Schneller

„Schneller!“
Das kleine Fahrrad schaukelte und sprang bedrohlich, als es über die vom Regen zersetzte Straße galoppierte.
„Schneller, Leo, schneller!“
Er trat in die Pedale und Jasmin klammerte sich an ihren Bruder, um nicht abgeworfen zu werden.
Sie sausten die Straße hinab, bis zur Kurve. Das Fahrrad bockte, hob sich, überschlug sich hinaus auf die Wiese. Sie rollten durcheinander, ineinander, übereinander. Kinderlachen. Nichts passiert.
Jasmin lächelte. Eine ihrer ersten Erinnerungen. Eine ihrer glücklichsten.
Leo lebte für die Geschwindigkeit. Sein Held war Flash, der rote Blitz, schneller als der Schall und wenn er Harry Potter las, so interessierten ihn vor allem die Besen. Als Harry das erste Mal in der Winkelgasse war, hätte Leo sich am liebsten auch die Nase am Schaufenster plattgedrückt und den Nimbus 2000 bewundert. „Auf einem Besen die Straße runter sausen, das wärs!“, hatte er geträumt und gelacht.
Sie wusste noch, wie er gestrahlt hatte, als sie ihm zum 10. Geburtstag einen Tacho fürs Fahrrad schenkte, den sie auf einem Flohmarkt heimlich mitgehen lassen hatte.
Endlich konnte er seine Rekorde beziffern.
Leo wurde größer.
Und schneller.
Leichtathletik, 100 m unter 10 Sekunden, Schulrekord.
Jasmin seufzte. Er flog geradezu über die Bahn.
Dann Autos. Autorennen. Formel 1 wurde zum Pflichttermin vor dem Fernseher, für den er sogar Freunde versetzte.
Autoführerschein. Selber fahren. Selber lenken. Selber schnell sein.
Schneller sein als andere.
Autorennen. Nachts flog er über die Dorfstraßen mit seinem roten Golf mit den weißen Streifen. Nitro in seinem Tank und in seinen Adern.
Sie waren eins.
Das Auto und er.
Er und das Auto.
Leben auf Rädern.
Jasmins Blick glitt durch den Raum, zu Leo, der da saß und aus dem Fenster sah.
Ein grünes Auto fuhr eben vorbei. Mit 60 in der 30er-Zone. Viel zu schnell.
Leo schwieg und sah ihm nach. Sicherlich kannte er die Marke, Jasmin hatte sich nie dafür interessiert.
Eine Träne lief über seine Wange und sie fühlte, wie auch in ihren Augen der Startschuss fiel.
Nun würde Leo für immer auf Rädern leben.

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Kaffee

Langsam kam das Auto zum Stehen, der Motor verstummte. Mit einem leisen Klicken löste Laura den Anschnallgurt und legte ihre Hand auf die Türklinke.
Jochen räusperte sich. „Da wären wir.“
„Ja.“ Sie atmete tief ein, inhalierte den Duft des Autos – Fichtenduftbaum und Männerparfüm.„Es war ein schöner Abend.“
„Das war er wirklich.“
Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Ihr Mietshaus starrte aus dunklen Fensteraugenhöhlen zurück. Vor ihren Augen tauchte wieder der kleine Tisch beim Italiener mit der karierten roten Tischdecke auf, die sie bereits nach wenigen Minuten in Wein ertränkt hatte. Sie hatten gelacht und Jochen hatte sich nur kurze Zeit später mit einem Spritzer Spaghettisoße auf ihr Kleid revanchiert … Der Kellner in seinem makellosen weißen Hemd hatte richtig verlegen gewirkt, als er sie bat, die Rechnung zu begleichen. Es war schon weit nach Mitternacht und sie die letzten Gäste …
Sie seufzte. „Wir sollten das mal wiederholen.“
„Gern.“ Er nickte.
Sie lächelte, trommelte mit den Fingern auf die Plastikverkleidung der Tür. Stille trat ein. Ein Wassertropfen tauchte plötzlich auf der Windschutzscheibe auf. Ein zweiter folgte ihm, dann ein dritter. Schließlich wuchs ihre Zahl so schnell, dass jegliches Zählen unmöglich wurde.
Sie gab sich einen Ruck. „Kommst du noch mit hoch auf einen Kaffee?“
„Ich….äh, nein, das heißt, doch….obwohl…“
Ihr Lachen ließ ihn verstummen. „Den Kaffee für den heutigen Abend hatten wir eh schon…“, bemerkte sie mit einem Grinsen.
„Da hast du recht.“ Er kratzte sich verlegen hinterm Ohr, sah sie dann ernst an. „Ich würde dich wirklich gerne wieder sehen, Laura.“
„Ich dich auch, Jochen.“ Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss. Ihre Lippen trafen langsam aufeinander, tasteten sich ab. Winzige Barstoppeln kitzelten sie am Kinn. Dann gab sie sich erneut einen Ruck. „Gute Nacht.“ Sie stieg aus, hielt sich schützend die Handtasche über den Kopf und eilte zur Haustür.

Kein Kind mehr

Wie konnte sie das wagen! Diese elende Schlampe! Zornig schlug Matt die Autotür zu und steckte mit zitternden Fingern den Schlüssel ins Zündschloss. Der Motor begrüßte ihn mit einem freudigen Schnurren und heulte begeistert auf, als er aufs Gaspedal drückte. Wofür hielt sie ihn? Für ein Kind? Er war alt genug, um auf sich selbst aufzupassen! Er wusste, was er sich zumuten konnte! Er war erwachsen. Er brauchte keinen Babysitter, brauchte keine dahergelaufene Tussi, die ihn bemutterte. Er war sich seiner Verantwortung sehr wohl bewusst. Aber nein, sie wusste ja alles besser!
„Du hast zu viel getrunken!“
Pah. Er hatte nur mit Onkel Tom angestoßen. Und mit Olivia. Außerdem hatte er die Einladung, Georges selbst gebrannte Schnäpse zu probieren, nun wirklich nicht ausschlagen können. Wie hätte denn das ausgesehen? Als wäre er undankbar und verwöhnt.
„Gib mir die Autoschlüssel, Matt.“ Wie ein kleines Kind hatte sie ihn aussehen lassen. Blöde Schnepfe…. sollte sie doch selbst sehen, wie sie nach Hause kam! Das lag nun wirklich nicht mehr in seiner Verantwortung, sollte sie doch sehen, was sie davon hatte….
Als er auf die Landstraße einbog, schnitt ihm plötzlich von rechts ein Baum den Weg ab.