Disco Disco

In einem Zug leert sie das Glas, dumpf knallt es auf den Tresen. Ihre Finger trommeln unruhig im Takt der Musik, ihr Blick streift durch den Raum, bleibt immer am selben Ort hängen.
Dort, in der Ecke, auf dem roten Polstersofa sitzt er. Blonde Strähnen hängen ihm ins Gesicht. Ihr Herz rast, scheint ihre Brust zu sprengen. Seine weißen Zähne blitzen durch den Raum, die oberen Knöpfe seines Hemdes sind offen…
Ein weiteres Glas ist leer, der Alkohol erfüllt sie mit Hitze, mit Mut. Sie erhebt sich, überquert die Tanzfläche, baut sich vor ihm auf.
„Das ist mein Platz!“

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Gastbeitrag: Eine Sucht

„Für meine Leidenschaft würde ich alles tun.
Es gibt kaum einen Ort, den ich noch nicht bereist habe, kaum eine Sehenswürdigkeit, die ich noch nicht mit eigenen Augen gesehen habe.
Kein Weg ist zu weit, keine Reise zu teuer.
Ich tue es auf Bahnhofstoiletten, in Nobelrestaurants und direkt am Küchentisch.
Regelmäßig treffe ich mich mit anderen Begeisterten und wir tauschen uns über die besten Taktiken und Kniffe aus. Wir versuchen, uns zu optimieren. Perfekt zu sein.
Manchmal kann ich an nichts anderes mehr denken.
Und darum bin ich hier.
Mein Name ist Roger. Ich bin süchtig nach Selfies.“
„Hallo, Roger.“

 

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Vielen Dank an William von den Happy Internet Friends für dieses tolle Drabble!

Gastbeitrag: Kleiner Dialog

„Wovor hast du denn Angst?“
„Ich werde durch einen engen, dunklen Raum gehen müssen. Es wird so feucht sein, dass ich vor lauter Hitze und Dampf nichts mehr sehen kann.“
„Ja, aber das ist alles außen, das tut dir nichts.“
„Aber ich finde es so ekelhaft! Wer weiß, wie viele da schon durchgekommen sind.“
„Glaub mir, das Ding reinigt sich selbst.“
„Ich werde die Kontrolle verlieren.“
„Aber nur für fünf Minuten.“
„Fünf Minuten! Fünf! Und wenn ich versage und es nicht wieder raus schaffe oder im falschen Moment loslege und…“
„Beruhige dich, Schatz. Die Leute sind freundlich in der Autowaschanlage.“

 

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Dieses famose Drabble verdanke ich Edgar von den Happy Internet Friends.

Drabble

Achtundneunzig … neunundneunzig … hundert. „Fertig!“ Er lächelte zufrieden, lehnte sich zurück und begutachtete sein Werk. Der langsame Spannungsaufbau, der Plottwist, die Pointe – alles in genau 100 Wörtern. Ein Drabble. Formvollendet. Er hatte es einfach drauf.
„Zeig mal …“ Seine Muse trat hinter ihn. Ihre Haare kitzelten ihn, als sie sich über seine Schulter beugte und las. Sein Herz begann zu klopfen, Zweifel beschlichen ihn. Ob sie den Text wohl gut fand? Schließlich richtete sie sich wieder auf. Er hielt den Atem an. „Gar nicht schlecht.“ Er atmete erleichtert aus. „Aber das sind nur neunundneunzig Wörter.“

Parkplatz

Auch das noch! Max stöhnte auf. Nicht nur, dass er stundenlang nach einer Parklücke gesucht hatte, nein, nun hatte doch tatsächlich so ein Mercedes-Protzer ihn zugeparkt. Immer diese Sonntagsfahrer!
Er schüttelte den Kopf, stellte seine Einkaufstüte in den Wagen und maß den Abstand zwischen seinem geliebten blauen Polo und der Edelkarosse mit den Augen ab. Könnte sogar ausreichen… Entschlossen stieg er ein und startete den Motor. Nach zweihundertvierundreißig Mal vor und zurück fahren hatte er es geschafft.
Der Polo war frei.
Mit einem triumphierenden Grinsen bog er in die Hauptstraße ein, wich dem Elefanten aus und fuhr endlich nach Hause.

Feuer und Flamme

Ein gigantischer Feuerball verschlang den Komplex und versengte die Umgebung mit seinem tödlichen Brodem.
Er kauerte sich schützend hinter den Felsblock, den er in letzter Sekunde erreicht hatte. Funken setzten sich in seinem Bart ab und brannten sich tief in seine Haut. Auch nachdem die glühende Wallung abgeklungen war, blieb er in Deckung. Vorsichtig spähte er über den Felsrand: Überall brennende Trümmer.
Schade um sein Geheimversteck.
Betrübt erhob er sich und machte sich auf den Weg in die nächste Stadt.
In Zukunft würde er zölibatär leben. Keine CIA-Agentin würde ihm mehr im Bett seinen bösen Plan entlocken und dann vereiteln.

Gastbeitrag: Vorfreude

Muriel atmete tief ein. Eigentlich war es ganz einfach, sie musste sich nur endlich überwinden und den ersten Schritt machen. Den Schritt, der alles ändern würde.
Sie würde Schmerzen ertragen, an der Grenze dessen, was sie aushalten konnte. Und sie würde so sehr gedemütigt werden, dass sie heulend am Boden liegen würde. Ein wenig fürchtete sie sich vor den Folterwerkzeugen des Mannes, dem sie sich heute freiwillig ausliefern würde.
Gleichzeitig wusste sie – es war ihr einziger Weg zum Glück. Muriel lächelte – insgeheim freute sie sich darauf, fühlte sich beinahe erregt…
Alles würde sich ändern. Sie klingelte bei ihrem neuen Kieferorthopäden.

 

 

Dieses herrlich zweideutige Drabble stammt aus der Feder von Verity aus dem L&L’s-Board. Da es sich hierbei um einen Gastbeitrag handelt, liegen alle Rechte am Text allein bei der Verfasserin Verity.