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Achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig …

George atmete tief durch. Dreißig? Nein, einunddreißig. Er hatte die kleinen Roten übersehen, die unter dem Kleiderständer standen. Einunddreißig Schuhe. Unglaublich. Er ließ seinen Blick langsam über die Regale und Kleiderstangen schweifen.

Zählte man die fünfundvierzig Oberteile und dreiundfünfzig Hosen hinzu, so wäre dieses Haus eine wahre Goldgrube für die Kleidersammlung. Schließlich waren das nur ihre – ganz in der Ecke befand sich sein Bereich: Eine einsame, kurze Kleiderstange, fünf Hemden, zwei Anzüge, drei paar Schuhe. Mehr besaß er nicht. Der Rest des begehbaren Kleiderschrankes: Ihr Revier. Er seufzte.

Hoffentlich ging ihr Gatte bald wieder.

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Sie war noch niemals…

Der Gong zerriss ihr Gespräch. Der Nächste nahm gegenüber Platz. Marie musterte ihn kurz – dieser hier hatte noch alle Haare, auf der Nase thronte eine große Hornbrille, darunter ein mächtiger Schnauzer.
„Hallo, ich bin Horst.“
„Marie.“ Sie lächelte und ignorierte den Blick auf ihr Dekolleté.
„Horst, warst du schon einmal in New York?“
„Ja, vor zwei Jahren auf einer….“
„Und in San Francisco?“
„Ja, wirklich eine…“
„Rauchst du?“
Er schüttelte stirnrunzelnd den Kopf.
„Hier ist meine Nummer.“ Sie war nicht wählerisch – aber keine Raucher, seit ihr Gatte Zigaretten holen ging…

High Noon

Die Sonne brannte mörderisch vom Himmel und verwandelte die Welt in einen glühenden Backofen. Der Vormittag war dahin, die Schatten wurden kürzer.
Alles war ruhig in N. – niemand setzte sich freiwillig der sengenden Hitze aus. Die Menschen blieben zu Hause, legten sich nach einem kärglichen Mittagessen hin oder vertrieben sich beim Kartenspiel im Saloon die Zeit.
Nur ein dicker Mexikaner saß am Straßenrand und döste, vor der Sonne durch seinen Sombrero geschützt.
Ein einsamer Hund tappte ziellos über die Hauptstraße, schnüffelte an Tonnen mit Abfall und markierte sein Revier.
„Ei, Carramba!“, rief der Mexikaner, als der Hund ihn bepinkelte.

Verluste

Qualmende Trümmer, verkohltes Mobiliar und Asche, soweit das Auge reichte. McAllister stand vor den Trümmern seiner Existenz. Er hatte dieses Haus mit eigenen Händen erbaut, Stein auf Stein und Brett an Brett geschlagen.
Über diese Schwelle hatte er damals seine Frau getragen, an diesem Türrahmen jedes Jahr die Größe seiner Kinder festgehalten, an diesem Tisch jeden Tag mit seiner Familie gegessen, dort in der Werkstatt einst ein Schaukelpferd mit seinem Sohn gebaut, hier hatte das Puppenhaus seiner Tochter gestanden. Alles war ein Raub der Flammen. Nichts blieb ihm, keine Erinnerung, keine Fotos.
Vielleicht hätte er sie besser auf Facebook geladen.

Wie es sich gehörte

Leonore dachte an ihre verflossene Jugend zurück: Sie war schön, sie war jung, sie war klug. Sie hätte an eine Universität gehen können, als erstes Mädchen aus ihrem Dorf, in einer fremden Stadt ihr eigenes Leben leben.
Aber sie war Hans verfallen, aus Liebe wurde Leidenschaft, aus Leidenschaft Schwangerschaft. Es folgte die Ehe, wie es sich gehörte.
Drei weitere Kinder, vierundzwanzig endlose Jahre an der Seite eines notorischen Säufers und Seitenspringers. Sie sah immer weg, erzog die Kinder, schwieg, bis er ihre Schwester knallte. Nun buk sie ihm einen Kuchen, mit viel Liebe – und Arsen. Wie es sich gehörte.