19. Die Fliege in der Suppe (Michael Behr)

Kein Mann schaffte es, das Restaurant zu betreten, ohne ihren Körper zu studieren. Nicht einmal die in weiblicher Begleitung. Doch jetzt tauchte der einzige Mann auf, der erwartet wurde.
HeisseKatze32 stand auf, strich sich ihr enganliegendes und an allen relevanten Stellen sehr kurzes Kleid glatt und lächelte ihm entgegen. Langsam näherte er sich, scannte sie förmlich und hielt ihr dann die Rose, das Erkennungszeichen, hin.
„Hallo.“ Seine Stimme war tief und fest. Das gefiel ihr. Sie ignorierte die ausgestreckte Hand und umarmte den Mann, den sie als BigBoss57 kannte. So, dass er die Wölbung ihres Busens spürte.
„Ich freu mich!“ Die Blume wechselte den Besitzer und sie setzten sich einander gegenüber. Bei dem wie aus dem Nichts erscheinenden Kellner bestellte er eine Flasche Champagner.
Ein Schweigen entstand, aber HeisseKatze32 wusste, wie sie das Gespräch in Gang bringen konnte. „Hast du dir die Sache noch einmal überlegt?“ Sie zwinkerte ihm zu.
Er schüttelte den Kopf. „Nein, wir waren uns doch einig.“
„Andere haben dann doch gekniffen, als es ernst wurde.“ Sie strich sich ein Staubkorn vom Saum ihres Ausschnitts.
Er lächelte. „Ich glaube, die wussten nicht, was sie verpassen.“
„Heißt das, ich gefalle dir?“
BigBoss57 nickte. „Sehr sogar!“
HeisseKatze32 lächelte hintergründig. Sie hob das Champagnerglas und prostete ihm zu: „Cheers.“
Er erwiderte den Toast und trank.
HeisseKatze32 wusste, dass er sie nicht aus den Augen ließ. Alles Zögern war von ihm abgefallen. Nun sah sie ihn, wie er sich gerne präsentieren wollte. So, wie er sich im Chatroom präsentiert hatte.
Der Kellner brachte die Speisekarte.
HeisseKatze32 blätterte darin herum, liebäugelte mit einigen der teureren Positionen.
BigBoss57 ließ die Karte sinken und schaute sie an. „Glaubst du, Muschelsuppe könnte funktionieren?“
„Hast du Lust auf Muscheln?“
„Ich habe Lust darauf, eine Auster zu schlürfen.“
Sie kicherte ob der Anzüglichkeit. „Muschelsuppe wäre prima.“
BigBoss57 winkte dem Kellner und gab, ganz selbstverständlich, eine Bestellung für sie beide ab. Dabei ließ er sie seine Eloquenz ebenso spüren wie seine dicke Brieftasche.
Danach betrieben die beiden ein wenig belanglose Konversation. Die interessanten Gespräche, die hatten sie ja schon im Chat miteinander geführt. HeisseKatze32 war gespannt, ob er seinen Worten auch Taten folgen lassen würde.
Als die Suppe aufgetragen war, griff HeisseKatze32 in ihre Handtasche und holte das Fläschchen hervor.
Die geheime Zutat.
„Ist es das?“ BigBoss57 schaute die Flasche skeptisch an. „Es sieht aus wie normales Wasser.“
„Wäre dir giftgrün lieber?“
„Nein, ich …“ Er brach ab, schaute aber weiter die Flasche an.
„Wenn du es doch lieber bleiben lassen möchtest …“ HeisseKatze32 machte Anstalten, das Fläschchen wieder einzustecken.
BigBoss57 schüttelte schnell den Kopf. „Nach dem, was du mir erzählt hast, bin ich neugierig.“
„Echte spanische Fliege – nicht das verwässerte Zeug aus dem Sexshop.“ HeisseKatze32 schwenkte den Inhalt ein wenig. „Es wird dir viel Energie geben. Und es wirkt schnell.“
Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Du meinst, wir kommen gar nicht bis zum Dessert?“
Aufgeregt wie ein kleines Kind, dachte HeisseKatze32. Sie kicherte leise. „Oder wir ziehen das Dessert vor!“
Da fasste er seinen Entschluss. „Gib sie mir.“
Sie reichte ihm das Fläschchen, dessen Inhalt er nach einem misstrauischen Rundumblick in die Muschelsuppe einrührte. Danach begann er eilig zu löffeln.
Auch HeisseKatze32 widmete sich nun ihrer Suppe. Sie fragte sich, wie lange es wohl dauern würde …
Nach drei Minuten war es soweit.
„Das schmeckt seltsam.“ BigBoss57 legte den Löffel in den Teller und machte ein angewidertes Gesicht.
„Bei mir ist alles in Ordnung.“ HeisseKatze32 aß ungerührt weiter.
„Das muss das Zeug aus der Flasche sein.“
Jetzt erst blickte sie auf. „Wonach schmeckt es denn?“
BigBoss57 suchte nach den richtigen Worten. „Irgendwie bitter, mit Mandelnote …“
„Stimmt, Bittermandel schmeckt so.“
„Wieso Bittermandel?“
„Es ist Zyanid.“
„Zya… was?“ Er riss erschrocken die Augen auf. „Ist das nicht …“
„Blausäure.“ HeisseKatze32 ließ den Löffel sinken und schaute BigBoss57 aufmerksam an. „Zyanid ist Blausäure.“
Entsetzen lag in seinen Augen, als BigBoss57 aufsprang und dabei seinen Stuhl umwarf.
Einige Gäste an anderen Tischen begannen zu tuscheln.
„Wieso?“ Er zitterte.
HeisseKatze32 schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. „Wieso nicht? Du solltest zukünftig vorsichtiger damit sein, dir von wildfremden Frauen unbekannte Dinge in die Suppe rühren zu lassen.“ Dann schlug sie mit gespielter Bestürzung die Hand vor den Mund. „Oh, stimmt: Das mit der Zukunft wird schwierig!“
BigBoss57 würgte, wirbelte herum und rannte in Richtung der Toiletten. Ein gerade von dort kommender Gast konnte gerade noch aus dem Weg springen.
HeisseKatze32 sah ihm nach und griff dann erneut in ihre Handtasche. Diesmal holte sie ein Smartphone hervor und wählte eine Nummer.
„Guten Abend, Frau Jehlen. Ja, es hat geklappt. Sie erhalten dann meinen Bericht … Das wünsche ich Ihnen auch.“
BigBoss57 würde sich in zweifacher Hinsicht wundern: Zum einen, dass er den heimtückischen Anschlag mit hochkonzentriertem Bittermandelaroma unbeschadet überleben würde. Und zum anderen, dass Frau Jehlen, auch bekannt als Ehefrau55, ihm die nähere Zukunft zur Hölle machen würde.
HeisseKatze32 steckte das Smartphone weg und verließ das Restaurant. Draußen winkte sie ein Taxi heran und stieg ein. Auf der Rückbank nahm sie das Smartphone wieder zur Hand, loggte sich im Chatroom ein und schrieb:
„Hallo, SugarDaddy62! Mein Name ist SteilerZahn27 und ich würde dich gerne kennenlernen …“

