Die Gewerkschaft

Tap. Tap. Tap. Dieser Blick. Nervös trommelte er mit den Fingern auf die Schreibtischkante.
Dieser Blick, zu allem entschlossen. Unerbittlich. Zwei eisblaue Augen, von blonden Strähnen umrahmt. Verzweifelt versuchte er ihnen zu begegnen, ihnen standzuhalten. Die Augen nicht niederzuschlagen, seinen eigenen Blick nicht nach unten gleiten zu lassen. Versuchte, die ungegürtete Tunika zu ignorieren, deren Inhalt so prachtvoll blühte, runde Früchte, zarte Knospen … Verflucht. Taptaptaptaptap.
Er faltete die Hände, holte tief Luft. Sein Bürostuhl quietschte missbilligend, als er sich zurücklehnte, die Augen zur Decke gerichtet. Eine einsame Spinne huschte dort hin und her, winkte mit ihren Beinpaaren und wackelte fröhlich mit dem Hinterleib. Er blinzelte, schüttelte den Kopf, riss seinen Blick los.
„Wir können das den ganzen Tag machen.“ Die Stimme der Blonden war kühl, frostig, passend zu ihren Augen. Die Drohung ging ihm durch Mark und Bein, wie Speiseeis an einem heißen Sommertag.
Er schüttelte erneut den Kopf, spähte nach der Spinne, die gerade Saltos schlug.
„Hören Sie, Frau Thalia …“, begann er, wurde jedoch sofort unterbrochen.
„Polyhymnia heißt sie“, fiel ihm die hübsche Braunhaarige ins Wort, die neben der Blonden saß. Aufgrund ihrer noch üppigeren Pracht mied er ihren Anblick erst recht.
„Verzeihung …“ Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber ein Tag, der so anfängt, kann ja nur schlecht werden. Wie der Autor in seinem Büro sitzt und die Frauen vor sich sieht, da ist das für ihn schon ein bisschen dings. Weil hübsch sind sie ja schon, die Musen. Attraktiv und so. Aber du darfst eines nicht vergessen: Wenn du da als Autor nicht eisern bleibst, dann war es das mit der Inspiration. Heutzutage haben ja nicht nur die Lehrer eine Gewerkschaft, sondern auch die Musen.
Er ohrfeigte sich selbst. „Würden Sie bitte damit aufhören?“
Polyhymnias Begleitung kicherte. „Das hat der Wolf auch immer gesagt …“
„Spaß bei Seite.“ Polyhymnias Finger verwies auf das unsägliche Papier, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Die Forderungen der Gewerkschaft. „Unsere Forderungen sind klar: Weniger Texte, mehr Urlaub. Mindestens neun Wochen im Jahr pro beschäftigte Muse. Keine Masseninspirationsanrufungen mehr. Außerdem erhalten wir die exklusiven Inspirationsrechte und es gibt keine japanische Importware mehr. Nur noch echte, klassische Formen!“
Er schluckte. „Aber das Geschäft mit Tanka und Haiku …“
„…. ist hiermit beendet. Sie können ja Epigramme schreiben. Die sind auch kurz.“ Sie lächtelte, beugte sich vor, reichte ihm einen Stift. „Unterschreiben Sie. Ansonsten werden wir weitere zwei Wochen streiken und Ihnen Plagiate einflüstern.“
„Nein, bloß keinen Haas mehr!“ Er schnappte nach dem Stift, kritzelte seine Initialen auf das Papier. Polyhymnias Begleitung lächelte. „Jetzt ist schon wieder…“
„Nein!“ Er hielt sich die Ohren zu. „Sie haben, was Sie wollen. Gehen Sie!“
Die beiden Frauen wechselten einen Blick, nahmen das Papier und verschwanden.
Er sah noch eine Weile auf die leeren Stühle. Tap. Tap. Taptaptap. Wieder klopfte er auf die Schreibtischplatte. War denn das zu glauben? Er, ein Autor, geknechtet von launischen Göttinnen? War es nicht seine Hand, die die Buchstaben aneinanderreihte? Die schrieb, was sie schreiben wollte? Er würde es ihnen zeigen.
Mit zittrigen Händen griff er nach der Feder, tauchte sie in die Tinte. Tintenflecke sprenkelten das Blatt, als er schrieb. „Fünf … sieben …. fünf.“ Er setzte ab, lehnte sich zurück und las sein Werk.

Da steh ich nun, ich
armer Tor! Und bin so klug
als wie zuvor. Ätsch.

Musenstreich

Die Bestie schrie ohrenbetäubend auf, als Sir Elias von Wolkenbruch ihr das Schwert bis zum Anschlag in den Leib trieb. Ein letztes Mal bäumte der Drache sich auf, stieß eine Stichflamme in den Himmel, tauchte die verkohlten Ruinen der Burg in ein dämonisches Spiel aus Rot und Schwarz. Die ledernen Schwingen schlugen schwer zum Protest, Klauen griffen kraftlos nach Elias, er wich ihnen mühelos aus. Die Flamme wurde zum winzigen Zünglein, verlosch, das Ungetüm fiel. Die Erde bebte, Steine bröckelten von den eingefallenen Mauern. Elias öffnete langsam sein Visier, atmete tief durch. Vorbei. Es war vorbei.
So viele vor ihm waren gekommen, um Prinzessin Helena aus den Fängen des Drachen zu befreien, doch keinem war es geglückt. Er hatte sie gesehen, ihre verkohlten Knochen, überall in der Ruine verstreut. Doch ihm war es geglückt. Der Drache war tot. Kleine Rauchsäulen quollen aus seinen Nüstern, die tödlichen grünen Augen starrten gebrochen ins Leere. Nie wieder würden diese Schwingen durch die Luft gleiten, nie wieder Feuer an wehrlose Dörfer legen oder Prinzessinnen rauben.
Es war vorbei. Nun war sie sein.
Ein Lächeln huschte über Elias Gesicht, freudig riss er sich vom Anblick des Drachen los, eilte zum Turm – nur um zu sehen, dass seine Helena soeben David Hasselhof verfiel.

 

„Wah! Verflixt! Würdest du das bitte lassen?“ Ich reiße die Feder vom Papier, Tintentropfen fliegen in alle Richtungen. Doch zu spät, die Worte sind geschrieben.
„Lassen? Was denn?“ Unschuldig liegt sie da, direkt hinter mir, sieht mich aus großen blauen Augen an und wickelt eine Locke um den Zeigefinger.
„Das weißt du genau.“ Ich schnaube, zerknülle den Zettel. „David Hasselhof, also echt…“
„Mit Tom Selleck warst du ja nicht einverstanden…“ Sie kichert, schiebt sich nach vorne zum Bettrand und streckt den Arm nach mir aus. „Komm halt endlich ins Bett…“