23. Blind Date (PoiSonPaiNter)

Eigentlich konnte Anwyn Blind Dates nicht ausstehen und sie konnte sich auch nicht erklären, wie sie ihrer Freundin Sakia zustimmen konnte, „es doch einfach mal auszuprobieren“. Insgeheim vermutete sie, dass Sakia sie mit irgendeinem Zauber beeinflusst hatte.
Nun stand sie im Empfangsbereich des Restaurants und wäre am liebsten umgekehrt, auch wenn sie trotzdem ein bisschen neugierig war. Unschlüssig spielte sie mit der weißen Blume – eine Tulpe, die sie als Zeichen ausgemacht hatten – und hielt nach ihrem Date Ausschau.
Das Restaurant war voll mit den unterschiedlichsten Leuten. Dicht neben ihr flüsterten zwei Elfenmädchen aus einem anderen Clan miteinander, wahrscheinlich machten sie sich über sie lustig. Die förmliche Ausgehkleidung ihres Clans stand Anwyn einfach nicht und sie fühlte sich unwohl in dem viel zu starren und hellen Stoff. Sie war ein Freund von schlichter Gebrauchskleidung, aber Sakia hatte darauf bestanden.
Weiter hinten sah sie eine Gruppe Oger genüsslich einen großen Braten verschlingen.
Hinten in einer Ecke turtelte ein Menschenmann mit einer jungen Elfe.
Zu ihrer Linken entdeckte sie einen einzelnen Elfen, der gar nicht so schlecht aussah, allerdings konnte sie keine Blume bei ihm entdecken.
Schließlich kam die Bedienung auf sie zu, ein mitleidiges Lächeln auf den Lippen.
„Dein Date sitzt an dem Tisch am Fenster. Tut mir Leid für dich“, erklärte sie und klopfte Anwyn tröstend auf die Schulter.
Anwyn schluckte, als sie das kleine Gänseblümchen sah, das zwischen den großen Fingern des Orks hervorlugte. Großartig, dachte sie, das also war ihr Blind Date.
Es half nichts, nun war sie hier und die Elfenmädchen würden sie sicherlich nur noch mehr auslachen, wenn sie jetzt verschwand. Erhobenen Hauptes schritt sie auf den Tisch des Orks zu und baute sich davor auf. Als er sie nicht beachtete, räusperte Anwyn sich leicht.
Aus seinen Gedanken gerissen blickte er auf und sprang hoch.
„Hallo. Ich bin Goduk“, begrüßte er sie mit einem freundlichen Lächeln, dass aufgrund seiner hervorstehenden Hauer trotzdem angriffslustig wirkte, und streckte ihr die Hand entgegen.
Zögerlich ergriff Anwyn diese und stellte sich ebenfalls vor. Ihre eigene Hand verschwand in der Pranke des anderen. Peinlich berührt setzten die beiden sich und Goduk schlug vor, dass sie erstmal etwas bestellten.
Unsicher, wie es jetzt weiter ging, schwiegen sie und ließen ihre Blicke auf allem ruhen, nur nicht auf einander. Hin und wieder setzte einer der beiden zu einem Satz an, verstummte aber sogleich wieder.
Als schließlich ihr Essen auf dem Tisch stand, riss Goduk sogleich eine große Keule mit den Händen von seinem Braten ab, sodass das Fett nur so spritzte und die Knochen knackten. Er war gerade dabei genüsslich hineinzubeißen, als er Anwyns angewiderten Blick sah. Beschämt hielt er inne, legte das Fleisch zurück, wischte sich die Hände am Tischtuch ab und griff nach dem Besteck. Vor sich hin grummelnd versuchte er ein Stück Fleisch abzuschneiden, aber das Messer war einfach nicht scharf genug. Schließlich warf er es genervt auf den Tisch und zog seinen eigenen Dolch aus der Gürtelhalterung.
Anwyns Augen weiteten sich. „Ist das Obsidian?“
„Äh, ja“, bestätigte Goduk verdutzt und hielt ihr den Dolch hin.
Anwyn nahm ihn andächtig entgegen und drehte ihn vorsichtig in ihren Händen.
„Dolche wie der sind schwer zu bekommen“, murmelte er beiläufig.
„Ich weiß. So ein schönes Stück und du benutzt ihn, um Fleisch zu schneiden“, schalte sie ihn und gab den Dolch zurück.
„Jah. Es tut mir auch in der Seele weh, aber ich habe mein anderes Messer zu Haus gelassen und gedacht, ich brauche es nicht“, gab er geknickt zu.
„Wolltest du mich mit dem Dolch beeindrucken?“, wollte Anwyn verwundert wissen.
„Hat es denn funktioniert?“, fragte Goduk stattdessen und klang ein wenig nervös.
„Er ist hübsch anzusehen, aber um mich zu beeindrucken, musst du schon mit mehr aufwarten“, erwiderte Anwyn herausfordernd.
„Wie wäre es mit einem ganzen Schwert aus Obsidian?“
„Du – Das sagst du doch nur so!“ Anwyn ließ ihre Gabel klappernd auf ihren Salatteller fallen.
„Nein! Zu Hause haben wir ein altes Ritualschwert von einem meiner Ahnen. Es ist aus reinstem Obsidian und Griff und Schneide sind mit Knochen und Diamanten versehen“, versicherte Goduk mit leuchtenden Augen.
„Warte.“ Goduk holte sein Smartphone hervor, das viel zu klein wirkte für seine großen Hände.
Kurz darauf zeigte er Anwyn ein Bild des Schwertes als Teil einer Waffensammlung.
„Wow“, entfuhr es Anwyn erstaunt und sogleich fingen die beiden an, darüber und über andere Waffen zu fachsimpeln und vergaßen dabei fast das Essen.
Bis spät in die Nacht saßen sie da und unterhielten sich. Schließlich war es die Bedienung, die ihr Date beendete und sie zu gehen bat. Vor dem Restaurant verabschiedeten sich die beiden mit einem Händedruck, nachdem sie Nummern ausgetauscht hatten.
„Du bist gar nicht so übel für einen Ork“, neckte Anwyn ihn mit einem aufrichtigen Lächeln.
„Du auch nicht für eine Elfe“, erwiderte Goduk.

