Jede Nacht

Er schlägt die Augen auf. Es ist stockdunkeldunkel, nur die digitalen Lettern des Weckers verwandeln die Schwärze in ein gespenstisches Grün. Er hebt den Kopf, blinzelt. Die Zahlen verschwimmen, tanzen, schärfen sich: 03:05 Uhr.
Auf seinem linken Arm fühlt er ihr vertrautes Gewicht, spürt ihre Wärme, ihre nackte Haut auf seiner. Ihr Atem geht ruhig. Ihr Haar duftet nach Vanille, Papaya und Geborgenheit. Er gähnt, schmatzt, kuschelt sich an sie – doch vergebens. Der Ruf der Natur ist stärker.
Vorsichtig zieht er seinen Arm unter ihrem Kopf hervor, schält sich aus der Decke und stemmt sich in die Höhe. Gänsehaut überzieht seinen Körper sofort. Langsam schleicht er durch das Zimmer, ein Schritt nach dem anderen. Bei der Tür wirft er einen Blick zurück.
Geschafft. Sie ist nicht aufgewacht.
Durch den Gang ins Bad. Licht von draußen spielt Picasso an der Wand. Er schlägt sein Wasser ab. Über ihm durchs Dachfenster leuchtet der Mond, färbt seine Haare silbern.
Er wäscht sich die Hände, kehrt zurück, ebenso leise wie er ging. Sein Platz ist bereits ausgekühlt, die Decke wieder kalt – doch sie ist warm. Er schlingt den Arm um sie, fährt ihre Rundungen nach. Über die Schulter, die Brust, hinab …
„Boah! Behalt deine kalten Hände gefälligst bei dir! Jede Nacht dasselbe!“

Schwein gehabt

Driiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiing! Mit einem Enthusiasmus, den auch der beste Autor nicht in unter 30 Zeichen schildern konnte, zerriss die Türklingel die Stille in der kleinen Wohnung im ersten Stock. Genervt erhob sich Hermann von seinem Manuskript.„Ist Gewürznelke überhaupt ein echtes Wort …?“, grübelte er in Gedanken an die roten Linien des Rechtschreibprogramms, während er zur Tür schlurfte.
Draußen stand Sabine, seine beste Freundin.
Wie in Zeitlupe beobachtete Hermann, wie Sabines Lippen zu zittern begannen. Ihre Nasenlöcher weiteten sich, als sie tief Luft holte. Erste Tropfen quollen aus ihren Augen hervor, ehe sich schluchzende Niagarafälle auf seine Fußmatte ergossen.
„Sabi, was…?“
„Er … er … er …“ Sabine rang nach Luft.
„Komm rein.“ Hermann machte gleichzeitig Platz und eine ausholend einladende Handbewegung.
Sabine japste, keuchte, trat ein und hängte ihre schwarze Jacke mit mäßigem Erfolg an seine Garderobe. Bereits Sekunden später landete sie wieder auf Hermanns Teppichboden. Sabine machte keinerlei Anstalten, sie aufzuheben. „Herri … er … er hat …“
Hermann seufzte ergeben und hob die Jacke auf. „Komm, setz dich aufs Sofa und beruhige dich erst einmal. Ich hol dir was zu trinken.“
Er musste Sabine den Weg nicht zeigen, tausendmal war sie schon hier gewesen. Während er in der kleinen Küche ein Glas mit Wasser füllte, hörte er, wie sich Sabine schwer auf das Sofa in seinem Wohn- und Arbeitszimmer fallen ließ und weiter schluchzte.
Sekunden später nahm er neben ihr Platz und reichte ihr das Wasserglas.
Sabine trank mit großen, gierigen Schlucken, verschluckte sich, hustete.
Hermann nahm ihr das Glas ab, strich ihr über den Arm.
Sabine atmete tief ein.
„Erzähl.“
„Herri … er … er hat mich …. er hat sich …. einfach so …“
„Wer?“ Hermann rückte seine Brille zurecht und verkniff sich den wehmütigen Blick zu seinem Manuskript.
„Manni …“
„Der aus der Disco?“
„Genau.“ Wieder begann Sabines Unterlippe zu zittern. „Er hat gesagt, er liebt mich …. aber … aber dann … ich hab ihn geküsst. Und er … er hat … “ Wie ein Vulkan brach es aus ihr hervor, ein weiterer Heulkrampf schüttelte ihren Körper.
Wie von selbst schlossen sich Hermanns Arme um sie, ihr Kopf ruhte schwer an seiner Brust.
„Schhhh“, machte Hermann und strich ihr über den Rücken.
Sabine beruhigte sich, griff nach dem Wasserglas.
Hermann gab sie frei.
Eine Träne nach der anderen lief über Sabines Wange, vorbei an Nase und Mund, tropfte wagemutig vom Kinn hinab auf das weiße Top, wo ein Schaf alles doof fand, was man aber von der Pracht …
Hermann wandte seinen Blick ab, zum Fenster, wo auch die Natur nicht in besserer Laune war – es hatte zu regnen begonnen.
Sabine atmete tief ein, nahm einen neuen Anlauf. „Ich hab ihn geküsst und er hat sich in ein GOTTVERDAMMTES ROSA SCHWEINCHEN MIT FLÜGELN VERWANDELT!“

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Dieser Text entstand im Rahmen der 3. Clue Writing Blogparade. Beim Clue Writing werden ein Setting und mehrere Begriffe für eine Geschichte vorgegeben. Das Setting ist verpflichtend, die Begriffe müssen im Text vorkommen.
Das Setting für diesen Text war „Wohnblock“, die vorgegebenen Clues (allesamt im Text unterstrichen) waren „Flügel“, „Schaf“, „Enthusiasmus“, „Teppichboden“ und „Gewürznelke“.

