Nicht alles für die Liebe

Brun liebte es, wenn ihr der Wind hoch oben über das Gesicht strich und die Haare zauste. Vorsichtig balancierte sie auf der Mauer entlang, stieg über die verräterischen, rutschigen Ansammlungen von Moos und Flechten hinweg und lauschte dem Pfeifen des Windes und der Vögel.
Auf der ganzen Welt gab es keinen schöneren Ort. Keine bessere Aussicht: Hier konnte sie das ganze Reich ihres Vaters sehen. Das kleine Dorf vor der Burg, der große Schattenwald dahinter, das Rasende Wasser in der Ferne und den Dampf, der von den Steinernen Fällen aufstieg. Sogar das Tosen des hinabstürzenden Wassers konnte sie hier hören, der Wind trug es über viele Meilen hierher, hinauf zu ihr auf die Mauer.
Ihre Mutter verstand das nicht. „Brunhilde, klettere nicht immer so hoch hinauf! Eines Tages stürzt du noch ab!“, pflegte sie zu sagen. Wenn sie sie erwischte, bekam Brun immer Stubenarrest …
Sie erreichte das Ende der Mauer. Vor ihr ragte kalt die Außenwand des Bergfrieds auf. Für jeden Feind unüberwindbar. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass einst, zur Zeit der ersten Menschen, die Elfen selbst den großen Turm aus Stein hatten wachsen lassen.
Brun glaubte nicht daran. Der Turm hatte die selben Ritzen, Fugen und Kanten wie die Mauer. Die selben sicheren Plätze für ihre kleinen Finger und Zehen.
Sie warf einen Blick nach unten. Weit, weit unter ihr im Hof übten die Männer ihres Vaters gemeinsam mit den Männern des Großkönigs, der sie mit einem seiner seltenen Besuchen beehrte – das ganze Schloss war deswegen in Aufregung, nur hier oben, hier herrschte Ruhe.
Brun konnte die großen Ritter aus den Liedern erkennen, den ehrenwerten Hollar Grünmantel, den schnellen Raffzahn-Ralf, der sich einst mit drei Truhen voll Gold auf der Schulter ein Rennen mit Drachen geliefert hatte und den furchtlosen Elias von Wolkenbruch.
Brun widerstand den Drang, dem alten Aaron von Ostwald einen Klumpen Rotz auf die Haare tropfen zu lassen und presste sich an die Wand. Flink wie ein Wiesel tanzte sie an der Mauer entlang, stieg höher, immer höher, bis sie das Fenster des Turmzimmers erreichte.
Brun hielt inne, als Stimmen an ihr Ohr drangen.
„Bruder, nicht …“ Die Stimme einer Frau.
Eine andere Stimme kicherte verhalten. „Ach, wer soll uns denn schon sehen?“
Brun tastete langsam mit den Händen zum Fenstersims, zog sich nach oben – und verkniff sich einen Schrei der Überraschung.
Auf dem großen Himmelbett, dessen Bemalung die Taten des großen Sir Ronald von Hasenpforte zeigte, lagen eine Frau und ein Mann.
Beide waren nackt und der Mann lag auf der Frau – sie keuchte, stöhnte, schrie, während der Mann vor Aufregung grunzte.
Verwirrt sah Brun den beiden zu. Er schien der Frau weh zu tun! Sollte sie eingreifen? Was hätte Ronald von Hasenpforte getan?
Wie sie noch überlegte, merkte sie, wie ihr Bein vor Anstrengung zu zittern begann. Brun versuchte, ihr Gewicht zu verlagern, rutschte ab – unwillkürlich stieß sie einen Schrei aus. Mit beiden Händen klammerte sich Brun an das Fensterbrett.
„Bruder, da …“, hörte sie die Frau.
Eine starke, behaarte Hand packte Brun am Unterarm und zog sie hoch.
Vor ihr tauchte das Gesicht des Mannes auf, Brun sah direkt in seine grünen Augen, sah, wie er sich mit der anderen Hand lässig eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte und grinste.
„Was tut man nicht alles für die Liebe …“
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und Dunkelheit hüllten sie ein.|

Nein. Ich kann das nicht.

Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und |
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Und mit Schwung zog er sie zu sich ins Zimmer. Brun landete hart auf ihren Knien. Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Frau hatte sich in eine Decke gehüllt, der Mann hockte sich nackt neben sie. „Hör zu Kleine, du darfst niemandem sagen, was du hier gesehen hast, ja?“
Brun nickte unsicher.
„Sonst sage ich deiner Mutter, dass du hier gefährliche Kletterspiele spielst.“ Der Mann zwinkerte. „Die holde Lady Catrin wäre sicher nicht sehr erfreut …“
Brun schüttelte den Kopf.
„Also bleibt das unter uns?“
Brun nickte.
„Dann los, lauf!“ Er öffnete Brun die Tür und sie schlüpfte hinaus, so schnell sie konnte.|

aklsddfiaslfu

Endlich Zeit zum Schreiben! Er schaltete den Computer ein und unterdrückte ein Gähnen. Ein langer Tag lang hinter ihm – so viele Freunde hatten ihn besucht, ihm gratuliert, mit ihm angestoßen und Kuchen gegessen. Kuchen und Kaffee, Gespräche und Gelächter. Er hatte sich gefreut, sie alle wiederzusehen, und doch – tief in ihm, da war es erwacht, das Verlangen zu schreiben.
Plötzlich sah er ihn vor sich, Aaron von Ostwald, wie er vor den König trat und im Rat das Wort ergriff. Mit leisen, wohlabgewogenen Worten begann er. Sein Blick schweifte durch den Saal, über die wohlvertrauten Gesichter, blieb hier und dort hängen, durchleuchtete das Publikum.
Aarons Worte fesselten die Jungen, trafen die Alten, ließen sie unruhig auf den gepolsterten Bänken hin und herrutschen. Es schmeckte ihnen nicht, was er sagte – und doch, was konnten sie ihm entgegen?
Als Aaron seine Rede schloss, erntete er verhaltenen Applaus. Er bedankte sich, verneigte sich.
Er gähnte, sein Kopf wurde schwer, kippte nach vorne, Tisch und Tastatur wurden qü0dsujfaosdfuqekfdjkl ahsdfkasdjfa posdruj ksdfo hadfkahjhdkf hadkf aksdhf9khdkfjakd igze8ikdh igdhnasnf kdfghaksdh gnalksdhg kdahe86gidkgh adhfhkghn kasdhkgn dkhaskdgh nkdhga9wekdhgkkdkgnn kdhgek dithldfkjf jdkfjaliwel gz9qdmknv,ylei n iehfln ovihe

