Letzter Wunsch

Ein greller Lichtblitz, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall. Die Explosion kam schnell und unerwartet, größer als jedes Feuerwerk, das Bastian je gesehen hatte. Sarah schrie neben ihm auf und er drückte sie schützend an sich.
Die Welt versank in Rot und Orange. „Wunderschön“, schoss es Bastian kurz durch den Kopf. Vom Balkon ihrer kleinen Stadtwohnung im sechsten Stock hatten sie beste Aussicht auf das Spektakel.
Das Feuerwerk spiegelte sich in der Glasfassade des Gebäudes gegenüber, schickte von dort Lichtblitze zurück zum Himmel, wo die letzte Hoffnung der Menschheit soeben verglühte.
Erste Trümmerteile suchten sich ihren Weg zurück auf die Erdoberfläche, glühende Schweife und lange schwarze Rauchspuren hinter sich herziehend. Wie in einem schlechten Hollywoodfilm. In diesem Moment knackte es, laut und unheilschwanger, überall und nirgends zugleich, ehe eine undefinierbar-fremdländische Stimme sich räusperte. „Menschen, ihr habt tapfer gekämpft.“
In Bastians Kopf dröhnten die Worte, an seiner Brust zuckte Sarah scharf zusammen. Auf dem Nachbarbalkon hielt sich eine ältere Frau schützend die Ohren zu, doch vergebens.
„Bis zum letzten Atemzug habt ihr gegen uns gefochten, wider jegliche Hoffnung. Solchem Mut gebührt Respekt.“
Bastians Herz klopfte wie wild. Durch das dünne T-Shirt spürte er Sarahs Wärme, spürte ihr Zittern, als sie sich zwang, ruhig zu bleiben. Langsam strich er mit der Hand über ihren Rücken.
„In Anerkennung eurer Leistung gewähren wir euch Aufschub bis morgen früh um 09:50 Uhr eurer westpazifischen Zeit.“ Die Stimme stockte kurz, es klickte erneut, ehe sie fortfuhr: „Euch bleiben damit 24 Stunden, ehe wir die letzte Phase einleiten. Verabschiedet euch von euren Liebsten, nutzt euren letzten Tag weise.“ Erneut das Klicken, dann: Stille. Nur das leise und entfernte Krachen der explodierenden Flotte am Himmel.
Sarah löste sich leicht von ihm und sah auf.
Bastian gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Wir haben also noch 24 Stunden, ehe …“ Sarahs Mundwinkeln zuckten, ihre Augen glänzten. Er konnte sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete.
„Ja.“ Er umfasste sie mit beiden Armen, seine Hände fuhren über ihren Rücken hinab, an ihrem Hosenbund entlang.
„Wir könnten … wir sollten … wir müssten …“ Ihre Hand fuhr entschlossen in seine linke Hosentasche.
Bastian holte tief Luft, schob seine Hand unter ihr Shirt, schob es hoch … Er fühlte ihre warme, zarte Haut, tastete sich suchend ihren Rücken hinauf …
Plötzlich verringerte sich der Druck auf seine Lenden. Sarah zog sein Smartphone hervor und begann fieberhaft darauf zu tippen.
„Was machst du da?“ Verwundert hielt er inne, just als der Verschluss ihres BHs endlich nachgegeben hatte.
„Ich buche uns zwei Tickets nach New Mexiko.“
„New Mexiko?“ Er ließ die Arme sinken, wich einen Schritt zurück. Er konnte sehen, wie ihr BH langsam nach unten rutschte und … „Was wollen wir denn in New Mexiko?“
„Wir suchen Martin.“
„Martin?“ Er verstand die Welt nicht mehr. „Welcher Martin? Wieso Martin?“
Sie rückte ihre Brille zurecht und schob sich eine blonde Strähne aus der Stirn. „Ich muss einfach wissen, wie Game of Thrones ausgeht.“

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11. All you need is love (Stephanie Platz)

