Ordnung

sanft
und kühl
das erste Treffen
sie bleiben aneinander hängen
vereint

Liebe
die heftet
Papier und Büroklammer
zwischen Deckel und Trennblatt
gebettet

Jahre
vergehen schonungslos
verzehren die Substanz
leiern aus das Paar
entzweit

verbogen
die Klammer
Papier lernt fliegen
als sich die Mappe
erhebt

missgestaltet
die Klammer
in Jahren verformt
ein Schatten ihrer selbst
entsorgt

verstreut
und gesammelt
Papiers neuer Gefährte
Liebe auf den ersten
Stich

glücklich
der Tacker
einstweilen vereint bis
die Zeit neue Seiten
aufschlägt

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Chinesisch

„Nummaswai!“ Die Stimme der kleinen Chinesin ging Laura durch Mark und Bein. Gerade einmal eins-fünfzig groß und kaum hinter dem Tresen zu sehen, machte sie dies durch Lautstärke mehr als wett. Sie knallte die beiden Nudelboxen achtlos auf den Tresen, nahm die Bestellung eines Kunden entgegen und gab gleichzeitig einem anderen sein Rückgeld.
Ein Anzugträger mit zurückgegeltem Haar trat wagemutig nach vorn und schnappte sich die Boxen, sichtlich erfreut, der duftend-dampfenden Hölle des Schnellimbissstandes zu entkommen.
Laura sah ihm neidisch hinterher und trippelte nervös von einem Fuß auf den anderen. Hätte sie doch nur diese seltsame Knobelvariante mit Spock und Echse mitgespielt, anstatt sich schon nach der Regelerläuterung gegen ihre Bürokollegin Wendy geschlagen zu geben… So war es heute an ihr, für das gemeinsame Mittagessen zu sorgen.
„Nummains!“ Wieder wurden zwei Boxen auf den Tresen geknallt. Laura beäugte sie misstrauisch. Als sich keiner der Wartenden rührte, zuckte sie hilflos mit den Schultern, trat vor und griff nach der Box – nur um eine schnellere Hand zu ergreifen, zu der ein strubbeliger, schwarzer Haarschopf und mandelbraune Augen gehörten.
Ihre Blicke trafen sich, ihr Konkurrent um die Nudeln zuckte erschrocken zurück und nur um Haaresbreite konnte Laura die beiden Boxen auffangen.
„Entschuldigung“, setzte sie an, aber verstummte. Diese Augen… die hatte sie schon gesehen. Und nicht nur sie… Sie spürte, wie Hitze in ihr aufstieg, gefolgt von der Erinnerung an diese Nacht…
„Nummains!“, beendete die Chinesin den peinlichen Moment, zwei weitere Nudelboxen landeten auf dem Tresen, gierig belauert von der Kundschaft.
„Das sind dann wohl deine“, bemerkte Laura, als er keine Reaktion zeigte.
Er blinzelte verwirrt, sah die Boxen. „Oh, ja. Danke.“
Laura schenkte ihm ein Lächeln, verließ den Laden und sah auf die Uhr. Noch dreißig Minuten Mittagspause, immerhin. Hoffentlich war das auch wirklich ihre Bestellung… Sie stellte sich an die Ampel, atmete tief die frische Luft ein.
„Warte!“
Sie drehte sich überrascht um. Vor ihr stand ihre letzte Eroberung und kratzte sich verlegen hinterm Ohr.
„Du bist…“, setzte er an.
Sie nickte.
„Und wir…“
„Jaaaa.“
„Und ich bin einfach…“
„Mhmmm…“
„Tut mir echt verdammt leid…“ Er streckte ihr die Hand hin. „Ich bin Jochen. Und ich fürchte, ich weiß deinen Namen nicht mehr.“
„Laura.“ Einen absurden Moment lang schüttelte sie ihm die Hand.
„Wäre schön, wenn wir uns wiedersehen könnten, Laura.“ Wieder kratzte er sich hinterm Ohr, dann glitt sein Blick in die Ferne. „Mist, mein Bus. Hier ist meine Karte.“ Weg war er.
Laura sah ihm verwirrt hinter her – bis eben dachte sie noch, die Chinesin wäre schwer zu verstehen…