Verweht

Vor kurzem war er noch klein, nun wird er immer größer. Der alte Magier sieht zornig auf den dunklen Fleck hinab, der sich langsam den Berghang hinaufarbeitet. Da kommt er, der unerschrockene Recke, der tadellose Held, die Welt zu retten … Aber noch hat der Magier nicht aufgegeben. Dies ist sein Berg, er ist der Herr dieses Gipfels. Nur er regiert hier. Mag der Ruhm Aarons von Ostwald auch vom Langen See bis zum Finsterwald, von Tiefenstein bis Hohental reichen, hier endet seine Macht.
Der Magier dreht sich um, blickt hinauf gen Gipfel, zu den drohenden Wolken. Er hebt den Stab hoch in die Luft, die Spitze glüht, zischende Blitze zucken hervor, zerstieben die Wolken, verwandeln das friedliche Grau des Himmelsmeeres in einen reißenden Strudel. Er spricht die Worte der Macht, langsam, bedächtig, dreizehnmal, wie es die Tradition gebietet, wie ihn sein längst verstorbener Meister einst gelehrt hat.
Im Himmel erheben sich die alten Götter von ihren kalten Betten, die Geister der Lüfte lauschen auf seinen Gesang. Die Wolkennymphen halten in ihrem Spiel inne, achtlos lassen sie den Ball fallen, der eben noch fröhlich über die Nebel tanzte.
Ein Eingeweihter beschwört sie bei dem alten Pakt, dereinst mit Blut unterzeichnet. Tausend Jahre kam es nicht mehr vor, doch sie werden folgen.
Iove selbst ist es, der die Befehle gibt. Grau ward er, von der Zeit gezeichnet, doch ist er längst nicht machtlos. Von seinem Thron aus befehligt er die anderen, heißt sie, all die Elemente zu entfesseln, den Geistern die Zügel zu lockern, die Winde zu befreien.
Die Nymphen beginnen, die Wolken zu durch wirbeln, schneller, immer schneller. Neptor öffnet die Schleusen, setzt die ungeheuren Wassermassen des Himmels frei. Die Wolken scheinen um das Schicksal des Helden zu weinen, der seinem Ziel bereits so nah ist, und doch so fern.
Denn nun zieht der Herr der Winde die Tore der Höhle auf, und heraus schießen sie. Der warme Südwind säuselt durch die Luft, lässt die Blätter an den Bäumen erzittern, spielt mit den Grashalmen am Hang. Er kräuselt die Haare des Helden, verfängt sich in seinem Bart und treibt ihm in jugendlichem Leichtsinn Regen ins Gesicht.
Doch nur kurz dauert sein Spiel, schon entkommt der tückische Westwind, von dem die Dichter einst sangen. Verschlagen ist er, weht mal hier, mal dort. Eifrig peitscht er die Äste, reißt ihnen die Blätter ab, schlägt mal von hier, mal von dort. Tief im Tal klappern die Fensterläden und die Häuser ächzen unter seiner Wut. Einem fleißigen Studenten durchblättert er das offene Buch, einem unvorsichtigen Mädchen raubt er den Hut … doch ist dies nichts gegen die Gewalten, die er am Berge entfesselt. Der Held, Aaron von Ostwald, duckt sich eng an den Hang, schiebt sich weiter Zentimeter um Zentimeter vor. Der Westwind reißt an seinen Kleidern, versucht, ihn zu heben, doch vergebens.
Schon entfesseln die Götter den Nordwind, befreien ihn aus seinen schweren Ketten. Boreas schüttelt sich, freut sich seiner freien Glieder. Tief holt er Luft, die Welt scheint er zu verschlingen, ehe er zu blasen beginnt. Hunderte Blätt-er erheben sich von den Bäumen, in der Bibliothek des Studenten fliegen die Bücher wild durcheinander, gleich einem Strudel des Wissens. Er ent-reiß-t den Häusern die Dä-cher, e-nt-wurz-elt so man-chen B-au-m. Graus-am fegt e-r ü-ber den H-a-ng h–ina-b, gr—eift n-a-c-h de—m H-e-l—de—n, d——–oc—-h de—r ——-

 

Verflixt, jetzt hat es mir doch wirklich die Buchstaben verweht!

