Haiku XX

Dampfend heiß serviert
Tellerduft verführt mich – leer!
Vierpfotiger Dieb

5. Nefasta (Nora Bendzko)

Nefasta fraß mich mit dem grünen Blick ihrer Koboldaugen auf. Da thronte sie, die Löwenfüße überschlagen, die Adlerflügel gefaltet, das unmenschliche Gesicht eine steinerne Maske: Die hässlichste Sphinx-Statue, die ich je gesehen hatte.
Bitte lass es keinen Albtraum werden, betete ich, umklammerte Löffel und Gabel, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten.
Ich senkte den Blick auf meinen Teller. Essen, ich muss essen …
Aber Eriks kritischer Blick schnürte mir die Kehle zu.
„Der Kerl heute an der Tür …“
Da.
Jetzt hatte er es gesagt.
Ich sah zu ihm auf. Er hielt Messer und Gabel in je einer Faust, als wären sie Waffen.
„… war ein Arbeitskollege“, flüsterte ich.
Ich durchsuchte sein kantiges, sonnengebräuntes Gesicht mit den dunklen Augen, deren Schönheit irgendwann erfroren war. Nach dem Erik, der nächtelang tanzen, tausend Witze reißen und stürmisch wie ein Casanova küssen konnte. Nicht nach dem Erik, der vor lauter Büroarbeit graue Haare bekam, nur schlief, wenn er nicht auf Geschäftsreise war, und andere Männer mit tödlicher Eifersucht beäugte.
Er starrte mich stumm an, über seinen Berg von Grillfleisch hinweg.
Ich konnte vielleicht Nefastas Augen übersehen, aber nicht, was auf Eriks Teller lag. Und schon gar nicht das Flüstern ignorieren, das quälend langsam von dort weg kroch, zu mir her, über den Tisch und meinen Arm hinweg ins Ohr:

Iss … Du musst essen …

Ich stieß frustriert aus: „Erik, ich halte das nicht mehr aus!“ Erschrocken hielt ich den Atem an – zu spät.
Er knallte die Fäuste auf den Tisch, dass es nur so klirrte. „Soll ich etwa stillsitzen“, stach mir seine Stimme in die Brust, „während du dir einen Kerl nach dem anderen anlachst?“

Iss, dann hörst du ihn nicht länger …

„Erik, ich … ich lache mir niemanden an! Was kann ich dafür, wenn ich von so vielen Männern angesprochen –“
„Du widerst mich an!“ Er ließ das Besteck fallen, riss die Jacke von seinem Stuhl und stürmte hinaus.
Ich blieb allein mit dem quälenden Flüstern zurück. Und mit der grausigen Nefasta, die nun völlig unverdeckt war, jetzt, wo Erik nicht mehr vor ihr saß.
Dieses geschmacklose Unding … Es wirkte völlig fehl am Platz, zwischen den rotsamtenen Wänden, Holzmöbeln und romantischen Landschaftsbildern. Erik hatte es von einer seiner vielen Arbeitsreisen mitgebracht und unserem Lieblingsrestaurant, dem „Du Monde“, geschenkt. Seither sah ich Nefasta jeden Freitag.
Es war unsere Tradition: Ganz gleich, wie erschöpft Erik von der Arbeit war, wie wenig Zeit wir hatten, wie sehr wir stritten, Freitagabend gingen wir immer im „Du Monde“ essen. Französische Drei-Sterne-Küche. Erik reservierte stets einen Tisch in einem Privatraum. Er wollte mir ja etwas bieten. Und Nefasta begrüßte uns stumm, wenn wir den Raum betraten, sah uns müde lächeln, wenn wir bestellten, und schaute zu, wenn Erik mir ins Gesicht schleuderte: Wer war der Kerl?
Ich sank weinend auf den Tisch.

Iss mich!, schrie das Essen verzweifelt. Iss mich endlich!

So schnell, wie ich wollte, konnte ich mein Ratatouille gar nicht verschlingen. Ich benutzte zuerst die Gabel, nahm dann den Löffel dazu, setzte schließlich den Teller an meinen Mund. So viel ich aber schluckte, ich wollte nicht satt werden. Das Ratatouille verschwand in meinem Bauch wie in einem schwarzen Loch.
Zitternd stellte ich den Teller ab, über und über beschmiert mit Soße und Ekel. Eriks Worte stachelten den Hunger an, der mich bis in die Fingerspitzen aushöhlte.

Iss uns auch!, kreischte der Grillfleischberg.

Was, wenn Erik mich sieht, fragte ich mich. Und dachte dann: Je schneller es vorbei ist …
Meine Zähne schlugen sich gierig hinein. Fleisch um Fleisch riss ich von den Knochen, oftmals den Knorpel mit, kaute und schlang, dass mir die Tränen kamen.
Ich wusste, Nefasta sah auf mich herab, und Erik mit ihm. Er war immer in meinem Kopf. Besonders, wenn ich mit Männern sprechen musste. Ob Nachbarn oder Bekannte oder … Ich hatte immer Angst, dass Erik wegen ihnen wütend würde.
Sie fanden mich eben schön. Attraktiv. Ich wünschte ja selbst, sie kämen nicht auf die Idee …
Als alle Teller leer waren, wollte ich schreien. Der Tisch sah aus wie ein Schlachtfeld. Erik war noch nicht zurück.
Ich starrte auf mein Sektglas. Und mich erfasste der irre Gedanke, wie schnell mein Hunger gefüllt sein könnte, wenn ich nur das Glas äße …
Ein dunkles Kichern erklang.
Ich blickte auf.
Nefastas Augen hatten sich zu Schlitzen verengt. Und ihr Maul … Es reichte vom oberen Ende des Schranks, auf dem sie saß, bis zum Boden.
Mich überkam ein Schauer. Eine Stimme, so giftgrün wie Nefastas Augen, zischte:

Endlich ist mein fetter Braten fertig!

Ich kannte sie. Es war die gleiche Stimme, die mich Woche für Woche dazu getrieben hatte, vor Unglück zu fressen. Ich hatte gedacht, das Essen würde zu mir sprechen.
Doch es war Nefasta.
Sie hatte mich verführt, um mich für sie selbst zu mästen.
Und ich hatte es zugelassen. Nicht für Erik: Ich wollte nicht mehr schön sein, verschwinden, weil ich Erik nicht mehr ertrug.
Ich packte das Glas, ohne nachzudenken, und warf es. Es zersplitterte mit Nefastas Stimme und meinem Hunger.
Keuchend starrte ich auf die Scherben. Dann erhob ich mich, um Erik aufzusuchen.
Es war vorbei.

 


Den fünften Text zu unserem #Projekt24 hat die vielseitige Nora Bendzko beigesteuert. Nora ist nicht nur Autorin, sondern auch Sängerin. Mehr über ihre Texte und ihre Musik findet ihr auf ihrer Homepage, ihrer Facebook-Seite und auf ihrem Twitter-Account. Außerdem hat sie diesen Sommer ihr Debüt „Wolfssucht“ auf Amazon veröffentlicht.