Leinen los

Conrad saß auf der kleinen Bank, oben auf der Klippe. Er atmete tief ein, roch das Meer unter sich, spürte die frische Brise auf seiner Haut. Unten am Hafen entrollten sich soeben die Segel an einer stolzen Galeone, die zu neuen Abenteuern in See stach. Ja, hier war der perfekte Ort. In ihm regte sich der Drang, zog ihn zum Papier. Er tunkte den Federkiel in das kleine Tintenfässchen, glättete den Bogen Papier und begann …

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden.
sich wölbt und bewegt,
wird auch das Empfinden
des andern erregt.

Begehrt eins zu rasten,
Das andre geht schnell,
so …

„Hey!“ Fassungslos starrte er hinunter auf die Bucht, wo der Wind eben noch seine perfekte Paarmetapher geküsst hatte, reichte soeben eines der Segel die Scheidung ein und flog davon …

 


Dieser Text entstand unter Verwendung des Gedichtes „Zwei Segel“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898). Das Originalgedicht findet sich hier.

 

Eine neue Idee

Als er die Vorhänge aufzog, blendete ihn das hereinfallende Licht. Er blinzelte mehrere Sekunden dagegen an, dann wurde seine Sicht wieder klar. Draußen lag kein Schnee, aber es war eine kalte Nacht gewesen. Die Sonne stand bereits am Himmel, aber die Berge belegten das Tal noch mit langen Schatten. Die Wiesen und Bäume waren von weißem Reif überzogen – Tau, der nachts gefroren war.
Er schauerte unwillkürlich, Gänsehaut überzog seinen nackten Oberkörper. Hastig rieb er sich die Arme, um das unangenehme Gefühl zu vertreiben.
„Hier, ich hab Kaffee gekocht.“
Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Dankbar drehte er sich um, nahm eine dampfende Tasse entgegen.
„Zwei Stück Zucker, keine Milch.“ Sie lächelte scheu, als sie auf seine Pedanterie anspielte. Es stand ihr, ebenso wie sein großes T-Shirt und die langen, nackten Beine …
„Perfekt. Danke.“ Er lächelte zurück und umklammerte die Tasse mit beiden Händen.Wohlige Wärme breitete sich schlagartig in seinen Fingern aus.
Sie ließ sich im Schneidersitz auf seinem Bett nieder, pustete ein paar blonde Strähnen aus ihrem Gesicht und sah ihn an.
Er setzte sich ihr gegenüber aufs Fensterbrett, bereute die Entscheidung aber sofort. Die Fensterscheibe war klirrend kalt, das Fenster undicht, es zog furchtbar herein. Trotzdem verharrte er, trank seinen Kaffee.
„Du hast gestern gesagt, du wolltest ein Buch schreiben“, begann sie, „Worum genau sollte es da gehen?“
Er ließ sich Zeit mit der Antwort, ordnete seine Gedanken, strich sich bedeutungsvoll durch den Bart – wie er hoffte. „Um einen alten Wissenschaftler, der sein Leben verpasst hat. Jahrelang hat er Studenten unterrichtet, geforscht und theorisiert. Den Sinn des Lebens gesucht und dabei alles versäumt. Seine Freunde haben geheiratet, Kinder gezeugt, sind weggezogen oder gestorben. Er ist alt und einsam, seines Lebens überdrüssig, geht einen verhängnisvollen Deal ein, da er nichts zu verlieren hat. Aber eines Tages trifft er sie: Jung, fröhlich, ein Ausbund an Energie, Tochter aus erzkatholischem Hause. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Er will sie, aber sie will warten. Er umgarnt sie, verführt sie, schwängert sie. Aber er kriegt kalte Füße, verlässt sie. In ihrer Not weiß sie nicht wohin, bis sie das Kind schließlich … nun ja. Sie wird für ihr Tun verurteilt, verstoßen …“
„… und eingesperrt?“
Er nickte. „Ja. Genau. Und er …“
„… zieht los, sie zu retten, aber sie ist im Gefängnis gestorben?“
„Was … woher weißt du…?“ Er kratzte sich am Kopf. Hatte er es ihr am Vortag schon erzählt?
„Ich kenne die Geschichte bereits.“ Da, in ihrem Blick – war das Bedauern oder Mitleid?
„Wie? Woher?“ Beinahe hätte er den Kaffee verschüttet.
„Goethe. Faust. Der Tragödie erster Teil.“