Sie hielt das Weinglas gegen das Kerzenlicht und betrachtete mit einem Lächeln die Reflektionen darin. Die Küche machte wohl einen anständigen Job, denn man sah keinerlei Wasserflecken oder dergleichen ….  was zu erwarten war bei einem solch edlen Etablissement.
Ein Pianist spielte klassische Musik … Bach oder Rubens? Sie hatte keine Ahnung.
Sie rief die Dating-App mit einem Zwinkern auf, die neusten Augmented-Reality-Kontaktlinsen machten es möglich. Sie scrollte durch die lokalen Mitglieder, die ihrem Standard-Suchfilter entsprachen. Laut App befanden sie sich alle im gleichen Megakomplex, maximal fünf Minuten entfernt. Genug Zeit für ein Glas edlen Weines … Champagner oder Appenzeller?
Egal. Hauptsache, es wirkte. Sie ging die „Hot or Not“-Liste durch, wischte einen Kandidaten nach dem anderen nach links.
Ein schiefes Grinsen, dem ein Zahn fehlte? Not.
Lange Haarzotteln und bekiffter Blick? Not.
Iih, wieder ein Penisselfie… Definitiv ein No-go.
Na endlich, ein anständiger Kandidat!
Im gepflegten Businessanzug mit strahlend blauen Augen und einem Job bei einer großen Softwarefirma … Hot!
Gerade mal 3 Minuten und ein Glas später reichte er ihr die Hand.
Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln zu dem sanften Händedruck und die kleinen Lachfalten im Augenwinkel gaben ihr den Rest. Das Blut schoss ihr in die Wangen und sie grinste breit, als sie ihm ein „Hallo“ schenkte. Face to face mit diesem perfekten Mann fühlte sie sich richtig aufgedreht.„Moin, mien Naam is Michel.“
Ihr fiel fast das Glas runter. Dialekt! Das geht gar nicht!
Schnell drückte sie auf den Notfall-Ablehnen-Button. Irritiert schaute Michel zur Seite, wo wohl ihre Entscheidung angezeigt wurde.
„Wat is scheevsch?“
Ihr grauste es bei diesem falschen Deutsch. Sie drückte sofort den Mute-Button und bestellte den Kellner.
Verwirrt ging Michels Mund auf und zu, wie die Schnappatmung eines gestrandeten Fisches.
Kurz darauf erschien einer der Kellner und führte den Herren aus dem Lokal.
„Auf den Schock brauch ich erstmal was zu trinken …“ Sie schnippte nach einem weiteren Kellner.
Als sie sich wieder ihrem Tisch zuwandte, saß da jemand.
Ihre Ex.
„Woher weißt du, dass ich hier bin?“
„Ich habe meine Wege…“, grinste sie und spielte mit der Tischdeko.
„Lass mich in Ruhe, es ist vorbei, Mira.“
„Oh, mit dir wieder zusammenzukommen, hatte ich nicht vor.“
Diese Frau nervte sie … Ihre elegante Art, das Haar hinter die Ohren zu streichen. Ihr süßes Lächeln. Ihre tiefgrünen Augen.
Sie kochte vor Wut und Enttäuschung … und drückte den Mute-Button.
„Tse, tse, tse… also das ist nicht die feine englische Art!“
„Verdammt, was hast du gemacht?!“
Sie drückte immer wieder energisch auf den Button, aber nichts passierte …
„Ich hab so einige Freunde, darunter auch gewisse App-Entwickler …“, zwinkerte Mira ihr keck zu.
Sie spielt mit mir, schoss es ihr durch den Kopf und sie schrie laut: „Kellner! Bitte führen sie diese Person hinaus!“
Aber keiner erschien … Überhaupt sah sie nirgends mehr einen Kellner.
Ihre Ex streckte eine Hand nach ihr aus und fasste sanft nach der ihren.
Diese Berührung, sanft und warm, all die Momente, die diese Hände sie gestreichelt, getröstet, gehalten hatten. Der zarte Duft ihres Parfüms, süß und blumig. Wie es sie an all die Umarmungen erinnerte, in denen sie darin versunken war. Das war zu viel!
Sie riss die VR-Brille vom Kopf.
Es war dunkel, nur eine schwache Glühbirne beleuchtete flackernd den kahlen Raum.
Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie sich an die neue Wirklichkeit gewöhnt hatte.
Die Hand war immer noch da.
Ihre Ex saß ihr gegenüber auf einem rostigen Klappstuhl.
„Wie bist du hier reingekommen?“
„Erwähnte ich nicht meine Freunde? Manche auch beim Schlüsseldienst …“ In Miras Lächeln schwang Sorge mit und ihr Blick war traurig. „Ich mach mir Sorgen um dich … du hast diesen Raum seit Monaten nicht mehr verlassen.“
„Ich hab hier alles, was ich brauche…“
Mira blickte über die Berge von schimmeligen Fast-Food-Verpackungen, Getränkeflaschen und Zigarettenschachteln hinweg. In einer Ecke meinte sie, eine Ratte vorbeihuschen zu sehen.
Zwischen all dem Unrat, das einzig saubere Ding, eine CD-Hülle. Mira hob sie auf. Wieder ein
tieftrauriges Lächeln, das über ihr Gesicht huschte.
Mira legte die CD vor sie auf den Tisch. „All you need is love“ von den Beatles.  In Edding stand darauf mit großen Buchstaben: „All I need is you – Mira“
„Ich glaube, wir beide haben gelernt, dass es mehr als nur Liebe braucht …“