 


Diese „Fliege in der Suppe“ hat der fabelhafte Michael Behr zu unserem #Projekt24-Kalender beigetragen. Mehr über Michael findet ihr auf seinem Blog, seiner Facebook-Seite und auf Twitter.

18. Schachmatt – Gott würfelt nicht (Juliana Fabula)

„Um was wollen wir heute spielen?“ Ein teuflisches Lächeln lag auf seinen Lippen, als er diese Worte aussprach.
„Ich dachte, du hast mich eingeladen, damit wir mal wieder zusammen essen. Immerhin haben wir uns über 70 Jahre nicht gesehen. Findest du nicht, dass man da anders ein Gespräch beginnen sollte?“
Er fuhr sich mit der Hand über seinen langen, weißen Bart und versuchte so, sein Grinsen zu verbergen.
Lucifer, wie er leibt und lebt. Er würde sich wohl nie ändern. Er sah noch genauso jung und spitzbübisch aus wie vor tausend Jahren.
Gott selbst hatte sein Äußeres den Vorstellungen der Menschen angepasst, heue allerdings hatte er keine Lust darauf. Um Lucifers Erscheinungsbild nicht unterlegen zu sein, verwandelte er sich ebenfalls in einen gutaussehenden, blonden jungen Mann mit strahlend blauen Augen, die Lucifer herausfordernd anblitzten.
„Du möchtest mir wohl in nichts nachstehen?“, meinte dieser daraufhin und schmunzelte belustigt.
„Am Ende hält man mich noch für deinen Vater. Ich denke nicht, dass das in deinem Sinne ist?“
„Als ob du das nicht auch so tätest! Wer versucht denn immer, mich zu bevormunden?“, wollte Lucifer mit ironischem Unterton wissen.
Gott lächelte wissend und faltete gelassen seine Hände zusammen.
Die zwei Gläser vor ihnen füllten sich, das eine mit Weißwein, das andere mit Rotwein. Das Essen erschien ebenfalls wie von Zauberhand vor ihnen. Ein Fisch zum Weißwein und ein saftiges Steak zum Rotwein.
„Lass es dir schmecken, alter Freund“, meinte Gott zu Lucifer und griff zu seinem Besteck.
Dieser schob sich gerade eine volle Gabel in den Mund und nickte nur zustimmend, während er genüsslich die Augen verdrehte.
Nachdem sie gegessen hatten, saßen sie einfach nur da und sahen sich an. Zwei machtvolle Personen, in deren Händen das Schicksal der Welt lag.
„Wie wäre es nun endlich mit einem Spiel?“, hakte Lucifer ungeduldig nach.
„Sicher, woran hast du denn gedacht?“
„Wir könnten würfeln oder Karten spielen.“
Gott schüttelte den Kopf: „Nein, kein Spiel diesmal, in das sich Dritte einmischen können.“
Lucifer hob belustigt die Augenbraue.
„Du weißt genau, was beim letzten Mal passiert ist. Der Zufall hat den Fall der Würfel verändert und schon war der nächste Krieg ausgebrochen. Ich finde, wir sollten diesmal etwas strategischer an die Sache gehen.“ Gott massierte sich nachdenklich die Schläfe.
„Hast du etwa Angst, alter Mann? Eine Prise Unvorhergesehenes macht doch erst die richtige Würze aus!“
Gott schüttelte jedoch erneut den Kopf und Lucifer gab sich geschlagen. Es hatte heute wohl keinen Sinn, ihn von einem anderen Spiel zu überzeugen.
„Gut, an was hast du denn gedacht?“
„Wie wäre es mit einer Partie Schach?“
„Schach? Dieses Alte-Männer-Spiel? Du willst mit deinem Kleidchen tragenden Chor gegen mein dunkles Heer antreten? Ich hoffe, du weißt, worauf du dich da einlässt?!“
Gott seufzte, aber ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Lucifer hatte sich schon immer darüber lustig gemacht und das würde er vermutlich auch noch in den nächsten 10.000 Jahren tun, obwohl die Mode sich der Zeit angepasst hatte. Tuniken wurden längst nicht mehr getragen.
Die leeren Teller verschwanden, die Gläser füllten sich erneut und vor ihnen erschien ein Schachbrett mit den passenden Figuren: Weiß für Gott und schwarz für Lucifer. Es würde sicherlich kein einfaches Spiel werden, denn beiden waren herausragenden Strategen.
Zumindest konnte der Zufall sich diesmal nicht einmischen, das würde sonst sicherlich gänzlich in einer Katastrophe enden.
Jeder machte seinen ersten Zug und die Bauern zogen hinaus auf das Feld – hinaus in eine Schlacht, deren Ende man noch nicht einmal erahnen konnte.
Lucifer preschte mit den Läufern und den Springern nach vorne. Die Verteidigungslinie der weißen Seite bekam erste Lücken.
Gott rochierte mit Turm und König, um diesen in eine sichere Position zu bringen. Danach begann er die Spielzüge von Lucifer zu kontern. Er setzte beide Springer außer Gefecht, dann einen Läufer.
Das Spiel zog sich schon über mehrere Stunden. Sie lieferten sich ein erbittertes Duell.
Doch wie würde es enden? Würde ein Krieg entstehen? Eine Figur die Macht erlangen, die anderen Spielfiguren vom Brett zu fegen? Wenn zwei Mächte solcher Größe aufeinandertrafen, konnte man nie sagen, wie es enden würde.
Welche Seite würde Schachmatt gehen?

