Adventskalender 2014: Türchen 16

Noch ein, zwei Mal mit den Flügelschlagen. Die Beine ausstrecken, landen. Der kleine Spatz hat es fast geschafft, fast das Vogelhaus erreicht. Da, ein kleiner Windstoß reißt ihn aus seiner Flugbahn. Er kommt ins Trudeln, gleitet ab. Schnell schlägt er mit den Flügeln, die Bewegungen fließen ineinander, zu schnell für das träge Auge. Er kämpft gegen den Wind an, für den Bruchteil einer Sekunde ringen sie entschlossen miteinander. Der Wind ist nicht bereit, ihn gehen zu lassen, will ihn nach unten drücken, vom Vogelhaus fernhalten.
Doch er ist stärker.
Stur arbeitet er sich voran, streckt die Beine aus, landet. Versteckt sich unter dem Dach des Häuschens, tritt zum Futtertrog heran. Sein Herz kleines Herz schlägt kräftig, erschüttert die Federn an seiner Brust.
Sein Magen knurrt – ein langer Tag liegt hinter ihm, voller Fliegen und Landen. Von Baum zu Baum, von Ast zu Ast. Hier ein Treffen mit Kameraden, dort ein Stelldichein mit der Liebsten. Gemeinsam ein Liedchen trällern. Sich über Zuhörer freuen, stolz das Gefieder präsentieren und zu einer erneuten Zugabe ansetzen. Applaus erwarten, missmutig zwitschern, wenn er ausbleibt. Schnell das Heil in der Flucht suchen, wenn ein Schnurrbartträger sich zeigt und genüsslich die Lippen leckt.
Aus Zorn durch die Stadt flattern, gezielt Bomben auf Zweibeiner abwerfen. Bei Starbucks vorbeifliegen, das Aroma von Kaffee riechen. Croissants sehen, Croissants schmecken. Von Tisch zu Tisch hüpfen, belacht, beschmunzelt, aber auch vertrieben werden. Nach Krumen suchen, die Pause genießen, ehe es wieder weitergeht.
Weiter, geschwind wie der Wind durch die Stadt. Zur Bushaltestelle, Krumenhort. Zweibeinern ausweichen, die Straßenbahn foppen. Ein kleines Kind vom Einsteigen ablenken.
Den knurrenden Magen spüren – nach Hause fliegen und sich im Stammlokal niederlassen. Sich wundern, wieso es immer nur die gleichen Kerne gibt.
Dennoch langt er ordentlich zu, tut es den Zweibeinern gleich – auch bei ihm landet die Hälfte auf dem Boden. Nur kurz währt seine Freude. Orangerot blitzt es am Himmel auf. Flügelschlagen. „Meins!“, tönt es aus der Luft.
Sekunden später lässt sich ein dicker Gimpel am Häuschen nieder, um Hand an die Diebe zu legen.
Aber der Spatz ist längst weg, auf zu neuen Abenteuern.
Wieder in die Stadt? Zu Starbucks? Zur Liebsten?
„Laura?“ Vor Schreck fiel ihr beinahe die Tasse aus der Hand.

Advertisements

Adventskalender 2014: Türchen 10

Vorsichtig legte Laura ihre Sachen auf den Deckel der Wäschetrommel und warf dabei einen schuldbewussten Blick auf das kleine Tischchen neben dem Waschbecken, das bis zum Rand mit kleinen Tuben, Tigeln, Bechern, Büchsen und Dosen zugestellt war.
Bisher hatte Jochen nichts über diese riesige Sammlung an Kosmetikartikeln gesagt, aber sie war sich sicher, dass er nicht gut hieß, dass sie das ganze Bad mit ihrem Kram zugestellt hatte. Aber wo hätte sie ihn sonst lagern sollen? Dies war ein Männerbad, es gab nur einen winzigen Schrank und ein ein kleines Regal für Handtücher. Als Jochen es eingerichtet hatte, musste er jede Hoffnung auf weiblichen Besuch aufgegeben haben …. oder wollte er damit weibliche Untermieter fernhalten?
Sie grinste, als ihr die Szene aus dieser Fernsehserie in den Sinn kam, in der so ein Macho im Anzug sogar ein Klo mit selbsthochklappendem Sitz deswegen installiert hatte….
Da kann ich mich mit Jochen ja noch glücklich schätzen. Sie überzeugte sich, dass der Stapel mit frischer Kleidung wirklich sicher auf der Wäschetrommel lag und nicht herunterfallen würde. Zwar hatte sie nicht vor, schon wieder das Bad zu fluten, aber man wusste ja nie …
Sie zog ihre Hose aus und warf sie achtlos neben die Trommel, um das logistische Problem des Hineinschmeißens bei beladenem Deckel zu umgehen.
Sie beugte sich kurz über das Waschbecken, kontrollierte den kleinen Mückenstich am Hals – und erblickte im Hintergrund ihres Spiegelbildes eine Bewegung. Was war das?
Laura zwang sich, nicht sofort herumzuwirbeln. Stattdessen beschäftigte sie sich umso eingehender mit dem Mückenstich, drehte sich langsam um und trat ans Fenster. Sie fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, glitt langsam an ihrem Hals herab, hielt beim Kragen ihrer Bluse inne und öffnete langsam den obersten Knopf, dann den nächsten. Ihr Blick schweifte über das Nachbarhaus, das unschuldig die Morgensonne genoss und auf seinem Balkon ein paar Vögel verköstigte. Die Fenster waren, abgesehen von einigen wenigen Zimmerpflanzen völlig verwaist …
Da! Sie öffnete weitere Knöpfe, streifte die Bluse ab. In einem Fenster im ersten Stock war kurz das picklige Gesicht des Nachbarsjungen aufgetaucht. Dreckiger kleiner Spanner….
Laura grinste, winkte dem Jungen zu, öffnete einhändig ihren BH – und ließ im selben Moment die Jalousie herunter.