Sie war noch niemals…

Der Gong zerriss ihr Gespräch. Der Nächste nahm gegenüber Platz. Marie musterte ihn kurz – dieser hier hatte noch alle Haare, auf der Nase thronte eine große Hornbrille, darunter ein mächtiger Schnauzer.
„Hallo, ich bin Horst.“
„Marie.“ Sie lächelte und ignorierte den Blick auf ihr Dekolleté.
„Horst, warst du schon einmal in New York?“
„Ja, vor zwei Jahren auf einer….“
„Und in San Francisco?“
„Ja, wirklich eine…“
„Rauchst du?“
Er schüttelte stirnrunzelnd den Kopf.
„Hier ist meine Nummer.“ Sie war nicht wählerisch – aber keine Raucher, seit ihr Gatte Zigaretten holen ging…

Als wir noch jung waren

Kinder, als wir noch jung waren, waren Onkel Tom und ich ziemlich verrückte Kerle. Wir mischten die Schule damals ziemlich auf und trieben unsere Lehrer gehörig in den Wahnsinn. Kreiden zu verstecken oder die alte Furzkissennummer auf dem Lehrerstuhl, das waren noch die harmlosesten unserer Streiche.

Aber auch Mitschüler waren nie vor uns sicher. Einmal haben wir Arthur über Nacht in einen Spind gesperrt und dabei sogar an Zahnpasta und Zahnbürste für ihn gedacht – leider aber vergessen, dass am nächsten Tag Samstag war…

Die Königsdisziplin war es aber, sich gegenseitig Streiche zu spielen. Onkel Tom hatte damals ein Auge auf ein Mädchen aus der Parallelklasse geworfen – sie hatte alles, was man sich nur wünschen konnte. Lange Haare, ein tolles Lächeln und … ihr wisst schon.
Auf einer Klassenfahrt sah Onkel Tom seine Chance, als er einen Sitzplatz in der Mensa direkt neben ihr ergatterte. Die Sitze waren für die ganze Woche fix zugeteilt, müsst ihr wissen. Tom hätte also eine ganze Woche gehabt, sie zu erobern, ohne dass sie ihm ausweichen oder jemand anders ihm die Tour vermasseln konnte.

Dachte er.

Ich vermasselte ihm die Tour schon am ersten Tag: Als er am Buffet in der Schlange direkt hinter ihr stand, schubste ich ihn – und seine kochend heiße Suppe ergoss sich über sie. Damit war jede Romantik zunichte – und mir Toms Rache gewiss. Sie ließ nicht lange auf sich warten.

Als ich am Abend duschen gehen wollte, hatte Tom heimlich die Schilder vertauscht, sodass ich nichtsahnend in den Mädchenduschraum ging. Unsere Herberge war nicht gerade auf dem neuesten Stand, sondern eine dieser alten Nachkriegsbauten mit Gruppenduschräumen: Der Mädchenduschraum war leer, so fiel es mir nicht auf, dass ich eigentlich nicht hingehörte. Mein Irrtum fiel mir erst auf, als ich gerade nichtsahnend den Seifenschaum von mir spülte und ein Mädchen hereinkam.

So habe ich eure Mutter kennengelernt.

Hannibal jr.

Ruhig und verlassen lag die Schillerstraße da, nichts rührte sich. Es war noch früh am Morgen, selbst die kleinen Doggen, die die biederen, von einheitlich getrimmten Hecken und kleinen Mauern umgebenen Vorgärten bewachten, schliefen noch den Schlaf der Gerechten. Vereinzelt begrüßten bereits von Zeitschaltuhren gesteuerte Rasensprenkler mit ihrem „Plitsch-Plitsch-Plitsch“ die Sonne. Ein Junge auf einem Rad fuhr pfeifend die Straße entlang und warf gerollte Zeitungen in die Vorgärten.

Es war Dienstag, 6:45, ein ganz normaler Morgen in Deutschland.
Wie jeden Tag öffnete sich pünktlichst die Tür von Haus Nr. 4 und Herr Schmitt – seines Zeichens Rentner, Grantler und methodischer Vernichter eines jeden Balles, der seine Grundstücksgrenze widerrechtlich verletzte – trat in seinen akribisch gepflegten Vorgarten, um sich seine Frankfurter Allgemeine zu holen.

Da erfüllte plötzlich ein leises Surren die Luft – mehrere große rote Ballons stiegen von den umliegenden Dächern auf, beschrieben einen perfekten Halbkreis in der Luft und verwandelten Herrn Schmitt und seine Vorgartenidylle in eine postapokalyptisch anmutende Einöde aus roter Farbe.

Eine Bande von Kindern auf den Dächern brach in Jubelschreie aus und suchte rasch das Weite, während ihr Anführer sich grinsend einen Zahnstocher zwischen die Lippen schob und seine schwarzen Handschuhe zurecht zupfte. „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“