 


Die Nr. 11 von #Projekt24 stammt von der großartigen Stephanie Platz. Mehr von Stephanie findet ihr auf Twitter und auf ihrer Homepage. Reinschauen lohnt!

Jede Nacht

Er schlägt die Augen auf. Es ist stockdunkeldunkel, nur die digitalen Lettern des Weckers verwandeln die Schwärze in ein gespenstisches Grün. Er hebt den Kopf, blinzelt. Die Zahlen verschwimmen, tanzen, schärfen sich: 03:05 Uhr.
Auf seinem linken Arm fühlt er ihr vertrautes Gewicht, spürt ihre Wärme, ihre nackte Haut auf seiner. Ihr Atem geht ruhig. Ihr Haar duftet nach Vanille, Papaya und Geborgenheit. Er gähnt, schmatzt, kuschelt sich an sie – doch vergebens. Der Ruf der Natur ist stärker.
Vorsichtig zieht er seinen Arm unter ihrem Kopf hervor, schält sich aus der Decke und stemmt sich in die Höhe. Gänsehaut überzieht seinen Körper sofort. Langsam schleicht er durch das Zimmer, ein Schritt nach dem anderen. Bei der Tür wirft er einen Blick zurück.
Geschafft. Sie ist nicht aufgewacht.
Durch den Gang ins Bad. Licht von draußen spielt Picasso an der Wand. Er schlägt sein Wasser ab. Über ihm durchs Dachfenster leuchtet der Mond, färbt seine Haare silbern.
Er wäscht sich die Hände, kehrt zurück, ebenso leise wie er ging. Sein Platz ist bereits ausgekühlt, die Decke wieder kalt – doch sie ist warm. Er schlingt den Arm um sie, fährt ihre Rundungen nach. Über die Schulter, die Brust, hinab …
„Boah! Behalt deine kalten Hände gefälligst bei dir! Jede Nacht dasselbe!“

