Authorgaze

Mein Lektor meint, ich komme immer vom Wesentlichen ab …

 

I.

Zerknirscht stieg Erna aus dem Auto. Ihr Bruder war gestorben. Schwer ging sie den Weg durch den Garten hinauf und hatte heute so gar keinen Blick für ihre hübsche Dekoration, für die kleinen frechen Gartenzwerge, weder den mit Sonnenbrille und Hawaiihemd, noch den anderen, der in der Hängematte lag und Cocktails trank. Auch nicht für die strahlend gelben Sonnenblumen oder den Vogelschwarm, der sich bei ihrer Ankunft davon erhob und in einen nahen Baum flüchtete, während eine kleine Kohlmeise von alledem nichts mitbekam und weiter die Kerne plünderte.
Erna bemerkte auch nicht, dass der kleine Piepmatz seinem Namen keine Ehre machte, denn er war mehr gelb als schwarz. Zudem war er kurz davor, Opfer von Fridolin, der Nachbarskatze zu werden, die sich wie ein Hai durch das Tulpenbeet schob, Zentimeter für Zentimeter näher an ihrem künftigen Mittagssnack …

 

II.

„Oh, Boris“, hauchte Jane atemlos, als der blonde Hüne sie sanft ins Heu drückte. Grashalme strichen über jeden Quadratzentimeter ihrer Haut, ein wohliger Schauer überlief sie – sie spürte Boris‘ heißen Atem auf ihrer Haut, fühlte seine Erregung, sah aus den Augenwinkeln eine kleine Maus, die gerade über den Dachbalken des alten Heuschobers flitzte, nun aber innehielt und schnuppernd mit bebenden Schnurrhaaren über die Kante blickte. Schwarze Knopfaugen, grau-braun umrahmt. Ihre Blicke kreuzten sich und …

 

III.

„Das Spiel ist aus, Schurke!“ Gekonnt sprang Hero-Man vom Dach und landete genau dort, wo er wollte: Zwischen Dr. Dementos und dem Ausgang. „Ergib dich!“
„Ah, Hero-Man, du kommst gerade recht. Ich habe dich schon erwartet.“ Dr. Dementos‘ Hand verschwand in seinem Kittel und förderte eine Art Stab zu Tage. „Dies ist meine neueste Erfindung, der Aheroisator. Willst du wissen, wie er funktioniert?“ Dementos schnalzte mit der Zunge, mit flinken Fingern legte er an dem Stab einen Schalter um und richtete ihn auf Hero-Man.
Die Spitze begann blau zu glühen, Blitze zuckten durch die Gasse, verströmten eine düstere Atmosphäre, die so gar nicht zu dem blauen Himmel ohne Wolken passen wollte. Viele Familien verwendeten diesen schönen Sonntag für Ausflüge ins Grüne, in den Park oder an den See, um die fröhlichen gelben Enten zu füttern und über ihre waghalsigen Tauchmanöver zu staunen.
Auch Hero-Man wollte heute eigentlich dorthin – er erinnerte sich noch gut, das letzte Mal mit Mary-Kate im Park … Sie hatten sich Eis geholt und Mary-Kate trug dieses dünne weiße Top und dazu die rote Handtasche, deren Schulterband sich tief in ihre Kleidung einschnitt und ihre Kurven betonte, die Handtasche mit dem praktischen Schnallenverschluss, leicht und schnell zu öffnen, trotzdem sicher vor Erschütterungen. Dazu ein wahres Stauwunder, perfekt ausgesucht von ihrer Großmutter als Geschenk zu …

