Towel Day

Mit einem lauten Rattern glitt die Tür auf. Laura trat in den Fahrstuhl und drückte auf die Vier. Erneut erfolgte das laute Rattern, die Fahrstuhltür begann sich zu schließen.
„Warten Sie!“ Eine Hand klemmte sich in den Spalt zwischen Tür und Rahmen, sofort stoppte der Mechanismus, die Tür ratterte wieder auf.
Zu der Hand gehörte ein Kerl in grauem Anzug: Karl aus der Buchhaltung. „Oh.“ Er hielt überrascht inne, als sein Blick auf Laura fiel.
„Guten Morgen, Karl.“
„Guten Morgen, Laura.“ Er trat ganz in den Fahrstuhl, drückte die Eins und dann eilig auf die Taste, mit der die Tür geschlossen wurde.
„Schönes Wetter heute, nicht?“
„Mhm.“ Karl brummte zustimmend und sah angestrengt auf seine Füße.
Als einige Sekunden später der Fahrstuhl im ersten Stock stehenblieb und Karl ihn ohne ein Wort des Abschieds verließ, war Laura beinahe erleichtert.
Die Tür glitt wieder zu, der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung und sie sah nervös in den Spiegel. Schon in der Straßenbahn hatten die Menschen seltsam auf sie reagiert. Sie rückte ihr Handtuch zurecht und sah mit einem mulmigen Gefühl auf die Stockwerksanzeige über der Tür.
Wenn schon der sonst so fröhliche Karl derart seltsam reagiert hatte, was würde dann die Belegschaft auf ihrem Stockwerk erst sagen? Wieso hatte sie sich nur zu diesem Nerdmist überreden lassen ….
Jochen hatte ihr noch versichert, dass sie keineswegs die einzige sein würde, sondern dass der Towel Day zu Ehren von Adams längst überall bekannt sei. Aber stattdessen: Seltsame Blicke und Getuschel in der Bahn, in der Eingangshalle, im Fahrstuhl mit Karl …
Der Fahrstuhl hielt, die Tür glitt auf.
Laura holte tief Luft, trat heraus und folgte dem Gang zu ihrem Büro. Sie konnte regelrecht spüren, wie durch die Glaswand der Marketingabteilung und durch die Türen der Einzelbüros alle Blicke sich auf sie richteten. Sie beschleunigte ihren Schritt, schwor sich, nie wieder an so etwas teilzunehmen und stieß schließlich zuversichtlich die Tür zum Doppelbüro auf, dass sie sich mit Wendy teilte. Wenn jemand auf diesem Stockwerk ein Nerd war, dann Wendy. Ihren Schreibtisch zierte unter anderem eine Keksdose, die diesem schwarzen Blechheini aus Star Wars nachempfunden war …
„Guten Morgen.“ Laura setzte sich hinter ihren Schreibtisch. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie auch Wendy sie verblüfft anstarrte. Sie schaltete demonstrativ ihren Computer ein, blätterte in einem Stapel Papier auf ihrem Tisch und begann dann, E-Mails zu beantworten.
„Ähm, Laura?“
„Was?“ Laura sah auf. „Heute ist Towel Day.“
„Ich weiß.“ Wendy bemühte sich um ein Lächeln. „Aber dabei tragen wir nicht nur ein Handtuch.“

Zu ihr?

