3. Momente der Vergänglichkeit (Friederike Reichold)

Meine Muskeln verkrampften sich, als ich die große Glastür erreichte. Eine gedrückte Stimmung breitete sich in meinem Inneren aus und schlug ihre Krallen in mein Herz. Mit jedem neuen Schritt drohte es zu versagen und in seine Einzelteile zu zerbrechen.
Ich konnte kaum atmen. Mühsam presste ich meine Hand auf den Brustkorb, aber die befreiende Erlösung blieb aus. Wie lange würde ich das noch aushalten?
Nachdenklich beobachtete ich das Treiben in der Cafeteria hinter der Tür. Die grün gestrichenen Wände waren verblasst und unregelmäßige Abschürfungen zeugten von ihrer Vergangenheit. Einzelne Holztische waren im Halbkreis um die Theke, an der man Kaffee und Kuchen erwerben konnte, angeordnet.
Ich schloss die Augen und sammelte aus jeder Faser meines Körpers den Mut und die Entschlossenheit, um meinen Ängsten entgegenzutreten. Schwungvoll stieß ich die Tür auf und betrat den Raum.
Der vertraute Geruch von frisch gemahlenem Kaffee und süßem Gebäck verdrängte kurzzeitig meine Furcht.
Die Wände reflektierten die aufwallende Geräuschkulisse, umhüllten meine Gedanken. Langsam ging ich weiter in den Raum hinein und blickte mich suchend um. Alle Tische waren belegt. Fröhliches Lachen und anregende Gespräche fanden an jedem einzelnen statt. Unsicher bewegte ich mich zwischen den besetzten Tischen umher.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Stimme einer älteren Dame setzte sich über das Schwirren der Wortfetzen hinweg. Ich wandte mich zu ihr um und blickte in ein grünes Augenpaar, das von tiefen Furchen umrahmt wurde.
Sie lächelte mich freundlich an.
„Danke, ich bin auf der Suche nach jemanden“, antwortete ich.
Der Blick der älteren Dame entfernte sich von mir und glitt an den kahlen Wänden entlang.     „Wer ist das nicht“, entgegnete sie abwesend, während ihre Worte verblassten.
Ich trat näher an sie heran. Auf dem Tisch war ein Gedeck für zwei Personen angerichtet. Die Kaffeetassen waren bis auf Henkelhöhe gefüllt und auf den Tellern machte sich ein saftiges Stück Erdbeerkuchen mit geschlagener Sahne breit.
Gedankenverloren starrte ich es an und erinnerte mich an zurückliegende Ereignisse aus meiner Kindheit.
„Wissen Sie, meine Tochter macht den besten Erdbeerkuchen. Aber dieser hier ist auch sehr zu empfehlen.“ Die ältere Dame folgte gütig meinem Blick und deutete mit dem Zeigefinger auf den Teller vor sich.
Da war es wieder, dieses durchdringende Stechen, das sich tief in meinen Brustkorb grub und mich daran erinnerte, warum ich diese Besuche scheute.
„Ist Ihnen nicht gut?“ Ihre Augen nahmen einen besorgten Ausdruck an. „Möchten Sie sich einen Moment setzen? Mein Mann ist noch kurz auf der Toilette.“
Dankend schob ich den Stuhl gegenüber zurück und ließ mich auf die kalte Sitzfläche sinken.
„Möchten Sie etwas trinken? Kann ich Ihnen ein Glas Wasser oder einen Kaffee bestellen?“, fragte sie fürsorglich.
Der verlockende Geruch nach frischen Erdbeeren kribbelte in meiner Nase und ich lehnte mich über die Tischplatte, um ihn intensiver in mich einzusaugen.
„Das sieht wirklich köstlich aus.“ Ich hoffte, mein aufgesetztes Lächeln konnte über mein Unbehagen und meine Trauer hinwegtäuschen.
Die ältere Dame drehte ihre Kuchengabel nachdenklich zwischen den Fingern.
„Meine Tochter, sie liebt Erdbeeren“, setzte sie plötzlich an und ein kühler Schauer glitt meinen Rücken hinab.
„Als sie noch klein war, ich schätze sieben oder acht Jahre alt, sind wir im Sommer regelmäßig zu dem nahe gelegenen Erdbeerhof gefahren. Kennen Sie den?“
Ich nickte.
„Dort gibt es selbstgemachte Marmelade und Süßigkeiten zu kaufen.“
„Ja, ich kenne den Hof. Dort war ich auch schon öfter mit meiner Familie“, antwortete ich.
„Sophie war ein sehr aufgewecktes Kind, das man ständig im Auge behalten musste.“ Die ältere Dame lächelte und schien ihre Erzählungen erneut zu durchleben. Die grünen Sprenkel in ihren Augen flimmerten wild, als ob sie in Flammen stünden, und ließen erahnen, welchen Glanz sie früher besessen hatten.
„Und stellen Sie sich vor!“ Sie lachte und hielt sich schuldbewusst die Hand vor den Mund. „Meine Sophie war in der Bonbon-Werkstatt und durfte bei der Herstellung helfen. Das reichte ihr jedoch nicht und unbemerkt stopfte sie sich die rohe, klebrige Masse in ihre Hosentaschen. Ich kann Ihnen sagen, das war vielleicht eine Schweinerei, als die Masse dann fest wurde und meine Tochter ihre Hände nicht mehr aus den Taschen bekam!“
„Das war ihr bestimmt eine Lehre“, entgegnete ich lachend. „Hat sie danach noch Bonbons gegessen?“
Die ältere Dame überlegte kurz, schüttelte aber den Kopf. „Nein, soweit ich mich erinnern kann, nicht. Wo bleibt eigentlich mein Mann?“
Suchend ließ sie ihren Blick durch den Raum gleiten, während ich mich langsam erhob.
„Danke für das Gespräch. Mir geht es schon wieder besser. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Nachmittag.“
„Danke, Ihnen auch.“
Ich drehte der älteren Dame den Rücken zu und steuerte den Ausgang an. Ungehindert bahnten sich Tränen ihren Weg über meine Wangen, während die letzte Luft aus meinen Lungen herausgepresst wurde.
„Heute ist kein guter Tag, denn du musstest wieder an deinen verstorbenen Ehemann denken“, nuschelte ich und sah das Gesicht der älteren Dame vor mir.
„Vielleicht erkennst du mich nächste Woche, Mama.“