24. Das Geschenk (Stefanie Bender)

Ich starre unentwegt auf das Geschenk vor mir auf dem Tisch. Es ist nicht größer als ein Golfball und in glänzendes, schwarzes Papier gehüllt.
Draußen prasselt der Regen an die Scheiben und lässt dabei die Klänge der Geigenspieler verstummen. Jeder Regentropfen ist einer Träne gleich.
Hohe Kerzen stehen auf dem Tisch. Der einzige, der im großen Saal platziert wurde. Wir sind allein.
Lediglich der Kellner, der auf ein kurzes Nicken herangeschlichen kommt, weilt mit uns im abgedunkelten Restaurant.
Noch immer haftet mein Blick auf dem Geschenk. Ich rühre mich nicht. Sogar meinen Atem versuche ich unter Kontrolle zu halten. Er darf mir meine Hemmungen nicht anmerken. Niemals.
„Willst du es nicht öffnen?“, fragt er mich mit einem Lächeln, das mir einen Schauer über die Haut jagt.
Ich antworte nicht, sehe nur für den Bruchteil einer Sekunde in seine kalten Augen, wo ich nicht das geringste Anzeichen von Zuneigung entdecke. Dann fixiere ich wieder das schwarze Präsent.
„Nur zu!“, fordert er mich auf.
Langsam greife ich mit der linken Hand nach dem Geschenk und ziehe es ein Stück näher zu mir. Mein Herz rast.
Schon oft habe ich mich in brenzligen Situationen befunden. Bisher ist es mir gelungen, heil aus diesen zu entkommen, doch bei dieser Nummer ist es aussichtslos.
„Wie ich die Situation gerade einschätze“, beginnt er, „würdigst du meine Bemühungen nicht.“
Unsere Blicke treffen sich. Seine Augenbrauen sind zusammengezogen. Mir bleibt keine Zeit mehr.
Ich hatte viel zu lange für ihn gearbeitet. Ich hatte viel zu oft für ihn gemordet. Dann trat jemand in mein Leben und ich musste mich entscheiden. Ich habe ihn verlassen. Heute werde ich dafür büßen.
„Öffne es!“
Das ist kein Vorschlag mehr, keine Bitte.
Mit zittrigen Fingern löse ich die dünne, schwarze Schleife und das glatte Papier. Darunter kommt eine ebenso dunkle Schmuckschatulle zum Vorschein.
„Nun?“ Die Finger seiner rechten Hand trommeln auf den Tisch.
Erwartet er von mir, dass ich freiwillig in mein Unglück renne? Doch was soll ich tun? Ihn einfach sitzen zu lassen und aus der Tür zu gehen, ist nicht möglich. Dafür ist es schon lange zu spät.
„Du solltest das hier wertschätzen. Ich mache Frauen selten Geschenke.“
Das glaube ich ihm. Ich weiß, dass ich eine Ausnahme bin.
„Ich kann es auch anders erledigen, Charleen. Ich muss nicht einmal die Hand bewegen. Es reicht ein Blick von mir.“
„Warum tust du es dann nicht?“, fauche ich ihn an.
Eine der Kerzen erlischt.
„Weil ich will, dass du es selbst tust.“
Er spielt ein Spiel mit mir und ich hasse Spiele.
„Öffne es!“
Ich fühle mein Herz schlagen. Es schlägt schnell und laut, pulsiert in meinen Kopf.
Wie in Trance greife ich nach der Schachtel und hebe den kleinen Deckel ab.
Die Welt steht still, geht unter in der Finsternis.
Die Kerzen sind aus, die Musik verstummt.

 

***

 

Der Kronleuchter zerspringt mit einem ohrenbetäubenden Knall.
Ich springe auf und hebe meine Arme über den Kopf.
Glassplitter regnen herab.
Ich will fliehen. Die Türe ist nicht weit, doch plötzlich vernehme ich ein Geräusch. Ich erstarre. Pistolen werden durchgeladen. Nicht nur zwei. Nein. Mindestens vier Waffen richten  sich auf mich.
Eine beängstigende Lautlosigkeit legt sich wie eine schwere Decke über den Saal. Ich höre meinen Atem. Warte. Hoffentlich schießen sie endlich.
Schlurfende Schritte nähern sich.
Angst explodiert in mir, als ich erkenne, wer aus dem Dunkeln auf mich zukommt. Dieser elende Bastard. Was hat er vor?
Er legt die Hand auf meine Schulter. „Sie ist hübsch, deine Tochter. Sie sieht dir sehr ähnlich.“
„Wie kannst du es wagen?“
Mein Mädchen ist geknebelt. Tränen haben ihre Wimperntusche verschmiert.
Er hält mir seine offene Handfläche vor die Augen, auf der die winzige Schachtel steht. „Tu es vor ihren Augen oder sie wird sterben.“
„Das alles, weil ich nicht mit dir ins Bett springen wollte? Oder weil ich deinen letzten Auftrag nicht ausgeführt habe?“
„Ich hätte es anders formuliert, aber ja, du hast es erfasst.“
Auf sein Nicken hin zerrt ein Handlanger mein Mädchen noch näher heran und setzt ihr eine Pistole an die Schläfe.
Ich verdränge die Angst, lasse der Wut freien Lauf und greife in Sekundenschnelle durch den winzigen Schlitz in meinem Kleid. Dort steckt mein Deringer, der mir schon gute Dienste erwiesen hat. Ich schieße. Einmal, zweimal, so lange bis ich nur noch ein enttäuschendes Klicken höre. In Sekunden liegen seine Männer mit Löchern im Kopf auf dem Boden. Ich drehe mich um.
Seine Augen sind vor Schreck weit geöffnet. Seine Lippen beben. Er bewegt sich nicht. Meine Waffe drückt auf seine Schläfe. Dann greife ich nach der schwarzen Pille im Schmuckkästchen, lege sie ihm auf die Zunge und zwinge ihn zu schlucken.