 


Text Nr. 23 unseres #Projekt24-Adventskalenders stammt von der fabelhaften PoiSonPaiNter. Mehr von und über sie findet ihr auf ihrem Blog, auf Facebook und auf Twitter. Wir möchten an dieser Stelle auch auf ihren wunderbaren Choose-your-own-Adventure-Adventskalender hinweisen!

21. All you can eat (Alisha Mc Shaw)

Schnaufend setzte Aleyna die Einkaufstüten an der Haustür ab und schloss diese auf. „Heute koche ich ein tolles Abendessen“ hatte sie getönt. Noyan hatte nur belustigt mit den Ohren gezuckt. Ebenso stillschweigend akzeptierte er ihren Wunsch, den Abend in ihrer Heimat zu verbringen. Es war das erste Mal, dass sie zu Hause war, seitdem sich die ihr bekannte Welt einmal komplett gedreht hatte.
Sie trug die Einkäufe in die Küche und machte sich daran, das versprochene Abendessen zuzubereiten. Zufrieden schob sie nach einer Weile alles in den Backofen, wusch sich die Hände und schlenderte ins Wohnzimmer. Ihre Augen wanderten weiter zu Noyan, der vor dem Kamin lag und offensichtlich schlief.
Just da hob er träge ein Lid und musterte sie, bevor er sich aufrappelte. „Na, erfolgreich gewesen?“ Sie hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass er ihr neuerdings wie ein Schatten folgte. Erst nach einer handfesten Diskussion hatte er sie heute allein einkaufen lassen.
„Natürlich!“, erwiderte sie patzig und ließ sich in ihren Lieblingssessel plumpsen. Er folgte ihr, sank vor ihren Füßen zu Boden und bettete den Kopf in ihren Schoß. Wie von allein glitt ihre Hand in seinen Nacken und kraulte ihn. Sie ärgerte sich darüber, wie selbstverständlich sie auf seine Anwesenheit reagierte.
„Was gibts denn zu essen?“, erkundigte er sich, während seine Körperwärme behaglich auf sie abstrahlte.
„Ich mache Steaks mit Ofenkartoffeln und als Nachspeise Vanillepudding“, zählte Aleyna auf, „Apropos Steak. Wie möchtest du deines am liebsten?“
Unter ihrer Hand spürte sie das Vibrieren seines Körpers. Er lachte.
„Wie ich mein Steak am liebsten möchte? Ernsthaft?“
„Ja, warum denn nicht?“ Dass dieser verdammte Mistkerl sich auch immer über sie lustig machen musste.
„Also gut …“ Er seufzte. „Ich esse mein Steak am liebsten roh, blutig und äußerst lebendig.“
Sie zuckte zusammen.
Er entzog ihr den Kopf und sah sie fragend an.
„Du bist so ein Arsch!“
„Was hast du erwartet? Ich bin ein Wolf!“
Wütend sprang sie aus ihrem Sessel und baute sich vor ihm auf. „Du hast ungehobelt und überheblich vergessen! Ist es denn zu viel verlangt, einen Abend lang eine ganz normale Frau zu sein?“ Wütend drehte sie sich um und stürmte in die Küche.
Ja, Noyan hatte Recht, er war ein Wolf. Ein Gestaltwandler, um genau zu sein. Und sie war ebenfalls einer. Und als wäre das nicht schon genug, nein, sie war auch noch etwas Besonderes! Ein Alphatier.