Nicht alles für die Liebe

Brun liebte es, wenn ihr der Wind hoch oben über das Gesicht strich und die Haare zauste. Vorsichtig balancierte sie auf der Mauer entlang, stieg über die verräterischen, rutschigen Ansammlungen von Moos und Flechten hinweg und lauschte dem Pfeifen des Windes und der Vögel.
Auf der ganzen Welt gab es keinen schöneren Ort. Keine bessere Aussicht: Hier konnte sie das ganze Reich ihres Vaters sehen. Das kleine Dorf vor der Burg, der große Schattenwald dahinter, das Rasende Wasser in der Ferne und den Dampf, der von den Steinernen Fällen aufstieg. Sogar das Tosen des hinabstürzenden Wassers konnte sie hier hören, der Wind trug es über viele Meilen hierher, hinauf zu ihr auf die Mauer.
Ihre Mutter verstand das nicht. „Brunhilde, klettere nicht immer so hoch hinauf! Eines Tages stürzt du noch ab!“, pflegte sie zu sagen. Wenn sie sie erwischte, bekam Brun immer Stubenarrest …
Sie erreichte das Ende der Mauer. Vor ihr ragte kalt die Außenwand des Bergfrieds auf. Für jeden Feind unüberwindbar. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass einst, zur Zeit der ersten Menschen, die Elfen selbst den großen Turm aus Stein hatten wachsen lassen.
Brun glaubte nicht daran. Der Turm hatte die selben Ritzen, Fugen und Kanten wie die Mauer. Die selben sicheren Plätze für ihre kleinen Finger und Zehen.
Sie warf einen Blick nach unten. Weit, weit unter ihr im Hof übten die Männer ihres Vaters gemeinsam mit den Männern des Großkönigs, der sie mit einem seiner seltenen Besuchen beehrte – das ganze Schloss war deswegen in Aufregung, nur hier oben, hier herrschte Ruhe.
Brun konnte die großen Ritter aus den Liedern erkennen, den ehrenwerten Hollar Grünmantel, den schnellen Raffzahn-Ralf, der sich einst mit drei Truhen voll Gold auf der Schulter ein Rennen mit Drachen geliefert hatte und den furchtlosen Elias von Wolkenbruch.
Brun widerstand den Drang, dem alten Aaron von Ostwald einen Klumpen Rotz auf die Haare tropfen zu lassen und presste sich an die Wand. Flink wie ein Wiesel tanzte sie an der Mauer entlang, stieg höher, immer höher, bis sie das Fenster des Turmzimmers erreichte.
Brun hielt inne, als Stimmen an ihr Ohr drangen.
„Bruder, nicht …“ Die Stimme einer Frau.
Eine andere Stimme kicherte verhalten. „Ach, wer soll uns denn schon sehen?“
Brun tastete langsam mit den Händen zum Fenstersims, zog sich nach oben – und verkniff sich einen Schrei der Überraschung.
Auf dem großen Himmelbett, dessen Bemalung die Taten des großen Sir Ronald von Hasenpforte zeigte, lagen eine Frau und ein Mann.
Beide waren nackt und der Mann lag auf der Frau – sie keuchte, stöhnte, schrie, während der Mann vor Aufregung grunzte.
Verwirrt sah Brun den beiden zu. Er schien der Frau weh zu tun! Sollte sie eingreifen? Was hätte Ronald von Hasenpforte getan?
Wie sie noch überlegte, merkte sie, wie ihr Bein vor Anstrengung zu zittern begann. Brun versuchte, ihr Gewicht zu verlagern, rutschte ab – unwillkürlich stieß sie einen Schrei aus. Mit beiden Händen klammerte sich Brun an das Fensterbrett.
„Bruder, da …“, hörte sie die Frau.
Eine starke, behaarte Hand packte Brun am Unterarm und zog sie hoch.
Vor ihr tauchte das Gesicht des Mannes auf, Brun sah direkt in seine grünen Augen, sah, wie er sich mit der anderen Hand lässig eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte und grinste.
„Was tut man nicht alles für die Liebe …“
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und Dunkelheit hüllten sie ein.|

Nein. Ich kann das nicht.

Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergriff. Der Boden kam näher, immer näher … Heller Schmerz und |
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer schneller, als die Schwerkraft von ihr Besitz ergrif|
Und er ließ sie los. Brun fiel, erst langsam, dann immer|
Und er ließ sie los. Brun |
Und er ließ sie|
Und er |
Und mit Schwung zog er sie zu sich ins Zimmer. Brun landete hart auf ihren Knien. Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Frau hatte sich in eine Decke gehüllt, der Mann hockte sich nackt neben sie. „Hör zu Kleine, du darfst niemandem sagen, was du hier gesehen hast, ja?“
Brun nickte unsicher.
„Sonst sage ich deiner Mutter, dass du hier gefährliche Kletterspiele spielst.“ Der Mann zwinkerte. „Die holde Lady Catrin wäre sicher nicht sehr erfreut …“
Brun schüttelte den Kopf.
„Also bleibt das unter uns?“
Brun nickte.
„Dann los, lauf!“ Er öffnete Brun die Tür und sie schlüpfte hinaus, so schnell sie konnte.|

Leinen los

Conrad saß auf der kleinen Bank, oben auf der Klippe. Er atmete tief ein, roch das Meer unter sich, spürte die frische Brise auf seiner Haut. Unten am Hafen entrollten sich soeben die Segel an einer stolzen Galeone, die zu neuen Abenteuern in See stach. Ja, hier war der perfekte Ort. In ihm regte sich der Drang, zog ihn zum Papier. Er tunkte den Federkiel in das kleine Tintenfässchen, glättete den Bogen Papier und begann …

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden.
sich wölbt und bewegt,
wird auch das Empfinden
des andern erregt.