 

***

 

„Willst du es nicht endlich öffnen?“
Ich muss blinzeln. Die Kerzen flackern ein wenig. Noch immer prasselt der Regen gegen die Scheiben.
„Wo ist mein Mädchen?“, frage ich.
Ungläubig runzelt er die Stirn. „Dein Mädchen? Woher weißt du ..?“
Mit einem überlegenen Lächeln greife ich nach der Schachtel und hebe den kleinen Deckel ab.

 

 


Mit diesem atemberaubenden Text macht die großartige Stefanie Bender unser #Projekt24 komplett. Mehr von Stefanie gibt es auf ihrer Homepage, auf Twitter, auf Facebook und natürlich auch auf Amazon.
Abschließend möchten wir uns bei allen Leserinnen und Lesern, aber auch bei den geschätzten Autorenkolleginnen und -kollegen vielmals bedanken. Ohne euch alle gäbe es kein #Projekt24. Danke, dass ihr dabei wart!

Wir wünschen euch eine schöne Weihnachtszeit!

23. Blind Date (PoiSonPaiNter)

Eigentlich konnte Anwyn Blind Dates nicht ausstehen und sie konnte sich auch nicht erklären, wie sie ihrer Freundin Sakia zustimmen konnte, „es doch einfach mal auszuprobieren“. Insgeheim vermutete sie, dass Sakia sie mit irgendeinem Zauber beeinflusst hatte.
Nun stand sie im Empfangsbereich des Restaurants und wäre am liebsten umgekehrt, auch wenn sie trotzdem ein bisschen neugierig war. Unschlüssig spielte sie mit der weißen Blume – eine Tulpe, die sie als Zeichen ausgemacht hatten – und hielt nach ihrem Date Ausschau.
Das Restaurant war voll mit den unterschiedlichsten Leuten. Dicht neben ihr flüsterten zwei Elfenmädchen aus einem anderen Clan miteinander, wahrscheinlich machten sie sich über sie lustig. Die förmliche Ausgehkleidung ihres Clans stand Anwyn einfach nicht und sie fühlte sich unwohl in dem viel zu starren und hellen Stoff. Sie war ein Freund von schlichter Gebrauchskleidung, aber Sakia hatte darauf bestanden.
Weiter hinten sah sie eine Gruppe Oger genüsslich einen großen Braten verschlingen.
Hinten in einer Ecke turtelte ein Menschenmann mit einer jungen Elfe.
Zu ihrer Linken entdeckte sie einen einzelnen Elfen, der gar nicht so schlecht aussah, allerdings konnte sie keine Blume bei ihm entdecken.
Schließlich kam die Bedienung auf sie zu, ein mitleidiges Lächeln auf den Lippen.
„Dein Date sitzt an dem Tisch am Fenster. Tut mir Leid für dich“, erklärte sie und klopfte Anwyn tröstend auf die Schulter.
Anwyn schluckte, als sie das kleine Gänseblümchen sah, das zwischen den großen Fingern des Orks hervorlugte. Großartig, dachte sie, das also war ihr Blind Date.
Es half nichts, nun war sie hier und die Elfenmädchen würden sie sicherlich nur noch mehr auslachen, wenn sie jetzt verschwand. Erhobenen Hauptes schritt sie auf den Tisch des Orks zu und baute sich davor auf. Als er sie nicht beachtete, räusperte Anwyn sich leicht.
Aus seinen Gedanken gerissen blickte er auf und sprang hoch.
„Hallo. Ich bin Goduk“, begrüßte er sie mit einem freundlichen Lächeln, dass aufgrund seiner hervorstehenden Hauer trotzdem angriffslustig wirkte, und streckte ihr die Hand entgegen.