„Zu mir oder zu dir?“ Schneller als gedacht war aus dem Vorhaben, einen kleinen Feierabenddrink zu nehmen, mehr geworden. Es folgte Bier auf Bier, Anspielung auf Anspielung, Kuss auf Kuss – sofern man denn erkennen konnte, wann ein Kuss endete und der nächste folgte … Die nächtliche Fahrt im Taxi wollte kein Ende nehmen. Lorenz‘ Herz pochte ihm bis zum Hals, angestrengt starrte er aus dem Fenster und versuchte, das wissende Grinsen des Taxifahrers zu ignorieren, während die Häuser an ihnen vorbeizogen. Er kannte die Gegend nicht, hatte längst aufgehört, sich die Straßennamen zu merken. In seinen Ohren rauschte das Blut.
Schließlich legte der Taxifahrer den Blinker ein, fuhr rechts ran. Er drückte dem Fahrer ein Bündel Scheine in die Hand. Viel zu viel, doch er wollte nicht knausern, wollte nicht innehalten, um zu zählen. Hastig öffnete er die Tür, stieg aus und hielt seiner Begleitung die Hand hin. Ihr Griff war sanft, doch fest, ihre Haut zart. Kalte Nachtluft umfing sie, sträubte seine Haare an den Armen.
Fragend sah er sie an.
„Da“, hauchte sie und wies auf die Tür eines Mietshauses, ging voran, schloss auf.
Er folgte ihr.
Als die Lifttür sich schloss, drehte sie sich zu ihm um und schlang ihm die Arme um den Hals. Ihr Parfüm, vermischt mit Rauch aus der Bar, stieg ihm in die Nase. Ihre Hände fuhren durch sein Haar, ihre Lippen küssten die seinen. Er erwiderte den Kuss, genoss die Berührung.
Der Lift blieb stehen, die Tür öffnete sich. Er wollte sich von ihr lösen, sie nach dem Weg fragen, doch sie zog an seinem Hemd. Ineinander verschlungen wankten sie aus dem Lift, stolperten durch den Flur, krachten gegen eine Tür.
„Moment“, wisperte sie, schob ihn sanft von sich. Widerwillig ließ Lorenz von ihr ab, sah zu, wie sie nach dem Schlüssel in ihrer Handtasche suchte.
Als sie ihn fand und ins Schloss schob, schob er seine Hand unter ihre Bluse. Sie erstarrte, ließ sich Zeit, bis sie endlich aufschloss, während er langsam Knopf um Knopf öffnete. Die Tür schwang auf, sie ergriff seine Hand, zog ihn hinein.
Ihre Bluse fiel zu Boden, er umschlang sie, stieß die Tür mit dem Fuß zu, die krachend ins Schloss fiel. Ihre Finger zerrten gleichzeitig an Hemd und Gürtel, zogen ihn weiter ins Innere der Wohnung. Lorenz‘ Blick fiel auf eine ungeordnete Küche, schmutziges Geschirr im Spülbecken, ein Bruce-Springsteen-Poster an der Wand.
Durch eine weitere Tür zog sie ihn ins Schlafzimmer. Er fühlte, wie sein Gürtel nachgab, Reißverschluss, Knöpfe, ihre Fingerspitzen tastend, forschend auf seiner Haut.
Plötzlich kippte sie nach hinten, zog ihn mit sich. Unter ihnen bebte und ächzte das Bett, gemeinsam federten sie auf der Matratze. Ihre Beine umschlangen ihn. Vorfreude schien seine Brust jeden Moment sprengen zu wollen. Wie in Trance fiel sein Blick auf ein kleines Regal über dem Bett. Bücher, ein kleines Radio, eine Figur, weiß mit weißem Helm und einem Gewehr, eine offene Tüte Chips, aus der ein rosarotes Gummiband hervorlugte, ein braun-graues Knäuel, zwei schwarze Knopfaugen … Er zuckte zusammen, erstarrte.
Unter ihm seufzte sie unwillig. „Jetzt schon?“

 

Bei diesem Text handelt es sich um ein Experiment: Was würde passieren, wenn die Protagonisten einer Liebesgeschichte die Geschlechter tauschen, so wie Stephenie Meyer es jüngst bei Twilight gemacht hat? Basis für das Experiment war der Text „Zu ihm?“, alle Einzelheiten und Hintergründe zum Experiment gibt es als Gastartikel bei Evanesca Feuerblut.