 


Text Nr. 18 stammt von Juliana Fabula. Mehr über Juliana findet ihr auf Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest oder auf ihrer Homepage.

17. Herbstklopfen (Sonea von Delvon)

Ein kalter Herbstwind wirbelte Blätter durch die Fußgängerzone und klatschte dicke Regentropfen in Rosas Gesicht. Hinter den Schaufenstern gingen die ersten Lichter an.
„Das war eine spannende Ausstellung!“, sagte sie. „Wie schnell die Zeit vergangen ist!“
„Unglaublich, nicht wahr?“ Rebecca schlang ihre Strickjacke fester um den Leib. „Jetzt bin ich hungrig.“
„Ich auch.“ Der Nachmittag war viel zu schnell vergangen. Rosa indes wollte noch nicht nach Hause. „Wollen wir noch etwas essen?“
Ihre Freundin lächelte. „Liebend gern.“ Sie hakte sich bei Rosa ein. „Worauf hast du Lust?“
„Mir egal. Hauptsache, es ist dort warm und gibt Wein.“
„Dann schauen wir, was uns anlacht.“
Auf dem Weg durch die dunkler werdenden Straßen peitschte der Wind weitere Regentropfen in ihre Gesichter und fuhr ihnen bis auf die Haut, doch mit Rebecca an ihrer Seite spürte Rosa die Kälte kaum.
Plötzlich blieb ihre Freundin stehen. „Ich wusste gar nicht, dass die renoviert haben.“
Sie hatten vor einem Lokal mit roter Backsteinfassade gehalten. Rosa sah hinauf zu dem Schild. La Bodega – Tapas & Pfannengerichte. „Warst du hier früher nicht immer mit Marc essen?“
Rebecca nickte, plötzlich ernst. „Ich war seitdem nicht mehr da.“
„Wir können woanders hingehen“, schlug Rosa vor, während sie sehnsüchtig durch die Scheibe auf das gemütliche Innere des kleinen Restaurants starrte.
„Nein.“ Rebecca lächelte und ihre Augen leuchteten auf. „Das mit Marc ist vorbei. Es ist renoviert. Es ist perfekt.“
Sie sahen einander an und Rosas Herz machte einen Sprung.
So früh am Abend waren nur wenige Gäste da. Der Kellner, der sich ihnen als Enrico vorstellte, gab ihnen einen Tisch in einer gemütlichen Nische, von wo aus sie sowohl das Innere des Restaurants als auch die Straße im Blick hatten.
„Wissen die Señoras schon, was sie wollen?“
„Ich schon“, antwortete Rebecca. „Aber meine Freundin will sicher erst noch die Karte. Du kannst uns aber schon einmal Wein bringen.“
„Rioja? Tempranillo?“
„Tempranillo“, sagte Rosa.
Enrico zwinkerte ihnen zu und verschwand, um wenig später mit einer Flasche Wein, zwei Gläsern, Brot, Aioli und einer Speisekarte zurückzukehren.
„Also“, sagte Rebecca, nachdem sie sich aus ihrer Strickjacke geschält hatte, und zupfte das Oberteil zurecht, das Rosa an ihr so bewunderte. „Trinken wir darauf, dass die Vergangenheit Vergangenheit ist. Und dass heute etwas Neues anfängt!“
Rosa hob ihr Glas. Mit einem Mal konnte sie es deutlich spüren. Es war schon in der Ausstellung da gewesen, doch sie hatte es für eine Spinnerei gehalten. Jetzt, wo sie an dem kleinen Tisch saßen und ihre Knie einander fast berührten, schlug ihr Herz mit einem Mal viel zu schnell.
Waren sie deswegen hier?
„Auf etwas Neues!“, brachte sie hervor.
Nach einem hastigen Schluck griff sie nach der Tapaskarte. „Ich war noch nie beim Spanier“, sagte sie, ihre Nervosität überspielend. „Kannst du etwas empfehlen?“
„Alles.“
Rosa entfuhr ein Lachen. „Das ist nicht sehr hilfreich, Rebecca.“
„Vielleicht sollten wir einfach mehrere Tapas bestellen und teilen“, schlug Rebecca vor, während sie ein Stück Brot mit Aioli bestrich. „Dann kannst du von allem etwas probieren und was du nicht magst, esse ich.“
„Und wenn ich alles mag?“
Rebeccas Augen funkelten. „Dann müssen wir uns wohl darum zanken.“
Sie lachten. Rebecca betrachtete ihre Freundin. Sie war anders. Unbeschwerter. Ging es nur ihr so, oder war das Lachen ihrer Freundin auch eine Spur nervöser als sonst?
Was immer es war, es bewirkte, dass sich Rosas Puls beschleunigte.
„Haben die Señoras schon entschieden?“
Rosa zuckte zusammen. Enrico war wie aus dem Nichts neben ihrem Tisch aufgetaucht.
Nachdem Rebecca acht verschiedene Tapas geordert hatte, herrschte eine unangenehme Stille zwischen ihnen. Rosas Nervosität kehrte zurück, doch ihr fiel nichts ein, was sie hätte sagen können.
Sie waren seit Jahren Freundinnen. Es hatte immer etwas zu erzählen gegeben.
„Das war wirklich ein schöner Nachmittag“, brach sie schließlich das Schweigen und hatte zugleich das Gefühl, sich zu wiederholen. „Ich kann gar nicht glauben, dass wir das nicht schon früher gemacht haben.“
Rebeccas Finger spielten mit dem Stiel ihres Weinglases. „Manchmal muss man etwas Neues ausprobieren.“
Nur mit Mühe widerstand Rosa dem Drang, ihre Hand auf die ihrer Freundin zu legen. Stattdessen sah sie in Rebeccas Augen. Der Wein verlieh ihr ein ungeahntes Gefühl von Leichtigkeit. „Allerdings.“
Als Enrico zurückkehrte und mehrere duftende Schälchen auf dem Tisch verteilte, rückten Rosa und Rebecca fast gleichzeitig näher zusammen. Ihre Knie berührten sich. Rebecca machte indes keine Anstalten, ihr Knie wegzuziehen, und so tat sie es auch nicht.
„Datteln und Speck?“, fragte Rosa ungläubig, die Tapas beäugend.
„Das ist köstlich.“ Mit einem durchtriebenen Funkeln in den Augen nahm Rebecca eine Dattel und hielt sie Rosa hin. „Probier mal.“
Nervös schnappte Rosa nach der Dattel und streifte dabei versehentlich Rebeccas Finger. Das Gefühl von Leichtigkeit intensivierte sich. Ihr Herz begann zu rasen.
„Und?“, fragte ihre Freundin.
„Sehr gut“, brachte Rosa hervor. Sie fragte sich, ob sie noch von der Dattel sprachen.
„Schön.“ Rebeccas Augen funkelten im Licht der Kerze. Dann beugte sie sich vor.
Ihre Lippen berührten einander und mit einem Mal schlug Rosas Herz so schnell, dass sie zu zerspringen glaubte.