Vor ein paar Wochen war er auf der Beerdigung ihres Vaters aufgekreuzt, hatte diese unglaublichen Dinge über ihre Herkunft offenbart. Seither war nichts mehr wie vorher, deswegen folgte Noyan ihr auf Schritt und Tritt. Weil es seine Aufgabe war, sie zu beschützen. Oh, wie sie es hasste.
Vor der Alphatier-Geschichte war es so einfach zwischen ihnen gewesen. Unkompliziert. Nicht so wie jetzt, wo er ihr ständig unter die Nase rieb, dass er auf sie aufpassen musste.
Wütend über einfach alles deckte sie den Tisch und öffnete den Backofen. Augenblicklich zog der wunderbare Duft von Knoblauch und Basilikum unaufhaltsam durch die Küche. Aleyna hielt inne, sog die Gerüche auf und die Vorfreude auf das Essen beruhigte ihren Herzschlag, besänftigte ihre schlechte Laune
Als die Küchentür aufschwang, fuhr sie herum. Die restliche Wut verpuffte mit einem Schlag, überrascht starrte sie ihn an.
Noyan hatte gestaltwandelt, trug jetzt Jeans und T-Shirt und seine schulterlangen Haare waren zu einem Zopf gebunden. Mit verschränkten Armen lehnte er am Türrahmen und musterte sie.Dann stieß er sich ab und nahm am Küchentisch Platz.
Wortlos servierte sie Steaks und Ofenkartoffeln, ehe sie sich ihm gegenüber setzte.
„Dein Abend, deine Regeln, okay?“, fragte er leise, als sie weiterhin schwieg, und räusperte sich. „Ich bin nun mal ein Wolf und mehr als meine ungehobelte und überhebliche Gesellschaft habe ich nicht zu bieten. Für mich ist diese Situation genau so neu wie für dich.“
Solche Worte aus Noyans Mund kamen fast einer Entschuldigung gleich. Aleyna seufzte leise, ehe sie schließlich nickte und ihm dabei zusah, wie er das Besteck ergriff und sein Steak zerteilte. Der erste Bissen verschwand in seinem Mund und er fing an zu kauen. Noyans Augen weiteten sich. Er sah sie erstaunt an.
Ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. „Gut, ne? Und das, obwohl es schon tot ist!“
Sein Schnaufen war die einzige Antwort, doch die Geschwindigkeit, mit der er seinen Teller leerte, sprach Bände. In der Zeit, in der sie mit Mühe ein einziges Steak und eine Kartoffel schaffte, hatte Noyan seinen Teller zweimal nachgefüllt.
Nachdem auch der Nachtisch aufgegessen war, lehnte er sich ächzend zurück und rieb sich den Bauch. „Frag mich nochmal, wie ich mein Steak möchte.“
Irritiert sah sie ihn an. „Bitte?“ Hatte er sie für heute nicht schon genug herausgefordert?
„Du sollst mich fragen, wie ich mein Steak möchte“, wiederholte er leise.
Sie seufzte. „Also gut. Wie möchtest du dein Steak?“
Noyan erhob sich und schob seinen Stuhl um den Tisch herum an ihre Seite. Dann griff er nach ihrer Hand und drückte sie leicht.
„Ich möchte mein Steak mit dir. Und mit niemandem sonst.“

