Eisblume

Weiß und weit verzweigt
Sie allein blüht und schmückt
Vater Frosts Fenster

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Adventskalender 2014: Türchen 21

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Jochen aus dem Bad kam. Kaum war Elisa abgewimmelt, warf Laura sich wieder aufs Bett und las den neuesten Klatsch auf Facebook.
Ihre Bürokollegin Wendy hatte soeben gepostet, dass sie noch immer keine Weihnachtsgeschenke habe, und ein ganzer Schwarm an Freunden und Freunden von Freunden war über das Statusupdate hergefallen wie Großmütter über Strickbedarf im Sommerschlussverkauf. Manche feixten und gaben damit an, ihre Geschenke schon im Sommer vorgekauft zu haben, andere machten Last-Minute-Vorschläge, einige fragten besorgt nach, ob Wendy denn deren Geschenke wenigstens schon habe und zwei oder drei obligatorische „Weihnachten ist Konsumterror!“ waren auch dabei.
Arme Wendy… Laura ließ das Handy sinken und sah aus dem Fenster.
Das Haus der Müllers starrte aus dunklen Fensterhöhlen zurück. Gott sei Dank war Elisa wieder abgedampft – die Frau mochte es ja gut meinen, aber Gott, war die nervig… kein Wunder, dass sie einen verkorksten Spannersohn hatte…
Das Plätschern der Dusche verklang, die Duschtür ächzte in ihrem Scharnier und einen Moment später kam Jochen aus dem Bad, ein Handtuch um die Hüften geschlungen und die Haare nass und zerstrubbelt.
„Du liegst immer noch im Bett?“, fragte er und suchte sich was zum Anziehen aus dem Schrank.
„Mhm.“ Lauras Blick glitt über seinen nackten Oberkörper. Am liebsten hätte sie ihn gleich wieder zu sich gezogen…
„Die Dusche ist jetzt frei“, bemerkte er, als sie sich nicht rührte.
„Was?“ Sie sah ihn verdutzt an, dann schüttelte sie kurz den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. „Ach ja. Ich beeil mich.“
Träge schleppte sie sich ins Bad und schüttelte ungläubig den Kopf, als sie sah, dass Jochen nicht einmal die Jalousie heruntergelassen hatte. Wo doch die Häuser einander so nahestanden, dass man sich gegenseitig hätte zuwinken können.
Laura griff nach der kleinen Schnur, um sie herunterzulassen, und hielt inne. Sollte etwa…?
Wachsam spähte sie hinaus, kontrollierte Fenster um Fenster des Nachbarhauses. Blumentöpfe, kitschige Weihnachts-Fensterdeko, die Silhouette eines alten Radios, ein Renntierschlitten und Bingo, die Umrisse des Jungen, der aus einem dunklen Fenster herüberspähte.
Das hätte ich mir denken können. Was Elisa wohl dazu sagen würde? Wobei, wieso sie nicht selbst fragen?
Noch immer hielt sie ihr Handy in der Hand. Laura nestelte betont ungeschickt am Gürtel ihres Bademantels herum, wandte dem Fenster den Rücken zu, wählte Elisas Nummer und aktivierte die Freisprechanlage.
Nach nur zweimaligem Klingeln ging Elisa pflichtbewusst ans Telefon. „Bei Müllers.“
„Hallo Elisa, ich bin’s, Laura. Entschuldigen Sie die Störung…“
„Hallo Laura. Sie stören doch nicht.“
„Ich wollte nur sagen, dass in einem Ihrer Fenster im oberen Stock– wobei, ich kann mich auch täuschen. Aber ich könnte schwören, dass da ein Fenster seit gestern Abend angekippt ist. Wissen Sie, eine Freundin von mir, Wendy, sie arbeitet mit mir zusammen, eine Bürokollegin also, wissen Sie, Wendy hat, das heißt, hatte einst einen Kater, Tommy hieß er. Eines Tages ist Tommy in so einem gekippten Fenster hängen geblieben und erstickt.“ Laura legte das Handy betont beiläufig auf den Waschbeckenrand und sah zum Fenster hinaus. Er war noch da.
„Das arme Tier! Aber…“
„Und da Ihr Fenster schon seit vorgestern offen ist, das zweite von links im oberen Stockwerk, da dachte ich mir, Sie haben es vielleicht vergessen. Und das ist ja gefährlich, weil Sie haben doch auch eine Katze… nicht, dass etwas passiert.“ Langsam zog sie den Bademantelgürtel auf.
„Entschuldigen Sie, wir haben gar keine Katze“, wandte Elisa ein.
„Oh.“ Denk nach Laura – eine Spießbürgerin wie sie und keine Katze… „Hm, dann muss ich da wohl etwas durcheinander gebracht haben.“
„Aber wenn das Fenster wirklich schon seit vorgestern offen ist…“
„Ist es.“
„Gut, dass Sie mir das mitteilen. Der Wärmeverlust, gar nicht auszudenken. Wir heizen hier für die Katz… und meine Hyazinthe! Die verträgt doch die Kälte so schlecht…“
„Dann sollten Sie das Fenster besser schnell schließen.“ Laura wandte den Rücken wieder zum Fenster, ließ den Bademantel zu Boden gleiten.
„In der Tat. Das werde ich. Vielen Dank, Laura.“
„Bitte.“
Es tutete im Hörer. Laura warf verstohlen einen Blick aus dem Fenster. Gerade ging bei dem Jungen Licht an – er sprang überrascht auf. Laura schenkte ihm ein Lächeln und ließ die Jalousie herunter.