 


Den dritten Text zu unserem Adventskalender hat die talentierte Friederike Reichold beigesteuert. Mehr über Friederike, ihr Schreiben und ihre Texte findet ihr auf ihrer Facebook-Autorenseite. Reinschauen lohnt sich!

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Schneller

„Schneller!“
Das kleine Fahrrad schaukelte und sprang bedrohlich, als es über die vom Regen zersetzte Straße galoppierte.
„Schneller, Leo, schneller!“
Er trat in die Pedale und Jasmin klammerte sich an ihren Bruder, um nicht abgeworfen zu werden.
Sie sausten die Straße hinab, bis zur Kurve. Das Fahrrad bockte, hob sich, überschlug sich hinaus auf die Wiese. Sie rollten durcheinander, ineinander, übereinander. Kinderlachen. Nichts passiert.
Jasmin lächelte. Eine ihrer ersten Erinnerungen. Eine ihrer glücklichsten.
Leo lebte für die Geschwindigkeit. Sein Held war Flash, der rote Blitz, schneller als der Schall und wenn er Harry Potter las, so interessierten ihn vor allem die Besen. Als Harry das erste Mal in der Winkelgasse war, hätte Leo sich am liebsten auch die Nase am Schaufenster plattgedrückt und den Nimbus 2000 bewundert. „Auf einem Besen die Straße runter sausen, das wärs!“, hatte er geträumt und gelacht.
Sie wusste noch, wie er gestrahlt hatte, als sie ihm zum 10. Geburtstag einen Tacho fürs Fahrrad schenkte, den sie auf einem Flohmarkt heimlich mitgehen lassen hatte.
Endlich konnte er seine Rekorde beziffern.
Leo wurde größer.
Und schneller.
Leichtathletik, 100 m unter 10 Sekunden, Schulrekord.
Jasmin seufzte. Er flog geradezu über die Bahn.
Dann Autos. Autorennen. Formel 1 wurde zum Pflichttermin vor dem Fernseher, für den er sogar Freunde versetzte.
Autoführerschein. Selber fahren. Selber lenken. Selber schnell sein.
Schneller sein als andere.
Autorennen. Nachts flog er über die Dorfstraßen mit seinem roten Golf mit den weißen Streifen. Nitro in seinem Tank und in seinen Adern.
Sie waren eins.
Das Auto und er.
Er und das Auto.
Leben auf Rädern.
Jasmins Blick glitt durch den Raum, zu Leo, der da saß und aus dem Fenster sah.
Ein grünes Auto fuhr eben vorbei. Mit 60 in der 30er-Zone. Viel zu schnell.
Leo schwieg und sah ihm nach. Sicherlich kannte er die Marke, Jasmin hatte sich nie dafür interessiert.
Eine Träne lief über seine Wange und sie fühlte, wie auch in ihren Augen der Startschuss fiel.
Nun würde Leo für immer auf Rädern leben.