 


Schon der 21. Text! Bald ist Weihnachten! :-)
Diesen Text hat die talentierte Alisha Mc Shaw verfasst. Mehr über Alisha und ihr Schreiben könnt ihr auf ihrer Homepage und auf ihrer Facebook-Seite finden. Außerdem findet ihr hier ihre Amazon-Seite mit ihren bereits erschienenen Büchern.

7. Freunde sind unsere Felsen (Jery Schober)

Tirranar wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, als er sich an den Tisch setzte.
Berit hatte gekocht, und es war keine Katastrophe.
Er musterte das Fleisch und Gemüse auf seinem Teller, nichts davon angebrannt oder roh. Nicht einmal das Fladenbrot wies schwarze Stellen auf. Dazu Servietten, Gläser ohne Sprung und ein Tonkrug mit Blumen. Er schnitt misstrauisch ein Stück Rinderlende ab. Außen knusprig, innen rosa, mit Salz und sogar Pfeffer gewürzt.
Die Wunder heute nahmen kein Ende.
Der Elf betrachtete Berit, der Karotten aufspießte und nahezu fröhlich wirkte.
Etwas stimmte ganz eindeutig nicht.
„Was ist hier los?“ Tirranar deutete auf das Essen.
„Darf ich nicht einmal etwas kochen, was über Spiegeleier oder Haferbrei hinausgeht?“ Er lächelte unschuldig.
„Du hast selbst bei diesen Gerichten versagt.“
„Traust du mir nicht zu, dass ich kochen gelernt habe?“
„Nein.“ In dem Jahr, in dem sie sich eine Wohnung teilten, hatte Tirranar das Kochen übernommen, weil der Kleine darin ein Totalversager war. Er durfte fertige Gerichte von einer Taverne besorgen, mehr nicht.
„Na gut, ich hatte Hilfe.“
„Gundi?“ Das Mädchen aus der Wohnung unter ihnen hatte ein Auge auf Berit geworfen. Was dieser anscheinend noch nicht mitbekommen hatte.
Er schüttelte den Kopf. „Kells Hofstube. Sie liefern auch.“
Kell war eines der teuersten Lokale Isilpors. „Das erklärt die Qualität des Essens. Aber nicht, warum du so viel Geld ausgibst.“ Das Budget, das Tirranar ihm fürs Abendessen zur Verfügung stellte, reichte auf keinen Fall, um das hier zu bezahlen.
„Es ist mein Geld, nicht deines.“
„Warum der Aufwand?“
Berit zuckte mit den Schultern. „So halt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist eine Antwort, nur keine, die dich zufrieden stellt.“
Tirranar verdrehte die Augen und schob sich ein Stück Fladenbrot in den Mund. „Red schon. Feiern wir irgendwas?“
„Irgendwie schon.“ Berit wich seinem Blick aus.
„Sag mir nicht, dass du zum Dieb des Jahres gewählt wurdest.“
„So was gibt’s?“
„Ich glaube nicht. Untersteh dich, so eine Wahl anzuregen und dich gleich zum ersten Kandidaten aufzustellen.“
Sie aßen schweigend weiter. Tirranar gab ihm Zeit, bis sie fertig waren. Dann faltete er die Hände im Versuch, geduldig zu wirken. „Ich warte.“
„Worauf?“ Berits unschuldiger Gesichtsausdruck wirkte erstaunlich überzeugend.
„Spuck es aus, bevor ich dich mit dem Kopf voran aus dem Fenster hänge, bis dir einfällt, was wir hier feiern.“
Berit legte seine Serviette beiseite. „Ich habe Geburtstag.“