Adventskalender 2014: Türchen 11

Laura nippte vorsichtig an ihrem Kaffee und blätterte um. Sie warf jedoch nur einen kurzen Blick auf die Zeitung vor ihr: Irgendwo im nahen oder fernen Osten hatte es mal wieder geknallt, irgendein Land reicherte Uran an …
Von ihrem Platz vor dem Fenster aus hatte sie einen guten Blick auf das Haus gegenüber. Wachsam ließ sie ihre Augen von oben nach unten, von links nach rechts, von einer Ecke zur anderen und wieder zurück patrouillieren. Aber jedes der gegenüberliegenden Fenster war dunkel und abgesehen von einzelnen Topfpflanzen und einigen Weihnachtsstern-Fensterbildern auch leer.
Seltsam.
Sie hätte geschworen, ihn gesehen zu haben.
Hatte sie sich wirklich getäuscht?
Sie blätterte erneut eine Seite um, betrachtete mit gespieltem Interesse die Seite und beugte sich nach vorne, um sich mit den Ellbogen auf der Anrichte aufzustützen und einen besseren Blick auf den Artikel zu haben – und um selbst einen besseren Blick zu bieten….
Verstohlen sah sie auf.
Verflixt. Wieder nichts.
Sie richtete sich genervt wieder auf, klappte die Zeitung zu und pfefferte sie in den Zeitungsständer.
Vielleicht vom Bad aus?
Sie stürzte den letzten Rest ihres Kaffees hinunter und stellte die Schüssel in die Spüle.
Im selben Moment ging die Küchentür auf.
Laura wirbelte herum, bereit zu allem.
„Was ist denn mit dir los?“ Jochen sah sie erstaunt an.
„Ach, nichts. Ich schiebe nur meine täglichen Pflichten auf und starre aus dem Fenster….“
„Schau lieber zum Wohnzimmerfenster raus. Da hast du einen tollen Blick auf das Vogelhaus und die sich streitenden Spatzen.“
Laura winkte ab. „Ach, das Nachbarhaus ist auch ganz interessant.“
„Findest du?“ Jochen hob verwundert die Augenbrauen. „Ist nicht das schönste Haus, meiner Meinung nach. Könnte etwas Pflege vertragen…“
„Wer wohnt da eigentlich?“
„Eine Familie, wie du selbst im Bilderbuch keine mustergültigere finden würdest. Er ist Versicherungsvertreter, sie macht irgendetwas mit Immobilien. Haben zwei Kinder. Das Mädchen ist 18 und eine fürchterliche Autofahrerin – hat im Sommer erst den Führerschein gemacht und prompt den hauseigenen Gartenzaun erlegt.“
„Und der Junge?“
„Der ist um einiges jünger – zwölf oder dreizehn, schätz ich.“
Dreizehn, das würde passen. „Hat er zufällig braune Haare?“
Jochen nickte und lächelte. „Ja. Sag bloß, du bist ihm schon begegnet?“

Nicht Ironman

Sie brauchten ihn. Er wusste es – er spürte es, fühlte es, noch ehe er es hörte. Langsam trat er ans Fenster, schob es auf. Kalte Nachtluft schlug ihm entgegen. Erfrischend. Er atmete tief ein, ließ die Kälte der Nacht tief in seine Lunge strömen.
Da!
Dumpfer Knall in der Ferne. Einmal, zweimal. Der Widerhall in den Häuserschluchten potenzierte das Geräusch bis ins hundertfache, verbreitete es wie eine Seuche über der ganzen Stadt. Niemand konnte ihm entgehen.
Dreimal.
Drei Schüsse.
Vermischt mit der unverkennbaren Hochfrequenzwelle eines weiblichen Schreis.
Er atmete erneut tief ein, stützte sich schwer auf den Fenstersims und blickte in die Häuserschlucht hinab. Seit er nicht mehr über die Stadt wachte, hatten sie von Nacht zu Nacht zugenommen. Mehr Schüsse, mehr Schreie – das Böse schlief nie, und seit es seinen größten Widersacher verloren hatte, schlug es erbarmungslos zu. Die Stadt war endgültig in seinen herzlosen Würgegriff geraten.
Wie gerne hätte er sich wie sonst auch aus dem Fenster gestürzt und Jagd auf diese Bastarde gemacht… Er trat weg vom Fenster, goss sich ein Glas Scotch ein. Die Eiswürfeln schlugen klirrend gegeneinander, betrogen um das Schicksal des Schmelzens, als er das Glas sofort hinunterstürzte.
Er blickte erneut zum Fenster. Es stand bereits am Himmel – das Zeichen. Sie riefen ihn. Die Stadt brauchte ihn.
Doch was sollte er tun?
Sein Butler hatte letzte Woche gekündigt – und er hatte nie gelernt, sein Kostüm zu bügeln.

Jeden Tag

jeden Tag
seh ich dich
am Fenster
im Dachgeschoss
stehn

seh ich dich
dort sitzen,
und lernen,
und lesen
und gehen

jeden Tag
seh ich hoch
mich fragend
ob ich sollt
rübergehn

ring mit
mir selber
wir würden
uns sicher
verstehen

eines Tages
seh ich dich
da am Fenster
vor Wärme will
das Herz mir
vergehn

doch da
ein Schatten
er küsst
deinen Hals
mein Herz
bleibt stehn