Noch bei ihm

Mit einem erleichterten Seufzer schlug Laura die Tür des Taxis hinter sich zu und nannte ihre Adresse.
Der Fahrer nickte kurz zur Bestätigung, legte den Gang ein und fuhr los.
Ihr Blick fiel gedankenverloren aus dem Fenster, auf den frühmorgendlichen Verkehr, Kinder auf dem Weg zur Schule und ein geiferndes Rentnerpärchen, das über die Jugend von heute schimpfte.

 

Es war ein mehr als hastiger Abschied gewesen. Kein Wunder, sie hatten sich auch nicht viel zu sagen gehabt. Er hatte sie doch tatsächlich vergessen! Sie, die ihm letzte Nacht ihre ganze Leidenschaft geschenkt hatte…. und dann besaß er auch noch die Frechheit, ihr gemeinsame „Morgengymnastik“ vorzuschlagen!

Unbändige Wut flackerte in Laura auf, wenn sie nur erneut daran dachte. Es war nur ein schwacher Trost, dass ihn der kleine grüne Gummizwerg genau aufs Auge getroffen hatte. Ein kurzes Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht, verschwand aber sofort wieder. Sie hatte so schnell sie konnte ihre Kleider vom Boden geklaubt und war ohne sich anzuziehen aus dem Zimmer gestürmt, begleitet von seinem Geschrei, das erst verstummte, als sie die Wohnungstür hinter sich zuwarf.

Zitternd vor Aufregung und Kälte hatte sie im Hausflur gestanden und auf den Lift gewartet, inständig betend, niemandem zu begegnen. Quälend langsam war der Lift die Stockwerke zu ihr hochgeklettert. Als die Tür aufging, starrten ihr zwei große grüne Augen entgegen. Ihr Herz setzte für einen Moment aus, dabei war es nur ihr Spiegelbild in der verchromten Rückwand der Kabine, das ihr entgegenstarrte.

Schnell huschte sie hinein, warf einen misstrauischen Blick zurück auf den Gang, drückte mehrmals energisch auf den Knopf, um die Türe zu schließen. Mit einem lauten Rattern knallte die Schiebetür zu. Erschöpft ließ sie sich gegen die kühle Wand sinken, atmete tief durch – und begann sich anzuziehen. Zu spät fiel ihr auf, dass sie zwar Rock, Bluse und Slip in den Händen hielt, aber von ihrem BH jede Spur fehlte. Zum x-ten Mal schalt Laura sich eine dumme Kuh. Ob er mit diesem Erinnerungsstück an eine bereits vergessene Eroberung wohl prahlen würde? Auch auf ihre Schuhe hatte sie vergessen, als sie durch die Garderobe gestürmt war….

Der Lift hielt im Erdgeschoss, ratternd ging die Tür auf. Mit schnellen Schritten hatte sie den kalten Marmorboden überquert, war regelrecht aus dem Mietshaus geflüchtet. Ein einziges Mal war ihre Glücksfee mit ihr – kaum stand sie ratlos am Straßenrand, als zufällig ein Taxi nur wenige Meter entfernt hielt.
Eine ältere Dame stieg aus, ein Einkaufsnetz und einen Blumenstrauß in der Hand, und beäugte sie argwöhnisch.
Laura versuchte, ihren Blick zu ignorieren. Ob die Alte wohl ahnte, woher sie kam?

 

Misstrauisch warf sie einen Blick auf den Taxifahrer, der gerade in ihre Straße einbog. Was er sich wohl über sie dachte? Ihre Blicke im Spiegel trafen sie sich. Mit einem kurzen Blick nach unten vergewisserte sie sich, dass alles ordnungsgemäß bedeckt war.
Falscher Alarm. „Das macht dann zwölf-fünfzig.“
Mechanisch griff sie nach ihrer Handtasche, um zu bezahlen – und stellte fest, dass die noch bei ihm war. Samt Geld und Wohnungsschlüssel.

Advertisements

Passiv in den Tag

Nicht wirklich etwas sehend, wird der Wecker mit der Hand tastend zum Schweigen gebracht. Die Augen reibend und gähnend wird sich aufgesetzt, der eine Fuß über die Bettkante geschwungen, der andere folgend. Den letzten Rest des Schlafes besiegend, wird in die Küche gewankt, wobei der Zeh sich beinahe an der Türschwelle stößt – um Haaresbreite kann diese Gefahr umschifft werden, weiter geht es in das Innere des Raumes, wo sich erstmal unschlüssig umgesehen wird.

Die Zeitung liegt draußen vor der Tür, aber als auf das Thermometer geschaut wird, wird erkannt, dass die Zeitung bei -10 Grad noch etwas warten kann. Stattdessen macht sich die Hand daran, den Schrank zu öffnen, eine Tasse wird herausgenommen und sich zur Kaffeemaschine begeben, welche bereits diensteifrig ihr schwarzes Gold gebraut und gewärmt hat. Erneut gähnend und etwas zitternd wird der Kaffee in die Tasse gegossen, wobei ersterer im Gegensatz zu letzterer plötzlich aktiv wird, nicht in die Tasse will und den Täter verbrüht, sodass dieser – ebenfalls aktiv – schreit: „Aua!“