Das war es? Keine Feier zu Berits zehntem Einbruch oder dem geglückten Diebstahl einer Schmuckschatulle? „Gratuliere.“
Berit sprang auf, holte ein flaches, in Papier eingeschlagenes Paket aus seinem Zimmer und legte es auf den Tisch. „Da.“
„Was ist das?“
„Ein Geschenk.“
Irgendwann würden Tirranars Augen in seinem Hinterkopf steckenbleiben, wenn er sie weiterhin so oft verdrehte. „Soweit ich weiß, ist es in Ilaria üblich, dass das Geburtstagskind beschenkt wird.“
„Bei euch Elfen ist es umgekehrt.“
„Wir beschenken an unserem Geburtstag nur die engste Familie. Diejenigen, die uns aufgezogen und ein Heim gegeben haben. Die uns unsere Zukunft ermöglichen. Wieso bekomme ich …“ Er hörte auf zu reden, als er Berit ins Gesicht sah. Die Wangen des Jungen waren leuchtend rot, und er mied den Blick des Elfen.
Tirranar wickelte das Paket aus. Ein Gemälde, so groß wie seine Hand, steckte in einem dunklen Holzrahmen. Es zeigte ein schwarzes Pferd – lange Beine, kurzer Rücken, wallende Mähne. Ein rosa Fleck zwischen den Nüstern. „Das ist Kitty.“ Er starrte mit offenem Mund auf das Bild.
„Der Maler hat sie nach meiner Beschreibung gut getroffen, nicht?“
Tirranar blinzelte heftig. Seine Stute, die er vor ein paar Monaten verloren hatte. Es tat immer noch verdammt weh.
Irgendwo in seiner Kehle steckte ein Knoten, den er hinunterspülen musste. „Hast du Wein besorgt?“
Berit stellte eine Flasche auf den Tisch. „Krieg ich auch was?“
„Nein. Ich will dich nicht wieder die halbe Nacht kotzen hören.“
„Nur ein Glas. Weil ich Geburtstag habe.“
„Ein halbes.“ Nach einem Räuspern sah er zu Berit. „Was wünscht du dir? Nach ilarischer Sitte muss ich dir wohl ein Geschenk machen.“
„Ich habe alles, was ich brauche.“
„Nicht mehr Lohn? Sonst nervst du mich dauernd damit, dir mehr zu zahlen.“
„Ich leiste hier verdammt gute Arbeit.“
„Als ob es so schwer wäre, eine Wohnung sauber zu halten.“ Tirranar schenkte ein. „Eine Sache noch, ehe wir anstoßen.“
„Was?“ Berit wich einen Schritt zurück, als Tirranar aufstand.
Er überwand die Distanz zwischen ihnen, ehe Berit Gelegenheit hatte, noch weiter zurückzuweichen, und umarmte ihn.
Die schmale Gestalt des Jungen wurde stocksteif.
Tirranar wusste, dass der Kleine so etwas verabscheute. Aber er brauchte das, sonst würde er hier völlig die Fassung verlieren. Berit wollte sicher keinen gefühlsduseligen Elfen am Rand der Tränen sehen.
Der Knoten in Tirranars Kehle wurde kleiner, als er langsam ausatmete. „Danke“, brachte er schließlich heraus.
Berit legte seine Arme zögernd auf den Rücken des Elfen. „Gleichfalls“, flüsterte er mit dem Kopf an Tirranars Brust. „Auf der Rückseite steht noch was. Du bist nicht der Einzige, der elfische Sprichwörter zitieren kann.“
Tirranar drehte das Bild um und las halblaut vor: „Freunde sind unsere Felsen in der Brandung des Lebens.“
Er brauchte Wein. Viel Wein.