Valentinstag

Die Tür fiel schwer ins Schloss. Laura seufzte und ließ sich erschöpft auf der kleinen Bank in der Diele nieder, um sich aus ihren Stiefeln zu quälen.
Was für ein Tag. Viel zu lang. Viel zu viel. Es war, als hätte im Büro eine Bombe eingeschlagen. Arbeit an allen Ecken und Enden, schier endloses Papiergeraschel und Tastaturhämmern, bis sich die erbarmungslose schwarze Schrift des Bildschirms auf ewig in ihre Netzhaut einzubrennen schien.
Und abends eine verspätete und vollgestopfte Straßenbahn. Zur Krönung eine halbe Stunde Sardine spielen, eingepfercht zwischen schwitzenden Leibern und gefühlten dreihundert Kopfhörern mit Alle-mithören-lassen-Funktion.
Mit letzter Kraft stellte sie ihre Stiefel ordentlich hin, hängte ihre Jacke auf – und schnupperte. War das nicht Bratenduft, der aus der Küche drang? Kochte Jochen etwa?
Einen kurzen Moment rang sie mit sich selbst. Eigentlich wollte sie sofort nach oben, sich aus den Arbeitsklamotten schälen, duschen, etwas bequemes anziehen, etwas zum Gammeln. Aber ihr Magen legte laut knurrend sein Veto ein und erinnerte vehement an die ausgelassene Mittagspause, die drei Alibi-Kekse und den Kaffee.
Zuerst in die Küche.
Auf dem Weg dorthin hörte, nein, fühlte sie ein sanftes Knistern. Ihr Blick glitt zu Boden. Blätter, rote Blätter. Rosenblätter.
Sie runzelte die Stirn, ging weiter. Himmlischer Duft stieg ihr in die Nase, als sie die Küche betrat. Jochen bugsierte gerade eine dampfende Pfanne vom Herd zum Tisch, wo er beinahe eine brennende Kerze umstieß. Ein großer Blumenstrauß stand auf dem Tisch.
Laura fühlte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief – und das Blut in ihre Wangen schoss. Verflixt. 14. Februar.
„Da bist du ja!“ Jochen strahlte ihr entgegen, stellte die Pfanne ab, wischte sich die Hände an der Schürze ab – er trug tatsächlich eine Schürze, Laura traute ihren Augen kaum – und ließ es sich nicht nehmen, ihr den Stuhl zurechtzurücken. „Setz dich, schnell. Sonst wird es kalt!“
Laura wollte protestieren, doch er schob sie sanft an ihren Platz, klatschte liebevoll ein zartes Fischfilet und eine riesige Portion Salzkartoffeln auf ihren Teller und goss ihr ein Glas Wein ein, ehe er ihr gegenüber Platz nahm.
„Ach, Jochen…“, begann sie.
Aber er winkte ab, wischte all ihre Einwände und Entschuldigungen mit einer Geste zur Seite. „Iss! Du siehst halb verhungert aus.“
Sie ließ sich das nicht zweimal sagen – es schmeckte vorzüglich. Seit sie zusammenlebten, hatte sie Jochen nur selten beim Kochen erlebt. Immer waren es kurze, einfache Gerichte gewesen, ohne großartigen Aufwand, nichtsdestotrotz lecker. Aber heute hatte er sich selbst übertroffen.
In Windeseile hatte sie ihren Teller geleert und schob ihn seufzend von sich. „Wow.“
„Freut mich, wenn es dir geschmeckt hat.“ Er lächelte. Sein Teller war noch nicht mal zur Hälfte leer.
Wie schnell war ich denn? Sie fühlte ihre Wangen rot werden und nippte hastig an ihrem Weinglas.
„Und wie es das hat! Es war einfach fantastisch! Aber…“
„Warte.“ Er legte sein Besteck hin, sprang auf und zog umständlich eine große weiße Stofftasche unter der Anrichte hervor. „Hier, für dich.“ Er reichte sie ihr über den Tisch hinweg.
Laura nahm die Tasche vorsichtig entgegen, sorgsam darauf bedacht, ihr Weinglas nicht umzustoßen. Nicht noch eine Tischdecke sollte durch sie den Fleckentod sterben. Sie stellte sie vorsichtig auf dem Tisch ab, lugte hinein. Zum Vorschein kam eine riesige Packung Zartbitter-Pralinen und ein kleines, in rotes Papier eingeschlagenes Päckchen.
Behutsam riss sie es an einer Ecke auf und förderte seinen Inhalt zu Tage. Sie musste unwillkürlich grinsen, als sie die schwarzen Spitzen sah.
„Ach je, Jochen.“ Sie verzog gespielt das Gesicht. „Der ganze Aufwand nur, damit ich das anziehe?“
„Äh, ich, naja…“ Er druckste herum, wurde rot wie eine Tomate.
Sie beugte sich vor und gab ihm über den Tisch hinweg einen Kuss. „Da ist es ja gut, dass ich dir gar nichts schenke…“