 


Der bereits 17. Text unseres #Projekt24-Adventskalenders wurde von der grandiosen Sonea von Delvon verfasst. Mehr über Sonea, ihr Schreiben und ihre wunderbaren Fan-Fictions findet ihr auf ihrem Facebook-Profil, ihrem Twitter-Account und ihrer Homepage.

16. Zwischen den Zeilen (Sabina S. Schneider)

Ich sitze in einer dunklen Ecke und hoffe, dass ihr das Restaurant gefallen wird. Wie diese komplette Welt, ist es aus Worten erschaffen. Aus Worten erschaffen, ist es wie diese komplette Welt. Hier, in der Zwischendimension, in der sich all meine Figuren tummeln, warte ich. Beobachte und rekapituliere.
Ich bin Autor.
Hier begegne ich ihnen allen. In der Realität denke ich nur über sie nach, schreibe Worte nieder. Doch hier, in diesem kleinen Universum, das sich aus Buchstaben zusammensetzt, kann ich mich mit ihnen unterhalten.
Ich komme nicht oft hierher.
Nur wenige meiner Figuren mögen mich. Ein paar hassen mich.
In diesem Restaurant, das sich wie alles in dieser Welt nach meinem Willen ändert, sitze ich mit schwitzenden Händen. Diese Konfrontation wird nicht einfach sein, denn dieses Mal ist es Eva, auf die ich warte.
Und in dem Moment, als ich erwartungsvoll den Blick hebe, betritt sie den Raum. Es ist ein winziges Restaurant mit einfachen Holzmöbeln. Direkt am Eingang befindet sich ein Tresen, der einen Einblick in die Küche erlaubt. Hier wird das Sushi frisch zubereitet.
Mag Eva Sushi?
Wenn ich es einmal wusste, habe ich es vergessen. Ich erinnere mich nur noch vage neben all den anderen Figuren, Schicksalsschlägen und bahnbrechenden Ideen an ihre Geschichte …
Nicht, dass sie langweilig wäre.
Nein.
Es geht um die Geburt, den Fortbestand der Menschheit und den Schmerz der Ewigkeit, wenn man zerbrochen wurde. Liebe, flammend, einseitig, voller Besessenheit. Kein rettender Engel, sondern ein seelenverzehrender Dämon.
Ich habe vergessen, wie schön ich Eva erschaffen habe. Es raubt mir den Atem, als sie auf mich zugeht, den Stuhl beiseiteschiebt und sich wortlos setzt.
Eva sieht mich nur an.
Und ich wünschte, ich wüsste, was sie denkt.
Meine Augen fahren zu den Einstichen an ihrem linken Arm. Sie hat sich nicht die Mühe gemacht, die Narben zu bedecken. Wozu auch? Ich habe sie ihr gegeben. Sie zu einem Teil von ihr und ihrer Geschichte gemacht.
„Wie geht es dir Eva?“, frage ich leise. Ich wurde beschimpft, bespuckt, angeschrien, geohrfeigt, geküsst, angelächelt und in den Arm genommen.
Was wird Eva tun?
„Weißt du denn nicht, wie es mir geht?“, erwidert sie und ich kann ihrem Blick nicht standhalten.
Die Realität verschwimmt in ihren Augen. Eva sieht nicht immer Menschen. Manchmal bevölkern andere Wesen ihre Welt. Rassen, die über den Planten herrschen. Nein, keine Aliens. Komplett andere Entwicklungsgeschichten. In Evas Welt ist die Menschheit nicht stabil. Die Vergangenheit muss noch geändert werden, damit die Gegenwart zur Realität wird. Und die Antwort, der Weg zum Erhalt und zur Entstehung der Menschheit, liegt in der unerreichbaren Zukunft.
„Ich habe dich geformt, dir Eigenschaften gegeben und Aufgaben, damit du an ihnen wachsen kannst“, versuche ich mich zu erklären.
„Wenn du mich und meine Welt erschaffen hast, dann bist du Gott und allmächtig.“
Ich muss lachen, winke die Kellnerin herbei und bestelle zwei Sushi-Platten und Pflaumenwein. „Weißt du, ich bin es nicht.“
„Was nicht?“
„Allwissend oder allmächtig. Ich denke mir Figuren aus, verleihe ihnen Eigenschaften und Leben. Natürlich, ich gebe die Richtung vor. Doch der wahre Zauber des Schreibens liegt in den Momenten, in denen die Worte sich selbst zu Sätzen verbinden und ihr in eine Richtung geht und Entscheidungen fällt, die ich nicht vorhersehen konnte. Die meiste Zeit seid ihr die treibende Kraft, ich bin nur das Medium.“
„Willst du sagen, dass ich mir mein Schicksal selbst ausgesucht habe?“
„Du wurdest von Ereignissen beeinflusst und hast durch mich gehandelt.“
„Dann bin ich eine Gottheit?“
„In dieser Welt sicher.“
Eva lacht.
Der Laut schmerzt in meinen Ohren und ich würde mich am liebsten in Luft auflösen. Ich weiß, dass ich grausam war. Brutal zu Eva und vor allem zu den Menschen, die ihr wichtig wurden. Ich habe ihr die wenigen Freunde weggerissen, nachdem Eva sich aus dem Kokon der Einsamkeit geschält und ihr Herz ein Stück für sie geöffnet hatte. Habe sie zu ihren Feinden gemacht.
„Du hättest mir eine andere Kraft geben sollen, etwas Nützliches.“
„Ich finde dich perfekt …“
Zwei Sushi-Platten werden serviert. Die kleinen Häppchen glänzen mir entgegen, schreien „Iss mich!“ und doch greift meine Hand zuerst nach dem Pflaumenwein. Ich setze das feine Glas, auch am Boden abgerundet und doch standfest, an die Lippen und nehme einen Schluck. Ich schließe die Augen und genieße das Süße und das Saure. Die Eiswürfel klirren, als ich das Glas absetze.
Eva gelingt es, ein nigir zwischen ihre Stäbchen zu quetschen und zum Mund zu führen. Sie kaut mit geschlossenen Augen. „Es schmeckt nicht schlecht“, sagt sie. Dann steht sie auf und geht.
Ich bleibe alleine zurück in dem von mir erschaffenen Restaurant, in der von mir geformten Welt. Und ich frage mich: Kann ich eine Geschichte schreiben, in der die Charaktere nicht leiden? Eine Erzählung von ewigwährendem Glück erschaffen? Oder kann ich Gefühle nur durch Schmerz transportieren? Dürste ich nach Blut, Feuer und Schmerz? Treibt mich ein Bild von einem Leser, der nur durch Extreme Empathie entwickeln kann?
Ich bin der Autor.
Ich bin der Leser.
Und doch bin ich nur eine Figur in einem Stück des Lebens, kämpfe darum, wahrgenommen zu werden, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Hoffe, stark genug zu sein, um nicht an der Realität zu verzweifeln.

 


Der 16. Text stammt von der fabelhaften Sabina S. Schneider. Mehr über Sabina, ihr Schreiben und ihre Bücher findet ihr auf ihrer Homepage, auf ihrer Facebook-Seite und auf ihrem Twitter-Account. Schaut rein, es lohnt sich!