Bei ihr

Gähnend schlug sie die Augen auf und betrachtete missmutig die blauen Vorhänge, die höhnisch neben dem Fenster hingen und das Sonnenlicht ungehindert in den Raum strömen ließen.
Laura seufzte. Es war jeden Morgen dasselbe – schon wieder hatte sie vergessen, die Vorhänge zu schließen. Am Besten nagelte sie dieses verfluchte Tor zur Welt einfach zu … Sie erhob sich und sah nach dem Wecker, der ungeniert einen freien Tag genoss – die Kontrollleuchte für den Alarm war aus, sie hatte ihn nicht gestellt.
Es war Viertel nach Sieben. Erleichtert ließ sie sich in ihr Kissen zurück sinken. Wenigstens hatte sie nicht verschlafen, im Gegenteil: Sie war sogar zu früh dran.
Sie lächelte. Sie könnte locker noch ein paar Minütchen dösen. Oder aufstehen, duschen, noch schnell zum Bäcker huschen und mit ein paar frischen Brötchen in den Tag starten. Vielleicht sogar einmal beim Frühstück Zeitung lesen und in Ruhe Kaffee trinken – wenn sie denn noch eine saubere Tasse finden würde …
Widerwillig dachte Laura an den Stapel schmutzigen Geschirrs in der Spüle, den sie seit Tagen ignorierte und der wohl bald ein Eigenleben entwickeln würde …
Auch in ihrem Zimmer sah es nicht besser aus – sie war noch nie eine Ordnungsfanatikerin gewesen, aber mit diesem Chaos auf dem Fußboden hatte sie sich selbst übertroffen. Ihr Blick fiel auf einen linken Schuh, eine Jacke, ihre Bluse, den rechten Schuh, eine Anzughose, ihren Rock, drei Socken, von denen einer farblich nicht zu den anderen passte ….
Stirnrunzelnd hielt sie inne. Weder trug sie drei Socken, noch besaß sie einen Anzug.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich.
Langsam drehte sie sich um. Ihr Blick traf auf ein paar mandelbraune Augen, deren Besitzer soeben auch erwacht war. Für einige Momente lieferten sie sich ein stummes Blickduell. Ihrem Gegenüber stand das pure Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Ob das bei ihr wohl auch so war?
Er stöhnte gequält und fuhr sich mit der Hand durch das rabenschwarze Haar. „Wie spät ist es?“
„Viertel nach Sieben.“
„Scheiße.“ Er setzte sich ruckartig auf und schwang sich aus dem Bett, um in dem Chaos seine Kleidung zu suchen.
Laura sah ihm verdattert dabei zu, wie er ein blaues Hemd überstreifte und es zuzuknöpfen begann, wobei er beständig weiterfluchte. Dann hielt er inne. Sein Blick fiel auf sie. Laura zog sich instinktiv die Decke über die Brust.
„Entschuldige…. ich…es….ich habe nicht dich gemeint. Es war nicht scheiße, sondern sogar sehr gut!“ Er zog sich weiter an, stieg in seine Hose, verhedderte sich im falschen Hosenbein, fiel beinahe hin. „Scheiße. Es tut mir wirklich leid…. nicht das gestern Nacht. Verflucht….“ Er rang nach Worten. „Ich mache so was sonst nicht. Echt nicht.“
Er strich sich fahrig übers Gesicht. Sah sich suchend um, entdeckte die Tür. „Verflucht, ich komme zu spät.“ Er stürzte hinaus. Nur einen Augenblick später hörte Laura, wie ihre Wohnungstür ins Schloss fiel.
Sie lachte und ließ sich in ihr Kissen zurückfallen. Das war besser als frische Brötchen …

Jeden Tag

jeden Tag
seh ich dich
am Fenster
im Dachgeschoss
stehn

seh ich dich
dort sitzen,
und lernen,
und lesen
und gehen

jeden Tag
seh ich hoch
mich fragend
ob ich sollt
rübergehn

ring mit
mir selber
wir würden
uns sicher
verstehen

eines Tages
seh ich dich
da am Fenster
vor Wärme will
das Herz mir
vergehn

doch da
ein Schatten
er küsst
deinen Hals
mein Herz
bleibt stehn

Als wir noch jung waren

Kinder, als wir noch jung waren, waren Onkel Tom und ich ziemlich verrückte Kerle. Wir mischten die Schule damals ziemlich auf und trieben unsere Lehrer gehörig in den Wahnsinn. Kreiden zu verstecken oder die alte Furzkissennummer auf dem Lehrerstuhl, das waren noch die harmlosesten unserer Streiche.

Aber auch Mitschüler waren nie vor uns sicher. Einmal haben wir Arthur über Nacht in einen Spind gesperrt und dabei sogar an Zahnpasta und Zahnbürste für ihn gedacht – leider aber vergessen, dass am nächsten Tag Samstag war…

Die Königsdisziplin war es aber, sich gegenseitig Streiche zu spielen. Onkel Tom hatte damals ein Auge auf ein Mädchen aus der Parallelklasse geworfen – sie hatte alles, was man sich nur wünschen konnte. Lange Haare, ein tolles Lächeln und … ihr wisst schon.
Auf einer Klassenfahrt sah Onkel Tom seine Chance, als er einen Sitzplatz in der Mensa direkt neben ihr ergatterte. Die Sitze waren für die ganze Woche fix zugeteilt, müsst ihr wissen. Tom hätte also eine ganze Woche gehabt, sie zu erobern, ohne dass sie ihm ausweichen oder jemand anders ihm die Tour vermasseln konnte.

Dachte er.

Ich vermasselte ihm die Tour schon am ersten Tag: Als er am Buffet in der Schlange direkt hinter ihr stand, schubste ich ihn – und seine kochend heiße Suppe ergoss sich über sie. Damit war jede Romantik zunichte – und mir Toms Rache gewiss. Sie ließ nicht lange auf sich warten.

Als ich am Abend duschen gehen wollte, hatte Tom heimlich die Schilder vertauscht, sodass ich nichtsahnend in den Mädchenduschraum ging. Unsere Herberge war nicht gerade auf dem neuesten Stand, sondern eine dieser alten Nachkriegsbauten mit Gruppenduschräumen: Der Mädchenduschraum war leer, so fiel es mir nicht auf, dass ich eigentlich nicht hingehörte. Mein Irrtum fiel mir erst auf, als ich gerade nichtsahnend den Seifenschaum von mir spülte und ein Mädchen hereinkam.

So habe ich eure Mutter kennengelernt.