Zögerlich ergriff Anwyn diese und stellte sich ebenfalls vor. Ihre eigene Hand verschwand in der Pranke des anderen. Peinlich berührt setzten die beiden sich und Goduk schlug vor, dass sie erstmal etwas bestellten.
Unsicher, wie es jetzt weiter ging, schwiegen sie und ließen ihre Blicke auf allem ruhen, nur nicht auf einander. Hin und wieder setzte einer der beiden zu einem Satz an, verstummte aber sogleich wieder.
Als schließlich ihr Essen auf dem Tisch stand, riss Goduk sogleich eine große Keule mit den Händen von seinem Braten ab, sodass das Fett nur so spritzte und die Knochen knackten. Er war gerade dabei genüsslich hineinzubeißen, als er Anwyns angewiderten Blick sah. Beschämt hielt er inne, legte das Fleisch zurück, wischte sich die Hände am Tischtuch ab und griff nach dem Besteck. Vor sich hin grummelnd versuchte er ein Stück Fleisch abzuschneiden, aber das Messer war einfach nicht scharf genug. Schließlich warf er es genervt auf den Tisch und zog seinen eigenen Dolch aus der Gürtelhalterung.
Anwyns Augen weiteten sich. „Ist das Obsidian?“
„Äh, ja“, bestätigte Goduk verdutzt und hielt ihr den Dolch hin.
Anwyn nahm ihn andächtig entgegen und drehte ihn vorsichtig in ihren Händen.
„Dolche wie der sind schwer zu bekommen“, murmelte er beiläufig.
„Ich weiß. So ein schönes Stück und du benutzt ihn, um Fleisch zu schneiden“, schalte sie ihn und gab den Dolch zurück.
„Jah. Es tut mir auch in der Seele weh, aber ich habe mein anderes Messer zu Haus gelassen und gedacht, ich brauche es nicht“, gab er geknickt zu.
„Wolltest du mich mit dem Dolch beeindrucken?“, wollte Anwyn verwundert wissen.
„Hat es denn funktioniert?“, fragte Goduk stattdessen und klang ein wenig nervös.
„Er ist hübsch anzusehen, aber um mich zu beeindrucken, musst du schon mit mehr aufwarten“, erwiderte Anwyn herausfordernd.
„Wie wäre es mit einem ganzen Schwert aus Obsidian?“
„Du – Das sagst du doch nur so!“ Anwyn ließ ihre Gabel klappernd auf ihren Salatteller fallen.
„Nein! Zu Hause haben wir ein altes Ritualschwert von einem meiner Ahnen. Es ist aus reinstem Obsidian und Griff und Schneide sind mit Knochen und Diamanten versehen“, versicherte Goduk mit leuchtenden Augen.
„Warte.“ Goduk holte sein Smartphone hervor, das viel zu klein wirkte für seine großen Hände.
Kurz darauf zeigte er Anwyn ein Bild des Schwertes als Teil einer Waffensammlung.
„Wow“, entfuhr es Anwyn erstaunt und sogleich fingen die beiden an, darüber und über andere Waffen zu fachsimpeln und vergaßen dabei fast das Essen.
Bis spät in die Nacht saßen sie da und unterhielten sich. Schließlich war es die Bedienung, die ihr Date beendete und sie zu gehen bat. Vor dem Restaurant verabschiedeten sich die beiden mit einem Händedruck, nachdem sie Nummern ausgetauscht hatten.
„Du bist gar nicht so übel für einen Ork“, neckte Anwyn ihn mit einem aufrichtigen Lächeln.
„Du auch nicht für eine Elfe“, erwiderte Goduk.