15. Die alles entscheidende Frage (Christine Thomas)

Mit beschwingten Schritten steuerte Miriam auf das Parkhotel zu. Sie lächelte, glaubte sie doch sicher zu wissen, warum Werner sie heute zum Dinner in das Vier-Sterne-Hotel eingeladen hatte.
Für diesen besonderen Augenblick war ihm eben nur das Beste gut genug.
Während Miriam dem gepflasterten Weg zwischen blühenden Sträuchern hindurch zum Haupteingang folgte, dachte sie an ihre Freundin Jessica. „Werner ist viel zu alt für dich und außerdem total altmodisch“, hatte sie erst letzte Woche wieder gesagt.
Aber Miriam liebte ihn und seinen Humor. Er war verständnisvoll und belesen. Außerdem konnte er sogar kochen. Was machte es da schon, dass er nicht sofort mit ihr hatte zusammenziehen wollen? Oder dass er in den vergangenen Monaten oft zu eingespannt gewesen war, um die Wochenenden mit ihr zu verbringen? Sie war sicher, heute würde sich das ändern.
Miriam betrat das noble Foyer mit seinen dunklen Möbeln, den Drucken berühmter Gemälde an den Wänden und einem kleinen Brunnen an der rechten Seite.
Das Schild „Restaurant“ wies ihr den Weg ins Untergeschoss des am Hang erbauten Hauses, wo sie Werner entdeckte, kaum dass sie den Raum betreten hatte. Er saß an einem Tisch am Panoramafenster. Hinter ihm bot sich ein herrlicher Blick auf den Park, dem das Hotel seinen Namen verdankte.
„Hallo“, sagte Miriam. Sie lächelte und spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Ebenfalls hallo“, erwiderte Werner, als er Miriam seine Wange für den Begrüßungskuss hinhielt. Sie beugte sich vor und ihre Lippen streiften seinen Mund.
Nachdem Miriam Platz genommen hatte, eilte eine Kellnerin in schwarzem Rock und weißer Bluse herbei. Sie überreichte die Speisekarten und erkundigte sich nach den Getränkewünschen.
„Haben Sie Briedeler Herzchen?“, erkundigte sich Miriam und als die Kellnerin nickte, bestellte sie ein Glas dieses lieblichen Weines.
Werner entschied sich für Mineralwasser.
Eine Weile vertieften sie sich in die Speisekarte.
Miriam seufzte. „Ich kann mich nicht entscheiden.“
Werner klappte seine Speisekarte zu. „Ich nehme das Rumpsteak. Das empfehle ich dir ebenfalls.“
Miriam lächelte. „Wie du meinst.“
Die Kellnerin eilte herbei und nahm die Bestellungen entgegen.
Bis das Essen serviert wurde, erzählte Werner von seinem unmöglichen Arbeitskollegen, einem Film, der demnächst ins Kino kam und den er unbedingt sehen wollte und von dem Roman, den er bei ihrem letzten gemeinsamen Besuch in der Buchhandlung gekauft hatte.
Miriam sog jedes seiner Worte in sich auf. Es war wundervoll, Werner zuzuhören. Wenn er doch nur endlich auf den Grund seiner Einladung kommen würde! Sie lächelte ihn immer wieder an und nahm einmal über den Tisch hinweg seine Hand. Werners Blick sank zu ihren Fingern herab, die sanft seinen Handrücken streichelten. Nachdem die Kellnerin den Salat serviert hatte, griff Miriam zum Besteck. „Ich freue mich sehr, dass du mich hierher eingeladen hast.“
Werner lächelte sie über den Tisch hinweg an. „Es ist ja auch ein besonderer Anlass.“
Vor Freude machte Miriams Herz einen kleinen Hüpfer.
