20. Der Elefant im Porzellanladen (Angela Best)

Ich wusste absolut nicht, was er sich dabei dachte. Wir waren doch keine kleinen Kinder mehr, die sich bei einander entschuldigten, sich die Hand gaben und dann hinter dem Rücken weiter den Hass verbreiteten, den sie für einander empfanden.
Nein, wir trugen unseren Kampf auf einer ganz anderen Ebene aus.
„Könntest du bitte aufhören, mich niederzustarren?“
Eigentlich hatte ich gehofft, dass er bei meinem ultra-tödlichen Blick wirklich einfach so vom Stuhl fiel. Aber das Schicksal vermieste mir auch echt alles. Anscheinend waren wir dazu bestimmt, uns noch eine ganze Weile länger gegenseitig auf den Keks zu gehen. Scheiße.
„Deine Argumentation …“, ich geriet kurz ins Stocken. Der Kerl machte mich rasend. Wie konnte er nur! „… ist alles andere als gut. Ich hoffe, dass ist dir in deinem kleinen Erbsenhirn bewusst. Obwohl, nein, sonst hättest du sie überhaupt nicht durchgezogen.“
Ich war sauer. Und zwar so richtig.
„Bloom, komm schon.“ Er setzte seinen Hundeblick ein.
Seinen verdammten Hundeblick aus seinen scheißperfekten grünen Augen. Unmenschlich grünen Augen. Nein, Bloom, du denkst jetzt nicht an seine Augen!, ermahnte ich mich selbst und merkte zeitgleich, wie die Kette um meinen Hals meine Emotionen widerspiegelte und beständig wärmer wurde.
„Ich werde garantiert nicht so tun, als wäre ich deine verdammte Ehefrau!“, fauchte ich ihn an.
Wir ernteten schon erste irritierte Blicke von anderen Gästen.
Ich war so wütend, dass ich fast vergessen hatte, wo wir uns befanden. Aber eigentlich war es mir egal. Mir entwich ein Knurren. Wie konnte er nur so dreist sein! Schließlich war ich nicht seine Leibeigene, die alles tun musste, was er verlangte. „Ich frage dich das doch nicht, weil ich dich benutzen möchte, sondern weil ich dich wirklich gerne um mich herum hätte, wenn dieses Treffen stattfindet …“
„Du kannst dir dein Treffen sonstwohin stecken!“
„Bloom …“
„Nein!“
„Lass mich doch …“
„Ich. Werde. Nicht. So. Tun. Als. Ob!“, schrie ich ihn nun wirklich an. Die Kette brannte nun förmlich auf meinem Dekolleté. Nicht gut. Mir egal, ob wir nun endgültig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller anderen Restaurantbesucher standen. Er konnte nicht von mir erwarten, dass ich ihm auch noch dabei half, seinen dämlichen Job auszuüben. Außerdem fühlte ich mich wirklich nicht wohl bei dem Gedanken, dass er sagte, er hätte mich gerne um sich herum. Was hatte er bloß gefrühstückt, dass er seine Scheißideen jetzt auch noch an mir auslassen musste? War ja nicht so, dass wir nicht schon genug zu tun hatten.
„Es geht dir also bloß darum, dass du so tun sollst, als würdest du mich mögen und mich einen Abend lang einmal nicht angiftest, wie du es sonst und auch momentan tust?“
Mist, er nutzte es voll aus, dass ich mit meinen Gedanken abgedriftet war.
„Ich kann dir versichern, dass es mir nicht darum geht. Eigentlich bin ich mir überhaupt nicht mehr sicher, worum es mir wirklich geht, aber das ist jetzt nebensächlich.“ Da, schon wieder! Er verleugnete immer alles, was ihm wichtig war.
„Dir ist bewusst, dass mir sehr wohl auffällt, wenn du immer um den Brei herum redest, wenn dir etwas wichtig ist und deine menschliche Seite zum Vorschein kommt? Manchmal denke ich wirklich, du hast Angst vor deinen eigenen Gefühlen“, stellte ich mit leiser Stimme fest. Ich sah ihn dabei direkt an.
Die widersprüchlichsten Gefühle spiegelten sich auf seinem sonst wie versteinert wirkenden Gesicht.
Ich sah, wie er versuchte, den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken.
„Ich hätte dich einfach nur gerne dabei“, sagte er nach einer halben Ewigkeit so leise, dass ich es kaum verstand.
Jetzt war ich diejenige, die schlucken musste. So emotional hatte ich ihn wirklich noch nie erlebt. Die Kette begann, eine angenehme Wärme auszustrahlen, die mich einlullte und sentimental machte. Auf der Stelle bereute ich es, dass ich so harsch zu ihm war. Und ich wurde neugierig, um was für ein Treffen es sich handelte. Nachzufragen, hätte meinen Stolz aber noch mehr gekränkt. Ich versuchte weiterhin, taff zu wirken.
Verdammt.
Warum musste ich auch immer in die Porzellanstube trampeln wie ein Elefant? Aber manchmal war es wirklich schwer vorstellbar, dass hinter seinem steinharten Auftreten ein Mensch steckte, der ebenfalls Gefühle besaß. Es war so schon schwierig genug, irgendwie mit ihm zu reden, geschweige denn, mit ihm zusammenzuarbeiten. Wir hatten in den letzten Wochen wirklich verdammt viel durchgemacht. Warum schockierte es mich nun so sehr, dass er einmal Gefühle zeigte?
Ein Räuspern ließ uns beide zusammenzucken.
Der Kellner stand vor unserem Tisch und stellte unsere Gerichte vor uns ab.
Ich wusste noch nicht einmal genau, was ich da vor mir hatte. Mister Ich-Weiß-Alles-Besser hatte einfach bestellt.
Es roch zumindest nicht schlecht. Trotz meines schlechten Gewissens konnte ich meinen skeptischen Blick nicht zurückhalten.
„Probier einfach und dank mir später.“ Da war wieder sein selbstsicheres Grinsen.
Arschloch. Wieso hatte ich eigentlich ein schlechtes Gewissen? Er hatte so ein gewaltiges Ego, irgendjemand musste ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Ich versuchte alles zu ignorieren und probierte einfach.
Meine Güte.
Es war köstlich. Ich schloss kurz die Augen, kostete den Geschmack voll aus.
Sekunden später hörte ich mich wie von selbst sagen, dass ich ihn zu diesem dämlichen Treffen begleiten würde.
Er lächelte.

 


Text Nr. 20 wurde von der wundervollen Angela Best zu unserem #Projekt24 beigesteuert. Mehr über Angelas Schreiben findet ihr auf ihrer Facebook-Autorenseite und auf Instagram, außerdem betreibt sie den Buchblog „Wortgewaltig„.

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Parkplatz

Auch das noch! Max stöhnte auf. Nicht nur, dass er stundenlang nach einer Parklücke gesucht hatte, nein, nun hatte doch tatsächlich so ein Mercedes-Protzer ihn zugeparkt. Immer diese Sonntagsfahrer!
Er schüttelte den Kopf, stellte seine Einkaufstüte in den Wagen und maß den Abstand zwischen seinem geliebten blauen Polo und der Edelkarosse mit den Augen ab. Könnte sogar ausreichen… Entschlossen stieg er ein und startete den Motor. Nach zweihundertvierundreißig Mal vor und zurück fahren hatte er es geschafft.
Der Polo war frei.
Mit einem triumphierenden Grinsen bog er in die Hauptstraße ein, wich dem Elefanten aus und fuhr endlich nach Hause.