ Er brach ab, schaute aber weiter die Flasche an.
„Wenn du es doch lieber bleiben lassen möchtest …“ HeisseKatze32 machte Anstalten, das Fläschchen wieder einzustecken.
BigBoss57 schüttelte schnell den Kopf. „Nach dem, was du mir erzählt hast, bin ich neugierig.“
„Echte spanische Fliege – nicht das verwässerte Zeug aus dem Sexshop.“ HeisseKatze32 schwenkte den Inhalt ein wenig. „Es wird dir viel Energie geben. Und es wirkt schnell.“
Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Du meinst, wir kommen gar nicht bis zum Dessert?“
Aufgeregt wie ein kleines Kind, dachte HeisseKatze32. Sie kicherte leise. „Oder wir ziehen das Dessert vor!“
Da fasste er seinen Entschluss. „Gib sie mir.“
Sie reichte ihm das Fläschchen, dessen Inhalt er nach einem misstrauischen Rundumblick in die Muschelsuppe einrührte. Danach begann er eilig zu löffeln.
Auch HeisseKatze32 widmete sich nun ihrer Suppe. Sie fragte sich, wie lange es wohl dauern würde …
Nach drei Minuten war es soweit.
„Das schmeckt seltsam.“ BigBoss57 legte den Löffel in den Teller und machte ein angewidertes Gesicht.
„Bei mir ist alles in Ordnung.“ HeisseKatze32 aß ungerührt weiter.
„Das muss das Zeug aus der Flasche sein.“
Jetzt erst blickte sie auf. „Wonach schmeckt es denn?“
BigBoss57 suchte nach den richtigen Worten. „Irgendwie bitter, mit Mandelnote …“
„Stimmt, Bittermandel schmeckt so.“
„Wieso Bittermandel?“
„Es ist Zyanid.“
„Zya… was?“ Er riss erschrocken die Augen auf. „Ist das nicht …“
„Blausäure.“ HeisseKatze32 ließ den Löffel sinken und schaute BigBoss57 aufmerksam an. „Zyanid ist Blausäure.“
Entsetzen lag in seinen Augen, als BigBoss57 aufsprang und dabei seinen Stuhl umwarf.
Einige Gäste an anderen Tischen begannen zu tuscheln.
„Wieso?“ Er zitterte.
HeisseKatze32 schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. „Wieso nicht? Du solltest zukünftig vorsichtiger damit sein, dir von wildfremden Frauen unbekannte Dinge in die Suppe rühren zu lassen.“ Dann schlug sie mit gespielter Bestürzung die Hand vor den Mund. „Oh, stimmt: Das mit der Zukunft wird schwierig!“
BigBoss57 würgte, wirbelte herum und rannte in Richtung der Toiletten. Ein gerade von dort kommender Gast konnte gerade noch aus dem Weg springen.
HeisseKatze32 sah ihm nach und griff dann erneut in ihre Handtasche. Diesmal holte sie ein Smartphone hervor und wählte eine Nummer.
„Guten Abend, Frau Jehlen. Ja, es hat geklappt. Sie erhalten dann meinen Bericht … Das wünsche ich Ihnen auch.“
BigBoss57 würde sich in zweifacher Hinsicht wundern: Zum einen, dass er den heimtückischen Anschlag mit hochkonzentriertem Bittermandelaroma unbeschadet überleben würde. Und zum anderen, dass Frau Jehlen, auch bekannt als Ehefrau55, ihm die nähere Zukunft zur Hölle machen würde.
HeisseKatze32 steckte das Smartphone weg und verließ das Restaurant. Draußen winkte sie ein Taxi heran und stieg ein. Auf der Rückbank nahm sie das Smartphone wieder zur Hand, loggte sich im Chatroom ein und schrieb:
„Hallo, SugarDaddy62! Mein Name ist SteilerZahn27 und ich würde dich gerne kennenlernen …“

 


Diese „Fliege in der Suppe“ hat der fabelhafte Michael Behr zu unserem #Projekt24-Kalender beigetragen. Mehr über Michael findet ihr auf seinem Blog, seiner Facebook-Seite und auf Twitter.

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26 Kommentare zu “19. Die Fliege in der Suppe (Michael Behr)

  1. Pingback: Chronik eines angekündigten Projekts – #Projekt24 (Teil 3, Veröffentlichung) | Mein Traum vom eigenen Buch

  2. Lieber Michael,
    ich hatte viel Spaß beim Lesen. Deinen Einstieg in die Geschichte mag ich am liebsten. So knackig, lese ich gerne. Ich glaube, ich habe es schnell durchschaut, trotzdem war ich vom Ende überrascht. Schade, dass der Typ überlebt, ein jähes Ende für ihn am restauranteigenen Pissor hätte ich famos gefunden :D
    Ich habe mich beim Lesen gut amüsiert.
    Herzlich aus Hamburg
    Mea

    • Hallo Mea,

      freut mich, dass die Geschichte dir Spaß gemacht hat. Ich dachte mir, ich schreibe mal was anderes als immer nur über Leichen ;-). Aber wer sagt, dass er die Rache seiner Frau überleben wird!?