Kam jetzt endlich der Moment, auf den sie schon den ganzen Tag hinfieberte? Sie wartete voller Aufregung, doch Werner beendete schweigend sein Mahl. Ein Heiratsantrag während des Essens war eben nicht sehr romantisch.
Nachdem er seinen Mund mit der Serviette abgetupft hatte, legte er sie gefaltet unter das Besteck. Er schob seinen Teller von sich und sah Miriam ernst an.
Jetzt war es gleich so weit. Miriam sah genau vor sich, was als nächstes geschehen würde. Werner würde neben ihrem Stuhl auf die Knie fallen, ein Kästchen, innen mit Samt bezogen, aus der Jacketttasche ziehen und ihr den Ring präsentieren.
Werner blickte aus dem Fenster, danach zu Miriam und schließlich auf den Tisch. Unruhig knetete er seine Finger, ehe er zu seinem Glas griff. Miriam bemerkte, dass seine Hand zitterte. Gerade als sie etwas sagen wollte, gestand Werner: „Es ist nicht leicht für mich, denn ich habe so etwas noch nie vorher getan.“
Miriam strahlte ihn an. Die Finger ihrer rechten Hand umschlangen seine linke und streichelten sie. „Ich weiß.“
„Ich weiß nicht, wie ich die richtigen Worte finden soll. Du weißt, du bist ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben.“
Miriam seufzte. „Und du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben.“
Werner schenkte ihr ein kurzes Lächeln, ehe er fortfuhr: „Ich lege großen Wert auf deine Meinung und mag es, mit dir über Gott und die Welt zu reden.“
Inzwischen klopfte Miriams Herz vor Aufregung so schnell, dass es ihr den Atem raubte. Rasch trank sie einen Schluck Wein, doch die Hoffnung auf eine beruhigende Wirkung blieb aus. „So geht es mir auch. Mit dir zusammen zu sein, ist einfach wundervoll.“
Werner räusperte sich. Sein Blick haftete immer noch auf Miriams Hand. Mit der freien Hand fasste er in seine Tasche.
Miriams Finger hielten inne und sie den Atem an. Jetzt würde er endlich das Kästchen mit dem Ring hervorholen!
Doch alles, Werner zutage förderte, war eins seiner alten, riesigen Stofftaschentücher. Er wischte sich über die Stirn. Anschließend faltete er das Tuch wieder ordentlich zusammen und verstaute es.
„Seit Wochen aber frage ich mich, was du in diesem besonderen Moment sagen oder wie du reagieren wirst.“
Tränen traten in Miriams Augen. „Was soll ich denn anderes sagen, als dass ich sehr, sehr glücklich bin?“
Ein Lächeln breitete sich auf Werners Gesicht aus. „Du hast also nichts dagegen, dass deine Mutter und ich heiraten wollen?“

 


Heute beehrt unser Projekt die grandiose Christine Thomas. Mehr von und über Christine findet ihr auf ihrer Facebook-Seite.

14. Das Mädchen mit den grünen Augen (Dana Schuster)

Sie tauchte so unvermittelt vor ihm auf, dass er seinen Sinnen misstrauen wollte. Ganz sicher hatte er sie nicht hereinkommen sehen, und sie war vollkommen geräuschlos an ihn herangetreten. Doch jetzt stand sie direkt vor ihm und er fühlte sich überrumpelt.
Simon de Bouville war ein Mann, den so schnell nichts aus der Fassung bringen konnte, außer vielleicht ein schlechter Wein. Seine streng gescheitelten Haare modellierten einen markanten Kopf, und ein grauer Anzug unterstrich seine schlanke und dennoch muskulöse Statur. Gewöhnlich liefen die Dinge in seinem Leben nach Plan, einem Plan, der keine Fragen offen ließ.