Willkommen auf dem Tintenfleck

Oh, hallo. Entschuldigung, ich habe Sie da drüben gar nicht gesehen. Was sagen Sie da? Sie sind ein Blogbesucher? Ein Leser? Ach herrje … nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist großartig. Wir haben gerne Leser hier, nur habe ich jetzt gar nicht mit Besuch gerechnet. Entschuldigen Sie bitte, dass es hier etwas unaufgeräumt ist. Die Sidebar da drüben sollten wir eigentlich längst entrümpeln, aber es ist heutzutage so schwer, einen guten Webdesigner zu finden … unserer hat uns zwar gestern bereits einen Kostenvoranschlag geschickt, aber vor Juni tut er keinen Mausklick. Aber ich schweife ab … Großartig, dass Sie hier sind.
Was meinen Sie? Das sagte ich schon?
Ich habs! Ich gebe ihnen eine kleine Führung! Ignorieren Sie einfach das Durcheinander hier, sehen Sie mal nach unten, da wo „Teilen“ steht. Das sind die Sharing-Schaltflächen. Die sollen ganz praktisch sein, damit kann man seinen liebsten Text direkt Freunden zeigen. Fragen Sie mich aber nicht, wie das funktioniert, ich habe es nie ausprobiert.
Ja, das wars auch sch… – Oh! Sie haben Glück! Sehen Sie den schrulligen Typen da drüben, den mit der Brille, der eine dampfende Darth-Vader-Tasse vor sich herträgt und gerade den letzten Keks aus der Dose im Besprechungsraum stibitzt?
Das ist der Autor! Gerade jetzt setzt er sich an den PC, sehen Sie? Gleich wird er uns einen seiner tollen Texte schreiben! Schreiben? Nein, veröffentlichen. Er hat ihn sicher schon fertig, ein genialer Kopf wie der.
Was macht er? Ah, er öffnet das E-Mail-Programm. Klar, das Feedback seiner Lektorin anschauen. Dem Text den letzten Schliff geben, die Worte noch einmal richtig aufpolieren, den Figuren Leben einhauchen und ihn dann sofort online posten.
Worum es wohl gehen wird? Ob er sich wieder mit den Musen irgendwo in der Realität verliert? Oder die epische Queste um Aaron von Ostwald fortsetzt? Wie? Die kennen Sie noch gar nicht? Da haben Sie aber was verpasst. Aber unter uns, mir gefallen die Texte um Tim den Troll ja viel besser …
Oh, er hat seine Brille gerade gerückt und einen Notizzettel gezückt! Da! Der nachdenkliche Blick. Das Spielen mit dem Kugelschreiber. Das Stirnrunzeln. Das Zupfen am Bart, das Nippen am Kaffee, das Fingerknacken! Das ist es! Man sieht die Inspiration richtig durch den Raum schreiten, kann den Kuss der Muse völlig spüren!
Dieser Mann, meine Damen und Herren, schreibt jetzt!
Aber … was tut er denn? Er springt auf, rauft sich die Haare? Stürzt den Kaffee hinunter? Zerbricht die Tasse!? Er zerknüllt den Zettel! Wirft ihn weg!!! Was …? „So kann ich nicht arbeiten!“, ruft er aus. „Was für ein Feedback soll das sein: ‚Njoa‘. Njoa! Der geb ich gleich Njoa!“
Herrje, er stürmt davon. Oh, die Tür ist jetzt aber zu.
Ach herrje.
Es tut mir wirklich leid, dass sie Zeuge dieser Szene werden mussten. Entschuldigen Sie bitte vielmals. Ja, heute wird es wohl doch keinen Text geben.
Tut mir wirklich leid. Aber vielleicht möchten Sie unseren Autoren etwas aufmuntern? Liken Sie doch irgendwas, seine verwaiste Facebook-Seite oder so …