Adventskalender 2014: Türchen 24

Laura schob seufzend den Teller zurück und fuhr sich mit der Serviette über den Mund. „Wow, Dorothea…das war echt, echt lecker.“
Jochen leerte sein Glas und pflichtete ihr bei. „Du hast dich echt selbst übertroffen. Wer hätte gedacht, dass man in einem Land voller fastender Mönche so gut isst…“
„Danke.“ Dorothea lächelte verlegen. „Dabei war das echt nur eine Kleinigkeit… ihr hättet mal sehen sollen, was sich der Dalai Lama alles zum Frühstück bringen lässt….“
„Lieber nicht, ich platze jetzt schon.“ Jochen klopfte sich bekräftigend auf den Bauch. „Widmen wir uns lieber der Bescherung.“
„Gute Idee.“
Sie erhoben sich, nahmen ihre Gläser mit und gingen ins Wohnzimmer.
In der Ecke stand der Baum, geschmückt mit handverlesenen Weihnachtskugeln – und nur halb so vielen Super Marios wie ursprünglich geplant. Dorothea hatte darauf bestanden, zusätzlich noch ihre liebsten afrikanischen Traumfänger dazuzuhängen.
Laura war es wenigstens gelungen, zwei echte Christbaumkugeln und drei Glöckchen unterzubringen. Stand das Fenster offen, wie es etwa am Nachmittag der Fall gewesen war, wiegte sich der Baum leicht im Luftzug und klingelte.
Zu seinen Füßen erhob sich ein bescheidener Hügel aus Geschenken.
Jochen übernahm die Verteilung.
„Mal sehen…“ Er nahm vorsichtig ein Päckchen vom Stapel und begutachtete das Etikett. „Für dich.“ Er reichte es Dorothea, die es vorsichtig auspackte.
Zum Vorschein kamen ein paar rote Socken, auf denen grün gestickte Rentiere vergnügt umhersprangen. „Socken!“, rief Dorothea aus.
Laura sah betreten zu Boden. Sie hatte einfach nichts anderes gefunden.
„Meine Lieblingskleidung!“ Sie strahlte übers ganze Gesicht. „Laura, woher wusstest du das nur?“ Sie umarmte sie und gab ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange.
Laura sah nun erst recht betreten zu Boden. Sie versuchte zu lächeln. „Freut mich, dass sie dir gefallen.“
Dorothea setzte sich sofort auf die Couch, zog ihre eigenen Socken aus und die geschenkten an. „Passen wie angegossen.“
„Für dich.“ Jochen drückte Laura das nächste Päckchen in die Hand. Es war klein und leicht, in blaues Papier eingepackt, mit roter Schleife. Laura zog sie vorsichtig auf, entfaltete das Papier. Ihr Blick fiel auf einen jungen, blonden Kerl in schwarzem Hemd, daneben ein grüner Gartenzwerg mit Leuchtstab und ein Mädel in goldenem Bikini…
„Danke…“, sagte Laura unsicher. Es war eine DVD-Box, auf der groß „Der Krieg der Sterne“ stand.
Jochen strahlte sie an. „Wir machen gleich morgen einen DVD-Abend!“ Er schnappte sich das nächste Geschenk vom Stapel: Eine kleine, faustgroße Kugel, in weißes Papier mit Sternchenmuster gepackt. Laura hatte ewig versucht, darum eine Schleife zu binden, aber sie war immer wieder abgerutscht…
„Aber morgen sind wir doch bei Elisa zu Punsch und Plätzchen eingeladen…“, wandte Laura ein.
Jochen machte ein betretenes Gesicht. „Verflixt, das hab ich ganz vergessen…“ Durch das weiße Geschenkpapier schimmerte es rötlich.
„Macht nichts. Übermorgen ist auch noch ein Tag.“ Laura gab ihm einen Kuss. „Frohe Weihnachten, Jochen.“
„Frohe Weihnachten, Laura.“