 


Text Nr. 23 unseres #Projekt24-Adventskalenders stammt von der fabelhaften PoiSonPaiNter. Mehr von und über sie findet ihr auf ihrem Blog, auf Facebook und auf Twitter. Wir möchten an dieser Stelle auch auf ihren wunderbaren Choose-your-own-Adventure-Adventskalender hinweisen!

22. Erwischt (Britta Bendixen)

Sie kommt zur Tür herein, atemberaubend schön. Sieht sich um, bis sie mich entdeckt. Die Kellner und die männlichen Gäste sehen ihr verstohlen hinterher, als sie mit einem strahlenden Lächeln auf mich zukommt. Ich stehe auf und bemerke amüsiert, wie neidisch mich die anderen Männer mustern.
„Entschuldige, dass ich zu spät bin, meine Mutter hat noch angerufen, sie war mit ihrem Hund beim Tierarzt, doch der kann nicht herausfinden, was ihm fehlt, und obendrein hat ihre Schwester nächste Woche runden Geburtstag und Mama hat noch kein Geschenk und wollte ausgerechnet von mir wissen, was sie ihr schenken soll, dabei kenne ich die Frau kaum.“
Während Janine so vor sich hin plappert, zieht sie sich die elegante Jacke aus, hängt sie über den Stuhl, setzt sich mir gegenüber hin und beginnt, in der Speisekarte zu blättern. „Was nimmst du? Ich glaube, ich bestelle nur einen Salat. Heute Mittag war ich mit einer Kollegin beim Italiener um die Ecke, Spaghetti mit Pesto, die waren superlecker, jedenfalls habe ich deshalb gar nicht so viel Hunger.“
Der Kellner kommt und nimmt unsere Getränkewünsche auf. Als er weg ist, greife ich über den Tisch nach Janines Hand und sehe ihr tief in die Augen. „Also, ich habe einen Bärenhunger. Kein Wunder, der Sex letzte Nacht war unglaublich.“
Sie kichert.
Mein Blick fällt über ihre Schulter zur sich öffnenden Eingangstür. Rasch ziehe ich meine Hand zurück. „Oh Gott.“
Janine sieht mich irritiert an. „Was ist?“
„Darling“, sage ich eindringlich, „was auch immer gleich geschieht, bitte vergiss nicht, dass ich dich anbete.“
Ihre großen blauen Augen blicken mich verständnislos an. Dann steht Sarah auch schon an unserem Tisch.
„Deine Sekretärin sagte mir, wo du bist“, faucht sie. „Du solltest ein bisschen vorsichtiger sein, wenn du beim Betrügen nicht erwischt werden willst.“
„Michael, wer ist diese Frau?“, fragt Janine irritiert.
„Janine, das ist Sarah.“ Ich stocke kurz. „Sie ist … äh …. Ich meine, wir sind …“
Sarah schnaubt. „Na los, sag es ihr, du jämmerlicher Feigling!“ Sie wendet sich an Janine und hält ihr die rechte Hand entgegen. An ihrem Ringfinger glänzt ein schmaler Goldreif mit Diamant. „Damit Sie es wissen, ich bin seine Frau und zu Hause warten unsere beiden Kinder auf ihn. Übrigens sind Sie nicht die Erste, der er erzählt hat, er wäre single.“
Janines Augen werden noch um einiges größer. „Michael, stimmt das?“
Ich winde mich unbehaglich. „Naja, also …“
„Ich fasse es nicht!“ Janine steht abrupt auf. „Du bist genauso ein Arsch wie alle anderen. Auf Nimmerwiedersehen, du elender Mistkerl!“ Sie schnappt sich vor Wut bebend Jacke und Tasche und rauscht aus dem Restaurant.
Wir sehen ihr schweigend nach, genau wie die Gäste und die Kellner. Als sie verschwunden ist, setzt Sarah sich seelenruhig auf ihren Platz und zieht den funkelnden Ring von ihrem Finger.
„Danke, dass du gekommen bist, bevor die Getränke gebracht wurden“, sage ich.
Sie lacht. „Ja, ich erinnere mich noch an den Zwischenfall mit der heißen Tomatensuppe. Wie du siehst, habe ich daraus gelernt.“
Ich verziehe in Erinnerung daran das Gesicht. „Das hat ganz schön wehgetan.“
Sie schmunzelt und verschränkt dann die Unterarme auf dem Tisch. „Warum wolltest du sie eigentlich loswerden? Sie ist doch ganz dein Typ.“
Der Kellner bringt die Getränke und stellt sie vor uns ab. Seine Augenbraue ist indigniert nach oben gezogen, doch er sagt kein Wort über die Szene von eben oder darüber, dass nun eine andere Frau bei mir am Tisch sitzt.
Als er wieder verschwunden ist, beantworte ich Sarahs Frage. „Sie ist eine tolle Frau, rein optisch gesehen. Doch sie redet wie ein Wasserfall. Das kann ich auf Dauer einfach nicht ertragen.“
„Dann ist sie das komplette Gegenteil von Paul. Der spricht gefühlt höchstens zehn Wörter am Tag.“ Sarah nimmt das Weinglas und hält es mir entgegen.
„Morgen treffe ich mich mit ihm. Dann bist du dran. Abgemacht ist abgemacht.“
„Versprochen. Dafür hat man schließlich Freunde, oder?“, erwidere ich.
Mit einem verschwörerischen Lächeln stoßen wir an.