 


Der siebte Text stammt aus der fabelhaften Feder von Jery Schober. Mehr von Jery gibt es auf ihrem Blog „Marmor und Ton“ und auf ihrem Twitter-Account.

Nicht alles für die Liebe

Brun liebte es, wenn ihr der Wind hoch oben über das Gesicht strich und die Haare zauste. Vorsichtig balancierte sie auf der Mauer entlang, stieg über die verräterischen, rutschigen Ansammlungen von Moos und Flechten hinweg und lauschte dem Pfeifen des Windes und der Vögel.
Auf der ganzen Welt gab es keinen schöneren Ort. Keine bessere Aussicht: Hier konnte sie das ganze Reich ihres Vaters sehen. Das kleine Dorf vor der Burg, der große Schattenwald dahinter, das Rasende Wasser in der Ferne und den Dampf, der von den Steinernen Fällen aufstieg. Sogar das Tosen des hinabstürzenden Wassers konnte sie hier hören, der Wind trug es über viele Meilen hierher, hinauf zu ihr auf die Mauer.
Ihre Mutter verstand das nicht. „Brunhilde, klettere nicht immer so hoch hinauf! Eines Tages stürzt du noch ab!“, pflegte sie zu sagen. Wenn sie sie erwischte, bekam Brun immer Stubenarrest …
Sie erreichte das Ende der Mauer. Vor ihr ragte kalt die Außenwand des Bergfrieds auf. Für jeden Feind unüberwindbar. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass einst, zur Zeit der ersten Menschen, die Elfen selbst den großen Turm aus Stein hatten wachsen lassen.
Brun glaubte nicht daran. Der Turm hatte die selben Ritzen, Fugen und Kanten wie die Mauer. Die selben sicheren Plätze für ihre kleinen Finger und Zehen.
Sie warf einen Blick nach unten. Weit, weit unter ihr im Hof übten die Männer ihres Vaters gemeinsam mit den Männern des Großkönigs, der sie mit einem seiner seltenen Besuchen beehrte – das ganze Schloss war deswegen in Aufregung, nur hier oben, hier herrschte Ruhe.
Brun konnte die großen Ritter aus den Liedern erkennen, den ehrenwerten Hollar Grünmantel, den schnellen Raffzahn-Ralf, der sich einst mit drei Truhen voll Gold auf der Schulter ein Rennen mit Drachen geliefert hatte und den furchtlosen Elias von Wolkenbruch.
Brun widerstand den Drang, dem alten Aaron von Ostwald einen Klumpen Rotz auf die Haare tropfen zu lassen und presste sich an die Wand. Flink wie ein Wiesel tanzte sie an der Mauer entlang, stieg höher, immer höher, bis sie das Fenster des Turmzimmers erreichte.
Brun hielt inne, als Stimmen an ihr Ohr drangen.
„Bruder, nicht …“ Die Stimme einer Frau.
Eine andere Stimme kicherte verhalten. „Ach, wer soll uns denn schon sehen?“
Brun tastete langsam mit den Händen zum Fenstersims, zog sich nach oben – und verkniff sich einen Schrei der Überraschung.
Auf dem großen Himmelbett, dessen Bemalung die Taten des großen Sir Ronald von Hasenpforte zeigte, lagen eine Frau und ein Mann.
Beide waren nackt und der Mann lag auf der Frau – sie keuchte, stöhnte, schrie, während der Mann vor Aufregung grunzte.
Verwirrt sah Brun den beiden zu. Er schien der Frau weh zu tun! Sollte sie eingreifen? Was hätte Ronald von Hasenpforte getan?
Wie sie noch überlegte, merkte sie, wie ihr Bein vor Anstrengung zu zittern begann. Brun versuchte, ihr Gewicht zu verlagern, rutschte ab – unwillkürlich stieß sie einen Schrei aus. Mit beiden Händen klammerte sich Brun an das Fensterbrett.
„Bruder, da …“, hörte sie die Frau.
Eine starke, behaarte Hand packte Brun am Unterarm und zog sie hoch.
Vor ihr tauchte das Gesicht des Mannes auf, Brun sah direkt in seine grünen Augen, sah, wie er sich mit der anderen Hand lässig eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte und grinste.
„Was tut man nicht alles für die Liebe …“
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und Dunkelheit hüllten sie ein.|