Adventskalender 2014: Türchen 23

„Bis später, Schatz.“ Jochen gab ihr einen Kuss.
„Bis später.“
Krachend fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Laura atmete tief durch und verkniff sich einen kleinen Freudenschrei. So sehr sie Jochen liebte – es hatte doch gravierende Vorteile, allein zu wohnen.
Er würde sicherlich eine gute Stunde benötigen, um in die Stadt zu fahren, Einkäufe zu erledigen und wieder nach Hause zu fahren. Vielleicht sogar länger.
Mindestens eine Stunde – und die gehörte nur ihr. Nach all den Wochen voller Trubel hatte sie sich etwas Erholung redlich verdient. Weihnachtseinkäufe, den Weihnachtstress auf der Arbeit schaukeln, sich an eine neue Schwiegermutter gewöhnen, mit einem pubertierenden Nachbarsjungen eine Fehde auszutragen und sich zu allem Überfluss noch der Neugierde seiner Mutter erwehren – all das war kein Kinderspiel, sondern zehrte so langsam an ihren Nerven. Zeit für ein Entspannungsbad.
Flink sauste sie die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, fischte sich frische Unterwäsche aus dem Schrank und blieb kurz vor dem Bücherregal stehen – Jochen hatte gemeint, sie müsse unbedingt das Buch mit diesem Jungen lesen, der einen weißen Stein suchte… da ihre eigenen Bücher aus Platzmangel alle in einem Pappkarton auf dem Speicher gelandet waren, blieb ihr wohl nichts anderes übrig.
Sie schnappte sich schnell ihren iPod von der Ladestation und flitzte ins Bad. Sie warf ihre Kleider achtlos auf den bereits aufgetürmten Wäschestapel auf der Wäschetrommel, stöpselte sich den iPod ein und versuchte angestrengt, sich für eines ihrer tausend Badesalze zu entscheiden. Schließlich entschied sie sich für Erdbeere – das mochte zwar unweihnachtlich sein, aber auch von Weihnachten musste mal etwas Pause sein.
Voller Vorfreude wandte sie sich der Badewanne zu. Die Flasche mit dem Badesalz fiel klirrend zu Boden und zerstob in tausend Splitter.
„Hallo Laura.“ Dorothea war bis zum Hals im Badeschaum abgetaucht. „Ich fürchte, für zwei ist hier kein Platz.“