Begehrt eins zu rasten,
Das andre geht schnell,
so …

„Hey!“ Fassungslos starrte er hinunter auf die Bucht, wo der Wind eben noch seine perfekte Paarmetapher geküsst hatte, reichte soeben eines der Segel die Scheidung ein und flog davon …

 


Dieser Text entstand unter Verwendung des Gedichtes „Zwei Segel“ von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898). Das Originalgedicht findet sich hier.

 

Unüberbrückbare Differenzen

PLING! Laut und durchdringend meldete sich sein Tablet zu Wort, sodass Paul beinahe seinen Kaffeebecher fallen ließ. PLING! PLING! Fieberhaft wischte er über den Bildschirm, um den Ton abzustellen. Der alte Mann am Nebentisch taxierte ihn bereits anklagend über den Rand seiner Brille hinweg und zwei Tische weiter links drehten sich zwei junge Frauen verwirrt nach ihm um. PLING! PLIng.
Endlich.
Geschafft.
Seufzend lehnte er sich zurück und atmete tief ein und aus. Er konnte förmlich spüren, wie Hitze in seine Wangen geschossen war. Vermutlich hatten seine Ohren längst das leuchtende Rot eines gekochten Hummers angenommen. Verstohlen sah Paul sich um, aber der alte Mann raschelte wieder mit seiner Zeitung und die Frauen waren wieder in ihr Gespräch vertieft.
Er griff erneut zum Becher – und ließ ihn erneut beinahe fallen, als er sah, woher das Pling kam.
Er hatte eine Nachricht erhalten.
Auf der Datingseite.
Von einer Frau.
Mit zitternden Fingern stellte er den Becher ab, tippte mit dem Zeigefinger auf das kleine, rot leuchtende Briefchen, hielt die Luft an und begann zu lesen.

Hey :-)
Ich bin grad auf dein Profil gestoßen.
Nettes Foto!
Du magst Comics? :D Ich auch. Thor ist der beste!
Lust, dich mal mit mir zu treffen? Melde dich :*

Sein Herz sprang förmlich auf und ab und drückte schmerzhaft gegen seinen Adamsapfel. Paul versuchte, sich zu konzentrieren. Meli1992 hatte ihm geschrieben. Vermutlich ihr Geburtsjahr – dann war sie zwei Jahre jünger als er. Das war gut – oder nicht? Ein Mann hatte in einer Beziehung der Ältere zu sein … Er atmete tief ein.
Thor.
Sie mochte Thor. Den mächtigen Donnergott des alten Nordens. Den Träger des Hammers Mjölnir. Den Beschützer von Midgard.
Er betrachtete ihr Profilbild. Offensichtlich hatte sie es in ihrem Zimmer aufgenommen. Er konnte ein Bett erkennen, und ein Bücherregal. Auf einem Buchrücken konnte er das Marvel-Logo erkennen, dort, gleich links von ihrem Ohr. Sie hatte blonde Haare mit roten Strähnen. Ein breites Lächeln offenbarte strahlend weiße Zähne und gute Laune.
Sie war süß. Und doch …
Nein.
Pauls Finger schwebten über den digitalen Tasten, der Cursor blinkte einsam im leeren Textfeld.
Das ging nicht.
Oder?
Sie mochte Thor. „Thor ist der beste“, wiederholte er. Sie war süß, ganz eindeutig. Aber … Paul schüttelte den Kopf, schüttelte den Gedanken gleichsam ab. Nein. Es würde nicht gut gehen.
Nichtsdestotrotz hatte sie eine Antwort verdient, wieso nicht Thor, sondern Iron Man der beste war.

 

Bei diesem Text handelt es sich um einen Beitrag zum Projekt *.txt 2016. Das vorgegebene erste Wort war „nichtsdestotrotz“. Alle Beiträge zum Projekt können hier eingesehen werden.