Klopfklopf

Flink und fröhlich tanzten die Flammen im Kamin und verwandelten das Zimmer in einen Ballsaal des Zwielichts. Licht und Schatten gaben sich die Hand, verbeugten sich, forderten einander zum Tanz, walzten über die Wände und lieferten sich Kämpfe mit den Schergen der Kälte. Langsam wurde es wohlig warm im Zimmer.
Mit einem leisen Klirren fiel der Harnisch zu Boden und Aaron von Ostwald reckte und streckte sich ausgiebig. Ein langer Tag lag hinter ihm, ein Tag voller Gespräche, Absprachen und Politik. Er fühlte sich müde, ausgezehrt, verbraucht. Seufzend ließ er sich in den Lehnstuhl am Kamin sinken.
Lange hatte er zurückgezogen und einsam in der Wildnis gelebt, den Königshof mit all seinen Schmeichlern und Heuchlern gemieden. Doch Graf Ebertel bedrohte das Reich und König Hubbard hatte nach ihm schicken lassen. Widerstrebend, aber pflichtbewusst war er dem Ruf gefolgt.
Morgen schon sollte er losziehen, als einer von Neunen, ausgeschickt, Ebertel zu trotzen …
Poch. Poch. Poch.
Schweres Hämmern an seiner Tür riss ihn aus den Gedanken. Aaron sprang auf, seine Hand fuhr zum Dolch an seinem Gürtel. Wer mochte das sein? Flink wie ein Wiesel huschte er durch den Raum, verschwendete keinen Gedanken an Hemd und Harnisch, sondern öffnete mit nacktem Oberkörper die Tür.
Die Halbschwester des Königs stand vor ihm. „Mylady Atarniél!“
„Aaron! Verzeiht die späte Störung, doch ich musste Euch sehen!“ Barfüßig stand sie vor ihm, ihr rabenschwarzes Haar fiel lose auf ihre Schultern herab. Ein dünnes, rotes Kleid umhüllte ihren filigranen Körper …

… „Moment. Eine filigrane Frau, die schwer an seine Tür hämmert? Nein, das geht nicht.“ Er lehnt sich seufzend zurück, nippt an seinem kalten Kaffee, verzieht das Gesicht. „Außerdem passt das Bild von tanzenden Flammen, die kämpfen, überhaupt nicht zusammen …“

Neun sollten sie sein, ausgeschickt gegen die neun Schergen Ebertels. Ihr Anführer, Nebeltreu, war ein alter Kamerad Aarons. Lange hatte er ihn nicht gesehen, konnte sich nicht ausmalen, was Nebeltreu auf die dunkle Seite gelockt hatte …
Lautes Quietschen riss Aaron aus seinen Gedanken. Er sprang auf, wirbelte herum.
„Aaron!“ Lady Atarniél stand vor ihm, gehüllt in das dünne rote Kleid, das sie abends beim Bankett getragen hatte. Sperrangelweit stand seine Tür offen, kalte Luft strömte in Aarons Kammer. „Mylady!“ Aaron fühlte, wie die Kälte sich seines Körpers bemächtigte, seine Haare sich sträubten. Auch Atarniél ließ sie nicht kalt, sie zitterte, durch den dünnen Stoff zeichneten sich …

Nein. Zu plump.“ Mehrmals in Folge hämmert er auf die Löschen-Taste.

Ob Ebertel ihm Gold geboten hatte? War es das? Konnten Macht und Reichtum wirklich einen Mann wie Nebeltreu verführen? In ihrer Jugend hatten sie gemeinsam gejagt, gemeinsam den Hintertaler Hain von Goblins gesäubert und um die Hand von Azraél, der schönsten Schankmaid des Landes, um die Wette gefreit …
Klopfklopfklopf.
„Aaron?“
Klopfklopfklopf.
„Aaron?“
Klopfklopfklopf.
„Aaron?“

Nochmal von vorn.“

Aaron konnte sich kaum vorstellen, dass derselbe Nebeltreu jetzt auf der anderen Seite stand. Würde es zum Kampf kommen? Würde er Nebeltreu besiegen können, Nebeltreu, der all seine Schliche und Kniffe kannte? Wäre er selbst überhaupt fähig, gegen seinen alten Freund in die Schlacht zu ziehen?
Nur einmal hatten sie gekämpft. Aaron hatte Nebeltreu erwischt, wie er mit einer Leiter zu Azraél ins Zimmer gestiegen war. Ineinander verschlungen hatten sie dagelegen, Nebeltreu noch in sein Hemd verheddert, Azraél mit entblößtem Oberkörper und zarten Knospen … sie hatten sich beschimpft, geprügelt. Aus Eifersucht und Stolz. Stundenlang, bis zum Morgengrauen, ohne Sieger. Und dann darüber gelacht.
Eine einzelne Träne rollte über Aarons Wange, versickerte in seinem Bart.
Es klopfte an seiner Tür. Schwerfällig erhob er sich, öffnete.
„Mylady!Womit kann ich Euch dienen?“
„Aaron! Ich musste Euch sehen! Ich …“ Atarniél stockte, blieb verdutzt unter der Tür stehen. „Aaron, weint Ihr etwa?“
„Ich … nein.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Es … es ist nichts …“
„Verzeiht – ich komme später wieder.“ Atarniél drehte sich um, eilte mit schnellen Schritten den Gang entlang. Ein Lufthauch verfing sich in ihrem Kleid und für einen kurzen Moment sah Aaron, dass sie darunter nichts anhatte …