 


Mit diesem tollen Text von Britta Bendixen haben wir bereits den 22. Dezember „erwischt“. Bleiben noch zwei Texte übrig! Mehr von Britta findet ihr auf ihrer Homepage, auf ihrer Facebook-Seite und natürlich auf Amazon.

21. All you can eat (Alisha Mc Shaw)

Schnaufend setzte Aleyna die Einkaufstüten an der Haustür ab und schloss diese auf. „Heute koche ich ein tolles Abendessen“ hatte sie getönt. Noyan hatte nur belustigt mit den Ohren gezuckt. Ebenso stillschweigend akzeptierte er ihren Wunsch, den Abend in ihrer Heimat zu verbringen. Es war das erste Mal, dass sie zu Hause war, seitdem sich die ihr bekannte Welt einmal komplett gedreht hatte.
Sie trug die Einkäufe in die Küche und machte sich daran, das versprochene Abendessen zuzubereiten. Zufrieden schob sie nach einer Weile alles in den Backofen, wusch sich die Hände und schlenderte ins Wohnzimmer. Ihre Augen wanderten weiter zu Noyan, der vor dem Kamin lag und offensichtlich schlief.
Just da hob er träge ein Lid und musterte sie, bevor er sich aufrappelte. „Na, erfolgreich gewesen?“ Sie hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass er ihr neuerdings wie ein Schatten folgte. Erst nach einer handfesten Diskussion hatte er sie heute allein einkaufen lassen.
„Natürlich!“, erwiderte sie patzig und ließ sich in ihren Lieblingssessel plumpsen. Er folgte ihr, sank vor ihren Füßen zu Boden und bettete den Kopf in ihren Schoß. Wie von allein glitt ihre Hand in seinen Nacken und kraulte ihn. Sie ärgerte sich darüber, wie selbstverständlich sie auf seine Anwesenheit reagierte.
„Was gibts denn zu essen?“, erkundigte er sich, während seine Körperwärme behaglich auf sie abstrahlte.
„Ich mache Steaks mit Ofenkartoffeln und als Nachspeise Vanillepudding“, zählte Aleyna auf, „Apropos Steak. Wie möchtest du deines am liebsten?“
Unter ihrer Hand spürte sie das Vibrieren seines Körpers. Er lachte.
„Wie ich mein Steak am liebsten möchte? Ernsthaft?“
„Ja, warum denn nicht?“ Dass dieser verdammte Mistkerl sich auch immer über sie lustig machen musste.
„Also gut …“ Er seufzte. „Ich esse mein Steak am liebsten roh, blutig und äußerst lebendig.“
Sie zuckte zusammen.
Er entzog ihr den Kopf und sah sie fragend an.
„Du bist so ein Arsch!“
„Was hast du erwartet? Ich bin ein Wolf!“
Wütend sprang sie aus ihrem Sessel und baute sich vor ihm auf. „Du hast ungehobelt und überheblich vergessen! Ist es denn zu viel verlangt, einen Abend lang eine ganz normale Frau zu sein?“ Wütend drehte sie sich um und stürmte in die Küche.
Ja, Noyan hatte Recht, er war ein Wolf. Ein Gestaltwandler, um genau zu sein. Und sie war ebenfalls einer. Und als wäre das nicht schon genug, nein, sie war auch noch etwas Besonderes! Ein Alphatier.