Adventskalender 2014: Türchen 22

„Laaaast Christmas…“, setzte das Radio an, doch Laura machte ihm sofort den Garaus. Schon seit dem 15. November hatte die Dauerbeschallung mit diesem Lied begonnen, nirgends war man davor sicher, überall wurde man gewhamt. Nicht nur im Radio und in Musiksendungen, nein, auch auf Webseiten, die es für unerlässlich hielten, automatisch startende Music Player zu implementieren, und letztens sogar in einem Online-Adventskalender voller Kurzgeschichten. Ganze dreimal hatte der Autor auf das Lied angespielt, als fiele ihm nichts besseres ein – aber nun war genug. Nicht mit ihr!
Demonstrativ drehte sie dem Radio den Rücken zu und vertiefte sich in die Illustrierte, die sie auf dem Heimweg in einem Kiosk mitgehen ließ. Udo Jürgens war auf dem Cover abgebildet gewesen, darunter groß die Schlagzeile: „Schlagerstar gestern verstorben!“ Sie hatte inne gehalten, es kaum glauben können. Der Held des griechischen Weins, tot, einfach so …
Sie hatte es dann aber doch nicht über sich gebracht, den Artikel zu lesen und sich auf die anderen Nachrichten gestürzt: Meldungen über adelige Schwangere, wer wem was schenkte, Benefizkonzerte und eine Verschwörungstheorie darüber, was das Sexleben der Obamas mit der Annäherung an Kuba zu tun hatte – offenbar war Raúl Castro ein begnadeter Tänzer …
Gedankenverloren griff sie nach ihrer Teetasse, nippte daran – und verbrannte sich die Lippen. „Au, heiß!“ Hustend und prustend setzte Laura die Tasse wieder und warf ihr einen zornigen Blick zu. Wie konnte der nur noch so heiß sein?
Im selben Moment polterte es im Hausflur, es klirrte und krachte, gefolgt von Flüchen in mehreren Sprachen, die Laura nicht kannte.
Sekunden später steckte ein zerzauster Jochen den Kopf ins Wohnzimmer, fluchte weiter und zerrte mit brachialster Gewalt einen für die Tür viel zu großen Tannenbaum ins Zimmer. Nadeln flogen in alle Richtungen. Laura duckte sich unweigerlich hinter ihre Zeitschrift.
Schließlich schaffte Jochen es mit hochrotem Kopf, den Baum unter dem Türsturz durchzuziehen und ihn fachmännisch in eine Ecke des Zimmers zu stellen.
Laura sah ihm bei seinem Treiben eine Weile zu, ehe sie geräuschvoll umblätterte und fragte: „Kann ich dir irgendwie helfen?“
Jochen atmete tief aus, klatschte ein, zwei Mal gedankenverloren in die Hände. „Ja. Der Baum hat ziemlich viele Nadeln verloren, hier und im Flur…“ Er verzog gequält das Gesicht. „Außerdem fürchte ich, dass die Blumen mir den Sturz aus der Vase ziemlich übelnehmen. Von der Vase ganz zu schweigen…“
Laura seufzte und erhob sich. „Ist gut, ich hole den Staubsauger und sauge schnell durch.“
„Danke.“ Jochen strahlte und machte sich über ein paar Pappkartonkisten her. „Ich fange derweil schon mit dem Schmücken an.“
Ziemlich viele Nadeln verloren – die Untertreibung des Jahrhunderts. Im Flur sah es aus wie nach einer Schlacht der Weihnachtselfen. Nadeln über Nadeln, soweit das Auge blickte. Und die Blumen waren nicht mehr zu retten…
Laura klaubte die Scherben zusammen, warf die Blumen in den Biomüll und saugte schnell durch. Dann hängte sie das Bild einer fetten Dame, das verrutscht war, wieder gerade. Dasselbe mit dem quirlig aussehenden Ritter daneben. Ein Wunder, dass Jochen bei seinem Kampf mit dem Baum nicht noch
mehr demoliert hatte…
Als sie fertig war, schleppte sie den Sauger ins Wohnzimmer.
Jochen hatte den Radio wieder eingeschaltet und hängte gerade eine Weihnachtskugel auf, die ein rotbekappter Klempner in Latzhosen zierte. „Zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall…“, tönte es aus dem Radio.
Laura seufzte ergeben. Ihr Kinderlein kommet – wann war dieses Weihnachtslied je so passend?