Heut komm ich auch gar nicht in Fahrt.“ Er knackt mit den Fingern, erhebt sich. „Zeit für frischen Kaffee.“

#waswriting

Windows wird gestartet … Während der PC hochfährt, kramt er in seinen Unterlagen. Der Papierturm auf dem Schreibtisch ist enorm und akut vom Einsturz bedroht. Nur ein ausgeklügeltes Stapelsystem, kombiniert mit neuesten Erkenntnissen der Ingenieurskunst, hält ihn aufrecht.
Ordnung war noch nie seine Stärke.
Schließlich kriegt er eine Ecke des gesuchten Zettels zu fassen und zieht ihn vorsichtig aus dem Gewirr.
„Mal sehen.“ Er ist handgeschrieben, die Schrift krakelig und schwer zu lesen, dennoch unverzichtbar. Es handelt sich um den Plot, gleichsam den goldenen Faden, der sein Meisterwerk zusammenhält.
Inzwischen ist der PC hochgefahren. Ein Doppelklick öffnet die Datei vom Vortag. Seine Augen überfliegen schnell die letzten Zeilen am Bildschirm, widmen sich dann wieder dem zerknitterten Stück Papier. „Aaron von Ostwald hat soeben Lord Nebeltreu, die rechte Hand von Graf Ebertel besiegt, der die Feuerinseln unterwerfen wollte … ah, ja, und Nebeltreu hatte die Prinzessin in seiner Gewalt …“
Er blickt wieder zum Bildschirm, reckt und streckt seine Finger. Es knackst vernehmlich, er verzieht das Gesicht, greift zum Kaffeebecher. Ein großer Schluck, dann greift er in die Tasten.

Verzweifelt versuchte Nebeltreu, davonzukriechen. Auf allen Vieren, wie ein geprügelter Hund. Schließlich erreichte er die Wand, wollte sich aufrichten. Doch seine Hände waren glitschig vom eigenen Blut, seine Beine wacklig wie Wackelpudding. Dreimal versuchte er es, dreimal scheiterte er, ehe er schließlich liegen blieb.
Aaron wandte sich schaudernd ab. Zu viele hat er inzwischen fallen sehen. Sein alter Meister Grengontíl, König Hubbard von Berkantol … Es gab keine Glorie im Krieg, nur Blut. Blut und Tod. Nebeltreu hatte hoch gespielt, und verloren. Aaron empfand keinen Stolz über seinen Sieg, nur Mitleid für den verblendeten Krieger, mit dem er in seiner Jugend so oft am Feuer gesessen und Geschichten gelauscht hatte.
Doch genug in Erinnerungen geschwelgt – er war nicht grundlos hier. Nebeltreu hatte Prinzessin Zoena, Hubbards einzige Tochter und Erbin, entführt und hier, an diesem grausligen Ort, hoch in den Gipfeln des Ogergebirges, eingekerkert.
Aaron schob sein Schwert in die Scheide, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und machte sich an den Aufstieg. Hoch oben am Gipfel stand ihr Käfig, bewacht von einem Drachen, wie es hieß. Doch nur Nebeltreu und seine Schergen hatten hier auf ihn gewartet, kein Drache. Er betete, dass es so blieb.
Der Aufstieg bereitete ihm keine Mühen. Unter ihm lag die Welt, über ihm nur der Himmel, Sitz der Götter. Er zog sich über die letzte Kante. Vor ihm stand ein Käfig, kaum größer als ein Küchenschrank, geschmiedet aus zwergischem Stahl. Die Prinzessin kauerte am Boden, ihr blondes Haar hing ihr ins Gesicht, ihre Wangen waren vom schneidenden Gipfelwind gerötet. Als sie Aaron sah, sprang sie auf.
Er räusperte sich, Worte sprudelten aus seiner Kehle hervor:

„Kannst du mir mal schnell bei diesem Rätsel helfen? Ägyptische Göttin mit 4 Buchstaben, ich komm nicht drauf …“ Seine Göttergattin steckt den Kopf durch die Tür – die Tür, die er zuvor demonstrativ geschlossen hat – und wedelt mit einer Zeitung in seine Richtung. „Fängt mit einem I an …“
„Hast du Isis schon probiert?“
„Isis …?“ Ihre Augen huschen über die Zeitungsseite, weiten sich erfreut. „Das passt! Danke, du bist der Beste!“
„Bitte, gerne.“ Sie huscht zu ihm herüber, schlingt die Arme um seinen Hals und gibt ihm einen Kuss.
„Was schreibst du?“
„Nur an meinem Questroman weiter …“
„Ach so.“ Ihre Augen huschen über die letzten Zeilen. „Wacklig wie Wackelpudding? Ist das dein Ernst?“
Er spürt, wie Hitze in seinen Wangen aufsteigt. „Naja, das ist ja eigentlich erst die Rohfassung …“
„Jaja, deine übliche Ausrede.“ Sie küsst ihn erneut, schnappt sich wieder ihre Zeitungsseite und huscht aus dem Zimmer.
Langsam schließt er die Tür hinter ihr.
„Prinzessin, habt keine Angst! Ich bin es, Aaron von Ostwald. Ich bin gekommen, euch zu retten!“
„Oh, Aaron!“ Die Prinzessin stürzte zum Gitter, streckte ihre Hände nach ihm aus. „Ich wusste, dass ihr kommen würdet! Ich wusste es einfach.“
Der Wind trieb ihr das Haar ins Gesicht, bauschte die kümmerlichen Reste ihres Kleides auf.
„Tretet zurück!“ Aaron zog sein Schwert. „Ich werde das Schloss aufbrechen.“
Die Prinzessin nickte, wich an die hintere Seite des Käfigs zurück. Plötzlich weiteten sich ihre Augen vor Schrecken, ihrem Mund entfuhr ein gellender Schrei. „Aaron, hinter euch! Schau …

… dir meine Zeichnungen an. Sind die nicht toll?“ Die Tür ist noch nicht donnernd gegen die Wand gekracht, als ihm auch schon ein großer Stapel Bleistiftskizzen auf die Tastatur geworfen wird. „Alle selbst gezeichnet! Ich wette, so tolle kriegst du nicht hin!“
„Wow!“ Er begutachtet die Bleistiftskizzen. „Ist das ein …?“
„Ja!“
„Und das da …“
„Mhm.“
„Du hast echt Talent!“
„Ich weiß!“ Schon werden die Zeichnungen wieder eingesammelt. Krachend fällt die Tür ins Schloss. Weiter im Text.

„Schaut, der Drache naht!“
Aaron wirbelte herum, hob sein Schwert. Tatsächlich war weit am Himmel ein dunkler Fleck aufgetaucht, der sich rasend schnell auf sie zubewegte. Mit zitternden Fingern zog er sein altes Fernglas hervor, setzte es ans Auge. Drehte, bis das Bild scharf wurde.
Und atmete erleichtert aus.
„Prinzessin, das ist das Luftschiff eures Vaters. Seine Vasallen müssen es bemannt haben, um euch zu retten. Es sind Freunde! Ich erkenne das Wappen von Graf Botzplitz, das direkt unter der königlichen Flagge im Wind hängt …“
„Den Göttern sei Dank!“
Aaron wandte sich um. Tränen standen in ihren Augen. Er hob erneut das Schwert, spaltete das Schloss mit einem gewaltigen Hieb. Die Tür schwang auf, die Prinzessin fiel in seine Arme. Ihre Tränen netzten sein Gewand, er fühlte ihre Wärme. Ihre Münder trafen sich, vermengten sich im heißen Spiel der Liebe …