Vor ein paar Wochen war er auf der Beerdigung ihres Vaters aufgekreuzt, hatte diese unglaublichen Dinge über ihre Herkunft offenbart. Seither war nichts mehr wie vorher, deswegen folgte Noyan ihr auf Schritt und Tritt. Weil es seine Aufgabe war, sie zu beschützen. Oh, wie sie es hasste.
Vor der Alphatier-Geschichte war es so einfach zwischen ihnen gewesen. Unkompliziert. Nicht so wie jetzt, wo er ihr ständig unter die Nase rieb, dass er auf sie aufpassen musste.
Wütend über einfach alles deckte sie den Tisch und öffnete den Backofen. Augenblicklich zog der wunderbare Duft von Knoblauch und Basilikum unaufhaltsam durch die Küche. Aleyna hielt inne, sog die Gerüche auf und die Vorfreude auf das Essen beruhigte ihren Herzschlag, besänftigte ihre schlechte Laune
Als die Küchentür aufschwang, fuhr sie herum. Die restliche Wut verpuffte mit einem Schlag, überrascht starrte sie ihn an.
Noyan hatte gestaltwandelt, trug jetzt Jeans und T-Shirt und seine schulterlangen Haare waren zu einem Zopf gebunden. Mit verschränkten Armen lehnte er am Türrahmen und musterte sie.Dann stieß er sich ab und nahm am Küchentisch Platz.
Wortlos servierte sie Steaks und Ofenkartoffeln, ehe sie sich ihm gegenüber setzte.
„Dein Abend, deine Regeln, okay?“, fragte er leise, als sie weiterhin schwieg, und räusperte sich. „Ich bin nun mal ein Wolf und mehr als meine ungehobelte und überhebliche Gesellschaft habe ich nicht zu bieten. Für mich ist diese Situation genau so neu wie für dich.“
Solche Worte aus Noyans Mund kamen fast einer Entschuldigung gleich. Aleyna seufzte leise, ehe sie schließlich nickte und ihm dabei zusah, wie er das Besteck ergriff und sein Steak zerteilte. Der erste Bissen verschwand in seinem Mund und er fing an zu kauen. Noyans Augen weiteten sich. Er sah sie erstaunt an.
Ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. „Gut, ne? Und das, obwohl es schon tot ist!“
Sein Schnaufen war die einzige Antwort, doch die Geschwindigkeit, mit der er seinen Teller leerte, sprach Bände. In der Zeit, in der sie mit Mühe ein einziges Steak und eine Kartoffel schaffte, hatte Noyan seinen Teller zweimal nachgefüllt.
Nachdem auch der Nachtisch aufgegessen war, lehnte er sich ächzend zurück und rieb sich den Bauch. „Frag mich nochmal, wie ich mein Steak möchte.“
Irritiert sah sie ihn an. „Bitte?“ Hatte er sie für heute nicht schon genug herausgefordert?
„Du sollst mich fragen, wie ich mein Steak möchte“, wiederholte er leise.
Sie seufzte. „Also gut. Wie möchtest du dein Steak?“
Noyan erhob sich und schob seinen Stuhl um den Tisch herum an ihre Seite. Dann griff er nach ihrer Hand und drückte sie leicht.
„Ich möchte mein Steak mit dir. Und mit niemandem sonst.“

 


Schon der 21. Text! Bald ist Weihnachten! :-)
Diesen Text hat die talentierte Alisha Mc Shaw verfasst. Mehr über Alisha und ihr Schreiben könnt ihr auf ihrer Homepage und auf ihrer Facebook-Seite finden. Außerdem findet ihr hier ihre Amazon-Seite mit ihren bereits erschienenen Büchern.