      Liebe Grüße
      Michael

  3. Ich liebe den Titel :-D Hat mir supergut gefallen, mit einer herrlichen Auflösung. Thema getroffen, gut geschrieben, schöne Folge von 3 Pointen am Schluss *applaus*

  4. Wow, sehr stark!

    Ich wusste zuerst wirklich nicht, was mich erwartet, hätte ja auch in eine plumpe Erotik-Richtung gehen können … Und dann der mörderische und doch nicht mörderische Twist. Ich mag die Moral der Geschicht‘, dass man tatsächlich fremden Frauen nicht einfach so trauen sollte, nur weil sie einen körperlich ansprechen – daran sind schon einige Männer zugrunde gegangen und gehen es noch ;-)

    Auf deinem Blog habe ich gesehen, dass du noch etwas zu den Hintergründen der Geschichte schreiben möchtest. Darauf wäre ich schon gespannt, besonders treibt mich die Frage rum, wie du auf das Thema gekommen bist. Ich weiß gerade die Jobbezeichnung nicht … Das ist doch eine bestimmte Art von Agentur, für welche die Heiße Katze gearbeitet hat (manchmal auch Freiberufler)? Finde ich persönlich jedenfalls ein sehr interessantes Feld.

    • Dein erster Satz lässt mich leicht erröten, liebe Nora!

      Ja, ich gebe dir Recht, dass es für manche Männer ganz schwer ist, sich in solchen Situationen zurückzuhalten. Und Kandidaten wie unser BigBoss hier haben es da noch schwerer, weil ihr Ego ihnen zusätzliche Streiche spielt.

      Ja, ich werde auf jeden Fall noch ein wenig was zu den Hintergründen schreiben. Vielleicht nicht gleich morgen oder übermorgen, aber da kommt was, versprochen! :-)

  5. Die Idee, die Untreue des Ehepartners zu überprüfen, indem man ihm einen attraktiven Köder vor die Nase setzt, ist zwar nicht neu, aber gut umgesetzt. Habe mich gut amüsiert. Hi, hi, fast schade, dass es doch keine Blausäure war. LG

  6. Hallo Michael,

    was für eine tolle Geschichte. Hat mich wirklich total mitgerissen und ich mag das Ende. Ganz schön frech, dass sie mit der Ehefrau gemeinsame Sache macht. Aber den Schreck hat der Typ verdient :)

    Liebste Grüße
    Emma

  7. Lieber Michael,
    Da ist ja deine Geschichte! Wie schön! 😊
    Und ich fühle mich großartig, den Wink mit den Austern und dem Mandelgeschmack habe ich nämlich sofort verstanden. 😂
    Die Idee mit dem Blind Date und vorherigen Chats finde ich sehr spannungsvoll. Dass das aber so ausgeht, hätte ich nicht erwartet. Aber irgendwie eine frauliche Art zu denken, statt etwas direkt anzusprechen. 😅

    Drück dich,
    Kiira

    • Liebe Kiira,

      war was mit den Austern? ;-)

      Es freut mich sehr, dass ich dich ein wenig überraschen konnte mit dem Ende der Geschichte.

      Ich drück dich zurück
      Michael

      • Lieber Michael,

        Aber natürlich. Oder willst du die aphrodisierende Wirkung unter den Tisch kehren? 😉
        Obwohl seine Frage dazu dann ja doppelt interpretiert werden kann (in Bezug auf die Fliegen und dessen Wirkung oder die der Austern – herrlich! :D)

        Kiira

  8. Sehr schön, lieber Michael, und vor allem: kurz und knackig! Du kannst das also ;)
    Eine schöne Wendung, überraschend und witzig. Gut gemacht!

    Du rätselst aber nicht wirklich, warum die Frauen hier so mordlüstern sind? Treuen Ehemännern wünscht man natürlich kein böses Ende!

    • Ja, ja, Margaux, kneif du nur dein Auge ;-). Es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt!

      Aber ist es wirklich so, dass man im Fall von Untreue gleich den Tod heraufbeschwören muss? Was ist denn aus dem guten, alten Tritt in die oder dem Gang zum Scheidungsanwalt geworden?

      Im hier vorliegenden Fall wäre dann ja noch die Frage, wie das funktionieren sollte, mit dem Mord. Zumindest alle männlichen Gäste wüssten ja, wie die Mörderin ausgesehen hat. So eingehend, wie sie sie studiert haben.

      Nee, ich fürchte, das Verbrechen würde nicht gut ausgehen.

      • Michael, nur dass es nicht gut ausgehen würde, hält die wenigsten ab! Und nein, es muss nicht der Tod sein. Eine Verstümmelung würde auch reichen ;)
        Ach nein, lieber nicht. Ich will nicht zu Verbrechen aufrufen! Dann ist die Lösung, die du geschrieben hast, wohl doch die bessere und eleganter allemal.

      • Verstümmelung ist auch nicht schlecht. Also, jetzt rein im dramaturgischen Sinne. Äh. Also. Das klingt jetzt glaubwürdig, hoffe ich.

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