Driiiiiing. Driiiiing. Driiiiing.
Das Handy! Der Papierstapel bricht in sich zusammen, als er sein Smartphone unter den drei Stoffservietten mit Notizen aus dem Restaurantbesuch neulich hervorzieht.
Unbekannte Nummer. Er wählt den grünen Hörer.
„Wagner?“
„Ah, Herr Wagner! Wie schön, dass ich Sie erreiche. Mein Name ist … und ich vertrete eine Genossenschaft aus Ligurien! Herr Wagner, lassen Sie mich erklären, worum es geht, warum ich Sie anrufe. Die Sache ist die, ich vertrete eine Genossenschaft aus Ligurien. Ligurien, Sie wissen, wo das liegt? In bella Italia! Waren Sie schon einmal in Bella Italia?“
„Ja.“
„Oh, dann haben Sie sicher auch schon von unserem schönen Ort gehört! Wir haben die schönsten Strände, das blaueste Meer, den sandigsten Sand und die natürlichste Natur der Welt! Das Meer ist bei uns nass, 24 Tage die Woche! Aber Herr Wagner, weshalb ich Sie anrufe – Sie waren schon in Italien? Dann haben Sie sicher schöne Erinnerungen an unser Land. Haben Sie Erinnerungen an unser Land? An die schönen italienischen Frauen?“
„Nun …“
„Oho, Herr Wagner! Ein Gentleman schweigt und genießt, wie? Nun, warum ich Sie anrufe … ich vertrete eine kleine Genossenschaft von Bauern aus Ligurien. Wir produzieren Tomatensaft seit 53 Generationen! Alles Familienbetriebe, hausgemachter Saft! Unser Saft, Herr Wagner, enthält nur das beste aus der Natur – und Sie stimmen mir zu, die Natur macht wohl das allerbeste, nicht wahr, Herr Wagner? …. Herr Wagner? Ja? Die Natur macht nur das Beste? … Stimmen Sie mir da zu, Herr Wagner?“
„Ja?“
„Oho, Herr Wagner, Sie sind ein Kenner, ich wusste es! Hören Sie, ein Glas Tomatensaft am Tag, ich gebe immer meinen Kindern, hält jede Krankheit weg! Sehen Sie, wir haben eine Willkommenspaket für Sie, Herr Wagner, mit handgemachte Tomatensaft! Wir schicken ihn Ihnen gerne zu …
„Ich habe aber kein Interesse!“
„Kein Interesse! Herr Wagner, ist das fair? Ich habe höchstes Vertrauen in Sie, also seien Sie nicht so! Wir vertrauen Ihnen, dass Sie uns bezahlen und mehr bestellen, nachdem wir Ihnen die Paket geschickt. Also haben Sie auch vertrauen zu uns! Wenn ich sage, es ist der beste Tomatensaft, dann können Sie das glauben! Ich fresse einen Besen, wenn Sie nicht nachher anrufen und sich bei mir bedanken! Ich gebe Ihnen meine Adresse, dann können Sie mir einen Besen schicken, wenn Sie unzufrieden sind, und ich werde ihn fressen! Ist das was, Herr Wagner? Was sagen Sie?“
„Ich habe wirklich …“
„Oho, Herr Wagner! Sie werden Ihre Entscheidung nicht bereuen. Ich hoffe, Sie haben alles richtig verstanden, weil manchmal sprechen wir Italiener sehr viel, wie ein Wasserfall. Aber ich wusste gleich, Sie sind ein Mann von Geschmack! Ich bräuchte dann Ihre Kreditkartennummer für die Bestellung …“