Das Mädchen stand vor ihm, so nah, dass er die Grübchen in ihren Mundwinkeln hätte studieren können. Sie trug ein meerblaues, bodenlanges Kleid, bei dessen Anblick man nicht genau wusste, ob man sich noch über oder bereits unter Wasser befand. Ihre Haare waren zu einer undefinierbaren Frisur aufgetürmt, in der überall Perlen und Glitzer aufleuchteten. Sie lächelte, oder vielleicht träumte sie auch vor sich hin.
Simon dagegen stand einfach nur da und schien seine Sprache verloren zu haben. Seine Vernunft mahnte ihn, sich ja nicht in diesem feinen Lokal zu blamieren, indem er einfach nur dieses Mädchen anstarrte. Doch die Stimme in seinem Innern kam von weit her und bevor er darauf reagieren konnte, ergriff das Mädchen seine Hand, wandte sich um und steuerte auf einen freien Tisch zu. Die Entschlossenheit, mit der sie ihn geradezu gepackt hatte, ließ keinen Widerstand zu.
Während sie den Weg zum Tisch zurücklegten, das Mädchen voran und er ein wenig stolpernd hinterher, fiel sein Blick auf ihre Füße.
Kein Zweifel, sie waren nackt.
Er schloss die Augen – das konnte nicht wahr sein! Ganz offensichtlich befand er sich in einem Alptraum, aus dem er nicht aufzuwachen vermochte.

Simon versuchte sich zu erinnern, warum er hier war, in diesem Lokal. Eine Ahnung befiel ihn, dass er hier mit jemandem verabredet gewesen war. Doch dieser Gedanke verschwand so schnell wie er gekommen war. Litt er schon an Gedächtnisverlust, in seinem Alter?
Während er versuchte, wieder Herr seiner Sinne zu werden, hatte das Mädchen Platz genommen – und er folgte ihrem Beispiel, wie betäubt. Er erinnerte sich nicht, dass sie Essen bestellt hatten, doch es wurde ihnen so schnell gebracht, wie er es noch nie erlebt hatte. Ein köstlicher Duft stieg in seine Nase und er bemerkte, wie hungrig er war.
Schweigend aßen sie. Mit jedem Bissen fühlte sich Simon wohler in seiner Haut. Es schien ihm, als hätte er nie zuvor etwas so Hervorragendes zu sich genommen. Auch war ihm noch nie aufgefallen, wie weich und angenehm das Licht in diesem Teil des Restaurants war, in dem sie saßen. Er hörte leise Musik, doch jeder Ton klang so deutlich nach, als würde er direkt in seinem Kopf entstehen. Er atmete tief durch, und Sauerstoff belebte seine Zellen wie schon lange nicht mehr.

In diesem selbstversunkenen Zustand vernahm er ein unerwartetes Geräusch und blickte auf. Das Mädchen schien etwas sagen zu wollen – oder wollte sie schon gehen? Er hatte ihre Anwesenheit fast völlig vergessen. Jetzt erwachte eine Neugier in ihm, die sich ganz auf die Person vor ihm richtete.
Er bemerkte ihre feine gerade Nase und die blassen kleinen Sommersprossen, die auf jedem Zentimeter ihrer Haut tanzten. Die Hände, die immer noch Gabel und Messer hielten, waren größer als er es bei einer so zierlichen Person erwartet hätte. Er betrachtete ihre Finger, jeden einzelnen, und als er beim sechsten angekommen war, blinzelte er.
Das Mädchen ergriff erneut seine Hand und sah ihn zum ersten Mal direkt an.
Ihre Augen waren grün. Es war ihm, als würde seine Seele gewendet und jede Zelle einer Prüfung unterzogen. Ihm wurde schwindlig und für einen kurzen Moment drehte sich die Welt und schien aus den Angeln zu springen. In der nächsten Sekunde war es vorbei, wie ein Spuk. Simons Blick wurde wieder klar und auch sein Verstand funktionierte wieder. Er sah aus dem Fenster.
Es regnete in Strömen.
Das Mädchen war verschwunden.
Nein, er würde jetzt nicht darüber nachdenken. Zu seiner Verwunderung spürte er auch kein Verlangen danach. Stattdessen überfiel ihn eine unbändige Lust, jetzt sofort das Lokal zu verlassen und im Regen spazieren zu gehen.
Er summte vor sich hin.

 


Diesen wundervollen Text zu unserem Projekt hat die großartige Dana Schuster beigesteuert. Mehr von Dana findet ihr auf ihrer Homepage.