Eine neue Idee

Als er die Vorhänge aufzog, blendete ihn das hereinfallende Licht. Er blinzelte mehrere Sekunden dagegen an, dann wurde seine Sicht wieder klar. Draußen lag kein Schnee, aber es war eine kalte Nacht gewesen. Die Sonne stand bereits am Himmel, aber die Berge belegten das Tal noch mit langen Schatten. Die Wiesen und Bäume waren von weißem Reif überzogen – Tau, der nachts gefroren war.
Er schauerte unwillkürlich, Gänsehaut überzog seinen nackten Oberkörper. Hastig rieb er sich die Arme, um das unangenehme Gefühl zu vertreiben.
„Hier, ich hab Kaffee gekocht.“
Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Dankbar drehte er sich um, nahm eine dampfende Tasse entgegen.
„Zwei Stück Zucker, keine Milch.“ Sie lächelte scheu, als sie auf seine Pedanterie anspielte. Es stand ihr, ebenso wie sein großes T-Shirt und die langen, nackten Beine …
„Perfekt. Danke.“ Er lächelte zurück und umklammerte die Tasse mit beiden Händen.Wohlige Wärme breitete sich schlagartig in seinen Fingern aus.
Sie ließ sich im Schneidersitz auf seinem Bett nieder, pustete ein paar blonde Strähnen aus ihrem Gesicht und sah ihn an.
Er setzte sich ihr gegenüber aufs Fensterbrett, bereute die Entscheidung aber sofort. Die Fensterscheibe war klirrend kalt, das Fenster undicht, es zog furchtbar herein. Trotzdem verharrte er, trank seinen Kaffee.
„Du hast gestern gesagt, du wolltest ein Buch schreiben“, begann sie, „Worum genau sollte es da gehen?“
Er ließ sich Zeit mit der Antwort, ordnete seine Gedanken, strich sich bedeutungsvoll durch den Bart – wie er hoffte. „Um einen alten Wissenschaftler, der sein Leben verpasst hat. Jahrelang hat er Studenten unterrichtet, geforscht und theorisiert. Den Sinn des Lebens gesucht und dabei alles versäumt. Seine Freunde haben geheiratet, Kinder gezeugt, sind weggezogen oder gestorben. Er ist alt und einsam, seines Lebens überdrüssig, geht einen verhängnisvollen Deal ein, da er nichts zu verlieren hat. Aber eines Tages trifft er sie: Jung, fröhlich, ein Ausbund an Energie, Tochter aus erzkatholischem Hause. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Er will sie, aber sie will warten. Er umgarnt sie, verführt sie, schwängert sie. Aber er kriegt kalte Füße, verlässt sie. In ihrer Not weiß sie nicht wohin, bis sie das Kind schließlich … nun ja. Sie wird für ihr Tun verurteilt, verstoßen …“
„… und eingesperrt?“
Er nickte. „Ja. Genau. Und er …“
„… zieht los, sie zu retten, aber sie ist im Gefängnis gestorben?“
„Was … woher weißt du…?“ Er kratzte sich am Kopf. Hatte er es ihr am Vortag schon erzählt?
„Ich kenne die Geschichte bereits.“ Da, in ihrem Blick – war das Bedauern oder Mitleid?
„Wie? Woher?“ Beinahe hätte er den Kaffee verschüttet.
„Goethe. Faust. Der Tragödie erster Teil.“

Alea iacta est

Fred hob widerwillig den Kopf und sah in Monas tiefe blaue Augen.
Sie wich ihm nicht aus, blinzelte nicht, sondern hielt seinem Blick ruhig und gelassen stand.
Keine Spur von Furcht lag in ihnen, keine Verzweiflung. Ihr Gesicht war gleichzeitig milchweiß und rosa, wurde eingerahmt von goldenen Locken und ihr Mund schien ihm wie die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gab, und doch – was hatte er für eine Wahl?
Mona verzog keine Miene, ließ sich nicht anmerken, ob sie wusste, was er wusste. Wie gerne hätte er geleugnet, sich verstellt. Doch er musste eisern bleiben. Die Tatsachen lagen vor ihm auf dem Tisch, es gab kein Zurück. Der Würfel war gefallen.
Mona würde ihm nicht den Gefallen tun, um Gnade zu betteln, und doch wünschte er es sich, wissend, dass auch dies ihm keinen Ausweg bieten würde.
Fred schüttelte unweigerlich den Kopf.
Mona blieb stumm, doch ihre blauen Perlenaugen folgten der Bewegung, beobachteten jede Regung, jedes Zucken seiner Mundwinkel.
Er versuchte, sich zu räuspern, doch es blieb ihm im Halse stecken. Er senkte den Blick, hob ihn wieder. Blinzelte.
Würde sie an seiner Stelle nicht genauso handeln?
Langsam hob er seine Hand, langte über den Tisch, ergriff seine Spielfigur, zog fünf Felder nach vorne und kickte Monas Figur vom Spielfeld – nur knapp 3 Felder vor dem schützenden Haus. „Ätsch, gekickt. Du musst zurück zum Anfang!“