11. All you need is love (Stephanie Platz)

Sie hielt das Weinglas gegen das Kerzenlicht und betrachtete mit einem Lächeln die Reflektionen darin. Die Küche machte wohl einen anständigen Job, denn man sah keinerlei Wasserflecken oder dergleichen ….  was zu erwarten war bei einem solch edlen Etablissement.
Ein Pianist spielte klassische Musik … Bach oder Rubens? Sie hatte keine Ahnung.
Sie rief die Dating-App mit einem Zwinkern auf, die neusten Augmented-Reality-Kontaktlinsen machten es möglich. Sie scrollte durch die lokalen Mitglieder, die ihrem Standard-Suchfilter entsprachen. Laut App befanden sie sich alle im gleichen Megakomplex, maximal fünf Minuten entfernt. Genug Zeit für ein Glas edlen Weines … Champagner oder Appenzeller?
Egal. Hauptsache, es wirkte. Sie ging die „Hot or Not“-Liste durch, wischte einen Kandidaten nach dem anderen nach links.
Ein schiefes Grinsen, dem ein Zahn fehlte? Not.
Lange Haarzotteln und bekiffter Blick? Not.
Iih, wieder ein Penisselfie… Definitiv ein No-go.
Na endlich, ein anständiger Kandidat!
Im gepflegten Businessanzug mit strahlend blauen Augen und einem Job bei einer großen Softwarefirma … Hot!
Gerade mal 3 Minuten und ein Glas später reichte er ihr die Hand.
Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln zu dem sanften Händedruck und die kleinen Lachfalten im Augenwinkel gaben ihr den Rest. Das Blut schoss ihr in die Wangen und sie grinste breit, als sie ihm ein „Hallo“ schenkte. Face to face mit diesem perfekten Mann fühlte sie sich richtig aufgedreht.„Moin, mien Naam is Michel.“
Ihr fiel fast das Glas runter. Dialekt! Das geht gar nicht!
Schnell drückte sie auf den Notfall-Ablehnen-Button. Irritiert schaute Michel zur Seite, wo wohl ihre Entscheidung angezeigt wurde.
„Wat is scheevsch?“
Ihr grauste es bei diesem falschen Deutsch. Sie drückte sofort den Mute-Button und bestellte den Kellner.
Verwirrt ging Michels Mund auf und zu, wie die Schnappatmung eines gestrandeten Fisches.
Kurz darauf erschien einer der Kellner und führte den Herren aus dem Lokal.
„Auf den Schock brauch ich erstmal was zu trinken …“ Sie schnippte nach einem weiteren Kellner.
Als sie sich wieder ihrem Tisch zuwandte, saß da jemand.
Ihre Ex.
„Woher weißt du, dass ich hier bin?“
„Ich habe meine Wege…“, grinste sie und spielte mit der Tischdeko.
„Lass mich in Ruhe, es ist vorbei, Mira.“
„Oh, mit dir wieder zusammenzukommen, hatte ich nicht vor.“
Diese Frau nervte sie … Ihre elegante Art, das Haar hinter die Ohren zu streichen. Ihr süßes Lächeln. Ihre tiefgrünen Augen.
Sie kochte vor Wut und Enttäuschung … und drückte den Mute-Button.
„Tse, tse, tse… also das ist nicht die feine englische Art!“
„Verdammt, was hast du gemacht?!“
Sie drückte immer wieder energisch auf den Button, aber nichts passierte …
„Ich hab so einige Freunde, darunter auch gewisse App-Entwickler …“, zwinkerte Mira ihr keck zu.
Sie spielt mit mir, schoss es ihr durch den Kopf und sie schrie laut: „Kellner! Bitte führen sie diese Person hinaus!“
Aber keiner erschien … Überhaupt sah sie nirgends mehr einen Kellner.
Ihre Ex streckte eine Hand nach ihr aus und fasste sanft nach der ihren.
Diese Berührung, sanft und warm, all die Momente, die diese Hände sie gestreichelt, getröstet, gehalten hatten. Der zarte Duft ihres Parfüms, süß und blumig. Wie es sie an all die Umarmungen erinnerte, in denen sie darin versunken war. Das war zu viel!
Sie riss die VR-Brille vom Kopf.
Es war dunkel, nur eine schwache Glühbirne beleuchtete flackernd den kahlen Raum.
Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie sich an die neue Wirklichkeit gewöhnt hatte.
Die Hand war immer noch da.
Ihre Ex saß ihr gegenüber auf einem rostigen Klappstuhl.
„Wie bist du hier reingekommen?“
„Erwähnte ich nicht meine Freunde? Manche auch beim Schlüsseldienst …“ In Miras Lächeln schwang Sorge mit und ihr Blick war traurig. „Ich mach mir Sorgen um dich … du hast diesen Raum seit Monaten nicht mehr verlassen.“
„Ich hab hier alles, was ich brauche…“
Mira blickte über die Berge von schimmeligen Fast-Food-Verpackungen, Getränkeflaschen und Zigarettenschachteln hinweg. In einer Ecke meinte sie, eine Ratte vorbeihuschen zu sehen.
Zwischen all dem Unrat, das einzig saubere Ding, eine CD-Hülle. Mira hob sie auf. Wieder ein
tieftrauriges Lächeln, das über ihr Gesicht huschte.
Mira legte die CD vor sie auf den Tisch. „All you need is love“ von den Beatles.  In Edding stand darauf mit großen Buchstaben: „All I need is you – Mira“
„Ich glaube, wir beide haben gelernt, dass es mehr als nur Liebe braucht …“

 


Die Nr. 11 von #Projekt24 stammt von der großartigen Stephanie Platz. Mehr von Stephanie findet ihr auf Twitter und auf ihrer Homepage. Reinschauen lohnt!