13. Die Freundin (Emma Escamilla)

Leonie war völlig außer Atem, als sie vor dem kleinen Restaurant ankam, in das ihre Mutter sie eingeladen hatte. Sie wartete bereits vor der Eingangstür, pünktlich wie immer.
„Du kommst spät“, bemerkte die Mutter.
„Sorry … der Bus …“
Sie schlossen sich in die Arme und betraten das Lokal. Der verlockende Geruch von Gebratenem stieg ihnen in die Nasen. Leonie knurrte der Magen. Eine Bedienung kam ihnen entgegen.
„Guten Tag“, sagte ihre Mutter. „Ich habe reserviert auf den Namen Leber.“
Die Kellnerin lächelte. „Bitte folgen Sie mir.“ Sie eilte voran. Vor einem Tisch am Fenster machte sie Halt. „Bitte, die Damen. Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“
Leonie und ihre Mutter legten ihre Mäntel ab und gaben ihre Bestellungen auf. Dann ließen sie sich an dem Tisch nieder. Lächelnd beobachtete die ältere Frau ihre Tochter, wie sie die Speisekarte aufschlug und ihren Blick darin versenkte. „Es ist so schön, dich wiederzusehen. Du hast dich wirklich verändert.“
„Findest du?“
„Ja, deine Haare sind länger. Und du siehst irgendwie … erwachsener aus.“
„Danke“, sagte Leonie. „Ich glaube, ich bin wirklich ein ganz schönes Stück erwachsener geworden.“
„So ein Studium in der Ferne prägt einen.“ Frau Leber warf ebenfalls einen Blick in die Speisekarte.
„Es gibt da etwas, das ich dir sagen wollte“, begann Leonie und biss sich auf die Unterlippe.
Doch sie wurde von der Bedienung unterbrochen, die ihnen ihre Getränke brachte.
„Was darf es sein?“
Sie gaben ihre Essensbestellungen auf und die Kellnerin notierte sie sich auf ihrem kleinen Notizblock, dann ließ sie die beiden wieder allein.
„Was gibt es denn nun für Neuigkeiten?“ Die Mutter nahm die Hände ihrer Tochter in die ihren. Sie waren feucht.
„Ich … werde heiraten“, presste Leonie hervor.
„Heiraten?“, rief Frau Leber. „Das ist wirklich eine großartige Überraschung! Ich wusste gar nicht, dass du einen Freund hast. Wie heißt denn der Glückliche?“
Leonie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, ehe sie wieder den Blick ihrer Mutter suchte und sagte: „Sie heißt Melanie.“
Die Mutter sah sie ratlos an. Dann wurde sie kreidebleich.
„Eine Frau?“, stieß sie hervor.
„Ja“, sagte Leonie tonlos. Sie merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. „Ich bin lesbisch, Mama.“
„Aber Kind“, sagte sie. „Das kann doch unmöglich dein Ernst sein?“
„Wieso?“, verteidigte sich Leonie. „Es ist doch nichts Schlimmes daran, lesbisch zu sein.“
Die Mutter öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und schloss ihn wieder, ohne einen Ton von sich gegeben zu haben.
In diesem Moment kam die Bedienung mit dem Essen. Sie stellte freundlich lächelnd die dampfenden Teller vor den beiden ab.
Zögernd nahm Frau Leber ihr Besteck und stocherte in ihrer Pasta herum. „Weißt du, Liebes“, sagte sie schließlich. „Ich glaube einfach, dass der liebe Gott das nicht gerne sieht, wenn Mädchen mit Mädchen … na, du weißt schon.“ Sie schob sich eine Gabel Nudeln in den Mund und zerkaute sie langsam.
„Der liebe Gott?“, fragte Leonie. „Ich glaube nicht, dass der etwas dagegen hat.“
Frau Leber schluckte ihren Bissen hinunter. Dann sagte sie: „Was ihr da tut, ist pervers. Das ist … eklig!“ Sie verzog das Gesicht.
„Ist etwas mit Ihrem Essen nicht in Ordnung?“, fragte die Bedienung, die gerade am Tisch vorbeikam.
„Nein, nein, alles ist gut!“, versicherte Frau Leber schnell. Als die Bedienung außer Hörweite war, flüsterte sie: „Aber ich habe gehört, dass man das heilen kann.“
Wütend warf Leonie ihr Besteck auf den Teller. „Also bitte!“, rief sie, die Augenbrauen zusammengezogen. „Homosexualität ist doch keine Krankheit. Das ist eine persönliche Neigung, die man weder therapieren kann noch muss.“
„Aber in der Bibel steht, dass …“
„Ach, lass mich doch mit dem alten Buch in Ruhe.“ Leonie verschränkte die Arme vor der Brust. „Was da drin steht, ist doch längst überholt.“
„Wie kannst du so etwas sagen?“ Ihre Mutter legte nun ebenfalls das Besteck weg. Ihre Hände zitterten, als sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. „Die Bibel findet heute noch genauso viel Anwendung, wie früher. Sie ist ein zeitloses Buch.“
„Ist sie nicht“, widersprach Leonie. „Sie verteufelt Homosexualität, dabei ist das überhaupt nichts Schlimmes.“
„Willst du nicht doch mal mit einem Therapeuten sprechen? Ich kenne da einen sehr guten …“
„Mama!“ Leonie war aufgesprungen und funkelte ihre Mutter wütend an. „Ich sagte, Homosexualität muss man nicht therapieren oder heilen. Hast du mir überhaupt zugehört?“
„Nicht so laut, die Leute schauen ja schon! Ich will dir doch nur helfen …“
„Wenn du mir wirklich helfen willst, dann akzeptiere mich!“
Frau Leber schluckte laut hörbar. Dann schüttelte sie betreten den Kopf. „Tut mir leid, aber das kann ich nicht. Ich werde für dich beten.“
„Jetzt reicht’s mir!“, schrie Leonie. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so verbohrt bist. Wo ist die Toleranz, von der in deiner Kirche gepredigt wird?“ Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Restaurant.
„Leonie, jetzt warte doch …“, rief ihr ihre Mutter hinterher, doch sie war schon nach draußen verschwunden. Frau Leber stützte den Kopf in die Hände. „Lesbisch …“, flüsterte sie. „Lieber Gott, warum tust du mir das an?“

 


Der 13. Text wurde von der wundervollen Emma Escamilla beigesteuert. Ihr findet Emma auf ihrer Homepage sowie auf Facebook und auf Twitter. Schaut rein!