Nein. Ich kann das nicht.

Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und |
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergrif|
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer|
Und er ließ sie los. Brun |
Und er ließ sie|
Und er |
Und mit Schwung zog er sie zu sich ins Zimmer. Brun landete hart auf ihren Knien. Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Frau hatte sich in eine Decke gehüllt, der Mann hockte sich nackt neben sie. „Hör zu Kleine, du darfst niemandem sagen, was du hier gesehen hast, ja?“
Brun nickte unsicher.
„Sonst sage ich deiner Mutter, dass du hier gefährliche Kletterspiele spielst.“ Der Mann zwinkerte. „Die holde Lady Catrin wäre sicher nicht sehr erfreut …“
Brun schüttelte den Kopf.
„Also bleibt das unter uns?“
Brun nickte.
„Dann los, lauf!“ Er öffnete Brun die Tür und sie schlüpfte hinaus, so schnell sie konnte.|

Klopfklopf

Flink und fröhlich tanzten die Flammen im Kamin und verwandelten das Zimmer in einen Ballsaal des Zwielichts. Licht und Schatten gaben sich die Hand, verbeugten sich, forderten einander zum Tanz, walzten über die Wände und lieferten sich Kämpfe mit den Schergen der Kälte. Langsam wurde es wohlig warm im Zimmer.
Mit einem leisen Klirren fiel der Harnisch zu Boden und Aaron von Ostwald reckte und streckte sich ausgiebig. Ein langer Tag lag hinter ihm, ein Tag voller Gespräche, Absprachen und Politik. Er fühlte sich müde, ausgezehrt, verbraucht. Seufzend ließ er sich in den Lehnstuhl am Kamin sinken.
Lange hatte er zurückgezogen und einsam in der Wildnis gelebt, den Königshof mit all seinen Schmeichlern und Heuchlern gemieden. Doch Graf Ebertel bedrohte das Reich und König Hubbard hatte nach ihm schicken lassen. Widerstrebend, aber pflichtbewusst war er dem Ruf gefolgt.
Morgen schon sollte er losziehen, als einer von Neunen, ausgeschickt, Ebertel zu trotzen …
Poch. Poch. Poch.
Schweres Hämmern an seiner Tür riss ihn aus den Gedanken. Aaron sprang auf, seine Hand fuhr zum Dolch an seinem Gürtel. Wer mochte das sein? Flink wie ein Wiesel huschte er durch den Raum, verschwendete keinen Gedanken an Hemd und Harnisch, sondern öffnete mit nacktem Oberkörper die Tür.
Die Halbschwester des Königs stand vor ihm. „Mylady Atarniél!“
„Aaron! Verzeiht die späte Störung, doch ich musste Euch sehen!“ Barfüßig stand sie vor ihm, ihr rabenschwarzes Haar fiel lose auf ihre Schultern herab. Ein dünnes, rotes Kleid umhüllte ihren filigranen Körper …