Advertisements

Adventskalender 2014: Türchen 1

Besorgt spähte Laura durch das kleine Guckloch ihres Backofens, konnte aber so gut wie nichts erkennen. Aufgrund der verdunsteten Flüssigkeit darin war die Scheibe beschlagen – oder aber es lag daran, dass sie ihr Backrohr schon viel zu lange nicht mehr geputzt hatte … So schnell ihr dieser Gedanke gekommen war, so schnell schob sie ihn wieder beiseite und warf einen nervösen Blick auf ihre Armbanduhr.
Es war Viertel vor Sieben – sie hatte noch endlos lange Zeit, ehe er kam. Sie ließ den Blick durch ihre kleine Küche schweifen: Von dem Chaos, das eben noch geherrscht hatte, war kaum noch etwas zu entdecken: Das Geschirr war abgewaschen und verräumt, der Salat wartete frisch gewaschen in der Schüssel auf seine Marinade und der kleine Blumenstrauß, den sie auf den Tisch gestellt hatte, sah nicht einmal so mickrig und einsam aus, wie Laura befürchtet hatte.
Sie atmete tief durch, trommelte unschlüssig mit den Händen auf ihren Oberschenkeln herum und kontrollierte die Temperatur ihres Backofens zum vierhunderneunundzwanzgisten Mal: Nach wie vor unverändert. Vorsichtig öffnete sie die Ofentür, wich vor der entweichenden heißen Luft zurück und spähte hinein. Sie übergoss den Braten erneut mit Saft, prüfte seine Konsistenz mit der Gabel und machte den Ofen wieder zu.
Sie erhob sich, sah sich erneut unschlüssig in der Küche um. Ein weiterer nervöser Blick auf die Armbanduhr offenbarte eine immer noch endlose Zeitspanne bis zu Jochens Ankunft. Um sich zu beschäftigen, rückte sie die Tischgedecke zu Recht und richtete Messer und Gabel auf den Zentimeter genau akribisch aus. Dann holte sie zwei kleine Kerzen hervor, drapierte sie links und rechts neben dem Blumenstrauß. Sah gar nicht so schlecht aus…. Sie zündete sie probeweise an, löschte das Licht. Ein Candleligt-Diner, wie es im Lehrbuch stand… Sie grinste – und zuckte erschrocken zusammen, als die Klingel ging.
Mit klopfendem Herzen sauste sie in die Diele, betätigte den elektronischen Türöffner und konsultierte sicherheitshalber die Uhr ihres Smartphones: Die Uhrzeit stimmte. Er war zu früh.
Erneutes Klingeln. Sie öffnete die Tür. Vor ihr stand Jochen. In der Hand hielt er eine Flasche Wein. „Hallo.“ Er lächelte verlegen.

Kaffee

Langsam kam das Auto zum Stehen, der Motor verstummte. Mit einem leisen Klicken löste Laura den Anschnallgurt und legte ihre Hand auf die Türklinke.
Jochen räusperte sich. „Da wären wir.“
„Ja.“ Sie atmete tief ein, inhalierte den Duft des Autos – Fichtenduftbaum und Männerparfüm.„Es war ein schöner Abend.“
„Das war er wirklich.“
Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Ihr Mietshaus starrte aus dunklen Fensteraugenhöhlen zurück. Vor ihren Augen tauchte wieder der kleine Tisch beim Italiener mit der karierten roten Tischdecke auf, die sie bereits nach wenigen Minuten in Wein ertränkt hatte. Sie hatten gelacht und Jochen hatte sich nur kurze Zeit später mit einem Spritzer Spaghettisoße auf ihr Kleid revanchiert … Der Kellner in seinem makellosen weißen Hemd hatte richtig verlegen gewirkt, als er sie bat, die Rechnung zu begleichen. Es war schon weit nach Mitternacht und sie die letzten Gäste …
Sie seufzte. „Wir sollten das mal wiederholen.“
„Gern.“ Er nickte.
Sie lächelte, trommelte mit den Fingern auf die Plastikverkleidung der Tür. Stille trat ein. Ein Wassertropfen tauchte plötzlich auf der Windschutzscheibe auf. Ein zweiter folgte ihm, dann ein dritter. Schließlich wuchs ihre Zahl so schnell, dass jegliches Zählen unmöglich wurde.
Sie gab sich einen Ruck. „Kommst du noch mit hoch auf einen Kaffee?“
„Ich….äh, nein, das heißt, doch….obwohl…“
Ihr Lachen ließ ihn verstummen. „Den Kaffee für den heutigen Abend hatten wir eh schon…“, bemerkte sie mit einem Grinsen.
„Da hast du recht.“ Er kratzte sich verlegen hinterm Ohr, sah sie dann ernst an. „Ich würde dich wirklich gerne wieder sehen, Laura.“
„Ich dich auch, Jochen.“ Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss. Ihre Lippen trafen langsam aufeinander, tasteten sich ab. Winzige Barstoppeln kitzelten sie am Kinn. Dann gab sie sich erneut einen Ruck. „Gute Nacht.“ Sie stieg aus, hielt sich schützend die Handtasche über den Kopf und eilte zur Haustür.