Adventskalender 2014: Türchen 21

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Jochen aus dem Bad kam. Kaum war Elisa abgewimmelt, warf Laura sich wieder aufs Bett und las den neuesten Klatsch auf Facebook.
Ihre Bürokollegin Wendy hatte soeben gepostet, dass sie noch immer keine Weihnachtsgeschenke habe, und ein ganzer Schwarm an Freunden und Freunden von Freunden war über das Statusupdate hergefallen wie Großmütter über Strickbedarf im Sommerschlussverkauf. Manche feixten und gaben damit an, ihre Geschenke schon im Sommer vorgekauft zu haben, andere machten Last-Minute-Vorschläge, einige fragten besorgt nach, ob Wendy denn deren Geschenke wenigstens schon habe und zwei oder drei obligatorische „Weihnachten ist Konsumterror!“ waren auch dabei.
Arme Wendy… Laura ließ das Handy sinken und sah aus dem Fenster.
Das Haus der Müllers starrte aus dunklen Fensterhöhlen zurück. Gott sei Dank war Elisa wieder abgedampft – die Frau mochte es ja gut meinen, aber Gott, war die nervig… kein Wunder, dass sie einen verkorksten Spannersohn hatte…
Das Plätschern der Dusche verklang, die Duschtür ächzte in ihrem Scharnier und einen Moment später kam Jochen aus dem Bad, ein Handtuch um die Hüften geschlungen und die Haare nass und zerstrubbelt.
„Du liegst immer noch im Bett?“, fragte er und suchte sich was zum Anziehen aus dem Schrank.
„Mhm.“ Lauras Blick glitt über seinen nackten Oberkörper. Am liebsten hätte sie ihn gleich wieder zu sich gezogen…
„Die Dusche ist jetzt frei“, bemerkte er, als sie sich nicht rührte.
„Was?“ Sie sah ihn verdutzt an, dann schüttelte sie kurz den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. „Ach ja. Ich beeil mich.“
Träge schleppte sie sich ins Bad und schüttelte ungläubig den Kopf, als sie sah, dass Jochen nicht einmal die Jalousie heruntergelassen hatte. Wo doch die Häuser einander so nahestanden, dass man sich gegenseitig hätte zuwinken können.
Laura griff nach der kleinen Schnur, um sie herunterzulassen, und hielt inne. Sollte etwa…?
Wachsam spähte sie hinaus, kontrollierte Fenster um Fenster des Nachbarhauses. Blumentöpfe, kitschige Weihnachts-Fensterdeko, die Silhouette eines alten Radios, ein Renntierschlitten und Bingo, die Umrisse des Jungen, der aus einem dunklen Fenster herüberspähte.
Das hätte ich mir denken können. Was Elisa wohl dazu sagen würde? Wobei, wieso sie nicht selbst fragen?
Noch immer hielt sie ihr Handy in der Hand. Laura nestelte betont ungeschickt am Gürtel ihres Bademantels herum, wandte dem Fenster den Rücken zu, wählte Elisas Nummer und aktivierte die Freisprechanlage.
Nach nur zweimaligem Klingeln ging Elisa pflichtbewusst ans Telefon. „Bei Müllers.“
„Hallo Elisa, ich bin’s, Laura. Entschuldigen Sie die Störung…“
„Hallo Laura. Sie stören doch nicht.“
„Ich wollte nur sagen, dass in einem Ihrer Fenster im oberen Stock– wobei, ich kann mich auch täuschen. Aber ich könnte schwören, dass da ein Fenster seit gestern Abend angekippt ist. Wissen Sie, eine Freundin von mir, Wendy, sie arbeitet mit mir zusammen, eine Bürokollegin also, wissen Sie, Wendy hat, das heißt, hatte einst einen Kater, Tommy hieß er. Eines Tages ist Tommy in so einem gekippten Fenster hängen geblieben und erstickt.“ Laura legte das Handy betont beiläufig auf den Waschbeckenrand und sah zum Fenster hinaus. Er war noch da.
„Das arme Tier! Aber…“
„Und da Ihr Fenster schon seit vorgestern offen ist, das zweite von links im oberen Stockwerk, da dachte ich mir, Sie haben es vielleicht vergessen. Und das ist ja gefährlich, weil Sie haben doch auch eine Katze… nicht, dass etwas passiert.“ Langsam zog sie den Bademantelgürtel auf.
„Entschuldigen Sie, wir haben gar keine Katze“, wandte Elisa ein.
„Oh.“ Denk nach Laura – eine Spießbürgerin wie sie und keine Katze… „Hm, dann muss ich da wohl etwas durcheinander gebracht haben.“
„Aber wenn das Fenster wirklich schon seit vorgestern offen ist…“
„Ist es.“
„Gut, dass Sie mir das mitteilen. Der Wärmeverlust, gar nicht auszudenken. Wir heizen hier für die Katz… und meine Hyazinthe! Die verträgt doch die Kälte so schlecht…“
„Dann sollten Sie das Fenster besser schnell schließen.“ Laura wandte den Rücken wieder zum Fenster, ließ den Bademantel zu Boden gleiten.
„In der Tat. Das werde ich. Vielen Dank, Laura.“
„Bitte.“
Es tutete im Hörer. Laura warf verstohlen einen Blick aus dem Fenster. Gerade ging bei dem Jungen Licht an – er sprang überrascht auf. Laura schenkte ihm ein Lächeln und ließ die Jalousie herunter.