… „Moment. Eine filigrane Frau, die schwer an seine Tür hämmert? Nein, das geht nicht.“ Er lehnt sich seufzend zurück, nippt an seinem kalten Kaffee, verzieht das Gesicht. „Außerdem passt das Bild von tanzenden Flammen, die kämpfen, überhaupt nicht zusammen …“

Neun sollten sie sein, ausgeschickt gegen die neun Schergen Ebertels. Ihr Anführer, Nebeltreu, war ein alter Kamerad Aarons. Lange hatte er ihn nicht gesehen, konnte sich nicht ausmalen, was Nebeltreu auf die dunkle Seite gelockt hatte …
Lautes Quietschen riss Aaron aus seinen Gedanken. Er sprang auf, wirbelte herum.
„Aaron!“ Lady Atarniél stand vor ihm, gehüllt in das dünne rote Kleid, das sie abends beim Bankett getragen hatte. Sperrangelweit stand seine Tür offen, kalte Luft strömte in Aarons Kammer. „Mylady!“ Aaron fühlte, wie die Kälte sich seines Körpers bemächtigte, seine Haare sich sträubten. Auch Atarniél ließ sie nicht kalt, sie zitterte, durch den dünnen Stoff zeichneten sich …

Nein. Zu plump.“ Mehrmals in Folge hämmert er auf die Löschen-Taste.

Ob Ebertel ihm Gold geboten hatte? War es das? Konnten Macht und Reichtum wirklich einen Mann wie Nebeltreu verführen? In ihrer Jugend hatten sie gemeinsam gejagt, gemeinsam den Hintertaler Hain von Goblins gesäubert und um die Hand von Azraél, der schönsten Schankmaid des Landes, um die Wette gefreit …
Klopfklopfklopf.
„Aaron?“
Klopfklopfklopf.
„Aaron?“
Klopfklopfklopf.
„Aaron?“

Nochmal von vorn.“

Aaron konnte sich kaum vorstellen, dass derselbe Nebeltreu jetzt auf der anderen Seite stand. Würde es zum Kampf kommen? Würde er Nebeltreu besiegen können, Nebeltreu, der all seine Schliche und Kniffe kannte? Wäre er selbst überhaupt fähig, gegen seinen alten Freund in die Schlacht zu ziehen?
Nur einmal hatten sie gekämpft. Aaron hatte Nebeltreu erwischt, wie er mit einer Leiter zu Azraél ins Zimmer gestiegen war. Ineinander verschlungen hatten sie dagelegen, Nebeltreu noch in sein Hemd verheddert, Azraél mit entblößtem Oberkörper und zarten Knospen … sie hatten sich beschimpft, geprügelt. Aus Eifersucht und Stolz. Stundenlang, bis zum Morgengrauen, ohne Sieger. Und dann darüber gelacht.
Eine einzelne Träne rollte über Aarons Wange, versickerte in seinem Bart.
Es klopfte an seiner Tür. Schwerfällig erhob er sich, öffnete.
„Mylady!Womit kann ich Euch dienen?“
„Aaron! Ich musste Euch sehen! Ich …“ Atarniél stockte, blieb verdutzt unter der Tür stehen. „Aaron, weint Ihr etwa?“
„Ich … nein.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Es … es ist nichts …“
„Verzeiht – ich komme später wieder.“ Atarniél drehte sich um, eilte mit schnellen Schritten den Gang entlang. Ein Lufthauch verfing sich in ihrem Kleid und für einen kurzen Moment sah Aaron, dass sie darunter nichts anhatte …

Heut komm ich auch gar nicht in Fahrt.“ Er knackt mit den Fingern, erhebt sich. „Zeit für frischen Kaffee.“